Was der freie Wille und das Schnabeltier gemeinsam haben

Das Zitat im Januar

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Das Zitat im Januar – Wolfgang Prinz (Foto: Screenshot Video Uni Düsseldorf)

Die Frage, ob der Mensch einen freien Willen hat, beschäftigt die Philosophen schon lange. In neuerer Zeit melden sich dazu auch einige Neurowissenschaftler zu Wort, die glauben, das Thema endgültig ad acta legen zu können. Zu Recht?

Das Zitat stammt aus einem Interview mit der Zeitschrift Das Magazin des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen aus dem Jahre 2003, als Wolfgang Prinz Direktor des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung in München war. Es ist also nicht irgendjemand, der sich hier zum Thema äußert.


Wolfgang Prinz der naturwissenschaftliche Psychologe

Der „naturwissenschaftlich forschende Psychologe“ (Prinz über Prinz) war mir bisher vor allem wegen seines markiges Resümees zum Libet-Experiemt ein Begriff: „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“. Als mir nun kürzlich obiges Zitat bei einer Diskussion auf Facebook entgegengehalten wurde, war der Fall für mich zunächst klar: Der Mann muss der „Roth-Singer-Fraktion“ angehören, also jenen Anhängern des Manifests der Hirnforschung aus dem Jahre 2004, die unter anderem eine fundamentale Änderung unseres Menschenbildes auf grund ihrer Forschungsergebnisse voraussagten (inzwischen sind die Damen und Herren deutlich bescheidener geworden). Da das Zitat in meinen Augen einen groben Fehler enthält oder zumindest die Zusammenhänge in unzulässiger Weise vereinfacht, lag es nahe, es an dieser Stelle einmal auseinander zu nehmen. Das werde ich auch gleich tun, aber ich möchte noch vorausschicken, dass ich mit meiner spontanen Verortung von Prinz nicht ganz richtig lag – es gibt eben nicht immer nur schwarz und weiß. Zur „Willensfreiheit“ nimmt er (inzwischen) eine ambivalente Position ein und was das „neue Menschenbild“ angeht, gehörte er von Anfang an eher zu den Kritikern. Eine gewisse gelungene Prophetie muss man ihm also zu Gute halten, was hier, in der Rubrik Zitat im Monats, bei Gelegenheit noch gewürdigt werden soll.


Das 19. Jahrhundert: Blütezeit des Determinismus

Nun aber zu dem Zitat aus dem Jahr 2003. Zunächst unterstellt Prinz darin, dass Kausalität zwingend auf Determinismus hinausläuft und sich daher Kausalität und freier Wille gegenseitig ausschließen. Die Philosophen entgegnen allerdings, das dem keineswegs so sein müsse. Eine interessante Diskussion, in der ich mich aber zu wenig auskenne, weshalb dieser Aspekt nur der Vollständigkeit halber erwähnt sei.

Mein Kritikpunkt ist ein anderer. Er setzt direkt bei Prinz’ zentralem Argument zur Kausalität an: „Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursache hat, und dass man diese Ursache finden kann.“ In einer philosophischen Abhandlung habe ich dazu gelesen, dieses Argument scheine „wissenschaftstheoretisch sauber“. Nun, da bin ich ganz anderer Meinung.

Zunächst hat Prinz einen entscheidenden Einwand schon selbst formuliert: Wissenschaft geht davon aus… und nicht etwa hat gezeigt, dass… Das bedeutet, dass es sich bei der Behauptung, alles was geschehe, habe seine Ursache, letztlich um eine Annahme handelt, wenn auch vielleicht um eine plausible. Warum es dann „unverständlich“ sein soll von anderen Annahmen auszugehen, ist nun seinerseits recht unverständlich.

Doch wollen wir unsere Kritik nicht nur mit philosophischen Wortklaubereien begründen, denn „Philosophie nervt“ ja, um Prinz ein weiteres mal zu zitieren. Reden wir also über Kausalität in der Naturwissenschaft.

