Die gescheiterte Kränkung

Warum die Neurowissenschaften unser Menschenbild, allen Unkenrufen zum Trotz, kaum verändert haben

Freud

„Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus“ – „Kränker“ Sigmund Freud

Angenommen, das Universum wäre eine Party und die Menschheit gehörte zu den geladenen Gästen. Wo hielte sich dieser Gast auf?  Im Mittelpunkt des festlichen Geschehens oder eher zwischen Ausgang und Klotür? Nun, bekanntlich wähnte sich der Homo Sapiens lange Zeit im Zentrum der angesagtesten Tanzfläche wo die Götter die Musik auflegten, er aber selbst weitgehend das Abendprogramm bestimmen konnte. Es schien auch gute Gründe für diese Ansicht zu geben, bis ihm ein paar Spaßbremsen namens Kopernikus, Darwin und Freud die Partylaune gründlich vergällten.

 

Die drei großen Kränkungen der Menschheit
Die Rede ist von den drei großen Kränkungen der Menschheit. Die erste – kosmologische – Kränkung bestand in der Einsicht, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sein konnte. Mit dieser, in der Neuzeit erstmals von Nikolaus Kopernikus formulierten, Erkenntnis rückte natürlich auch die Menschheit – zumindest in einem räumlichen Sinne – aus dem Zentrum des Weltalls.

Darüber hinwegtrösten konnte mensch sich mit dem Gedanken, dass Gott ihn persönlich in die Welt gesetzt habe, auch wenn diese sich um die Sonne und selbige nicht um ihn drehte (was für das nachmittägliche Sonnenbad ja ohnehin zweitrangig war). Vor allem wegen des Fehlens überzeugender Alternativen war diese Erklärung für unsere Existenz noch vor gut 150 Jahren weitgehend common sense in der Wissenschaft – der Mensch als Krone der Schöpfung war gesetzt. Doch mit Charles Darwin kam es zur zweiten – biologischen – Kränkung: der Brite zeigte, dass die Entstehung des Menschen durch Evolution überzeugender erklärt werden konnte. Der Charme der Vorstellung, gemeinsame Vorfahren mit dem Schimpansen, dem Grottenolm und der Hausstaubmilbe zu haben, erschließt sich jedoch bis heute nicht allen Zeitgenossen uneingeschränkt. Bedeutet sie doch letztlich: Nackter Affe statt Krone der Schöpfung – Selters statt Sekt.

Doch letztlich war natürlich weder der Planet Erde noch der menschliche Körper das entscheidende Charakteristikum des Menschen, handelt es sich doch bei beiden letztlich nur um schnöde, zusammengeballte Materie. Wirklich wichtig war doch allein – so konnte man sich zumindest trösten – der menschliche Geist, der über der Materie stand und diese kontrollierte. Doch hier wartete Sigmund Freud mit der dritten – der psychologischen – Kränkung auf: Das sexuelle Triebleben sei nicht vollständig zu bändigen. Es verschaffe sich unbewusst Geltung, weshalb „das Ich nicht Herr in seinem eigenen Haus“ sei.

Weder Zentrum des Universums, noch Krone der Schöpfung, noch Herr im eigenen Haus – die Selbstliebe des Menschen musste zwischen 1500 und 1900 einige Tiefschläge einstecken. Wie sollte das weitergehen? Eine neue menschliche Bescheidenheit schien jedenfalls mehr als angebracht.

Die vierte Kränkung oder: Wer ist bescheidener?
A propos Bescheidenheit: Die Benennung der drei Kränkungen der Menschheit stammt von Freud selbst, der sich damit ganz bescheiden in eine Reihe mit Kopernikus und Darwin gestellt hat. So kann es kaum verwundern, dass große Geister des 20. Und 21. Jahrhunderts in punkto Bescheidenheit nicht hintanstehen wollten und die Reihe der Kränkungen zu verlängern suchten. So wird Richard Dawkins mitunter als Verkünder der vierten – genetischen – Kränkung ins Spiel gebracht, die in der angeblich gesicherten Erkenntnis bestehen soll, dass der Mensch nach der Pfeife seiner Gene tanze und damit lediglich ein Vehikel für die Verbreitung seiner DNA sei.

