KI-Revolution in der Musik – Ich duelliere mich mit Suno!

In Summers County, West Virginia, steht eine Statue von John Henry, einem US-amerikanischen Volkshelden, der um 1850 herum gelebt haben soll (die Historizität der Figur ist umstritten). Seine Geschichte ist schnell erzählt: John Henry arbeitet im Tunnelbau für eine neue Eisenbahnstrecke in West Virginia. Seine Aufgabe ist es als „Steel-driving-man“ mit Hilfe schwerer Hämmer und Bolzen Sprenglöcher in die Wand zu treiben. Eine harte körperliche Arbeit, bei der er zu singen pflegt. Eines Tages erklärt man ihm, dass seine Arbeitskraft durch dampfbetriebene Hämmer ersetzt werden solle. John Henry, ebenso selbstbewusst wie muskulös, will seinen Arbeitsplatz jedoch nicht kampflos räumen und fordert die Maschine zum Zweikampf heraus. Wer schafft es, mehr Löcher innerhalb eines Arbeitstages zu bohren? Henry arbeitet zunächst singend in seinem normalen Rhythmus. Das Rennen wird eng, die Puste knapp, so dass er nach einiger Zeit stumm weiterhämmert. Am Ende besiegt er die Maschine unter Einsatz all seiner Kräfte knapp, doch er erliegt noch am selben Abend seiner Erschöpfung und stirbt.

Ich schreibe als kohlenstoffbasierten BI (Bewusste Intelligenz)…

Die Geschichte ist bekannt und schon oft bemüht worden, wenn es um die Verdrängung des Menschen durch Maschinen ging, so wie es dieser Tage durch KI geschieht. Der Prozess ist in vollem Gange. Im November 2022 (ChatGPT) begann es bei der schreibenden Zunft, es folgten Graphiker und Maler und nun, es ist noch kein Jahr her, da hat es die Musikschaffenden erwischt als Suno online ging. Ich werde hier keinen ausgewogenen Aufsatz schreiben, in dem ich die Pros und Contras dieses Prozesses abwäge, so wie ich es noch in der Schule gelernt habe. Nein, das überlasse ich denen, die solche Beiträge von ChatGPT verfassen lassen, der das in wenigen Sekunden ziemlich gut und absolut ausgewogen und neutral (gähn) ausspuckt, und die es dann irgendwo unter ihrem Namen veröffentlichen. Ich bestreite den Wert solcher abwägenden Darstellungen nicht, egal von wem sie stammen, und wer die ewig wiederkehrenden Argumente noch nicht kennt (Arbeitsplätze werden vernichtet aber es entstehen immer auch neue, bla bla bla, usw. usw.), der sollte sie lesen. Nur: Ich muss sowas nicht (mehr) schreiben, ich klopfe ja auch nicht mehr von Hand Sprenglöcher in Wände. Ich schreibe hier so, wie es einer kohlenstoffbasierten BI (Bewusste Intelligenz) entspricht und wie es ChatGPT und andere LLMs (noch) nicht besonders gut simulieren können: persönlich, polemisch, launisch, sprunghaft, pathetisch – mit einem Wort: subjektiv. Denn eines, so weit lehne ich mich hier einmal aus dem Fenster, habe ich ChatGPT (noch?) voraus: Ich bin ein Subjekt, er nicht (Ja, fragen Sie ihn ruhig mal, ob er eines ist!).

… und als Songwriter

Ich schreibe als Betroffener, denn ich bin selbst Musikschaffender – weder professionell noch besonders erfolgreich, dafür aber emotional umso engagierter. Musik gehörte immer zu den wichtigsten Dingen in meinem Leben und wenn Nietzsche schrieb, ohne Musik sei das Leben ein Irrtum, so kann ich dem nur aus vollem Herzen zustimmen. Wie in anderen Bereichen kann man auch die Musiker grob in zwei Gruppen einteilen: Praktiker und Theoretiker. Praktiker sehen sich meist mehr als Instrumentalisten, spielen gerne Stücke nach, erfreuen sich an Partituren und deren Interpretation und haben im Idealfall einen Hang zum Perfektionismus. Die Theoretiker unter den Musikern fühlen sich eher als Komponisten, sie versuchen Erlebtes (meist Emotionen) in Musik zu übersetzen und dadurch für den Zuhörer erfahrbar zu machen. Sie suchen die perfekte Melodie, den ultimativen Song und glauben, dass Musik mehr ist, als eine Anhäufung von Tönen. Beide Gruppen sind für die Musik gleich wichtig und die Übergänge sind wie so oft fliesend. Ich persönlich gehöre eindeutig zur zweiten Gruppe. Für mich ist Emotion die Seele der Musik und ich dachte bisher, dass die Simulationsschleifen der KI noch lange damit überfordert sein würden, Emotionen zu imitieren. So dachte ich, bis ich meinen ersten Song auf Suno generierte. Aber der Reihe nach.

