New Age in der Physik (I)

Teil 1: Potemkinsche Dörfer gegen Popper

Spektrum_1_17

Spektrum Highlights 1/2017

New Age – das stand bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts für gesellschaftliche Veränderungen im Zeichen des anbrechenden Wassermannzeitalters: ganzheitliche Medizin, spirituelle Erleuchtung, Räucherstäbchen, Yin und Yang… Selbst an den Naturwissenschaften ging das nicht spurlos vorüber. „Wendezeit“ und „Das Tao der Physik“ hießen damals Bestseller des Physikprofessors Fritjof Capra, in denen er die Überbetonung des Yang-Prinzips in der Wissenschaft kritisierte und eine philosophische Konvergenz zwischen moderner Physik und östlicher Mystik forderte. Im Nachhinein lässt sich sagen: Verändert hat das die Naturwissenschaft wenig. Die wissenschaftliche Theoriebildung blieb davon sogar völlig unberührt.

Doch im neuen Jahrtausend führen neue Versuchungen auch zu neuen Versuchen die Physik zu esoterisieren – wenn auch aus einer ganz anderen Richtung und aus völlig anderen Motiven. Die Protagonisten des „neuen New Age“ der Physik kommen aus dem Zentrum der Forschung und könnten daher dieses Mal mehr Erfolg haben. Es sind vor allem theoretische Physiker und Kosmologen wie Stephen Hawking und Max Tegmark, die der „Bewegung“ anhängen. Zu den „neuen Capras“ gehört auch der britische Physiker Robert Matthews, dessen Ideen man unlängst in Spektrum der Wissenschaft (Spektrum Highlights 1.17 – Reise durch das Quantenuniversum) lesen durfte. Formulierungen wie, man solle Poppers Kriterium der Falsifizierbarkeit „lockerer nehmen“ und stattdessen die „relative Plausibilität“ von Theorien „abschätzen“, lassen Schlimmes befürchten. Denn: Wenn sich heutzutage ein Laie darauf verlassen kann, dass dort wo „Wissenschaft“ draufsteht auch tatsächlich Wissenschaft drin ist, so ist dies wesentlich den Kriterien des österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper zu verdanken.

Doch die Zeiten relativer Klarheit könnten zu Ende gehen – jedenfalls, wenn es nach Leuten wie Matthews gehen sollte. Er würde Popper gerne einmotten und seine Kriterien durch neue ersetzen. Jedoch: Was er und die seinen für Fortschritt halten, ist für viele Kollegen ein Frontalangriff auf die Wissenschaftliche Methode. Die Fronten sind verhärtet. Gestritten wird um nichts geringeres als die Fundamente naturwissenschaftlichen Denkens und damit letztlich auch unsern Begriff von „Wirklichkeit“. Es geht also nicht um Petitessen, wenn wir fragen: Was genau wollen die neuen Esoteriker der Physik? Welche Alternativen bieten sie? Und was treibt sie an?

Poppers Club der wissenschaftlichen Thesen

Karl Poppers Kriterien erlauben es, wissenschaftliche Erkenntnisse von mystischen Eingebungen zu unterscheiden. Sie sind so etwas wie die Statuten eines elitären Clubs, der das Prädikat „wissenschaftlich“ verleiht. Eine These kann nur dann einen Aufnahmeantrag für den erlauchten „Club der wissenschaftlichen Thesen“ stellen, wenn sie eine Bedingung erfüllt: Sie muss Voraussagen machen, die sich an Hand von Beobachtungen in der Natur (zum Beispiel bei Experimenten) überprüfen lassen. Nur wenn sich mindestens eine dieser Voraussagen bestätigt, kann dem Antrag stattgegeben werden.

popper

Karl Popper (1902-1994)

Innerhalb des Clubs geht es hierarchisch zu: Je mehr Voraussagen einer bestimmten These bestätigt wurden, desto höher ist ihr Ansehen. Es gibt also Thesen, die im Vorstand sitzen und solche, die eher geduldet werden. Einig ist man sich jedoch darin, wer nicht zum Club gehören kann, denn hier gibt es eindeutige Regeln: Wer keine überprüfbaren Voraussagen macht, kommt gar nicht erst rein. Und wer falsche Voraussagen macht, fliegt raus. Es gibt also keine garantierte Mitgliedschaft auf Lebenszeit im Club der wissenschaftlichen Thesen. Ein Mitglied wird gnadenlos vor die Tür gesetzt, wenn neue Beobachtungen auftauchen, die seinen Voraussagen widersprechen. In der Clubsprache heißt es dann, die These wurde falsifiziert.

