Promis, Presse, Politik

Warum die großen Fragen beim Handwerk der Macht außen vor bleiben sollten

Der ehemalige spanische Regierungschef Mariano Rajoy mit dem bekanntesten deutschsprachigen Blogger von Playa San Juan (Nord)

Welchen Promi würden Sie gerne treffen? Wenn ich wählen könnte, mir fiele auf die Schnelle gar keiner ein. Es muss ja schließlich eine Person sein, die einen wirklich fasziniert und davon gibt es nicht viele.

Das war nicht immer so. Vor einem Vierteljahrhundert hätte ich mir vielleicht spontan ein Sektfrühstück mit Désirée Nosbusch oder Meg Ryan gewünscht. Zugegeben, das ist ein anderes Thema. Aber auch sonst wären mir da einige Leute eingefallen, einschließlich einiger Politiker, was entweder daran liegt, dass es damals noch markantere Persönlichkeiten gab oder daran, dass man als Twen noch glaubt, der Wohlklang von Worten korrespondiere immer auch mit einem entsprechenden Gehalt. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem.

Promibegegnung im Spätsommer

Heute würde ich mich als einigermaßen promiavers bezeichnen und war so völlig unvorbereitet, als ich im Spätsommer dieses Jahres in einem Hotel bei Alicante zufällig auf Mariano Rajoy traf, der noch bis vor kurzem spanischer Ministerpräsident gewesen war. Natürlich fiel mein eben skizziertes, snobistisches Promidesinteresse wie ein Kartenhaus in sich zusammen und ich bat ihn um ein Selfie, nachdem ich bei anderen beobachtet hatte, dass er auf diesen Wunsch bereitwillig entsprach.

Nach dieser Begegnung, zu der ich wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde gekommen bin, muss ich sagen, dass Gevatter Zufall nicht die schlechteste Promi-Wahl für mich getroffen hat. Rajoy ist jedenfalls integer (was man von seiner Partei nicht uneingeschränkt sagen kann), bekleidete sein politisches Amt allürenfrei und vollzog seinen Abgang aus der Politik mit beachtenswerter Gradlinigkeit. Er lehnte alle Interviewanfragen ab, verzichtete damit auf jede Form von Nachtreten und ging zurück seinen alten Beruf. Ein Nachweis persönlicher Größe, wie ich finde.

Trotzdem fanden es nicht alle meiner Kollegen lustig, als ich das Selfie auf meiner Facebookseite postete. Rajoy ist eben nicht links und das allein kann bei Lehrern eine Art mentale Gürtelrose auslösen. Die Arbeit in einer weitgehend in sich abgeschlossenen Welt und die dadurch bedingte selektive Wahrnehmung der Realität kann eben auch bei Akademikern dazu führen, dass  jene, die zur Toleranz erziehen sollen, all das, was nicht ins eigene Weltbild passt, zur intolerablen Intoleranz erklären.

Damit sind wir mitten im Thema: Politik. Virulent! Genauer müsste man sagen: Neuerdings wieder virulent. Noch keine zehn Jahre ist es her, da erntete man mit politischen Themen in abendlicher Runde allenfalls gelangweilte Blicke. Heutzutage kann man kann sich schon mit einer ganz sachlichen Positionierung in der Migrationsfrage unschwer der Hälfte seines Bekanntenkreises entledigen – von Zuspitzungen in diesem Zusammenhang ganz zu schweigen. Gehört Politik also auf einen Blog der großen Fragen, wenn sie die Menschen derart bewegt?

Tagespolitik contra Ideologie

So schwammig sich Politiker in Fragen der Tagespolitik geben, so eindeutig sind sie in den großen ideologischen Fragen. Das ist kein Widerspruch. Machttaktisch gesehen ist es eher eine sinnvolle Ergänzung.

In der Tagespolitik dürfen sie sich auf nichts festlegen, da Sachzwänge schon morgen einen Entschluss herbeiführen können, der dem Geschwätz von heute diametral entgegensteht. Das bedeutet: Man kann hier durch klare Positionen leicht Glaubwürdigkeit verlieren, aber nur wenig Lorbeeren gewinnen. Denn das Brechen des Politikerwortes wird schnell skandalisiert, während die Erfüllung einer Ankündigung als selbstverständlich hingenommen wird. Der Einsatz für eine klare Position ist hier also vergleichsweise hoch, während die mögliche Belohnung gering ist.

Bei den großen – ideologischen – Fragen ist es in gewissem Sinne umgekehrt. Hier kann wohlfeil über die Segnungen der eigenen politischen Heilslehre schwadroniert werden. Wer ist schon, um ein paar beliebige Beispiel auszuwählen, gegen mehr Förderung der Wirtschaft, mehr Umweltschutz oder mehr soziale Gerechtigkeit. Die Wahrscheinlichkeit beim Flunkern ertappt zu werden ist gleich Null, denn die Ziele sind derart weit gefasst, dass auch höhere Sozialabgaben noch als Wirtschaftsförderung verkauft werden können, da sie ja die Binnennachfrage ankurbeln. Gleichzeitig kommen solche Ziele, wenn sie noch mit Pathos aufgeladen werden, bei vielen Wählern gut an.

Das führt dazu, dass in der Politik auf große Fragen simple, völlig beliebige und oft schlicht absurde Pseudoantworten gegeben werden, die dann der jedem politischen System immanente opportunistischen Apparat hemmungslos verbreitet. Man kann in jeder beliebigen Tageszeitung Beispiele dafür finden. Da ist es ein geringer Trost, dass man in den Tiefen des Internets auch noch abgedrehtere „Fake-News“ findet.