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“
Friedrich Nietzsche

Beginnen wir mit einer simplen Tatsache. Gut achtzig Prozent aller Musik wurde komponiert, weil Männer an Frauen dachten oder sie beeindrucken wollten. Nein, bitte jetzt kein Faktencheckgeschwätz, denn es gibt Dinge, die weiß man einfach aus Erfahrung, auch wenn man in keinem einzigen Fall damit erfolgreich war. Und für alle, die jetzt Schnappatmung bekommen haben: Der nun folgende Gedankengang würde genauso funktionieren, wenn es umgekehrt oder ganz anders wäre (also rein hypothetisch 😉). Entscheidend ist allein der Gedanke, dass Musik der Welt durch den Komponisten geschenkt wird.

Viele Songs entstanden auf magische Art

Um den Entstehungsprozess von Songs ranken sich Mythen. Man denke an Paul McCartney, der aus dem Mittagschlaf erwachte und mal eben Yesterday aufs Klavier zauberte. Er selbst dachte zuerst, da sei irgendein bekannter Klassiker in ihm hochgeschwappt, bis sich herausstellte, dass es die Melodie noch gar nicht gab. Oder an Stairway To Heaven, bei dem die Griffhand angeblich von einer satanischen Eingebung über das Griffbrett der Gitarre geleitet wurde.

Hier ist meine Geschichte: Es klingt wie ein schlechter Romananfang, aber es passierte tatsächlich in einer schwülen Augustnacht am Mittelmeer. Nach einem Korb nahm ich meine Gitarre zur Hand, auf der ich seit Jahren kaum gespielt hatte, klimperte herum und hatte innerhalb weniger Augenblicke eine Melodie. Ein Hauch von Paul McCartney – man nennt so etwas wohl eine Eingebung und genau so fühlte es sich an. Wie gesagt, innerhalb weniger Minuten, nachdem ich meine Gitarre mehrere Jahre lang nicht mehr angefasst hatte, erhielt ich die Melodie, die später die Strophe des Songs Lost In Love bilden sollte. Ich bekam sie in einem magischen Moment geschenkt (oder für Erbsenzähler: in einem Moment, der sich magisch anfühlte). Ich erinnere mich nicht mehr, ob mir die Melodie des Refrains am selben Abend kam oder an einem späteren, aber das Erlebnis war ähnlich. Dass die zweite Melodie viel prägnanter war und daher am Ende den Refrain bilden sollte, wurde mir erst nach und nach klar. Es war, als ob ich zwei Geschenke erhalten hätte, mit denen umzugehen ich erst einmal lernen musste. Deshalb dauerte es auch noch, bis ich ein Produkt hatte. Ich musste die Teile richtig zusammensetzen, um einen Song zu erhalten, der eigentlich schon da war, so wie ein Puzzle schon existiert, bevor es zusammengesetzt ist. Die Produktion der Demo- und Studioversion beschäftigten mich schließlich über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, was auch deshalb so lange ging, weil ich damit keine Erfahrung hatte. Das Endprodukt möge jeder selbst beurteilen. Für mich war dieser Prozess ein einschneidendes Erlebnis, das bei mir das Gefühl hinterließ, etwas in die Welt gebracht, etwas den Weg geebnet zu haben, etwas das die Welt hoffentlich ein bisschen schöner macht. Aber bevor wir jetzt die Taschentücher rausholen: Das ganze hat auch eine identitätsstiftende Wirkung. Hätte mir damals jemand die philosophische Frage gestellt: Wer bist du?, hätte ich wahrscheinlich gesagt: Einer der zwei kleine Melodien geschenkt bekam und sich damit aufmachte, einen Song zu produzieren.