Jedenfalls sollte das so sein. Es gibt aber auch Fälle, in denen sich mehrere Thesen zu konspirativen Zirkeln zusammenschließen, deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützen. Im Clubjargon spricht man von Theorien.  Wenn nun ein verdientes Mitglied eines solchen Zirkels falsifiziert wird, kommt es vor, dass es zunächst noch geduldet wird. Muss man verstehen: Solidarität, man ist aufeinander angewiesen etc. In der Regel heißt es dann, man prüfe nochmals eingehend. Bleibt es jedoch bei der Falsifikation, gibt es keine Nachsicht mehr: Wer falsch voraussagt, fliegt! Im schlimmsten Fall löst sich der Zirkel dadurch auf, das heißt, die Theorie bricht zusammen. Oft kann die These aber durch eine neue ersetzt werden, die die weitere Existenz des Zirkels sichert. Im Idealfall ist die Theorie dadurch sogar noch besser, der Zirkel damit noch unangreifbarer geworden.

Karl Popper, in diesem Bild so etwas wie der Übervater des Clubs, hat das an seinem berühmten Beispiel von den weißen Schwänen illustriert. Die These „Alle Schwäne sind weiß“ macht offenbar Voraussagen über die Welt: Wann immer wir irgendwo einen Schwan entdecken, wird dieser weiß sein. Je mehr weiße Schwäne wir beobachten, desto gesicherter die These. Andererseits besteht mit jedem neu entdeckten Schwan aber auch die Möglichkeit, dass die These falsifiziert wird, nämlich dann, wenn der Schwan schwarz ist. Naturwissenschaftliche Thesen können daher in einem strengen Sinne niemals bewiesen werden, weil man nie völlig ausschließen kann, dass sie durch neue Beobachtungen widerlegt werden. Das ist der Preis für das Gütesiegel „wissenschaftlich“, das heutzutage die höchste Auszeichnung ist, die man einer These verleihen kann.

Wenn die Kabbalisten sagen, die materielle Welt sei aus geistiger Energie entstanden, die sich durch Stürze aus höheren Welten immer weiter verdichtet habe, so ist das nicht widerlegbar. Und es mag sich für manchen sogar plausibel anhören. Doch es ist kein naturwissenschaftliches Gedankengebilde, solange sich aus ihm keine Vorhersagen ableiten lassen, die man in der Natur beobachten kann. Das bedeutet nicht zwingend, dass diese Überlegungen reiner Nonsens sind. Es bedeutet nur, dass sie nicht das angesehene Prädikat „wissenschaftlich“ tragen dürfen. Keine Falsifizierbarkeit, keine Wissenschaftlichkeit. Umgekehrt ist ständig drohende Falsifizierbarkeit der Preis dafür, einen wissenschaftlichen Anspruch erheben zu dürfen.

Potemkinsche Dörfer gegen Popper

Ein verständliches, praktikables und vor allem bewährtes Konzept, sollte man meinen. Doch es ist bei einigen Wissenschaftlern (?) in Ungnade gefallen. Der Grund dafür lässt sich in zwei Schlagwörtern angeben: Multiversum und String. Die zugehörigen Theorien erfüllen nicht Poppers Kriterien. Bei Matthews hört sich das so an:

„Poppers Wissenschaftsdefinition wird durch das Aufkommen durchaus seriös gemeinter Ideen, die seinem Kriterium nicht zu genügen scheinen, auf eine harte Probe gestellt.“

Wohlgemerkt: Nicht etwa die Ideen werden auf die Probe gestellt, sondern das Kriterium! Klingt ein bisschen so, als wolle jemand eine Geschwindigkeitsbegrenzung durch häufiges Rasen auf die Probe stellen. Aber gut, übertriebene Tempolimits mag es geben. Welche Argumente führt Matthews also gegen Popper ins Feld?

