Götter und Teekannen

Ein Beitrag zur Diskussion um die Beweislast in der Gottesfrage

Gott_Teekanne

Gott und unsichtbare Teekanne (zur besseren Kenntlichkeit beide sichtbar dargestellt)

Mein letzter Beitrag über vermeintliche Wahrscheinlichkeitsberechnungen von Atheisten zur Existenz Gottes hat, gemessen an der bisherigen Resonanz auf diesen noch relativ jungen Blog, ziemliche Wellen in den sozialen Netzwerken geschlagen. Stellvertretend für viele, hier einer der schillerndsten Kommentare:

„Die hunderttausendste Beweislastumkehr, rhetorisch mal wieder geschicktest versteckt wie sonst nur von Pfaffen (…) Spart euch alle Rede, dieser Nekrophile beweist sich noch vermittels schimmelnder Leichenberge das Leben.“

Stilistische höre ich da Anklänge an Nietzsche, womit ich das Kompliment der rhetorischen Geschicklichkeit gerne erwidere. Inhaltlich ist die Kritik freilich ein Eigentor, denn die Quintessenz meines Artikels lässt sich wie folgt zusammenfassen: Wer behauptet, es existiere eine Wahrscheinlichkeit für etwas, muss diese Behauptung belegen und trägt damit die Beweislast. Dass es sich bei diesem „etwas“ um die „Existenz Gottes“ handelt, ist in diesem Fall nicht von Belang, weil die Frage nach der Existenz Gottes in dem Beitrag gar nicht diskutiert wurde. Es handelt sich also nicht um eine „Beweislastumkehr“, sondern vielmehr um eine konsequente Anwendung des Beweislastprinzips. Insofern: Thema verfehlt, setzen!

Allerdings ist das Thema Beweislast bei der ebenso schlichten wie uferlosen Frage „Existiert Gott?“  ein echter Dauerbrenner, über den ich ohnehin einmal schreiben wollte. Packen wir also die Gelegenheit beim Schopfe.

Das Beweislastargument lautet wie folgt: Wer die Existenz von etwas behauptet, trägt die Beweislast und nicht derjenige, der die Existenz von etwas in Zweifel zieht. Denn, so die Begründung, es könne sonst jeder die Existenz von beliebigen Dingen wie unsichtbaren Feen, lebenden Gummibärchen in Mondkratern oder dem Osterhasen behaupten und sich im Recht wähnen, so lange ihm niemand das Gegenteil beweist.

Das Ganze ist also fast banal, denn niemand, der an einer rationalen Diskussion interessiert ist, wird dieses Argument anzweifeln. Man bräuchte also kein weiteres Wort darüber verlieren, würden aus dem Beweislastprinzip nicht oft falsche oder zumindest voreilige Schlüsse gezogen.

Fliegende Teekannen und Spaghettilogik

Zunächst aber nochmals zu dem Prinzip selbst. Eine bekannte Version desselben im Zusammenhang mit der Gottesfrage ist die Parabel von der himmlischen Teekanne des britischen Philosophen und Literaturnobelpreisträgers Bertrand Russel (1872-1970):

„Viele strenggläubige Menschen reden so, als wäre es die Aufgabe der Skeptiker, überkommene Dogmen zu widerlegen, und nicht die der Dogmatiker, sie zu beweisen. Das ist natürlich ein Fehler. Würde ich die Ansicht äußern, dass eine Teekanne aus Porzellan um die Sonne kreist, so könnte niemand diese Behauptung widerlegen, vorausgesetzt ich füge ausdrücklich hinzu, die Teekanne sei so klein, dass man sie selbst mit unseren stärksten Teleskopen nicht sehen könne. Würde ich dann aber behaupten, weil man meine Behauptung nicht widerlegen könne, sei es eine unerträgliche Überheblichkeit der menschlichen Vernunft, daran zu zweifeln, so würde man mit Recht sagen, dass ich Unsinn rede.“[i]

Unter den Atheisten, die es etwas einfacher lieben, genießt diese Parabel geradezu Kultstatus und es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass sie auch in der Atheistenbibel Der Gotteswahn von Richard Dawkins breiten Raum einnimmt.

Natürlich wäre es Unsinn eine Widerlegung für diese Teekanne zu verlangen. Allerdings kenne ich auch niemanden, der behauptet es sei „eine unerträgliche Überheblichkeit der menschlichen Vernunft“ an der Existenz Gottes zu „zweifeln“. Das mag zu Zeiten Russels, als die Kirche noch stärker in der Gesellschaft verankert und der Glaube noch mehr common sense war, anders gewesen sein. Heutzutage muss sich zumindest in Mitteleuropa niemand mehr für Zweifel an Gott rechtfertigen und schon gar nicht gilt er deshalb als „unvernünftig“. Insofern stößt das Argument in der heutigen Zeit weitgehend ins Leere. Es erinnert mich ein wenig politische Diskussionen, bei denen dem Gegner etwas unterstellt wird, was er nie gesagt hat, um es dann genüsslich auseinanderzunehmen.

