Vom Augenblick und dem Umgang mit der humanoiden Nichtigkeit (2)

Eine Erwiderung auf Michael Klonovsky

Die menschliche Existenz im All: sinnlos oder doch bedeutungsvoll? Wir haben die Wahl!
(Foto: privat)

Der Mensch, dieser Bewohner eines Staubkorns im Kosmos, kann sich über seine offensichtliche Nichtigkeit nur mit Hilfe der Magie des Augenblicks und einer tragikomischen Distanz zu sich selbst hinwegtrösten – so Michael Klonovsky vor wenigen Tagen an dieser Stelle. Doch wie sicher können wir uns hinsichtlich dieser vermeintlich offensichtlichen Nichtigkeit sein? Hier der Versuch eines zweiten Blicks auf Bedeutung oder Nichtigkeit menschlicher Existenz im All.

Da stehen wir nun, in all unserer Nichtigkeit. Der Mensch, diese Bioform, der – frei nach Douglas Adams – auf einem Planeten in einem völlig aus der Mode gekommen Spiralarm einer mittelgroßen Galaxie west, und der so erstaunlich primitiv ist, dass er Foto-Spaß-Apps für einen bedeutenden Fortschritt hält. Oder der, wie der von Michael Klonovsky an dieser Stelle kürzlich zitierte Kultregisseur Stanley Kubrick anno 1968 im Playboy formulierte, für einen Augenblick das Leben einer Mikrobe auf einem Staubkorn fristen darf“.

Das Ende des ptolemäischen Weltbildes

Da hat sich einiges an Frust aufgestaut in den letzten rund 400 Jahren, seit das Ptolemäische Weltbild ins Wanken geriet. Darin hatte die Menschheit noch diesen heimeligen, geozentrischen Platz namens Erde inne, um die herum man alle Planeten, die Sonne und letztlich auch die göttliche Sphäre kreisen ließ. Humanoide Bescheidenheit sieht anders aus. Und so kam es, wie es kommen musste, denn Hochmut kommt vor dem Fall.

Zuerst mussten wir das Zentrum zu Gunsten der Sonne räumen. Als wir uns damit halbwegs arrangiert hatten nach dem Motto „naja, macht nichts, ist ja immerhin unsere Sonne“, kam es noch dicker. Es stellte sich heraus, dass unser Zentralgestirn nur ein durchschnittliches Exemplar von Abermilliarden Sonnen im Universum ist, die sich in Milliarden von Galaxien zusammenballen. Doch wer nun hoffte, wir hätten wenigstens eine zentrale Position innerhalb unserer Galaxie inne, der wurde abermals enttäuscht. Wir befinden uns leider nur in jenem „völlig aus der Mode gekommenen Spiralarm“ im Vorgarten unserer Milchstraße.

So weit, so bekannt. Die Argumente für unsere eigene Irrelevanz sind inzwischen aus den Naturwissenschaften tief in die Feuilletons und den gesellschaftlichen Mainstream eingesickert. Doch gerade das sollte vielleicht zu einem zweiten Blick animieren. Immerhin ist ja seit Kubrick und Adams etwa ein halbes Jahrhundert Forschung ins Land gegangen. Wie steht es also um die Nichtigkeit des Homo Sapiens? Ist er endgültig zum unbedeutenden Zellhaufen geworden? Oder gab es vielleicht eine unerwartete Trendwende? Was würde in diesem Fall aus unserer Bedeutungslosigkeit, an die wir uns gewöhnt und in der wir uns teilweise recht behaglich eingerichtet haben? Wäre ein Beharren auf der Gewissheit von der eigenen Nichtigkeit in diesem Fall vielleicht nur eine besonders subtile Form der Hybris?

Das Universum ist uns auf den Leib geschneidert

Was den „aus der Mode gekommenen Spiralarm“ angeht, kann man die Frage schnell beantworten. Man weiß heute, dass die kosmische Strahlung im Zentrum einer Galaxie zu stark wäre, als dass dort Leben entstehen könnten. Die habitable Zone einer Galaxie rankt sich um eine mittlere Entfernung vom Zentrum. Die Erde befindet sich also durchaus an einem ausgezeichneten Ort innerhalb der Galaxie, auch wenn es sich dabei nicht um das geometrische Zentrum handelt.

Schwieriger ist die Sache mit dem „Staubkorn“. Denn, wenn dem Menschen als Bewohner desselben irgendeine entscheidende Rolle im Universum zukommen sollte, dann ist die Ausgestaltung dieses Universums ja wohl eine ebenso gigantische wie absurde Platzverschwendung. Oder etwa nicht?

Das kommt darauf an! Größe allein ist nicht immer entscheidend (wie man ja auch aus anderen Zusammenhängen weiß). Zum Beispiel ist eine Fabrik, die Computerchips herstellt, riesig im Vergleich zu ihrem Produkt. Trotzdem würde man hier nicht von einer Platzverschwendung reden. Warum? Weil alle Teile der Fabrik notwendig sind und zusammenspielen müssen, um die Chips herzustellen. Die Fabrik wurde gleichsam für den Bau der Chips justiert. Oder anders ausgedrückt: Wenn man möchte, dass die Fabrik Computerchips herstellt, ist man bei deren Bau weitgehend festgelegt. Die Fabrik kann also nur so und nicht anders aussehen.

