Die pseudowissenschaftlichen Argumente von Atheisten

Buskampagne1
Probabilistische Nebelkerze: atheistische Buskampagne (2009)

Die sprachlich einfachen Fragen sind oft die schwierigsten und zugleich die bedeutendsten. Zum Beispiel: Existiert Gott? Die Größe der Bedeutung dieser Frage wird allenfalls noch durch ihr Maß an Unschärfe übertroffen, denn weder ist klar, wer oder was „Gott“ sein soll noch, was in seinem Zusammenhang mit dem Begriff „Existenz“ gemeint sein könnte.

So ist es kein Wunder, dass die Feststellung, weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes sei beweisbar, inzwischen zu einer Binsenweisheit geworden ist und verschiedene Gruppen unterschiedlichen Gottesvorstellungen huldigen.

In jüngerer Zeit organisiert sich in diesen Zusammenhang eine weitere Gruppe: die Atheisten. Natürlich brauchen auch sie, so wie die anderen Gruppen, ein Alleinstellungsmerkmal. Abgesehen davon, dass sie natürlich jedwede Gottesvorstellung ablehnen, besteht es darin, dass sie nur das glauben, was sie als „bewiesen“ betrachten. Daher sind Atheisten in der Regel wissenschaftsnah. Sie lehnen bildhafte, mythologische Darstellung ab und bevorzugen in Diskussionen klar definierte, wissenschaftliche Begriffe.

Die Unbeweisbarkeit der Nichtexistenz Gottes ist den Atheisten verständlicherweise ebenso ein Dorn im Auge, wie es die Unbeweisbarkeit der Existenz von Jesus Christus für das Christentum wäre, denn sie stellt die Existenzberechtigung der Gruppe potentiell in Frage. Atheisten versuchen daher, wissenschaftliche Argumente gegen die Existenz Gottes ins Feld zu führen. Beispielsweise wird argumentiert, die Existenz Gotte sein zwar nicht streng widerlegbar, aber besitze doch eine extrem geringe „Wahrscheinlichkeit“. Lässt sich also mit Hilfe der Stochastik die Wahrscheinlichkeit für die Existenz Gottes bestimmen?

Der Bus der gottlosen „Mathematiker“

Im Jahre 2009, jener idyllischen Zeit, in der Atheisten anfingen, sich in Gruppen zu organisieren und ihre Hauptgegner noch in den christlichen Kirchen zu erkennen glaubten, wurde Deutschland Zeuge einer Werbekampagne der besonderen Art: Ein Bus mit der Aufschrift „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott.“ fuhr quer durch die Republik und lies sich in insgesamt 24 Städten blicken. Ähnliche Aktionen gab es auch in anderen europäischen Ländern. Bei uns wurde die atheistische Tour d’Allemagne unter anderem von der Giordano-Bruno-Stiftung unterstützt und von ihrem damaligen Pressereferenten Philipp Möller, einem Pädagogen und häufigem Talkshowgast, dessen Credo sich in dem Satz „Es gibt keinen Gott und Philipp Möller ist sein Prophet“ zusammenfassen lässt, maßgeblich mitorganisiert (hier habe ich mir eine Anleihe bei Wolfgang Pauli gestattet).

Die atheistische Missionierungsaktion, die laut ihrer Organisatoren nicht als solche verstanden werden sollte, wollte ihren Slogan ursprünglich auf den Bussen verschiedener Verkehrsbetriebe schalten, doch die lehnten mit dem Verweis auf ihre „Weltanschauliche Neutralität“ alle ab. Manche sprachen gar von einer „glaubensverachtenden“ Aktion. Ein wenig überzeugendes Argument, denn eigentlich sollte klar sein, dass Atheisten ebenso für ihre Heilsversprechen („Ohne Religion wird alles besser“) werben dürfen wie andere Glaubensrichtungen auch. Schließlich erlaubt man dies auch der Partei der Nichtwähler, so etwas wie der politischen Entsprechung atheistischer Organisationen, die ebenfalls die Vertretung eines nicht unerheblichen Teils der Wahlbevölkerung für sich beansprucht.

