Kein Denken ohne Fühlen? – Teil 2 – Marc Solms im Gespräch über „rohe Gefühle“ und ihr Beitrag zum Bewusstsein

„Ich fühle, also bin ich“, so haben wir kürzlich unser Gespräch mit Prof. Achim Stephan überschrieben. Nach unserem Interview mit Prof. Marc Solms von der Universität Kapstadt könnte man diesen Satz noch mit einem Wort konkretisieren: Ich fühle, also bin ich bewusst. Bewusste Erlebnisse gebe es nämlich nur dann, wenn sie über Impulse aus dem Hirnstamm, dem Sitz der Triebe und Gefühle, aktiviert würden. Das, so Solms, sei empirisch belegt:


„Es ist nicht möglich, kortikale Prozesse zu haben, die bewusst sind, wenn sie nicht vom Hirnstamm aktiviert werden und die Aktivierung des Hirnstamms ist affektiv [ein Affekt ist eine Gefühlregung, die von physiologischen Erscheinungen begleitet wird – A. S.]. Dies sind zwei unwiderlegbare Tatsachen. Das zeigt uns, dass die grundlegende Form des Bewusstseins Affekte sind, Gefühle, rohe Gefühle.“

Ein Gedanke, der auch im Lichte der Evolution Sinn ergibt, denn die vegetativen, „unbewussten“ Funktionen sind früher entstanden sind als die bewussten. Verdauen können schon Mehlwürmer, ganz ohne Großhirn und Bewusstsein und auch der Mensch erledigt diesen Vorgang in der Regel unbewusst. Bewusstsein – was immer das genau ist – tauchte erst später in der Entwicklung des Lebens auf und muss daher auf bereits Vorhandenem aufgebaut und es im Sinne der Spezies verbessert haben. Anders ausgedrückt: Bewusstsein muss ein Selektionsvorteil gewesen sein.

Worin der besteht, das ist Gretchenfrage, auf die Marc Solms im Interview ebenfalls eine spannende Antwort parat hat, die es Wert wäre, breit diskutiert zu werden. Schauen Sie hier den Trailer zum Video, das wie immer Dirk Boucsein und ich zusammen geführt haben.

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Axel Stöcker

Axel Stöcker studierte Mathematik und Chemie. Seit 2016 bloggt er zu den „großen Fragen“ der Wissenschaft und des Lebens im Allgemeinen und war damit schon mehrfach für den Wissen-schaftsblog des Jahres nominiert (https://die-grossen-fragen.com/). Einen Schwerpunkt bilden dabei die Themen Bewusstsein und freier Wille. Dazu interviewt er auf dem YouTube-Kanal „Zoomposium“ zusammen mit Dirk Boucsein bekannte Hirnforscher wie Wolf Singer oder Gerhard Roth. Seine Gedanken zu diesem Thema hat der „Skeptiker mit Hang zur Romantik“ nun in dem Roman „Balduins Welträtsel“ verarbeitet.

Ein Gedanke zu “Kein Denken ohne Fühlen? – Teil 2 – Marc Solms im Gespräch über „rohe Gefühle“ und ihr Beitrag zum Bewusstsein”

  1. Hallo Axel!

    Der Satz „Ich fühle, also bin ich“ ist genau so unsinnig
    wie der, auf den du dich mit ihm beziehst.

    Oder bist du nicht, wenn du gerade mal nicht fühlst?
    Oder bist du nicht, wenn du gerade mal nicht denkst?

    Du bist selbst dann,
    wenn du nicht bewusst bist oder dir
    der Bewusstheit gerade nicht bewusst bist – oder?

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    Axel: „Ich fühle, also bin ich bewusst.“

    So allgemein formuliert: Nein.
    Es kommt darauf an…

    Wenn dir eine Freundin (wie mir passiert) eine Flasche Wasser (gemessen: 1,5kg) auf den großen Zeh fallen lässt, bist du hellwach – im Moment.

    Empfindung korreliert nicht zwangsläufig mit Bewusstheit.

    🌾

    Axel: „Das, so Solms, sei empirisch belegt“

    Dass etwas „empirisch belegt“ ist, sagt noch nichts aus.

    Empirie ist kein Wahrheitsgarant,
    sondern ein Element eines Spiels.

    Ein Spiel erkennt man daran,
    dass es bestimmte Regeln gibt.

    Die Aussage „empirisch belegt“ hat ihren Wert innerhalb eines bestimmten Spiels (hier der Wissenschaft) und ist den Mitspielern vertraut.

    🌾

    Mark Solms: „Es ist nicht möglich, kortikale Prozesse zu haben, die bewusst sind, wenn sie nicht vom Hirnstamm aktiviert werden und die Aktivierung des Hirnstamms ist affektiv. Dies sind zwei unwiderlegbare Tatsachen. Das zeigt uns, dass die grundlegende Form des Bewusstseins Affekte sind, Gefühle, rohe Gefühle.“

    Mark: „Es ist nicht möglich, kortikale Prozesse zu haben …“

    Was immer hier folgt… ist eine Vermutung.

    🌾

    Mark: „Dies sind zwei unwiderlegbare Tatsachen“

    Allenfalls sieht ein „Hellseher“, was unwiderlegbar ist.

    2. Beobachtungen sind noch keine Tatsachen.

    3. Was hier „Tatsache“ genannt wird ist eine Schlussfolgerung ― auf bestimmten Spielregeln basierend.

    🌾

    Mark: „dass die grundlegende Form des Bewusstseins Affekte sind“

    Unsere „Wissenschaft“ ist eine der Affekte und Reaktionen.

    Sie kann hier (z.B. am Gehirn) Reaktionen ausmachen – mehr nicht. Ihre Interpretationen müssen zwangsläufig falsch sein, weil sie ihre selbst gesteckten Regeln nicht erweitern will.

    Das Bewusstsein hat keine „grundlegende Form“.
    ◾ Das Bewusstsein ist Form-los,
    ◾ ist also auch nicht aufgebaut
    ◾ und kennt keine Entwicklung.

    🌾

    Im Folgenden wird nicht zwischen
    ◾ absichtlichem Handeln
    ◾ bewusstem Handeln und
    ◾ dem Bewusstsein
    unterschieden, was ein Antworten im Grunde unmöglich macht.

    Denn Vieles (das Meiste) machen wir absichtlich, aber dennoch nicht bewusst, weil gelernt und eingespielt: Es läuft reibungslos ab.

    Und das Bewusstsein bleibt von all dem völlig unberührt.

    Zu den Stichworten Mehlwürmer/Verdauung: Würden WIR die Verdauung regeln müssen – wir würden in kürzester Zeit umkommen. Allein das:

    Wie lange kannst du in der für den Körper
    aktuell richtigen Weise… bewusst atmen ?

    Was sagt die Uhr? Wie viele Min. lebst du?

    🌾

    Einen schönen Welt-Yoga-Tag am
    Sommer-Sonnen-Wende-Tag
    wünscht dir Nirmalo

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