Warum Schönheit biologisch nicht erschöpfend erklärt werden kann

„Die biologischen Gesetze allein haben keine Finger, die fein genug sind, um die Schönheit eines Gesichts zu modellieren.“ (Nicolás Gómez Dávila)
Foto: Mareike Dittrich Fotografie

Schönheit galt lange als Geschenk der Götter. Vielleicht ist sie das auch. Aber selbst, wenn nicht: Wenn wir mal von Smartphones und Netflix-Abos absehen, ist nichts so begehrt wie Schönheit. In der heutigen Zeit zeigt sich das, wie kaum anders zu erwarten, am seit Jahren boomenden Markt der Schönheitsindustrie.

Aber was ist Schönheit überhaupt? Lässt sie sich klar definieren, wissenschaftlich erfassen oder gar messen? Und wie und warum entsteht sie?

Glaubt man populärwissenschaftlichen Organen wie Spektrum der Wissenschaft, so ist das alles geklärt. Jedenfalls weitgehend. Man hat sie, die Schönheitsformel. Da liest man dann „Die Schönheit ist durchschnittlich“ und andere erhebende Sätze.

Die wissenschaftlichen Erklärungsversuche für Schönheit lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Die mathematische und die biologische. Auch wenn die beiden nicht vollständig voneinander zu trennen sind, will ich mich in diesem Artikel auf den biologischen Ansatz konzentrieren. Der mathematische kommt dann im nächsten Beitrag.

Schönheit als Selektionsvorteil

Getreu dem Credo des berühmten Biologen Theodosius Dobzhansky Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution“, müssen wir auch bei der Erklärung der Schönheit einen Blick auf die menschliche Entwicklungsgeschichte werfen. Und hier wird schnell klar: Schönheit signalisiert Gesundheit und damit Fortpflanzungsfähigkeit.

Das bedeutet zweierlei. Erstens: Schöne Individuen haben eine höhere Fortpflanzungswahrscheinlichkeit, weil sie leichter Sexualpartner finden. Und zweitens: Auch die Individuen, die in der Lage sind, Schönheit besser zu erkennen, haben eine höhere Fortpflanzungswahrscheinlichkeit, weil sie die gesünderen und damit fruchtbareren Sexualpartner auszuwählen können. Es gibt also einen evolutionären Grund sowohl für das „schön sein“, als auch für das Erkennen von Schönheit, wobei sich natürlich beides gegenseitig bedingt. Beides erhöht die Wahrscheinlichkeit für die Weitergabe der eigenen Gene und stellt damit einen Selektionsvorteil dar.

Schönheit im Sinne von Fortpflanzungsfähigkeit wird durch bestimmte Merkmale signalisiert, die beim potenziellen Partner als Schlüsselreize wirken. Dazu gehören zum Beispiel eine glatte Haut oder bestimmte Körperproportionen, die sich im Laufe der Evolution als vorteilhaft für die Fortpflanzung erwiesen haben.

Ist Schönheit mehr als sexuelle Anziehungskraft?

So weit, so einfach. Für Biologen ist die Sache damit gegessen. Doch vielleicht sollte man sich in Colombo-Manier noch einmal umdrehen und sagen: Eine Frage hätte ich da noch! Glatte Haut und bestimmte Proportionen hat auch ein Pavianhintern. Ich kann mir auch noch irgendwie vorstellen, dass dieser als Schlüsselreiz für die Fortpflanzung fungiert und von einem brunftigen Pavianmännchen in gewisser Weise als „schön“ empfunden wird.

Aber wie ist es mit der Schönheit eines menschlichen Gesichts? Soll ich jetzt glauben, dass es sich dabei letztlich um dasselbe Phänomen handelt, wie beim Pavianhintern, nur vielleicht ein bisschen ausdifferenzierter? Lässt sich die Schönheit eines menschlichen Gesichts durch Reproduktionsschlüsselreize erklären, die nur vielleicht etwas subtiler sind? Bin ich irgendwie seltsam, wenn ich im Anblick eines Frauengesichts schwelge und dabei keinerlei Gedanken an irgendwelche Reproduktionshandlungen habe? Oder, anders herum gefragt: Ist diese Art von Schönheit, die ich da wahrnehme, für die Reproduktion einer Spezies nicht überflüssig oder vielleicht sogar hinderlich? Würden ein paar knackige Schlüsselreize die Erhaltung der Art nicht viel besser sichern?