Allerdings versuchen epochale Denker wie der Blogger und Journalist Sascha Lobo Dawkins den vierten Platz im Bescheidenheitsranking streitig zu machen. Er findet, die vierte – digitale – Kränkung bestehe darin, dass das Internet nicht „das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung“ sei, für das er es gehalten habe. Die anscheinend überraschende Einsicht, dass ein neues Medium nicht per se das Gute mit sich bringt, sondern nur einen weiteren Spiegel der Gesellschaft darstellt, in dem, wie in allen anderen Bereichen, um Macht und Einfluss gerungen wird, führte demnach zur digitalen Kränkung des Sascha Lobo und des Restes der Menschheit.

Wie auch immer – Sie können wählen, welche Reihe aufsteigender Bescheidenheit Ihnen mehr zusagt: Kopernikus-Darwin-Freud-Dawkins oder Kopernikus-Darwin-Freud-Sascha Lobo.

Abschied von der Willensfreiheit?
Der Erkenntnistheoretiker Gerhard Vollmer hat sich in den 1990er Jahren zwar nicht selbst in die Reihe der Kränker gestellt, aber er hat die Kränkungen genauer analysiert und kommt, je nach Zählweise, sogar auf sieben bis neun Kränkungen die das sensible menschliche Geschlecht einstecken musste. Als vorerst letzte Kränkung prognostizierte er im Jahre 1994 für das 21. Jahrhundert die neurobiologische Kränkung:

„Die Fortschritte der Neurobiologie werden dann auch die nächste Kränkung mit sich bringen. Der dualistisch verstandene ‚Geist‘ oder die unsterbliche ‚Seele‘ werden dabei noch mehr in Wohnungsnot geraten; vor allem aber könnte sich die Willensfreiheit, auf die wir uns so viel einbilden, als Illusion erweisen.“

Der freie Wille – nur eine Illusion!? Eine Vorstellung, die spätestens seit Benjamin Libets erstem Experiment 1979, das ja gerade auch den Lesern diese Blogs ein Begriff ist (siehe hier und hier), die Diskussion nicht nur in wissenschaftlichen Magazinen, sondern auch in den Feuilletons, kräftig befeuert hatte und hat. Vollmer gibt also im Wesentlichen den Tenor der öffentlichen Diskussion Mitte der 1990er wieder, wenn er die Erledigung des freien Willens für eine Frage der Zeit hält.

In dieselbe Kerbe schlugen 10 Jahre später elf Hirnforscher, von denen Gerhard Roth und Wolf Singer die öffentlichkeitsaffinsten waren. Im ihrem vielbeachteten Manifest aus dem Jahre 2004 rufen sie die Dekade der Hirnforschung aus. Dort heißt es, man werde „in absehbarer Zeit“ in der Lage sein „die schweren Fragen der Erkenntnistheorie anzugehen: nach dem Bewusstsein, der Ich-Erfahrung und dem Verhältnis von erkennendem und zu erkennendem Objekt. Denn in diesem zukünftigen Moment schickt sich unser Gehirn ernsthaft an, sich selbst zu erkennen.“  Das Ganze sollte „auf dem Verständnis der Arbeitsweise von großen Neuronenverbänden beruhen“. Diese sollten nach der Vorstellung der Wissenschaftler als „mittlere Organisationsebene“ die Brücke bilden, die vom Verständnis des einzelnen Neurons („untere Ebene“) zum Verständnis komplexer Phänomene wie zum Beispiel dem Bewusstsein („obere Ebene“) führen sollte. Ein Konzept, das auch unter der Bezeichnung kumulativer Reduktionismus bekannt ist. Weiter heißt es in dem Manifest:

„Dann werden die Ergebnisse der Hirnforschung, in dem Maße, in dem sie einer breiteren Bevölkerung bewusst werden, auch zu einer Veränderung unseres Menschenbilds führen (…) Was unser Bild von uns selbst betrifft, stehen uns also in sehr absehbarer Zeit beträchtliche Erschütterungen ins Haus. Geisteswissenschaften und Neurowissenschaften werden in einen intensiven Dialog treten müssen, um gemeinsam ein neues Menschenbild zu entwerfen.“

Ein neues Menschenbild wurde uns da 2004 also prophezeit – darunter ging es offenbar nicht.