Das Ganze liegt nun schon ein Weilchen zurück und hat sich eigentlich erledigt, aber mir juckt es bei diesem Thema schon seit längerer Zeit in den Fingern. Nicht, weil ich etwas gegen die Aktion hatte, sondern, weil der Slogan der Aktion „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ in meinen Augen an Volksverdummung grenzt (dazu gleich mehr).  Dabei hatte man vor dem Start der Buskampagne noch über Alternativen nachgedacht: „Gottlos glücklich – ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben“ und „Gott ist eine Behauptung. Menschenrechte sind real. Auf uns kommt es an“ waren ebenfalls unter den letzten drei Vorschlägen. Beide wären sicher gute Grundlagen für anregende Diskussionen geworden – aber man musste sich offenbar für den mit Abstand dümmsten Spruch entscheiden. Denn so viel sei vorweggenommen: Es gibt gewiss ernstzunehmende Gründe, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen gehören aber mit Sicherheit nicht dazu.

Wahrscheinlichkeitsrechnung für Anfänger

Es geht also nicht um den Slogan an sich („Es gibt (…) keinen Gott“), sondern um die pseudowissenschaftliche Begründung in der Klammer, die hier offenbar aus einer Meinung so etwas wie eine Objektivität beanspruchende Aussage machen soll: „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“.

Seriöse Onlinenachschlagewerke wie Stupidedia schreiben zu dieser Formulierung:

„Die an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Grenzwert, sondern nur eine leere Phrase, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von an Hirnlosigkeit grenzenden Idioten erfunden wurde.“

Aber genug der Sticheleien – lasst Fakten sprechen! Dazu muss ich nun leider auf diesem Blog ein wenig den Oberlehrer der Mathematik geben, was mir an sich widerstrebt, da ich das den Rest der Woche auch schon mache. Vielleicht spielt auch ein gewisses Berufsethos eine Rolle, das mich einfach nicht tatenlos mit ansehen lässt, wie die mathematische Restbildung durch solche Aktionen Schaden nimmt. Wie auch immer – es geht nicht anders, packen wir’s an:

Mathematisch ist eine „Wahrscheinlichkeit“ schlicht eine Zahlenangabe zwischen 0 und 100 Prozent (1. Axiom von Kolmogorow). Diese Zahl gibt uns eine Information über den Ausgang eines Zufallsexperiments. Darunter versteht man einen Prozess, der unter gleichen Bedingungen oft wiederholt werden kann und dessen Ergebnis trotzdem nicht vorhersehbar, also zufällig ist. Typische Beispiele dafür sind das Würfeln, das Werfen einer Münze oder das Ziehen von Kugeln aus einer Urne beim Lotto. Ein Fußballspiel ist schon wieder kein Zufallsexperiment, da es sich in der Praxis kaum unter gleichen Bedingungen wiederholen lässt, weshalb alle Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen über den Ausgang von Bundesligaspielen in die Sphäre der unterhaltsamen Fabeln verwiesen werden müssen.

Die Wahrscheinlichkeit 0 Prozent bedeutet, dass ein bestimmtes Ereignis unmöglich eintreffen kann, während 100 Prozent sagt, dass es mit absoluter Sicherheit eintritt. Alle anderen Zahlenangaben beschreiben eine Tendenz für das Eintreten eines Ereignisses, die zwischen diesen beiden Extremen liegt. Zum Beispiel beträgt beim Würfeln die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses „Es fällt eine Zahl zwischen 1 und 6 (jeweils eingeschlossen)“ 100 Prozent, für „es fällt eine 7“ sind es 0 Prozent und das Ereignis „es fällt mindestens eine 5“ hat die Wahrscheinlichkeit 33,3 Prozent.

„Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ bedeutet also so viel wie „Es gibt (mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 98%) keinen Gott“. Offenbar haben atheistische Mathematiker ziemlich genau nachgerechnet. Darauf könnte man vertrauen, aber ich halte es da mehr mit dem atheistischen Motto „Glaubst du noch, oder denkst du schon?“, was uns direkt zu der Frage führt, wie man Wahrscheinlichkeiten eigentlich bestimmt.

Wie bestimmt man Wahrscheinlichkeiten?

Rein mathematisch ist die Antwort ebenso einfach wie frappierend: Man bestimmt sie gar nicht, sondern legt sie einfach fest! Die gesamte Wahrscheinlichkeitsrechnung oder Stochastik, wie diese Disziplin auch genannt wird, beschränkt sich nämlich darauf, bestimmte Wahrscheinlichkeiten aus anderen, bereits bekannten Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Wenn man zum Beispiel weiß, dass die Wahrscheinlichkeit für jede der Zahlen 1 bis 6 beim Würfeln mit einem Würfel 16,7 Prozent beträgt, lässt sich daraus beispielsweise berechnen, dass beim Würfeln mit zwei Würfeln, die Wahrscheinlichkeit für die „Augensumme 4“ 8,3 Prozent ist. Wo aber bekommt man die Wahrscheinlichkeiten her, mit denen man anfängt zu rechnen?