Hätte Prinz das Interview nicht 2003 sondern 1903 gegeben – es hätte ihm wohl niemand widersprochen und mein bescheidener Beitrag hätte gar nicht geschrieben werden können. Die Naturwissenschaft war damals noch vollständig von Newtons Mechanik geprägt. Radioaktivität war unbekannt. Das Universum stellte man sich wie ein großes, dreidimensionales Billardspiel vor, in dem jede Wirkung ihre Ursache in einer Kollision von massiven Teilchen hat. Das ging so weit, dass viele der Ansicht waren, ein imaginäres Wesen mit übermenschlichen Rechenfähigkeiten – der Laplacesche Dämon – könne bei Kenntnis aller Teilchen des Universums dessen gesamte Zukunft bis zum jüngsten Tag vorausberechnen. Heutzutage würde man sich statt eines Dämons eher einen Supercomputer vorstellen, doch die Idee bleibt dieselbe: Die Geschehnisse im Universum laufen ab, wie in einem Uhrwerk. Mehr Determinismus geht nicht! Daher glaubte man auch, die Physik stehe kurz vor ihrer Vollendung, weil es dort praktisch nichts neues mehr zu entdecken gäbe. Ein Einschätzung, die kaum falscher hätte sein können, aber man erkennt deutlich: Es ist das Weltbild in dem Prinz argumentiert.


Die entscheidende Frage: Hat alles eine Ursache?

Im 20. Jahrhundert ging es Schlag auf Schlag. Die Radioaktivität wurde entdeckt und wenig später entstand nach und nach die Quantenmechanik. Beides war zunächst sehr verstörend für die Wissenschaftler und zwar gerade aus dem Grund der „fehlenden Ursachen“. Radioaktive Atome zerfallen spontan – also ohne Ursache. Elektronen springen spontan von einer „Umlaufbahn“ auf eine andere – also ohne Ursache. Albert Einsteins berühmter Ausspruch, dass Gott nicht würfle, wurzelt in eben dieser Verstörung. Niels Bohr hielt im entgegen, er solle Gott nicht vorschreiben, was dieser zu tun oder zu lassen habe und er hat damit bekanntlich rechtbehalten. Überhaupt gehören die Diskussionen zwischen Einstein und Bohr nicht nur zu den wissenschaftlichen, sondern auch zu den philosophischen Filetstücken des 20. Jahrhunderts. Prinz argumentiert, als hätten sie nie stattgefunden. Kaum jemand glaubt heute noch, man könne für den Zerfall eines Atoms die „Ursache finden“, wir er unterstellt. „Der Laplacesche Dämon ist tot!“ ist seit der Mitte des 20. Jahrhunderts aus guten Gründen das Credo der theoretischen Physik.

Vor diesem Hintergrund ist Prinz’ Behauptung also schlicht falsch. Er scheint einer plausiblen aber veralteten Sicht der Dinge anzuhängen. Plausibilität allein ist in der Wissenschaft eben kein hinreichendes Argument.


Der strenge Determinismus: Das Schnabeltier der Physik

Hätte um 1800 ein Biologe wir folgt argumentiert:

schnabeltier

Schnabeltier: passte nicht zu „wissenschaftlichen Überlegungen“, existiert aber trotzdem

Die Idee eines eierlegenden Säugtiers ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass Säugetiere ihre Nachkommen lebend gebären und dann säugen (daher ihr Name!). Für mich ist unverständlich, dass jemand, der empirische Wissenschaft betreibt, glauben kann, dass ein eierlegendes Säugetier denkbar ist.

– niemand hätte widersprochen!

Entsprechend hielt man es unter Biologen zunächst für einen schlechten Scherz, als das Schnabeltier als erstes eierlegendes Säugetier entdeckt wurde.

Das ist die Crux plausibler Annahmen: Sie können trotzdem falsch sein! Und so einleuchtend die Unmöglichkeit eines eierlegenden Säugtieres oder der lückenlose Determinismus sein mögen – beide gehören auf den Friedhof der Wissenschaftsgeschichte.