Sein erster Einwand lautet, „dass auch Astrologen, Wahrsager und Quacksalber falsifizierbare Aussagen machen, ohne dass diese dadurch wissenschaftlich würden“. Dieses Argument trifft schon deshalb nicht, weil Falsifizierbarkeit zwar ein notwendiges, aber keineswegs ein hinreichendes Kriterium für Wissenschaftlichkeit ist, wie wir am Bild des „Clubs der wissenschaftlichen Thesen“ schon gesehen haben. Der Philosoph und Popper-Kenner Norbert Hinterberger formuliert es so:

„Theorien, die wir für stabil bzw. gut gestützt halten, müssen etwas mehr als nur falsifizierbar sein (wie Popper später auch selbst bemerkt hat), sie müssen alle ernsthaften Falsifikationsversuche überstanden haben (je mehr, desto besser) bevor wir ihnen trauen (…).“

Man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Matthews Popper absichtlich missversteht, um ihn dann leichter kritisieren zu können.

Matthews zweiter Einwand gegen Popper lautet: Falsifikation funktioniert nicht! Das versucht er am Beispiel des Physikers Walter Kaufmann zu belegen, der im Jahre 1906 Einsteins spezielle Relativitätstheorie durch Experimente mit Elektronen widerlegt zu haben glaubte. Doch Einstein wies diese Ergebnisse aufgrund theoretischer Überlegungen zurück – wie sich später herausstellte, zu Recht! Die Tatsache, dass Falsifikationen auch schiefgehen können, wird hier also als Argument gegen Popper in Stellung gebracht. Das ist ein bisschen so, als wollte man die Strafverfolgung abschaffen, weil die manchmal auch Unschuldige anklagt. Vor allem aber spricht es nicht gegen Poppers Prinzip, denn der Versuch einer Falsifikation ist selbst wieder eine These, die nach Popper falsifiziert werden kann. Eine falsifizierte Falsifikation kann im Nachhinein sogar eine Bestätigung sein (man denke zum Beispiel an das berühmte EPR-Paradoxon). Norbert Hinterberger schreibt dazu:

„Matthews interpretiert das [Einsteins Zurückweisung von Kaufmanns Kritik] hier unverständlicherweise als Uneinsichtigkeit Einsteins. (…) Unmittelbar darauf versteigt er sich dann (…) in folgende Behauptung: „Doch Einstein wies die Ergebnisse schlichtweg zurück … Er war sicherlich nicht der letzte Wissenschaftler, der unpassende Resultate einfach verwarf – wie Popper zugeben musste.“ Popper hatte allerdings das ganze Gegenteil getan. Er hat Einsteins Entgegnung als das genommen, was sie ist: eine Kritik an den falsifikativen Prämissen von Kaufmann.“

Auch Matthews zweites Argument ist also wenig überzeugend.

Matthews nächster Einwand lautet, Poppers Prinzip entspreche nicht der Arbeitsweise von Wissenschaftlern. Denn diese entwürfen Theorien nach ihren Ideen und versuchten dann, diese zu stützen und nicht etwa zu widerlegen. Laut der Philosophin Rebecca Goldstein, auf die sich Matthews beruft, behauptet  Popper „jeder Wissenschaftler sei einzigartig und habe so viel Distanz zu seinen eigenen Theorien, dass er nur darauf aus sei, sie abzuschießen.“ Nun muss man kein Experte sein, um zu erkennen, dass entweder Popper in puncto Menschenkenntnis ein kompletter Naivling gewesen sein muss, oder aber, dass Frau Goldstein hier ziemlichen Unfug über den weltberühmten Philosophen verbreitet. Denn natürlich verhalten sich die meisten Wissenschaftler nicht so. Glücklicherweise ist der Wissenschaftsbetrieb auch gar nicht darauf angewiesen, dass Wissenschaftler versuchen ihre eigenen Theorien „abzuschießen“. Es genügt voll und ganz, wenn sie es mit denen der anderen versuchen – um damit natürlich der eigenen Theorie einen Vorteil zu verschaffen. Konkurrenz belebt das Geschäft. So banal es klingt, aber das gilt auch und gerade in der Wissenschaft. Und was Popper angeht, so schreibt Hinterberger, dieser habe Forscher nie in dem von Goldstein unterstellten Sinne „idealisiert“, sondern sich bei der Falsifikation auf eben diese Konkurrenzsituation bezogen.