Kurzum: Lässt sich das Phänomen Schönheit wirklich auf seine biologische Funktion reduzieren bzw. erschöpfend durch sie erklären?

Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila meinte: Nein! und formulierte in seiner unnachahmlich dichten Art:

„Die biologischen Gesetze allein haben keine Finger, die fein genug sind, um die Schönheit eines Gesichts zu modellieren.“

Ich glaube, er hat recht und möchte versuchen zu erklären, warum.

Schönheit ist nicht gleich Schönheit

Ich denke, wenn man den Begriff Schönheit biologisch zu erklären versucht, dann hat man ihn schon stillschweigend umdefiniert. Es verhält sich damit ein wenig wie mit dem Zeitbegriff in der Relativitätstheorie. Einstein stellte sich auf den Standpunkt, Zeit sei das „was die Uhr misst“. Das ist nicht falsch und der Erfolg gibt Einstein ja auch in gewisser Weise recht, aber es ist eben nicht derselbe Zeitbegriff, den wir im Alltag benutzen. Der ist vielschichtiger und enthält zum Beispiel das Empfinden, dass Zeit etwas ist, das von der Vergangenheit in die Zukunft fließt und damit vergeht. Ein Aspekt, der in der Relativitätstheorie gar nicht auftaucht und der einer der Gründe ist, warum diese Theorie so schwer zu verstehen ist.

Und so ist es auch mit dem Begriff der Schönheit. Alle biologischen Erklärungsversuche setzen Schönheit mit sexueller Anziehungskraft gleich. Meist ohne das zu thematisieren. Auch das muss nicht falsch sein. Dass menschlicher Schönheit immer auch eine erotische Komponente innewohnt, scheint nicht allzu weit hergeholt. Aber ist damit schon alles gesagt?

Wie so oft in der Wissenschaft handeln in diesem Fall die Biologen wie der Handwerker, der nur über einen Hammer und eine Beißzange verfügt – er wird bei jedem Problem überzeugt davon sein, es mit einem Nagel zu tun zu haben.

Die Frage, was Schönheit jenseits sexueller Anziehungskraft überhaupt sein könnte, liegt in einer Zeit, die dem Vulgären zuneigt, nicht für jedermann auf der Hand. Dabei gibt es ein eigenes Wort für diese Dimension der Schönheit, das im deutschen sogar schöner klingt als in anderen Sprachen (was ja nicht immer der Fall ist): die Anmut.

Der Anmut eine Gasse

„Anmut geht über Schönheit“, sagt ein jüdisches Sprichwort. Aber das Wort ist aus der Mode gekommen. Wikipedia schreibt:
„Theorien der Anmut werden seit dem 19. Jahrhundert selten (…). Hier ist wohl der enge Zusammenhang des Begriffs mit dem des Naturschönen maßgeblich, der in der Moderne ebenfalls als antiquiert empfunden wird.“

Man hätte es ahnen können.

Aber was genau ist Anmut? Wenn die Schönheit eine Person wäre, dann wäre die sexuelle Attraktivität ihr Körper und die Anmut ihre Seele.

Nun ist Seele selbst ein aus der Mode gekommener Begriff. Daher ein weniger poetischer Versuch: Anmut ist so etwas wie die Ausstrahlung der Schönheit und wird oft erst sichtbar, wenn eine anmutige Person sich bewegt. Ballett zum Beispiel sei „auf die Spitze getriebene Anmut“, wie der deutsche Aphoristiker Erwin Koch formuliert.

Andererseits erkennt man Anmut auch schon auf manchen Fotos, Bildern oder beim Anblick von Statuen (zum Beispiel von Madonnen). Alles Objekte, die sich nicht bewegen.