Es mag verrückt klingen, aber es scheint so, als sei exakt diese Art von Justierung bei unserem Universum vorgenommen worden. Und zwar mit dem Ziel, dass dieses Universum Leben und damit letztlich auch uns hervorbringen kann. Die moderne Kosmologie sagt uns nämlich, dass die Werte der Naturkonstanten dafür mit aberwitziger Exaktheit eingestellt sind – und keiner weiß warum. Würde man beispielsweise bei der Gravitationskonstante auch nur die sechzigste(!) Nachkommastellen verändern, gäbe es gar keine Galaxien – was ja vielleicht noch verschmerzbar wäre. Nur gäbe es damit eben auch keine Negligés und keine Kathedralen. Und natürlich auch keine kubanische Salsa, keinen Tempranillo und keine gepflegten Herrenwitze.

Diese Einstellung der Naturkonstanten zu Gunsten der Entstehung des Menschen wird auch Feinabstimmung des Universums genannt. Dass es sie gibt, bestreitet eigentlich niemand, nicht einmal bekennende Atheisten wie z. B. der im letzten Jahr verstorbene Kosmologe Stephen Hawking. Das Problem dabei: das ganze riecht, ja müffelt geradezu nach einem Gottesbeweis. Hat der Alte das Universum für die Entstehung des Menschen konzipiert, so wie die Konstrukteure die Fabrik zur Herstellung der Chips?

Esoterische Klimmzüge in der Kosmologie

Um diesen fatalen Eindruck zu vermeiden gibt es glücklicherweise die Stringtheorie, die uns erzählt, es gebe ein Multiversum, das aus schlappen 10 hoch 500 parallelen Welten besteht. Nur ganz wenige davon sind für Menschen überhaupt bewohnbar. Doch da wir Menschen nun mal da sind, können wir uns nur in einem dieser wenigen befinden, weshalb wir ein menschenfreundliches Universum mit den entsprechenden Naturkonstanten vorfinden. Voilà!

Ok, das klingt irgendwie tautologisch und ist es vielleicht auch. Vor allem aber hat es einen kleinen Schönheitsfehler: Mit Ausnahme der unsrigen, kann man keine dieser Welten beobachten. Sie können also wählen, ob Sie an die Existenz eines unsichtbaren Schöpfergottes oder an die Existenz von 10 hoch 500 unsichtbaren Universen glauben. Welche Metaphysik hättens denn gern? Naturwissenschaftler jedenfalls müssen sich ihren Atheismus im 21. Jahrhundert hart erarbeiten und mit Hilfe solcher esoterischer Klimmzüge absichern. Das wusste wohl auch Michael Klonovsky, als er schrieb: „Wer die Naturwissenschaften nicht kennt, kann leicht Atheist sein.“

Wissen vorzugeben, das man nicht haben kann, ist jedenfalls ein schönes Beispiel für die in Klonovkys Artikel so treffend umschriebene „Bedeutungshuberei“. Da unterscheiden sich die Pfaffen nicht von den Sternguckern, beide spielen letztlich dieselbe Komödie. Die Tragik der menschlichen Existenz besteht aber vielleicht weniger in ihrer – unerwiesenen – Nichtigkeit, als in der – erwiesenen – Unwissenheit ihres Trägers. Tröstende Gewissheit gibt es allein hinsichtlich der ewigen Präsenz des Augenblicks. Was gibt’s zu trinken? Wir sollten auf den Zweifel anstoßen.

2 Kommentare zu “Vom Augenblick und dem Umgang mit der humanoiden Nichtigkeit (2)

  1. Da wird der Sinn des Lebens zum Thema gemacht. Aber egal ob Staubkorn am Rande oder Krone der Schöpfung im Zentrum: Der Sinn des Lebens (d. h.: jeden Lebens!) ist immer das Leben. Also: Macht was draus, für euch und eure Mitgeschöpfe. Darauf kann und soll man getrost und voller Zuversicht anstoßen.

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  2. Das Vorhandensein von Humanoiden macht sicher Sinn, schließlich blicken sie auf eine milliardenlange Entwicklung zurück. Siehe meine Arbeit „Was ist Evolution?“ Unsere Augen sind deshalb entstanden, damit sie den Kosmos erst abzubilden in der Lage sind, um Zeugnis von seiner Existenz zu geben. Schon aus diesem Grund sind wir entschieden bedeutungsvoll, wo immer wir in diesem Kosmos existieren und sei es ein noch so unbedeutender Ast einer Galaxie, denn darauf kommt es nicht an! Alles ist so rätselhaft: Die Entstehung der Welt und all seiner Kreaturen, alle Phänomene, die ursächlich dazu geführt haben, dass Leben entstehen und sich entwickeln konnte. Das alles zeugt von einer gewaltigen, überirdischen Intelligenz, welche man bereits als Gottesbeweis ansehen kann.

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