
Ein Gastbeitrag von Dirk Boucsein
Guten Abend allerseits! Das Geist-Gehirn-Problem beschĂ€ftigt die Menschheit seit der Antike. Hinsichtlich des Gehirns gab es dank boomender Forschung in den letzten Jahrzehnten einen explosionsartigen Wissenszuwachs. Dennnoch sind die vollmundigen AnkĂŒndigungen aus den 10er-Jahren, die Neurowissenschaften wĂŒrden die âschweren Fragen der Erkenntnistheorieâ angehen und ein âneues Menschenbildâ schaffen, folgenlos verklungen.
ErnĂŒchtert mĂŒssen wie feststellen: Die Aussagen der Neurowissenschaftler bewegen sich noch immer auf dem Niveau von FuĂballweisheiten. FĂŒr die Praxis gilt: âDas Gehirn ist (annĂ€hernd) rundâ und âWichtig ist im Gehirnâ, wĂ€hrend wir fĂŒr die theoretische Seite festhalten können: âNach der Theorie (des Geistes) ist vor der Theorieâ, denn âEine neue Theorie gilt immer nur 90 Minutenâ.
Was lag da nĂ€her, als die wichtigste Nebensache der Welt (das Geist-Gehirn-Problem) mit der wichtigsten Hauptsache der Welt (FuĂball) zusammenzubringen und die Geschichte der Philosophie des Geistes als FuĂballpartie darzustellen?
Die beiden Mannschafen âTeam Geisteswissenschaftenâ und âTeam Naturwissenschaftenâ, sind bereits beim Gespann der Unparteiischen â dem Bieri-Trilemma â und fĂŒhren die Seitenwahl durch. Es kommentiert Dirk Boucsein. Schaun mer mal!
Die Philosophie des Geistes – der UEPhA-Cup der Ismen
Die Geschichte der „Philosophie des Geistes liest sich wie eine Chronik zum Wettkampf der verschiedenen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen „Ismen“ (Plural des -ismus, z. B. Materialismus, Idealismus, Positivismus,…). Viele Verbalschlachten, BegriffsscharmĂŒtzel und Wortstellungskriege der Vergangenheit wĂ€ren aber sicherlich vermeidbar gewesen, hĂ€tte man sich im Vorfeld auf eine gemeinsame Sprache – oder zumindest auf eine einheitliche Konnotation eines bestimmten Begriffes geeignet. Wenn es mir an dieser Stelle gestattet sei, wĂŒrde ich gerne diesen Kampf der Ismen aber nicht so martialisch beschreiben, sondern lieber zu dem Begriff „UEPhA (Union of European Philosophy Associations)-Cup„-Spiel zwischen dem Team der Geisteswissenschaften (Soziologie, Geschichte, Linguistik,…) und dem der Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie,…) wechseln. Auch wenn ich keine Ahnung vom FuĂball habe, aber damit es in der PdG nicht ganz so kopflastig wird đ
Im Folgenden möchte ich versuchen, anhand einiger ausgewĂ€hlter Begriffsanalysen den jeweiligen Standpunkt der vermeintlich diametralen Lager in der Philosophie des Geistes deutlich zu machen, um in einem letzten Schritt die bereits gebildeten GrĂ€ben und Risse wieder zu zuschĂŒtten und zu kitten. Meine Arbeitshypothese soll darin liegen zu zeigen, dass Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften nur die zwei Seiten ein und derselben MĂŒnze sind und in der Philosophie des Geistes oder Neurowissenschaft eine gemeinsame Schnittstelle besitzen. Diese Schnittstelle sehe ich in der relativ jungen Disziplin der Neurophilosophie gegeben, auf die ich aber in meinem weiteren Artikel „Die Neurophilosophie“ (https://philosophies.de/index.php/2021/02/15/die-neurophilosophie/) aufgrund der ansonsten entstehenden „epischen LĂ€nge“ gesondert eingehen möchte.
Zur ErlÀuterung meiner Arbeitshypothese sei mir hier zunÀchst einmal eine begriffliche Standortbestimmung und Einordnung der Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft in die Genese und Evolution der Philosophie des Geistes erlaubt.