Nun steht Prinz’ Aussage leider so isoliert in seinem Wikipediaeintrag, wofür man ihn natürlich nicht verantwortlich machen kann. Bedauerlicherweise konnte ich das Interview, aus dem das Zitat stammt, nicht auftreiben, aber ich nehme an, dass Prinz etwas anderes meinte als er in diesem isolierten Zitat sagt. Die Geschichte ist nämlich noch nicht ganz zu Ende erzählt.


Statistik – der Rettungsanker des Determinismus

Spontane Ereignisse ereignen sich im Mikrokosmos, also auf der Ebene einzelner Atome. Alltägliche Objekte des Makrokosmos bestehen aber aus sehr, sehr vielen Atomen. Und hier ist es nun überraschenderweise so, dass sich makrokosmische Objekte im allgemeinen deterministisch verhalten, obwohl die Atome, aus denen Sie zusammengesetzt sind, dies nicht tun. Typisches Beispiel hierfür ist eine Probe eines radioaktiven Elements, sagen wir Uran. Sie besteht aus Abermilliarden von Uranatomen. Von keinem einzigen davon kann man voraussagen, wann es zerfällt. Aber: Es zeigt sich, dass innerhalb einer Minute immer etwa gleich viele Uranatome zerfallen, so dass die Probe eine gleichmäßige radioaktive Strahlung aussendet. Die Probe verhält sich vorhersehbar, also deterministisch.

Vielen Physikern ist der Indeterminismus der Quantenwelt daher ziemlich schnuppe, denn der Makrokosmos, so ihr Argument, verhalte sich eben trotzdem deterministisch. Man hat den strengen Determinismus lediglich durch einen, nur im Makrokosmos gültigen, statistischen Determinismus ersetzt. Ob man es sich so einfach machen kann, ist allerdings die Frage, denn dass Fälle denkbar sind, in denen der Indeterminismus des Mikrokosmos voll auf den Makrokosmos durchschlägt, zeigt eindrucksvoll das Gedankenexperiment von Schrödigers Katze.
Und wie sieht es im Gehirn aus? Dabei handelt es sich um ein makroskopisches Gebilde, gewiss. Aber wer möchte bei diesem extrem komplexen System und dem heutigen Stand der Hirnforschung sicher behaupten können, hier laufe alles determiniert ab? Wird damit nicht – einmal mehr – eine plausible Annahme zum Dogma erhoben? Vor allem gibt es aber schon ein Gegenargument, auf das Physiker Roger Penrose hingewiesen hat: Auf der Netzhaut, die physiologisch als Teil des Gehirns zu betrachten ist, kann ein einzelnes Photon (oder zumindest sehr wenige davon) einen elektrischen Impuls auslösen. Da hilft auch keine Statistik.

Es bleibt also spannend, wie die Diskussion um den Determinismus und den freien Willen weitergeht.

(In der Reihe Zitat des Monats wurden bisher Äußerungen von Justus von Liebig, Nicolás Gómez Dávila, Terry Pratchett, Stephen Hawking, Werner Heisenberg und Michael Klonovsky kommentiert.)

Foto Schnabeltier: Screenshot youtube
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13 Kommentare zu “Was der freie Wille und das Schnabeltier gemeinsam haben

    • Danke für diesen Literaturhinweis, Alphachamber. Ich muss gestehen, dass ich bisher nichts von William James gelesen habe. Können Sie vielleicht einen Gedanken von ihm, der einen Bezug zu dem Beitrag hat, hier darstellen?

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  1. Herr Stöcker,
    James war der wohl bedeutendste US Philosoph und prominenter Vertreter des Pragmatismus.
    Er las Charles Renouviers Definition des freien Willens und entschied: „Mein erster Akt meines freien Willens ist, an den freien Willen zu glauben“.
    In einer Publikation „Das Dilemma des Determinismus“, 1884, : „… heutzutage sprechen wir von einem „weichen Determinismus“ (Compatibilismus) der …(…)… Notendigkeit und sogar Voerherbestimmung ablehnt und besagt, sein wirklicher Name sei „Freiheit“. „Denn Freiheit sei nichts anderes, als verstandene Notwendigkeit, und die Knechtschaft dem Höchsten zu dienen sei identisch mit wahrer Freiheit“. Er nannte dies ein Sumpf der Ausflüchte.
    Weiter: „Der Kernpunkt des deterministischen Arguments ist die Antipathy zu der Idee des Zufalls“.

