Spiegel_Titel_53_2015Werden sie heutzutage überhaupt noch gestellt, die großen Fragen? Der letzte „Spiegel“ des vergangenen Jahres legt die Antwort nahe: Ja! „Vom Himmel hoch – Ist Gott ein Irrtum? Und der Mensch nur ein Zufall?“, ist dort auf dem Titelblatt zu lesen. Wenn das mal keine großen Fragen sind! Auch heute noch werden die Menschen immer wieder auf sie zurückgeworfen, sonst würde der um Auflage kämpfende Spiegel sie kaum als Aufmacher nutzen.

Ein Streitgespräch zwischen dem Astrophysiker Ben Moore, der z. Z. an der Universität Zürich den früheren Lehrstuhl von Albert Einstein innehat, und dem habilitierten Theologen Johann Hinrich Claussen, Autor zahlreicher Bücher, sollte Erhellendes dazu beitragen.
Nun wird niemand von der Lektüre des Spiegels ernsthaft eine Beantwortung dieser Fragen erwarten. Aber vielleicht ein vertieftes Verständnis derselben?
Wenn der Mensch ein zufälliges Zusammentreffen von Molekülen ist, dann sind auch seine Empfindungen nur zufällig Produkte des biologischen Apparates Mensch. So ähnlich äußert sich zumindest der Astrophysiker Moore in seinen Büchern – ungeachtet der Tatsache, dass derlei Fragen nicht in sein Fachgebiet fallen.

SPIEGEL: Und dennoch sagen Sie, Herr Moore, in ihren Büchern, dass alles, was in unserem Gehirn passiert, nur chemische Vorgänge sind. Trifft das auch auf die Liebe zu.

Moore: Ja, natürlich. Eine Nervenzelle ist ein komplexes Gebilde, aber man kann nachvollziehen, wie sie funktioniert. Und Gefühle sind eine molekulare Interaktion, Hormone führen dazu, dass wir uns gut fühlen oder schlecht.

Für dieses Statement hätte der Spiegel nun wahrlich keinen Universitätsprofessor einladen müssen. Da hätte es gereicht irgendjemanden zu fragen, der schon mal ein populärwissenschaftliches Buch über Neurologie gelesen hat. Das einzige, was an Moores Aussage nicht banal ist, ist das mitschwingende „nur“. Hier liegt allerdings der Kern des Problems: Sind Gefühle nichts anders als molekulare Interaktionen oder könnten sie auch noch eine weitere Qualität haben? Auf diese Frage geht Moore aber gar nicht ein.

Claussen scheint daher Recht zu haben, wenn er seinem Gegenüber vorwirft, alles zu „simplifizieren“.

Claussen: …jeder Gedanke ist mit einem materiellen Prozess im Gehirn verbunden, lässt sich aber nicht auf diesen reduzieren.

Moore: Es gibt keinen Beweis dafür, dass noch andere Faktoren im Spiel sind.

Claussen: Die Frage, wie man sich bewusst zu einem Gegenstand verhält … geht doch weit über neurophysiologische Reaktionen hinaus. Wahrscheinlich würde ein Philosoph des Bewusstseins … zwischen Ihnen und mir vermitteln (können).

Moore: Ein Philosoph würde hier auch nichts ausrichten können. Ich spreche von Wissenschaft. Sie sprechen von irgendeinem merkwürdigen Ding, das in unseren Köpfen herumspuken soll und für dessen Existenz ich keinerlei Beweise habe.

Nun hat Moore wohl insofern Recht, als es tatsächlich keinen Beweis für „andere Faktoren“ gibt, die bei Empfindungen im Spiel sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn er verschweigt ein großes Problem, das die Wissenschaft mit dem Bewusstseins hat: Es ist bisher nicht gelungen, subjektive Bewusstseininhalte (wie z. B. Schmerz) aus physiologischen Beobachtungen (wie z. B. Nervenimpulsen) abzuleiten.

Das mag vielleicht wenig glaubhaft klingen. Sind die populärwissenschaftlichen Zeitschriften nicht voll mit Berichten über neue Gehirnscans und was diese über die Gedanken der Versuchsperson aussagen? Das sind sie in der Tat! Doch wie werden diese Ergebnisse ermittelt? Man misst eine Aktivität in einem bestimmten Teil des Gehirns und danach befragt man die Versuchsperson, was sie in diesem Moment empfunden oder gedacht hat, man verlangt also einen introspektiven Bericht von ihr, wie es in der Fachsprache heißt. Wiederholt man dieses Verfahren oft genug, so lassen sich daraus Erfahrungssätze der Art „Wenn im Gehirn das Erregungsmuster X vorliegt, dann hat die Versuchsperson die Empfindung Y“ gewinnen.