Anmut ist also ein schwer fassbares Phänomen, so wie beispielsweise auch Jazz. Beide existieren, aber sie sind nur sehr schwer zu beschreiben. Und trotzdem erkennt man sie sofort, wenn man ihnen begegnet. Wobei man einschränkend sagen muss, dass es wohl auch bei der Anmut Menschen gibt, die dafür unmusikalisch sind. Daher gilt für die Anmut dasselbe, was Lois Armstrong über Jazz gesagt hat: Wenn du erst fragen musst, wirst du es nie verstehen.

Was nun die „Finger“ der biologischen Gesetze angeht, so stellt sich die Frage, ob die Anmut durch sie hindurchrinnt oder ob diese Finger doch in der Lage sind, sie zu greifen und „im Licht der Evolution“ zu erklären.

Das könnte schwierig werden, denn Anmut stellt sich der sexuellen Anziehung eher entgegen. „Vor der Anmut und Reinheit wahrer Schönheit senkt der Betrachter den Blick, ohne ihn abwenden zu können“, schreibt Ekkehart Mittelberg. Und schon Schiller wusste: „Wahre Schönheit, wahre Anmut soll niemals Begierde erregen.“

Anmut evoziert beim Betrachter eben gerade kein sexuelles Verlangen, sondern eher eine distanzierte Verehrung. Wie das die Weitergabe der eigenen Gene begünstigen soll, bleibt erst einmal rätselhaft.

Ad-hoc-Erklärungen der Evolutionspsychologie

Aber natürlich gibt es immer irgendwelche Schlaumeier, die auch das erklären können oder es zumindest glauben. Sie könnten zum Beispiel argumentieren, die durch Anmut geschaffene Distanz vergrößere im Grunde nur das Verlangen und begünstige daher letztlich doch den für die biologische Erklärung so entscheidenden Coitus. Oder sie könnten sagen, Anmut fördere ein biologisch sinnvolles Schutzverhalten zwischen Partnern.

Könnte alles sein. Aber eben auch nicht. Das ist die Crux der Evolutionstheorie: Sie sagt nichts voraus, sondern kann immer nur die Entstehung dessen, was man vorfindet, im Nachhinein erklären. Was bei den Genen und den durch sie bedingten Phänotypen noch wissenschaftlich fundiert ist, führt bei psychologischen Phänomenen schnell in die völlige Beliebigkeit. In diesem Bereich kann man mit Argumenten aus der Evolution tatsächlich alles begründen und das Gegenteil davon. Mit Wissenschaft hat das nur in den wenigsten Fälle etwas zu tun. Das ist nämlich nur dann der Fall, wenn solche Aussagen durch empirische Untersuchungen untermauert werden.

Gestandene Wissenschaftler wie der langjährige Herausgeber der weltweit meistzitierten Wissenschaftszeitschrift Nature, John Maddox, äußern sich daher schon mal wie folgt über die Evolutionspsychologie:

„Plausibilität statt Beweiskraft scheint zum Kriterium dessen geworden zu sein, was eine Erklärung ausmacht (…) den Spekulationen der Evolutionspsychologie fehlt es so offensichtlich an einer empirischen Grundlage, dass sie dem Ansehen der Wissenschaft schadet.“[i]

Was die Anmut und das wahre Wesen der Schönheit betrifft, so warten wir noch auf die erste empirische Studie zum Thema. Biologische Erklärungen sind der Versuch, sie als Nagel zu betrachten, weil man nur Hammer und Beißzange als Werkzeuge zur Verfügung hat. Und so bleibt es dabei:
„Die biologischen Gesetze allein haben keine Finger, die fein genug sind, um die Schönheit eines Gesichts zu modellieren.“

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Anmut versus sexuelle Anziehungskraft
Während bei Alizées Auftritt zum zweitem Song (J’en Ai Marre) die Darstellung sexueller Anziehungskraft überwiegen dürfte, haben wir es bei ihrer Darbietung zum ersten Song (Ella Elle L’a) mit reiner Anmut zu tun. Elle l’a. Sans aucun doute.

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Speziellen Dank an Mareike Dittrich (Fotografin) und Paula (Model) für das wunderschöne Foto.


[i] John Maddox, Was zu entdecken bleibt, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2000, S. 289