Um die wievielte Kränkung handelt es sich denn nun bei diesen „Erkenntnissen“? Man kann sie, zumindest was die These, der freie Wisse sei eine Illusion, angeht, getrost als die Fortsetzung der dritten Kränkung mit andern Mitteln betrachten. Denn was bedeutet die Verneinung der Willensfreiheit anderes, als „nicht Herr im eigenen Hause“ zu sein?

Doch wie sieht die Bilanz heute, 100 Jahre nach Freud, bald 40 Jahre nach Libet, fast 25 Jahre nach Vollmers Prognose und 13 Jahre nach dem Manifest der Hirnforschung aus?

Die Wirrungen des „Manifests“
Die Autoren des „Manifests“ scheinen schon damals ein wenig Angst vor der eigenen Courage gehabt zu haben, denn gegen Ende des Textes wird man vorsichtiger. Es werde nicht in „einem Triumph des neuronalen Reduktionismus enden“ heißt es dort, denn selbst wenn man alle neuronalen Prozesse, die beispielsweise dem Verliebtsein zugrunde liegen, aufgeklärt habe, „so bleibt die Eigenständigkeit dieser ‚Innenperspektive‘ dennoch erhalten.“ Dieser Satz ist nun einigermaßen rätselhaft. Was ist hier mit „Eigenständigkeit“ gemeint? Will man sagen, dass sich die Leute auch dann noch verliebt fühlen werden, wenn die entsprechenden neuronalen Prozesse aufgeklärt sind? Dann ist die Aussage trivial! Oder will man andeuten, dass die „Innenperspektive“ ein eigenständiges Phänomen ist, das durch neuronale Prozesse nicht erklärt werden kann? Dann räumt man hier in einem Nebensatz ein, dass man das Qualiaproblem nicht wird lösen können und widerspricht damit dem wenige Absätze zuvor formulierten Anspruch, Fragen der Erkenntnistheorie und des Bewusstseins angehen zu können.

Der Schlusssatz des „Manifests“ spricht eher für die zweite Deutung, denn dort heißt es, die Hirnforschung müsse auch erkennen „was außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs liegt“ und müsse zu bestimmten Fragen schweigen, so wie auch die Musikwissenschaft die einzigartige Schönheit einer Bach‘schen Fuge nicht erklären könne.

Aber warum dann ein „neues Menschenbild“? Hat uns die Musikwissenschaft denn ein neues Bild von Bachs Fugen gebracht? Wohl kaum! Sieh hat lediglich einige zusätzliche, in erster Linie technische Erkenntnisse beigesteuert. Entsprechend kritisierte der Hirnforscher Wolfgang Prinz schon damals beim Erscheinen des „Manifests“:

„Sonderbar und rätselhaft übrigens, dass die Dinge bei Bach’schen Fugen ganz anders bestellt zu sein scheinen, als bei Menschen. Ihre Schönheit, so lesen wir, bleibt von jeglicher Reduktion und Dekonstruktion ganz und gar unberührt. Warum nicht auch unser Bild vom Menschen? Reduktionist muss man schon ganz oder gar nicht sein. Halb oder manchmal geht nicht.“

13 Jahre nach dem „Manifest“ ist die Bilanz durchwachsen (siehe auch Video am Ende dieses Beitrags). Das Gehirn sei noch wesentlich komplexer, als man ohnehin angenommen habe, so der Tenor. Man könnte auch sagen: Man hat die Aufgabe unterschätzt. Oder wurden die vollmundigen Prognosen auch mit Blick auf staatliche Forschungsgeldtöpfe formuliert, wie Murat Karul in seinem Buch unkt?