Wie gesagt: sie werden festgelegt, aber man lässt sich dabei natürlich gerne von realen Gegebenheiten inspirieren. Das bedeutet: Man führt ein Zufallsexperiment sehr oft durch und schätzt die Wahrscheinlichkeit dann ab. So können Sie zum Beispiel Ihr Wochenende damit verbringen, einen Legostein 10000 Mal aus einer bestimmten Höhe auf den Boden fallen zu lassen und dann jedes Mal notieren, auf welcher Seite er gelandet ist. Wenn Sie dann feststellen, dass er 4047 Mal auf der Oberseite gelandet ist, können Sie davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit dafür etwa 40 Prozent beträgt.

Das sind also die beiden Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten zu bestimmen: Zufallsexperiment oft durchführen oder aus bekannten Wahrscheinlichkeiten berechnen. Welche Methode haben wohl die Mathematiker der Buskampagne angewendet?

Pseudostochastik als atheistische Monstranz

Wir können uns Spekulationen ersparen, denn es ist offensichtlich, dass man mit keiner der beiden Methoden eine Wahrscheinlichkeit für das Ereignis „Gott existiert“ wird bestimmen können. Schon deshalb nicht, weil es sich dabei um gar kein Ereignis im Sinne der Wahrscheinlichkeitsrechnung handelt. Stochastik ist ein spezifisches Instrument um den Ausgang von Zufallsexperimenten vorauszusagen und nicht um Existenzaussagen zu testen. Wer anderes behauptet oder andeutet, hat entweder keine Ahnung von Wahrscheinlichkeitsrechnung oder setzt sich dem Verdacht aus, andere mit pseudowissenschaftlichem Vokabular für dumm verkaufen zu wollen, also ziemlich genau das zu tun, was Atheisten so gerne der katholischen Kirche vorwerfen. Gerade wer sich in der Nähe der Wissenschaft wähnt, sollte bei der Verwundung von Fachsprache genau sein und nicht dort Wissenschaftlichkeit vortäuschen wo keine ist.

Doch es hat natürlich seinen Grund, dass sich die deutsche Buskampagne trotz besserer Alternativen für den Wahrscheinlichkeitsslogan entschieden hat. Denn wie jede Glaubensgemeinschaft haben auch die Atheisten ihre Gurus und einer ihrer größten ist bekanntlich Richard Dawkins. In seinem Bestseller der Der Gotteswahn (2007) stellt er seitenweise weitgehend sinnfreie Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen zur Existenz Gottes an, denen seine Jünger offenbar weitgehend kritiklos gefolgt sind.

Dabei war Dawkins ganz nahe an der Lösung. Er schreibt:

„Von der Voraussetzung, dass die Frage nach der Existenz Gottes prinzipiell nicht zu beantworten ist, vollziehen wir den Sprung zu der Schlussfolgerung, seine Existenz und Nichtexistenz seien gleichermaßen wahrscheinlich.“

Und dies sei unzulässig. Recht hat er! Die Wahrscheinlichkeit für Gottes Existenz mit rund 50 Prozent anzugeben ist Blödsinn. Nur ist es ein ebenso großer Blödsinn zu behaupten sie sei kleiner als 1 Prozent, wie er es sinngemäß tut, oder den Wert nahe bei 100 Prozent anzusiedeln, wie es vielleicht andere machen. Jeder Wert ist gleich unsinnig, weil sich Existenzfragen, so sehr sich das offenbar mache wünschen, nicht mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung behandeln lassen. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn man versucht, das Verhalten von Graugänsen mit Newtons Gravitationstheorie zu erklären oder eine Flasche Wein mit dem Lockenstab zu öffnen.

Der Slogan „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“  ist also eine persönliche Meinung garniert mit einer pseudowissenschaftlichen Nebelkerze in der Klammer. Nicht unbedingt ein Ruhmesblatt für die selbsternannten Verteidiger der Aufklärung.

Aber vielleicht habe ich mich ja auch getäuscht und ein Atheist schreibt mir eine plausible Berechnung für die fragliche Wahrscheinlichkeit in den Kommentarbereich. Wer die Existenz von etwas behauptet, trägt die Beweislast, wie gerade Atheisten gerne und völlig zu recht betonen. Das gilt natürlich auch für Wahrscheinlichkeiten. Ich prognostiziere aber, dass dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passieren wir.

Foto: Screeshot Youtube