FSM

Das Fliegende Spaghettimonster (FSM)

Eine andere, quasireligiöse Huldigung des Beweislastprinzips stellt die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters dar. Besonders für Freunde des schlichteren Humors eine unterhaltsame Kirchenparodie (siehe z. B. hier), die sich in erster Linie gegen „evangelikales Denken und Kreationismus“ richtet, aber natürlich alle Religionen, mit denen man „absolute Gleichberechtigung“ auf „unserem Niveau“ anstrebt, auf die Schippe nehmen will. Nach dem Motto: Glauben Sie etwa nicht an das Fliegende Spaghettimonster? Na, dann beweisen Sie mir mal, dass es nicht existiert!

Die unausgesprochene Botschaft dahinter lautet natürlich: Wir glauben an etwas, das es nicht gibt. Daraus folgt: Das woran ihr glaubt, gibt es auch nicht. Eines der Ziele der Kirche ist übrigens die „Förderung wissenschaftlicher Weltanschauungen“, wozu sie offensichtlich auch eine eigene Art von Spaghettilogik zählt.

Causa „Gott“ – die Anklage lautet: Existenz

Am Beweislastargument ist nichts auszusetzen. Und wer bei der Diskussion mit Gläubigen zum x-ten Mal mit dem Satz „Beweis mir doch das Gegenteil“ konfrontiert wird, kann auch zu Recht darauf verweisen.

Das Problem dabei ist ein anderes. Es hat sich inzwischen selbst zu einem Pseudototschlagargument entwickelt, weil diejenigen, die es ständig im Munde führen, eine einfache Tatsache übersehen: Die Feststellung der Beweislast sagt wenig bis nichts über den Verlauf und den Ausgang des Prozesses aus.

Um im juristischen Bild zu bleiben: Nehmen wir an, Gott stünde vor Gericht. Der Staatsanwalt M. Matussek ist gläubig (Klar, werden die Atheisten sagen, das liegt an der fehlenden Entflechtung von Staat und Kirche) und klagt deshalb an: Gott habe sich der Existenz schuldig gemacht[ii]. „Einspruch Euer Ehren!“ meldet sich der Verteidiger P. Möller, ein Atheist aus tiefstem Herzen, zu Wort, den seine Rolle in diesem Prozess ebenso befremdet, wie Matussek die seine. Auch für seinen Mandanten gelte, wie für alle anderen, die Unschuldsvermutung, trägt er vor, da solle der Herr Staatsanwalt doch bitte mal belastendes Material vorlegen. Daraufhin beginnt der Richter mit der Beweisaufnahme und Matussek muss einräumen, dass weder ein Geständnis vorliegt, noch der Angeklagte in flagranti erwischt wurde. Daraufhin wendet sich der Richter an Möller, der schon dabei ist, seine Hand zum Siegeszeichen emporzurecken und fragt ihn, ob sein Mandant ein Alibi habe, was dieser mit herunterhängenden Mundwinkeln verneint.

„Da keine der beiden Seiten Beweise vorlegen kann“, entscheidet der vorsitzende Richter, „wird die Sitzung vertagt! Beide Seiten sind aufgefordert bis zum nächsten Termin Indizien für ihre Version beizubringen. Die Sitzung ist geschlossen.“

Das ist die aktuelle Situation. Wir befinden uns in einem Indizienprozess. Hier kann man vorgebrachte Indizien bewerten. Man kann ein einzelnes Indiz aber nicht mit dem Argument zurückweisen, das Indiz sei kein Beweis und da die Gegenseite die Beweislast trage, sei das Indiz ungültig. Ein beliebtes Argumentationsmuster vieler Atheisten.

In einem Indizienprozess spielt die Beweislast während der Beweisaufnahme keine Rolle. Sie kommt erst wieder ins Spiel, wenn alle Indizien zusammen abschließend bewertet werden. Dann kann es heißen in dubio pro reo. Aber so weit sind wir noch nicht. Und selbst wenn die Verteidigung siegt, bleibt es immer noch in dubio.

 

[i] Zitiert nach R. Dawkins, Der Gotteswahn, ullstein 2008., S. 74

[ii] Übrigens ein Recht tiefsinniger Zusammenhang, der sich hier eher zufällig ergeben hat: Existenz macht schuldig. Würde aber an dieser Stelle zu weit führen.

Abbildungen: Screeshots youtube
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Ein Kommentar zu “Götter und Teekannen

  1. Das fliegende Spagettimonster wäre unter Umständen falsifizierbar. Es verfügt über eine beschreibbare Morphologie und über ihm eigene , kategorisierende Eigenschaften. Morphologie: Spagetti + Monster. Eigenschaften: Fliegend + Monster sein. Jetzt könnte man fragen, wo so ein materielles Wesen ( besteht aus Spagetti) existieren kann. Mal abgesehen, das es ein Joke ist, wird an dieser Stelle klar, das das weder eine Konkurrenz, noch ernst zunehmende Persiflage auf ein verbürgtes Gottesbild sein kann. Das Gottesbild der Bibel war schon den polytheistischen Götterbildern der Antike überlegen. Da muss man sich nicht mit einem postmodernen Spagettimonster auseinandersetzen.

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