    Ich las James in seinen englischen Originalwerken. Eine recht gute Übersicht bietet die deutsche Wiki Version.
    P.S. Interessant ist auch seine James-Lange Theorie, die er als Psychologe verfasste.

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  2. Ja, alphachamber, ich finde diese Überlegungen sehr anregend, auch wenn ich wohl noch nicht alles verstehe (ich bin ja von Haus aus kein Philosoph, aber durchaus eine Philo-soph, wenn Sie verstehen, was ich meine :-)).
    Der weiche Determinismus scheint mir wenig mehr zu sagen, als dass man frei ist, wenn man sich frei fühlt. Da finde ich den „Sumpf der Ausflüchte“ als Beschreibung ganz passend.
    Und der Zufall scheint mir manchmal der Götze der Naturwissenschaft zu sein, um es mal etwas pathetisch zu formulieren. Nicht weil man ihn dort besonders schätzt – denn die von Ihnen erwähnte „Antipathie“ ist in der Tat vorhanden -, sondern weil man ihm alles Unverstandene so schön unterschieben und ihn dann mit Hilfe der Statistik zum Verschwinden bringen kann. Nicht dass ich Statistik grundsätzlich illegitim fände, aber sie verdeckt eben manchmal den Blick auf die großen Fragen.
    Zufall – das wäre in der Tat mal ein Thema für einen eigenen Beitrag.

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  3. Sie betreiben einen interessanten Blog und wir folgen Ihnen ab heute. Zu Ihren Fragen wäre es vielleicht hilfreich, Popper (Epistemologie), Wittgenstein (über Gewissheit“) und Josef Dietzgen („Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit“). Die Philosophie ist die Mutter aller Wissenscaften.
    Beste Grüße

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  4. Und was wäre jetzt im Hinblick auf die Frage nach der Existenz der Willensfreiheit gewonnen, wenn man die Möglichkeit einschließt, dass im Gehirn auch indeterministische Prozesse ablaufen, die eventuell Wirkungen auf der phänomenologischen Ebene hervorrufen?
    Überhaupt nichts, denn Entscheidungen die quasi durch Zufallsereignisse im neuronalen Geschehen beeinflusst wären, hätten mit Willensfreiheit genauso wenig zu tun, wie Entscheidungen, die ausschließlich durch streng deterministisch ablaufende Prozesse beeinflusst wurden.

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    • Ja, das wird im Allgemeinen so gesehen, dass die Alternativen nur Determinismus oder Zufall sind und beides keine Willensfreiheit ermöglicht.
      Ich halte das aus zwei Gründen für voreilig. Zunächst kann eigentlich niemand richtig erklären, was sich hinter dem Begriff „Zufall“ verbirgt. Man hat dort eine große Black Box geschaffen, die man mit Hilfe der Statistik einigermaßen unter Kontrolle hat, aber eben nur, wenn man es mit einer großen Anzahl von Ereignissen zu tun hat. Nicht für Einzelfälle, hier tappt man im Dunkeln. Ob aber eine konkrete, einzelne Entscheidung durch statistische Betrachtungen überhaupt erklärt werden kann, halte ich zumindest für fragwürdig.
      Aber selbst wenn man diesen etwas unscharfen Aspekt bei Seite lässt und den Zufallsbegriff einfach mal so unreflektiert übernimmt, ist Willensfreiheit zumindest denkbar. Nämlich dann, wenn man von einem dualistischen Modell des Menschen ausgeht (was z. Z. in der Wissenschaft natürlich ziemlich aus der Mode, aber eben auch nicht widerlegt ist). Der Neurophysiologe John Eccles (1903-1997) – immerhin Nobelpreisträger – war der Ansicht, dass Körper und Geist interagieren und letzterer durch ein quantenmechanisches Wahrscheinlichkeitsfeld an den Synapsen Einfluss auf den Körper nimmt. Da haben Sie die freie Entscheidung trotz Zufall! Dieser Vorschlag mag gewagt sein, gewiss, man sollte ihn aber angesichts der riesigen Erklärungsprobleme, die ja auch der materielle Monismus hat (Stichwort: Qualiaproblem), auch nicht vorschnell verwerfen.

