Der Endzeitexperte

Matthias Kaup, Historiker und Philologematthias

Irgendwann geht alles zu Ende! Was den Planeten Erde angeht, herrscht in diesem Punkt Einigkeit in der Naturwissenschaft: In rund sechs Milliarden Jahren wird sich die Sonne zu einem roten Riesen aufblähen und unseren Planeten verschlucken. Falls es der Menschheit also nicht schon früher gelingt, ihrem eigenen Treiben ein Ende zu setzen, ist es spätestens dann vorbei.

Wenn man so will, hat also auch die Naturwissenschaft ihre Lehre von den letzten Dingen, ihre Eschatologie – nicht sehr inspirierend und hoffnungsgebend, aber dafür liegt das Ende noch sehr weit in der Zukunft. Im Gegensatz dazu ist die klassische Eschatologie des

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Endzeitvisionen damals…

Christentums voller farbiger, kraftvoller Bilder. Und in den Lehren christlicher Sondergruppen findet man auch Eschatologien, die schon sehr bald beginnen sollten. Eines der schillerndsten Exemplare derselben lehrte ein päpstlicher Arrestant 1356, kurz nach dem Schwarzen Tod: Das Ende der Zeiten werde schon bald anbrechen (nämlich 1370), doch dieses Ende werde nicht in einem schnöden Eindampfen der Erde bestehen, sondern im Beginn des tausendjährigen Friedensreiches unter der Herrschaft Jesu Christi, dem sich dann ab 2370 die Entscheidungsschlacht Harmagedon und das Jüngste Gericht anschlössen.

Also eine Endzeit wegen der Wiederkunft eines sehr wandlungsfähigen, ursprünglich nomadisierenden Stammesgottes? Das mag uns modernen Menschen albern vorkommen, doch sollten wir bedenken, dass heutzutage seriöse non-fake-news-Magazine das „Ende der Welt“ schon wegen des überraschenden

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…und heute.

Ausgangs einer demokratischen Wahl ausrufen. Da relativiert sich der postaufklärerische Bildungsdünkel wieder ein wenig.

 

Immerhin zeigt der Spiegel damit, dass das Thema Endzeit auch heute noch irgendwie in ist, weshalb wir froh und stolz sind, an dieser Stelle einen Experten der parascholastischen Eschatologie vorstellen zu dürfen. Matthias Kaup hat im letzten Dezember das einzigartige Handbuch für die letzten 13 Jahre vor dem „Ende“ (Vade mecum in tribulacione) von 1356 neu herausgegeben. Wie jemand, der sich mit so ungewöhnlichen Themen beschäftigt, über die großen Fragen denkt, lesen Sie in unserem Interview. Und wer noch Fragen zur Endzeit an den Experten hat, kann diese gern im Kommentarbereich stellen.

 

Wofür lassen Sie alles stehen und liegen?

Für ein Samstagsmorgenfrühstück im Familienkreis und für die erste Kollation eines neuen Eschatologicum.

Welche Themen interessieren Sie am meisten?

Solche des menschlichen Umgangs mit dem mysterium tremendum et fascinosum, sprich der Religionsgeschichte – ein uferloses Feld, wie jeder Blick in Mircea Eliades Geschichte der religiösen Ideen zeigt. Mein Focus liegt auf dem Christentum; am Rande befasse ich mich auch mit dem Islam. Wissenschaftlich arbeite ich mit eschatologischen Texten des Hoch- und Spätmittelalters; neben der editorischen Arbeit interessiert mich dabei v.a. die Funktion dieser Texte als Zeitkommentar und Zukunftsentwurf.

Welcher Wissenschaftler fasziniert Sie besonders?

Duos pro multis: Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt als Meister des Durch- und Überblicks und der Religions- und Geistesgeschichtler Robert E. Lerner als Meister des Details und der Feder.

Und welcher Philosoph?

Nihil nimis: Ich bevorzuge Aphoristiker wie Klonovsky, Lichtenberg und Nietzsche.

 Welche drei Bücher würden Sie den Lesern des Blogs der großen Fragen empfehlen?

Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert – eine großartige Aufarbeitung eines der klischeebeladensten Themen des Geschichtsbewußtseins.

Egon Flaig, Gegen den Strom. Für eine säkulare Republik Europa – eine brillante, historisch tiefenscharfe Analyse der aktuellen politischen Probleme des Westens.

Ernst Nolte, Historische Existenz – ein grandseigneurales Meisterwerk eines der größten deutschen Historiker.

Welche Musik mögen Sie?

Gregorianik; Mozart, Wagner; Comedian Harmonists, Zarah Leander und Max Raabe; Beatles, Beach Boys, Bryan Ferry und Freddy Mercury. Haec igitur et alia innumerabilia.

Auf welchem Gebiet herrscht heutzutage die größte Unwissenheit?

Sutor, ne ultra crepidam! Grundkenntnisse der Geschichte sind dünn gesät. Von tausend, geschweige denn dreitausend Jahren sich Rechenschaft zu geben, vermag kaum einer. So sind denn auch der politischen Manipulation durch abwegige Geschichtsbilder keine Grenzen gesetzt.

Was macht eine Frage bedeutend?

Necessitati parendum est, also für mich: dass sie mich ergreift und intensiv beschäftigt. Für die Wissenschaft: dass sie den Horizont auf zahlreiche weitere Fragen öffnet.

Eine Fee verspricht Ihnen die Antwort auf eine beliebige Frage. Was fragen Sie?

Wie kann ich meinen Kindern am besten in ihr Leben helfen?

Wo sehen Sie Grenzen menschlicher Erkenntnis?

Die entscheidenden Fragen im Leben sind primär nicht eine Angelegenheit der Erkenntnis, sondern der Erfahrung. Dennoch kann man sich um deren intellektuelle Durchdringung zumindest bemühen, frei nach Anselm von Canterburys fides quaerens intellectum.

Jemand erklärt Ihnen, die Frage nach Gott sei belanglos. Was antworten Sie?

Das Leben ist nicht belanglos, so zumindest meine Erfahrung. Wie kann dann die Frage nach seinem Ursprung, seinem Ziel und dem, was es trägt, belanglos sein? Und selbst wenn die Antwort auf die Frage nach der conditio humana heroische Tragik in einem schweigenden Universum sein sollte, so lohnte es sich mit Josef Ratzinger für die siebzig, achtzig Jahre unserer Lebenszeit so zu handeln, ut Deus daretur (als ob es Gott gäbe).

 Welche Bedeutung hat der Tod für Sie?

Omnia mors aequat. Und er kann das Leben kostbar machen.

 

Dr. Matthias Kaup, Geschichts- und Lateinlehrer, verheiratet, eine Tochter und zwei Söhne, otium cum dignitate: Edition prophetischer Texte des Mittelalters, zuletzt veröffentlicht: John of Rupescissa’s Vade mecum in tribulacione (1356). A Late Medieval Eschatological Manual for the Forthcoming Thirteen Years of Horror and Hardship. Edited by Matthias Kaup (London/New York, 2017).

 

Glossar für Nichtlateiner

Vade mecum in tribulacione: Geh mit mir in der Bedrängnis.
Mysterium tremendum et fascinosum. Das schreckenerregende und entzückende Geheimnis.
Duos pro multis. (Ich wähle) zwei anstelle von vielen.
Nihil nimis. Nichts zu sehr.
Haec igitur et alia innumerabilia. Diese also und zahllose andere.
Sutor, ne ultra crepidam! Schuster, bleib bei Deinem Leisten.
Necessitati parendum est. Der Notwendigkeit ist zu gehorchen.
Fides quaerens intellectum. Der Glaube, der Erkenntnis sucht.
Ut Deus daretur. Als ob es Gott gäbe.
Omnia mors aequat. Der Tod macht alles gleich.
Otium cum dignitate. Muße mit Würde (d.h. Muße durch wissenschaftliche Betätigung).

 

Abbildung Spiegel: Screenshot Youtube.
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