Vom Augenblick und dem Umgang mit der humanoiden Nichtigkeit (1)

Ein Gastbeitrag von Michael Klonovsky

Magische Momente – einziger Trost gegen die Nichtigkeit des Daseins?
(Foto: pixabay.com)

Ist es nicht erstaunlich, dass eine so widerwärtige, krumme Kreatur wie der Mensch so schöne Dinge schaffen kann wie das Negligé, die Kathedrale, das Ölgemälde, das Cembalo, die Récamiere, den Jaguar E-Type, den Eisenbahn-Salonwagen, das Dry-Aged-Tomahawk-Steak, das Schachspiel, den Cabernet-Sauvignon, den Tiger II und die Mondrakete? – fragt Michael Klonovsky. Was treibt uns angesichts der Nichtigkeit des Daseins eigentlich zu solchen Werken an? Eine Reflexion über Tragik und Komik der menschlichen Existenz und die Schönheit des Augenblicks.

„Wenn sich der Mensch nur zurücklehnen und über sein bevorstehendes Ende oder seine erschreckende Bedeutungslosigkeit und Einsamkeit im Kosmos nachgrübeln würde, so würde er mit Sicherheit den Verstand verlieren oder dem lähmenden Gefühl seiner Nichtigkeit erliegen. Wozu, so könnte er sich fragen, wozu soll er sich abmühen, eine große Symphonie zu komponieren oder auch nur seinen Lebensunterhalt zu verdienen oder auch einen anderen Menschen zu lieben, wenn er doch nur für einen Augenblick das Leben einer Mikrobe auf einem Staubkorn fristen darf, das durch die unvorstellbaren Weiten des Raums wirbelt?“

Also frug Stanley Kubrick anno ’68 in einem Interview mit ausgerechnet dem Playboy, also einem Magazin, dass sich wie kein anderes an der Beantwortung seiner Frage abarbeitete.

Pascal rät bekanntlich, der Mensch möge sich unbedingt zerstreuen, damit ihn genau solche Gedanken nicht beschleichen. St. Martin empfiehlt, sich am Wunder aller Wunder zu erbauen, nämlich dass überhaupt Seiendes ist, und wir dieses Wunder immerhin und womöglich als einzige Gegenseite wahrzunehmen vermögen.

Die meisten Menschen trösten sich mit religiösen Verheißungen, die ihnen eine persönliche Unsterblichkeit versprechen, über die vergleichsweise beschissene Gesamtgattungssituation hinweg, am drolligsten jene frommen Wüstensöhne, deren Paradies exakt so beschaffen ist wie ein gut klimatisiertes westliches Bordell außerhalb der westlichen Gesetzgebung (Jungfrauen!), wobei sie dasselbe Etablissement um der Frömmigkeit willen hinieden auszuräuchern gehalten wären bzw. sind.

Der Augenblick ist die Ewigkeit

Das Menschenbild der Alten mit ihrem untrüglichen Gespür für die Tragik der Existenz ist mir ungleich sympathischer, wenn ich auch den Gedanken nicht teilen mag, dass es für den Menschen das Beste wäre, gar nicht erst geboren zu werden, wie der weise Silenus zu König Midas sagte (wir wissen alle nicht, wie qualvoll und jämmerlich es endet; erst dann erfährt jeder die Antwort, ob es tatsächlich besser gewesen wäre, oder ob das Leben sich gelohnt hat).

Mich persönlich deprimiert diese humanoide Nichtigkeit null. Ich finde sie amüsant, sogar ein bisschen entlastend. Zur Tragik gehört ja die Komik. Die Friedhöfe der Welt sind voll von Menschen, die sich für unentbehrlich hielten (Clemenceau). Ich mache bekanntlich gern Witze, und ich muss neidisch akzeptieren, dass meine gesamte Existenz Bestandteil des umfassendsten und vor allem besten Witzes ist, der sich überhaupt denken lässt.

Allein die Kapriolen, die Menschen anstellen, um sich ihre Rolle in diesem Großen Jokus nicht einzugestehen! Das groteske Schauspiel ihrer Bedeutungshuberei! Ich finde, man sollte dankbar sein, einen Logenplatz erwischt zu haben, wenn man nicht gerade selber auftreten muss. Der Augenblick ist die Ewigkeit. Was gibt’s zu essen?

(Und hier geht es zu Teil 2, einer Erwiderung auf diesen Beitrag.)

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Michael Klonovsky, Acta diurna. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und Blogbetreibers. Überschriften von Axel Stöcker.

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Zum Autor des Artikels: Michael Klonovsky, 1962 im Erzgebirge geboren, ist Romanautor und Publizist. Aufgewachsen in Ostberlin. Maurerlehre. Abitur. Nach der Wende wurde er Journalist. Er erhielt den “Wächterpreis der Tagespresse” für die „Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen durch die DDR-Justiz und den Staatssicherheitsdienst“. Von 1992 bis 2016 arbeitete er beim Focus, unter anderem als Chef vom Dienst. Inzwischen ist Klonovsky, selbst parteilos, als Referent für die blaue Bundestagsfraktion tätig. Bekannt ist er als scharfsinniger und -züngiger Kommentator des politischen Geschehens auf seinem Online-Tagebuch Acta Diurna und als Autor des Wenderomans „Land der Wunder“ und weiterer Bücher. Sprachästheten kommen bei den Werken des „begnadeten Stilisten“ (Jürgen von der Lippe) immer auf ihre Kosten.

6 Kommentare zu “Vom Augenblick und dem Umgang mit der humanoiden Nichtigkeit (1)

  1. Schön geschrieben, häßlich gedacht.
    Ein Augenblick ist nur ein armer Augenblick, nicht die Ewigkeit. Doch Materialisten können nur den preisen. Das ist für sie das Wertvollste. Das aber ist nur Vergänglichkeit. Soweit sehen sie. Darüber hinaus ist nur für sie das Nichts. Nur so armselig können sie denken und sehen- und darum nur so armselig leben. Ja, für das Denken ist es das Nichts. Es kann nur das sehen, nur in Augenblicke leben. Nichts mehr und nicht weniger. Darum ist das Denken ein Armleuchter der Zeit.

    Wer sich mit Vergänglichkeit nährt, wird voller Augenblickendampf.

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    • Ja, man spürt natürlich den Nihilismus in diesem Text mitschwingen. Der muss einem nicht gefallen, daher ja auch meine Erwiderng im zweiten Teil.
      Was mir dagegen sehr sympathisch ist an dem Text, ist das Zurechtstutzen der menschlichen Hybris. Denn die hat mit Sicherheit noch niemals zur Erlösung geführt.

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  2. Zeit ist Zeit- ungeachtet dessen, wie kurz oder lang sie dauert.
    Jedoch sind die Momente immer wert, um sie zu genießen- bei voller Bewusstheit.
    Oder? Was meint ihr dazu?

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