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      • „Der Neurophysiologe John Eccles (1903-1997) – immerhin Nobelpreisträger – war der Ansicht, dass Körper und Geist interagieren und letzterer durch ein quantenmechanisches Wahrscheinlichkeitsfeld an den Synapsen Einfluss auf den Körper nimmt.“

        Nun hat Eccles aber den Nobelpreis nicht für die Annahme eines quantenmechanischen Wahrscheinlichkeitsfeldes an den Synapsen bekommen, sondern dafür, dass er herausfand, wie Aktionspotentiale über den synaptischen Spalt hinweg weitergeleitet werden, Zitat: für die
        „Entdeckung des Ionen-Mechanismus, der sich bei der Erregung und Hemmung in den peripheren und zentralen Bereichen der Nervenzellmembran abspielt.“

        Dass es dem Katholiken Eccles, darum ging „die Einzigartigkeit des Ich oder der Seele einer übernatürlichen spirituellen Schöpfung zuzuschreiben“, und er überzeugt war, die göttlich geschaffene Seele werde „dem Foetus zu einer Zeit zwischen der Empfängnis und der Geburt eingepflanzt (Eccles: „Die Frage nach der Herkunft des Selbst läßt sich nur religiös beantworten. Es wird uns gegeben, es ist der Geist Gottes.“)
        (http://www.zeit.de/1997/21/Wanderer_zwischen_drei_Welten)
        und es also sein Antrieb war, auf diese Weise letztlich den Glauben – an die Seele und Höheres – zu retten, lässt sich wohl auch nicht ganz von der Hand weisen.

        Nach Eccles sollen also quantenmechanische Wahrscheinlichkeitsfelder die Aktivierung und Ausschüttung von Neurotransmittern beeinflussen können.
        „Quantenmechanische Wahrscheinlichkeitsfelder aber beschreiben nur statistische Verteilungen und sagen nichts über Wirkungen aus. Auch ist schwer einzusehen, wie durch zufällige physikalische Quantenprozesse eine absichtsvolle Gerichtetheit des Geistes zustande kommen soll.“
        (http://www.zeit.de/1997/21/Wanderer_zwischen_drei_Welten)

        Mir kommt Eccles Theorie der mentalen Einheiten, die als masse und energiefreie „Psychonen“, an den Synapsen auf das Gehirn einwirken, wie eine moderne Variante des Homunculus vor, mit der sich ein tiefreligiöser Forscher davor schützt, seinen Glauben infragestellen zu müssen.

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  5. Hallo sherfolder,
    Zunächst: Entschuldigen Sie die späte Antwort. Ich habe ihren Kommentar gerade erst gesehen und er wurde auch nicht automatisch freigeschaltet (obwohl ich eigentlich dachte, das so eingestellt zu haben 😦 ).

    Aber nun zum Inhalt: Sie haben Recht, Eccles hat den Nobelpreis nicht für diese Vermutung bekommen (hatte ich allerdings auch nicht behauptet) und ja, er war gläubiger Katholik mit der entsprechenden Grundeinstellung.
    Letzteres ist m. E. aber kein entscheidendes Argument. Ich würde behaupten, dass die wenigsten Wissenschaftler frei von Sympathien oder Antipathien gegenüber bestimmten Thesen sind, auch die nicht, die überzeugte Atheisten sind. Ein Max Tegmark zum Beispiel kann seine abenteuerlichen Thesen auch nur vertreten, weil er eine Voreingenommenheit gegenüber bestimmten Aussagen mitbringt. Deshalb sollte man m. E. immer das Argument an sich betrachten, unabhängig von der Motivation, aus der heraus es entstanden ist.