Im letzten Jahrhundert führten einfache Antworten auf die vermeintlich einfache Frage „Sind alle Menschen gleich?“ zu epischen Katastrophen. Sowohl ein simples „ja“, als auch ein simples „nein“ musste mit Millionen von Menschenleben bezahlt werden.

Ideologien sind die Huren der Macht

Kurzum: Die Politik ist das Terrain der großen – und meist verlogenen – Antworten, nicht das der großen Fragen. Auf die großen Fragen gibt es oft nur paradoxe oder gar keine Antworten. Das liegt jenseits dessen, was politisch erfass- und vermittelbar ist.

Zwar spielen die großen Fragen in der Politik eine Rolle, aber eben nur in der Form, wie die Liebe im Bordell eine Rolle spielt: als Idee ständig präsent, aber faktisch abwesend. Die Antworten auf die großen Fragen wie Gerechtigkeit, Würde oder Identität, sie werden in der Politik nur simuliert, nicht wirklich gegeben. Der Politiker, der Zuhälter der großen Fragen, benutzt sie, um schale Scheinantworten zu geben, mit denen er hofft, die Massen irgendwie zu beindrucken.

Die billigste Methode dafür ist, sich auf die Moral zu berufen, jener launische Bordsteinschwalbe des Zeitgeistes, die immer dann herhalten muss, wenn ein Politiker keine anderes „Argument“ für sein erbärmliches ideologisches Programm vorweisen kann. Mit Moral lässt sich praktisch alles rechtfertigen – oder das Gegenteil davon: Vor fünfzig Jahren war der Bikini ein Symbol für die Gleichberechtigung und die Emanzipation der Frau – heute ist er ein Symbol für deren Unterdrückung und wird von Plakaten verbannt. Das ist das armselige Niveau der politischen Moralapostel: heute so, morgen so. Blind für größere Zusammenhänge, blind für Ambivalenzen.

Deshalb: Nehmt den Politikern die großen Fragen. Schlagt ihnen ihre Pseudoantworten um die Ohren. Sie sollen sich um die Tagespolitik kümmern. Sie sollen sich um gute Straßen, dichte Schuldächer und saubere öffentliche Toiletten kümmern. Ihre Utopien sollen sich darauf beschränken die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten und die Versorgung mit sauberem Trinkwasser zu gewährleisten. Das sind ihre vornehmsten und wirklich wichtigen Aufgaben. Bei weitergehenden Visionen sollten sie zum Arzt gehen.

Verschonen sollen sie uns mit ihren Erziehungsmaßnahmen und Zwangsbeglückungen. Und mit ihren verlogenen Heilsversprechen. Heilsversprechen – da unterscheiden sich die politischen nicht von den religiösen – werden im günstigsten Fall nicht erfüllt, im ungünstigen Fall führen sie zu Mord und Totschlag.

Progressiv versus konservativ

Es sind vor allem die „Progressiven“, die ach so Modernen und Zukunftsgewandten, die anfällig für Ideologien sind. Wer zu wissen glaubt, wie die Welt sein soll, der vertritt auch offensichtlichen Wahnsinn mit dem größten Selbstbewusstsein – man schaue sich nur Katrin Göring Eckart an.

Ja, in der politischen Gesäßgeographie sind es meist die „Linken“, die so ticken. Die Botschaft lautet: Alles wird gut, wenn es erst mal so ist, wie wir es uns in unseren Köpfchen ausgedacht haben. Nein, ausprobiert haben wir es noch nicht, aber wir wissen es trotzdem. Wir sind Linke. Nicolás Gómez Dávila hat es so formuliert: „Der Linke zahlt nur mit vorausdatierten Schecks.“

Da sind mir Konservative wie Mariano Rajoy schon lieber. Der Konservative geht davon aus, wie die Welt ist, während der Progressive davon ausgeht, wie die Welt sein soll. Wahrhaft konservativ ist, das zu erhalten, was sich bewährt hat, statt mit der Zukunft unserer Kinder aufgrund fragwürdiger Versprechungen herumzuexperimentieren. Konservatismus im besten Sinne ist daher erst einmal Ideologieresistenz. Man sollte meinen, dass das jedem der bis drei zählen kann und der seine Sturm-und-Drang-Phase hinter sich gelassen hat, einleuchtet. Offenbar ist dem aber nicht so. Doch auch diese Tatsache gehört zur Welt, wie sie ist und muss daher vom Konservativen akzeptiert werden.

Jedenfalls wünsche ich mir für 2019 etwas mehr gesunden Konservatismus. In diesem Sinne: Einen guten Rutsch an alle Leserinnen und Leser!

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3 Kommentare zu “Promis, Presse, Politik

  1. Vor fünfzig Jahren war der Bikini ein Symbol für die Gleichberechtigung und die Emanzipation der Frau – heute ist er ein Symbol für deren Unterdrückung und wird von Plakaten verbannt. Heute ist das Zeichen für Emanzipation und Gleichberechtigung das Kopftuch.

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    • Es kommt darauf an für wen.
      Für wenn denn wird das Kopftuch solch ein Zeichen?

      Alles relativ, doch für den Verstand, unter allen Umständen, wird das Relative als das Absolute angesehen.Und umgekehrt.
      Diese kosmisch- komische Verwechselung ist der Auslöser menschlichen Leidens, das alle Farben und Nuancen kennt.

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      • Für WEN denn…?
        Für den Betroffenen oder den Betrachter der „Emanzipation“?
        Was ist lediglich eine Emanzipation?
        Wertausgleich?
        Für wen denn?
        Wer ist der Betroffene, wer der Betrachter?

        Und was der DARUNTER?
        Ist das nicht etwa derselbe Geist?

        Das Bewusstsein?
        Innerhalb zweier verschiedener Flakons?

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