Der Beweis: 0% KI

Suno – weder Blut, noch Schweiß, noch Tränen

In diese Gefühllage hinein platzte nun, ein gutes Jahr später, Suno. Natürlich war ich neugierig und gab einen meiner Songtexte (0% ChatGPT) ein, dazu ein paar Angaben zu Instrumenten, Stil und Stimmung und drückte auf „create“. Drei Minuten später hatte ich ein Ergebnis. Nicht einen Song, sondern natürlich gleich zwei. Beide: unglaublich, natürlich klingend, musikalisch differenziert, toll arrangiert, perfekt gesungen. Mindblowing. Und würdelos. Einen Song schreiben, kreativ zu sein, das bedeutet ab jetzt auf „create“ zu klicken, drei Minuten zu warten und sich dann das bessere Ergebnis auszusuchen. Man möchte lachen und weinen zugleich. Es wird keine Mythen mehr geben, die sich um Songs ranken. Gute Songs gibt es ab jetzt als Fastfood, von der Stange. Es ist, als würde McDonalds plötzlich Drei-Sterne-Essen servieren und gleichzeitig die Preise senken. Songs ohne Mythos, ohne Geschichte, ohne durchwachte Nächte, ohne blutig gespielte Finger, ohne Leidenschaft, Tränen, Schweiß und Blut, ja, ohne Anstrengung. Wir werden ersticken in einer Flut guter Songs, wir werden hinweggefegt werden von einem Tsunami aus Tönen aus dem digitalen Off, die klingen, als habe jemand etwas gefühlt, gelitten, gehofft, genossen, gespürt oder erfahren und als habe er sich angestrengt, es in Musik zu gießen. Die Anzahl der KI-generierten Songs wird schon bald die der komponierten Songs übersteigen. Wahrscheinlich ist das sogar schon passiert. Und wir werden in einem Meer digital geheuchelter Emotionen ertrinken, die die allermeisten Menschen nicht mehr von echten Emotionen werden unterscheiden können und es wahrscheinlich auch gar nicht wollen, weil es sie nicht interessiert.

„Mindblowing. Und würdelos. Man möchte Lachen und Weinen zugleich. Es wird keine Mythen mehr geben, die sich um Songs ranken.“
Axel Stöcker

Aber die Art wie man Musik produziert, hat sich doch immer schon verändert, höre ich die ersten (Chat-GPT-generierten?) Einwände durch das Netz blöken. Zwei Euro ins Phrasenschwein! Nein, sorry, dieses Mal ist es anders. Vom ersten Schilfrohr, auf dem Steinzeitmenschen herumbliesen, über Pythagoras‘ Monochord, die Geige, das Klavier, den Synthesizer und den Drumcomputer bis hin zur DAW auf dem heimischen PC – immer musste sich jemand etwas ausdenken, eine Eingebung haben oder wenigsten etwas plagiieren, um irgendetwas herzustellen, das wenigstens entfernt nach Musik klang. Ein paar Töne, ein paar Zeilen – ohne das ging es nicht, zumindest das musste sich jeder aus dem Hirn winden, wenn er sich Musiker, Komponist oder Songschreiber schimpfen wollte. Das ist vorbei! „Schau her, ich hab ein Lied für dich geschrieben, weil ich mich in dich verliebt habe!“ „Oh, cool. Wann hast du es gemacht? In der Kaffeepause? Zeig mir doch das andere auch.“ Das ist die Zukunft der Kunst des Komponierens.

Ich gehe auch in den Tod …

Was also tun? Ich weiß, dass es nie wieder so werden wird, wir vor Suno. Deshalb stelle ich mich! Obwohl oder gerade weil ich um das Schicksal von John Henry weiß. Ich fordere Suno zum Zweikampf! Ich werde Suno den Text von Lost In Love geben und alle Angaben zur Instrumentierung und zum Stil und dann den besten Song heraussuchen, den er mir liefert – und veröffentlichen. Noch habe ich es nicht über mich gebracht. Noch fühle ich mich so, wie John Henry sich in der Nacht vor dem Zweikampf gefühlt haben muss. Ich ahne, wie es ausgeht, so wie John Henry es geahnt haben muss. Wäre er nicht gestorben, hätte er vielleicht die Maschine bedienen dürfen? Werde ich es tun, wenn ich unterliege? Noch ist es nicht so weit. Sie, meine Leser und Hörer werden entscheiden, welcher Song der bessere ist, der Eineinhalb-Jahre-Song mit Geschichte oder der Drei-Minuten-Song aus der Simulationsschleife. Ich bin bereit, als Songschreiber in den Tod zu gehen! Auf bald.