    Gegen Eccles‘ Vermutung wird Ihr Argument ja gerne vorgebracht: Es nutze das letzte Schlupfloch, das ihm der wissenschaftliche Fortschritt noch lasse, für den Dualismus. Ich sehe das etwas anders, denn Eccles Argument wäre ja zu Beginn des 20. Jahrhunderts gar nicht möglich gewesen. Der wissenschaftliche Fortschritt hat sein Argument also erst ermöglicht, das Schlupfloch quasi geöffnet. Und ob es sich bald wieder schließt oder weiter öffnet ist ungewiss, das muss die Zukunft zeigen.
    Ein gewagtes Argument ist es, gewiss, denn man geht im Allgemeinen ja davon aus, dass sich Quanteneffekte in makroskopischen Systemen herausmitteln. Aber selbst der Quantenphysiker Anton Zeilinger, der es ja wissen muss, sagt:

    „Ob die Quantenphysik in lebenden Systemen eine Rolle spielt, die über die Chemie hinausgeht, ist eine der interessantesten Fragen in den Naturwissenschaften überhaupt – auch für die Hirnforschung. Die meisten Menschen würden sagen, dass das Denkorgan in einer warmen Suppe schwimmt, wo die Dinge nicht von der Umgebung isoliert sind, der Quantenzustand daher sehr schnell zerstört werden würde. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.“

    http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wissen/natur/506880_Das-Loch-im-Verstaendnis-der-Welt.html

    Vielen Dank übrigens, für den interessanten Link aus der Zeit.

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    • Hallo Axel Stöcker,
      dass ein Kommentar mitunter auch erst mit einiger Verzögerung freigeschaltet wird, ist völlig in Ordnung, schließlich gibt es auch noch digitale Auszeiten, Urlaubszeiten und dass die Technik nicht immer das tut, was man von ihr erwartet, – kennt man ja….

      Noch einmal zu Eccles: Richtig, Sie haben nicht behauptet, dessen Nobelpreis hätte einen Bezug zu seinen Annahmen zur Einflussnahme von quantenmechanischen Feldern am synaptischen Spalt. In Ihrer Formulierung „immerhin Nobelpreisträger“ blitzte aber doch eine indirekte Form des arg. ad verecundiam – Beweis durch Ehrfurcht -Arguments – auf.
      Natürlich ist niemand ganz frei vom Gebrauch solcher Autoritätsverweise, auch ich habe auf meiner Website z.B. mehrfach Zitate von Albert Einstein verwendet, der ja mit der Idee vom freien Willen nichts anfangen konnte. (Nun befinde ich mich bei Einstein allerdings in der komfortablen Lage, dass ich auf dessen Nobelpreis nicht hinweisen muss, da jedermann seine Bedeutung als Physiker kennt.)

      „Deshalb sollte man m. E. immer das Argument an sich betrachten, unabhängig von der Motivation, aus der heraus es entstanden ist.“

      Prinzipiell d’accord. Wenn es allerdings für die Argumente noch keinerlei (!) empirische Bestätigung gibt, diese also nichts anderes als unbewiesene Hypothesen und Behauptungen sind, dann wird man sich schon die Frage stellen dürfen, was die Motivation und der Antrieb für jemanden sein könnte, ein Theoriengebäude aufzustellen, das in seiner dualistischen Ausrichtung so fundamental abweicht vom gegenwärtigen vorherrschenden monistischen Verständnis.

      „Gegen Eccles‘ Vermutung wird Ihr Argument ja gerne vorgebracht: Es nutze das letzte Schlupfloch, das ihm der wissenschaftliche Fortschritt noch lasse, für den Dualismus.“

      Das verstehe ich nicht: Wieso stellt Eccles Vermutung ein „Schlupfloch“ dar? Ein Schlupfloch aus dem Monismus? Wer ist denn dieser Auffassung? Eccles, sicherlich, er glaubt an die Richtigkeit seiner Theorie. Aber wieso hat der „wissenschaftliche Fortschritt sein Argument ermöglicht“, und „das Schlupfloch quasi eröffnet“?
      An welcher Stelle soll das geschehen sein? Es gibt bisher keine (!) Beweise dafür, dass durch quantenmechanische Felder am synaptischen Spalt Wirkungen auftreten, die Spielräume für einen freien Willen eröffnen würden. Eccles mag das ja gehofft haben. Aber wie soll das möglich sein? Was macht das quantenmechanische Feld am synaptischen Spalt – löst es einen Reset an den Nervenzellen aus, werden diese in einen Zustand Null versetzt, gibt es ein wipe out des vorhergehenden Zustands des chemischen Milieus an den Rezeptoren? Und wie und wodurch entsteht der freie Wille durch das Vorhandensein eines quantenmechanischen Feldes? Da ist nichts als ein Riesenreich aus Spekulationen – aber ein „Schlupfloch“ ist nirgends zu erkennen.