Zweifellos interessante Ergebnisse. Nur haben sie mit einer Herleitung oder Erklärung der Empfindung Y herzlich wenig zu tun. Es handelt sich um reine Korrelationen, Erfahrungswerte vom Typ „Wenn die Schwalben tief fliegen, gibt es Regen“. Warum hier ein Zusammenhang besteht und nach welchen Mechanismen er abläuft, bleibt völlig ungeklärt. Was aber ist Wissenschaft, wenn nicht die Aufdeckung solcher Zusammenhänge?

Dass hier eine Erklärungslücke besteht, ist lange bekannt. Der durch seine Experimente zur Willensfreiheit bekannt gewordene US-amerikanische Physiologe Benjamin Libet (1916-2007) beschreibt sie in seinem Buch „Mind Time“ (2005) so:

„Nach der elektrischen Reizung der Hirnrindenregion, die Sinnesinformationen aus dem Körper empfängt, spürt die Versuchsperson keinerlei Empfindungen, die im Gehirn lokalisiert wären. Stattdessen berichtet sie darüber, dass sie etwas in einem Teil ihres Körpers empfindet, wie beispielsweise in der Hand, obwohl sich tatsächlich nichts in der Hand ereignete. Ein äußerer Beobachter hätte keine Möglichkeit, diese subjektive Erfahrung zu beschreiben, ohne die Versuchsperson um einen introspektiven Bericht darüber zu bitten.“

Man kann über das Bewusstsein also nur etwas herausbekommen, indem man das Bewusstsein der Versuchsperson quasi als Messinstrument benutzt. Keine sehr befriedigende Methode. Bekannt ist dieses Problem unter dem Namen Qualiaproblem, wobei Qualia hier soviel bedeutet wie „Phänomene des Bewusstseins“. Der australische Philosoph David Chalmers (*1966) nennt es auch „das schwierige Problem des Bewusstseins (the hard problem of consciousness)“ und stellt es damit den „einfachen“ Problemen gegenüber, bei denen man mit rein physiologischen Erklärungen gewisse Erfolge erzielt, wie z. B. beim Thema Gedächtnis.

Meines Wissens gibt es bisher keinerlei Ansatz, wie man das Qualiaproblem lösen könnte. Das kann man durchaus als Indiz für Claussens Aussage werten: „…jeder Gedanke ist mit einem materiellen Prozess im Gehirn verbunden, lässt sich aber nicht auf diesen reduzieren.“ Es handelt sich aber, wie gesagt, um eine Erklärungslücke und damit mehr um ein wissenschaftliches als ein philosophisches Problem. Fraglich ist daher, ob ein Philosoph zwischen Moore und Claussen hätte vermitteln können, wie von Claussen vorgeschlagen. Es hätte schon genügt, wenn Moore einen Wissenschaftler vom Fach zu Rate gezogen hätte. Zum Beispiel die Hirnforscherin Susan Greenfield (*1950) und ihren Kollegen Christoph Koch. Sie untersuchen an der Universität von Oxford die Hirnmechanismen, die bei bewussten Erlebnissen ablaufen. Mit erfrischender Klarheit schreibt Greenfield:

„Wohlgemerkt wollen weder Christoph Koch noch ich mit unseren Modellen erklären, wie letztlich Bewusstsein entsteht. Was der australische Philosoph David Chalmers als die eigentliche – harte – Frage bezeichnete, klammern wir erst einmal aus: nämlich wie sich physiologische Ereignisse in persönliches Bewusstseinserleben umsetzen. Beide suchen wir nur nach einem Korrelat. (…) Die Nervenensembles schaffen nicht Bewusstsein. Sie zeigen vielmehr Bewusstseinsgrade an.“

So lernen wir also immerhin zweierlei aus dem Spiegel-Streitgespräch: Man sollte Astrophysiker nicht über die Natur des Bewusstseins befragen und die Welt ist wahrscheinlich komplexer, als es die Materialisten wahrhaben wollen.