Als letztes sei hier auf den Einwand eingegangen, für den Matthews  seinen Kollegen Lawrence Krauss zitiert: Man könne „einfach nicht wissen, ob eine Theorie wirklich unfalsifizierbar ist.“ Das bedeute, so Matthews messerscharfe Folgerung, dass „blinder Glaube“ dazugehöre, um eine Theorie aufgrund von Poppers Kriterien zu verwerfen. Als Beleg bezieht er sich einmal mehr auf Einstein, der 1936 theoretisch ableitete, dass das Licht eines fernen Sterns durch ein Schwerefeld zwischen dem Stern und dem Beobachter zu einem hellen Ring verzerrt werden müsste. Einstein fügte damals hinzu, dass jedoch kein Astronom hoffen dürfe, so etwas jemals zu beobachten. Er irrte. 1998 wurde ein perfekter „Einsteinring“ beobachtet, den das Schwerefeld einer entfernten Galaxie erzeugte.

Was will Matthews mit diesem Beispiel sagen? Man hätte Einstein schon damals glauben sollen? Dazu kann man nur sagen: Glauben konnte man Einstein schon 1936, wissen konnte man aber erst 1998. Das ist ja gerade der Unterschied. „Blinder Glaube“ ist für Matthews also nicht etwa, wenn man eine Theorie trotz fehlender Belege für wissenschaftlich hält, sondern ganz im Gegenteil, wenn man eine solche Theorie als Spekulation bezeichnet. Was soll man dazu sagen?

Wind Of Change in der Wissenschaftstheorie?

Dieser letzte Einwand zeigt aber deutlich, woher der wissenschaftstheoretische Wind weht: Man will die Unfalsifizierbarkeit als Argument gegen Theorien in Misskredit bringen, um den unfallsifizierbaren String- und Multiversumstheorien das Prädikat „wissenschaftlich“ verleihen zu können. Und die Begründung dafür soll lauten: Unfalsifizierbarkeit ist nicht beweisbar.

In dubio pro reo also? Wohl eher nicht, sonst müssen wir die Theorie vom real existierenden Schutzengel, für den der Detektionsapparat bisher noch nicht entwickelt werden konnte, auch bald an wissenschaftlichen Lehrstühlen diskutieren.

Die Tatsache, dass man den Einsteinring 60 Jahre später dann doch beobachten konnte, spricht auch nicht gegen Popper, sondern ist schlicht Ausdruck der Tatsache, dass man die Zukunft und damit auch den technischen Fortschritt nicht voraussagen kann. Bei der Multiversumstheorie sind die Hürden für die Falsifizierbarkeit aber ungleich höher. Hier ist gar kein Experiment denkbar, das mit einer fortschrittlichen Technologie in ein paar Jahrzehnten vielleicht möglich wäre, sondern es gibt das grundsätzliche Problem, dass zwischen parallelen Universen gar kein Informationsaustausch und damit keine Beobachtung möglich ist.

Letztgültig feststellbar, da hat Krauss recht, ist Unfalsifizierbarkeit aber nicht. Schlicht und einfach deshalb, weil man nicht in die Zukunft sehen kann. Poppers Kriterien geben keine letzte Sicherheit, wie Popper selbst am besten wusste. Ein Schlupfloch für alle Romantiker – es sei denn…

Es sei denn, Matthews und Co. hätten alternative Kriterien zu Popper in petto, die mehr Sicherheit bieten als dieser. Darum soll es dann im nächsten Teil von New Age in der Physik gehen.

 

Abbildungen: 1. mit freundlicher Genehmigung von Spektrum der Wissenschaft / 2. Screenshot youtube
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2 Kommentare zu “New Age in der Physik (I)

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