      Das von Ihnen verlinkte Interview mit Anton Zeilinger war sehr interessant zu lesen.

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      • Ja, sherfolder, natürlich benutzen wir alle manchmal „Name- und Titel-Dropping“. Klappern gehört zum Geschäft. Aber so lange sich die Argumente nicht darauf reduzieren, ist es auch kein Problem. Ich denke, da haben wir keinen Dissens.

        Zu Eccles Vermutung: Sicher, das ist eine Spekulation, für die es bisher keine empirische Überprüfung gab (falls Sie mal irgendwas in der Richtung finden, lassen Sie es mich bitte wissen).
        Nur: Die aktuelle Situation der Hirnforschung lädt auch zum Spekulieren ein. Denn: Die „offizielle“ Hirnforschung erweckt zwar gerne den Eindruck, man habe bei den Fragen zur Willensfreiheit und zum Bewusstsein im Großen und Ganzen alles unter Kontrolle. Das ist aber nur dann der Fall, wenn man – erstens – vortäuscht, dass der materiellen Monismus eine belegte wissenschaftliche Theorie sei und nicht eine philosophische Prämisse (was er in Wirklichkeit ist) und – zweitens – alle Fragen, die sich auf dieser Grundlage nicht beantworten lassen, ignoriert.
        Ich will zwei Beispiele nennen:
        Der englische Dichter Samuel Johnson sagte schon im 18. Jahrhundert „Alle Theorie spricht gegen die Freiheit des Willens und die gesamte Erfahrung dafür.“ Wenn ich also von der Theorie ausgehe, stellt sich das Problem der Willensfreiheit gar nicht. Ein Argument, was man in unterschiedlichen Variationen in einer Quasi-Endlosschleife von den Deterministen zu hören bekommt, wenn man sie auf die Willensfreiheit anspricht. Bestreite ich im Grunde auch gar nicht. Nur: Auf die wichtige und absolut berechtigte Frage, warum sich der Mensch dann trotzdem als frei empfindet, habe ich aus dieser Ecke bisher wenig Brauchbares vernommen.
        Ein noch wichtigeres Beispiel ist das Qualiaproblem: Eine vollständige Theorie müsste das innere Erleben eines Menschen, das uns durch introspektive Berichte zugänglich ist, ohne diese Berichte, allein aus der materiellen Struktur des Gehirns herleiten können. Hierfür gibt es meines Wissens noch nicht einmal einen theoretischen Ansatz.
        Wenn die „offizielle“ Wissenschaft beim Bewusstsein also noch weitgehend im Dunkeln tappt – und damit komme ich zurück zu Eccles – dann kann man m. E. auch mal ein bisschen spekulieren.

        Eccles Vermutung wäre zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht formulierbar gewesen. Im damaligen wissenschaftlichen Paradigma gab es überhaupt keinen Spielraum für Freiheit. Nicht für den Menschen und nicht einmal für das Universum im Sinne zufälliger Schwankungen (Stichwort: Universum als Uhrwerk, Laplacescher Dämon). Mehr Determinismus als damals ging nicht.
        Mit der Entdeckung von „echten Zufällen“ (Radioaktivität), der Quantentheorie und der daraus folgenden Abschwächung des strengen Determinismus zu einem statistischen Determinismus entstand dann erst der theoretische Boden, auf dem Eccles seine Vermutung pflanzen konnte. Insofern ist sie also durch den wissenschaftlichen Fortschritt möglich geworden. Und wenn man sie als „Schlupfloch“ sehen will, dann ging es eben damit auf.

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