Dieser Song tritt gegen Suno an!

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Beitragsbild: ChatGPT

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Axel Stöcker

Axel Stöcker studierte Mathematik und Chemie. Seit 2016 bloggt er zu den „großen Fragen“ der Wissenschaft und des Lebens im Allgemeinen und war damit schon mehrfach für den Wissen-schaftsblog des Jahres nominiert (https://die-grossen-fragen.com/). Einen Schwerpunkt bilden dabei die Themen Bewusstsein und freier Wille. Dazu interviewt er auf dem YouTube-Kanal „Zoomposium“ zusammen mit Dirk Boucsein bekannte Hirnforscher wie Wolf Singer oder Gerhard Roth. Seine Gedanken zu diesem Thema hat der „Skeptiker mit Hang zur Romantik“ nun in dem Roman „Balduins Welträtsel“ verarbeitet.

Ein Gedanke zu “KI-Revolution in der Musik – Ich duelliere mich mit Suno!”

  1. Lieber Axel,

    ich habe Deinen Essay mit großem Interesse und Freude gelesen und wollte es mir natürlich nicht nehmen lassen, Dir ein paar Worte oder Zeilen im Kommentarbereich zu hinterlassen.

    Zunächst einmal ein großes Kompliment zu dem Text aber auch zu der Musik aus Deiner Hand. Ich habe beides mit großem Vergnügen gelesen und gehört. Die remasterte Version von Deiner Komposition „Lost In Love“ mit der Klavierbegleitung hört sich (nach meinem nicht wirklich fachkundigen Ohr) hervorragend an.

    Du hattest leider Deinen „Gespieler“, Mr. Suno, noch nicht die Gelegenheit gegeben zu Gehör zu kommen, da ich bisher noch keinen entsprechenden Link finden konnte. Aber vielleicht wird das „Duell“ noch später ausgetragen.

    Ich hatte allerdings auch schon mal aus Interesse in die „Meisterwerke“ des „Suno-Ringers“ reingehört, um mir die Wartezeit zu verkürzen. Ich habe versucht dem jungen „Nachwuchs-Künstler Suno“ wirklich unvoreingenommen gegenüber zu treten und wohlwollend „objektiv“ reingehört. Aber sorry, ich weiß nicht ob das bereits ein Ergebnis einer Voreingenommenheit ist, aber ich habe nicht wirklich hörenswerte Stücke gefunden.

    Ich finde, dass die verschiedenen Genres (ich wusste gar nicht, dass es so viele gibt) wirklich nach meinem Gehör charakteristisch klingen. Allerdings das Fehlen eines Charakters des Musikers meine ich auch heraus zu hören. Das klingt zwar alles sehr nett, aber auch beliebig. Wie Du schon geschrieben hattest: „Gute Songs gibt es ab jetzt als Fastfood, von der Stange. Es ist, als würde McDonalds plötzlich Drei-Sterne-Essen servieren und gleichzeitig die Preise senken.“ Bei dem „Fastfood“ à la McDonalds gehe ich bei dem Gehörten mit. „Drei-Sterne“ oder gar „Grammys“ wären die Stücke nicht wert gewesen.

    Über allem schwebt irrgendwie die Beliebigkeit. Selbst ein schlecht gespieltes Stück wäre noch hörenswerter, weil da etwas passiert. Klingt für mich echt so, wie es eben ist „aus der Retorte“. Man könnte einwänden, dass dies die deutlichen Zeichen von „old school“ sind. Na von mir aus, dann höre ich mir lieber eine alte Schallplatte von „ZZ Top“ (aber nur bis zu den Alben von 1980) an. Erfreue mich an dem dreckigen Südstaatenblues, der versoffenen Stimme, der knarzenden Gitarren und dem nostalgischen Knacken der Schallplatten-Nadel.

    Ich weiß daher eigentlich schon, wie Dein „Duell“ mit der „KI“ ausgehen wird, 10:0 für Axel. Interessant wäre allerdings im Sinne Poppers noch ein „Blindhearing“, wo man vorher nicht weiß ob „BI“ oder „KI“. Vielleicht können wir mal einen Test machen.

    Dann bis Donnerstag und
    liebe Grüße
    Dirk

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