Wie auch immer. Was die großen, erkenntnistheoretischen Fragen angeht, liefert der Elferrat der Hirnforscher nicht einmal einen Ansatzpunkt für Antworten. Von einem neuen Menschenbild ist keine Rede mehr. Ist das Instrumentarium für diese Fragen vielleicht schlicht ungeeignet? Der Psychiater Felix Tretter, ein Kollege von Wolf Singer meint dazu

„…diese  Frage, wir müssen die mittlere Organisationsebene des Gehirns genauer beschreiben und dann würden wir sie auch verstehen, diese Unterstellung ist falsch, weil sie eigentlich wieder am dem Gehirn-Geist-Problem vorbeigeht.“

„Die Wiederentdeckung des Willens“
Und wie sieht es mit dem freien Willen aus? Seit Libet, der ja selbst ein Verfechter der Willensfreiheit war, was gerne vergessen wird, hat sich der Wind auch hier wieder gedreht. In den 2010er Jahren redete man noch vom „Hirngespinst Willensfreiheit“ und der Hirnforscher John Dylan Haynes stellte seinen Sinn für Humor unter Beweis, indem er Entscheidungen für unfrei erklärte, wenn er sie einige Sekunden im Voraus mit sechzigprozentiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen konnte. Er hielt es für „unplausibel“, dass Menschen danach in der Lage seien, die so „vorgebahnten Entscheidungen des Gehirns noch umzupolen“. 2015 lieferte er dann selbst den Gegenbeweis für diese These, blieb jedoch bei seiner Meinung, was man als Nachweis für seine ideologische Standfestigkeit werten darf. Dennoch schlägt das Pendel inzwischen in die andere Richtung. „Die Wiederentdeckung des Willens“ titelte Spektrum der Wissenschaft 2015 und stellt lapidar fest „Tiefe Zweifel an der Willensfreiheit waren verfrüht!“. Man hat die Komplexität des Themas – wieder einmal – unterschätzt. Klar scheint nur zu sein, dass sich bewusste und unbewusste Prozesse bei Entscheidungsfindungen überlagern. Womit wir wieder bei Freud, dem Unbewussten und den Trieben wären. Wobei: Steht nicht schon im Matthäus-Evangelium „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“?

 

„Enttäuschte Hoffnungen“ – 10 Jahre „Manifest“ (3sat) – mit Wolf Singer

 

Erschütterung des Menschenbildes? – Vortrag von Felix Tretter

Weitere Links zum Thema:

„Hirngespinst Willensfreiheit“ – Interview mit John-Dylan Haynes

Manifest der Hirnforschung

Die Wiederentdeckung des Willens (Spektrum)

Wie frei ist der Mensch? (Spektrum)

Foto: Screenshot youtube
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2 Kommentare zu “Die gescheiterte Kränkung

  1. Sehr gute Präsentation des Themas.
    Aus einer Festrede zur Erinnerung an Trendelenburg, Okt. 1902: „Wie sollte das endliche Wesen das Unendliches erfassen.“ Das umfasst die Probleme der Hirnforschung und den Ursprung des Universums sehr gut.
    Gerade James Watson schrieb: „…meine Hypothese ist, dass der Freie Wille durch die unvollkommene Funktionsweise des Gehirns entsteht – die Maschine ist von Natur aus unzuverlässig“.
    Der Genetiker Benzer: „Wenn man mit FW eine Zufälligkeit im Verhalten meint, dann könnte man sagen, dass Drosophila melanogaster einen FW haben 🙂
    HG

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  2. Weit und breit kein Ich zu finden. Schaut Euch die Ich-Auflöser, die sogenannten Heiligen an und deren Veränderung im (phänomenalen) Bewusstsein. Ganz egal welcher >Partei< diese angehören. Es ist wohl nicht die Religion aber die Hinwendung zum Absoluten. In der Mystik kann man möglicherweise noch Antworten finden – wahrscheinlich letztlich wieder mehr oder weniger einfach erklärbar. Nur, solange man es nicht weiß ist es ungeheuerlich..und spannend.

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