Das alte Schisma Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft
»Als Gegner stehen einander nicht zwei wissenschaftliche FĂ€cher gegenĂŒber, mit unterschiedlichen GegenstĂ€nden, aber Ă€hnlichem WissenschaftsverstĂ€ndnis, sondern zwei wissenschaftliche Konfessionen, deren Auseinandersetzungen nicht selten ZĂŒge eines Glaubenskrieges annehmen.« (Vowinckel, in: Zwischen Natur und Kultur, S. 35)
Es soll im Folgenden zunĂ€chst einmal um die KlĂ€rung des „Wissens-„/“Wissenschafts-„Begriffes gehen. Doch schon an dieser Stelle tritt eine begriffliche Verwirrung auf. Bedeutet die begriffliche Unterscheidung in Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, dass sich die „Geisteswissenschaften“ (Dilthey, Hegel) nur mit dem „Geist“ und nicht mit der „Natur“ und die „Naturwissenschaften“ nur mit der „Natur“ und nicht mit dem „Geist“ beschĂ€ftigen? Diese – bei nĂ€herer Betrachtung – doch sehr merkwĂŒrdige Begriffswahl erscheint nicht nur im deutschen Sprachraum. In der angelsĂ€chsischen Sprache ist der Wissenschaftsbegriff noch stĂ€rker polarisiert. Man unterscheidet hier „science“ von „humanities„, wobei sich der Begriff „science“ hauptsĂ€chlich auf die „natĂŒrlichen Wissenschaften“ (natural science, life science, physical science,…) bezieht und „humanities“ auf die „menschlichen Wissenschaften“. Also dĂŒrfte auch im AngelsĂ€chsischen „science“ unmenschlich sein, ebenso wie die „humanities“ (anthropology, history, philosophy,…) unnatĂŒrlich wĂ€ren, sonst benötigte man keine solche Unterscheidung der Wissenschaftsobjekte. Die Differenzierung zielt aber im Deutschen, wie im AngelsĂ€chsischen weniger auf das Objekt der Untersuchung, sondern liegt eigentlich viel mehr in dem vermeintlichen Unterschied der Methodik. In den Naturwissenschaften wird nach eigener Aussage eher empirisch, induktiv und reduktiv gearbeitet, wohingegen die Geisteswissenschaften ihre Methodik vielleicht eher als logisch, deduktiv und spekulativ bezeichnen wĂŒrde. Dieser kĂŒnstlich-erzeugte Dualismus hat – wie man spĂ€ter noch sehen wird – weitreichende Konsequenzen hinsichtlich der Evaluation von Ergebnissen, am Beispiel der Philosophie des Geistes vs. der Neurowissenschaft. Aber zunĂ€chst soll hier erst einmal der „Graben/Riss“ an dem Begriff der „Wissenschaften“ gezeigt werden.
„Hiatus philosophicus“ – der Riss im Wissen
Der eigentliche Graben/Riss in der Philosophie („Hiatus philosophicus“) ist vielleicht noch nicht so alt wie das Schisma der katholischen Kirche von 1054. Er ist aber schon angelegt in den AnfĂ€ngen der Philosophie in der Antike, bei den „ollen Griechen“, hier besonders Platon (* 428/427 v. Chr. in Athen oder Aigina; â 348/347 v. Chr. in Athen) und sein SchĂŒler Aristoteles (* 384 v. Chr. in Stageira; â 322 v. Chr. in Chalkis auf Euböa):
„Die Griechen sind von maĂgeblicher Bedeutung, weil sie bei der Kontrastierung von moderner und vormoderner Wissenschaftlichkeit einen Angel- und Wendepunkt in der Geschichte bilden. Sie stellen in der Weltgeschichte der Wissenschaften eine Zwischenstufe dar: ein Scharnier zwischen den ersten AnfĂ€ngen der Wissenschaft bei den antiken Hochkulturen und der elaborierten Wissenschaftssystematik der Moderne.“ (Tim Kunze: „Der Riss im Wissen. Zum Problem des Unterschieds zwischen Natur- und Geisteswissenschaft in der griechischen Antike, anhand von Aristotelesâ Physik und Politik“, S. 21)
Die verschiedenen Wissensstufen des antiken Griechenlands
Im antiken Griechenland wurde lediglich zwischen verschiedenen Wissensstufen unterschieden:
1. Vorwissenschaftliches Wissen:
a) áŒÎŒÏΔÎčÏία (empiria â bloĂes Erfahrungswissen),
b) ጱÏÏÎżÏία (istoria â gesammelte Einzelkenntnisse) und
c) ÏÎÏΜη (tĂ©chne â systematisch-praktisches Wissen in Form von praktischem Können)
2. wissenschaftliches Wissen: áŒÏÎčÏÏÎźÎŒÎ· (epistĂ©me â theoretisches Wissen in Form von Gelerntem oder Erdachtem
3. philosophisches Wissen: ÏÎčλοÏÎżÏία (philosophia â höchste Wissensstufe als Sammlung von verschiedenen Weisheiten/Wissen)
„BezĂŒglich der Differenzierung von vorwissenschaftlichem und wissenschaftlichem Wissen zeigt sich Folgendes: In der Moderne wird ein bestimmter Begriff der «Wissenschaft» bzw. «science» vorausgesetzt und ĂŒber dessen Ausdehnung gestritten («Wissenschaft» qua strenge Wissenschaft vs. Geistes«wissenschaft» u. dgl.). Bei den Griechen stellt demgegenĂŒber weniger die Breite eines normativen Konzepts, sondern die BegriffsĂŒberlappung das Hauptproblem dar. Neben dem Begriff áŒÏÎčÏÏÎźÎŒÎ· [epistĂ©me] dienen auch ÎŒÎ±ÎžÎźÎŒÎ±Ïα [mathĂmata] oder gar ÏÎÏΜη [tĂ©chne] u.Ă€. als Bezeichnung fĂŒr wissenschaftliches Wissen, und die allgemeine Bedeutung von áŒÏÎčÏÏÎźÎŒÎ· [epistĂ©me] als âWissenâ lebt weiterhin fort.“ (Tim Kunze: „Der Riss im Wissen…“, S. 25)
Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft
FĂŒr Platon und Aristoteles stellte sich die Frage nach der Definition der „Wissenschaft“ geschweige denn der Abgrenzung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft noch ĂŒberhaupt nicht. Bis in die Moderne differenzierte sich allerdings der Wissenschaftsbegriff sehr stark, wobei die Naturwissenschaft ihre Wurzeln stĂ€rker in empiria und tĂ©chne schlugen und die Geisteswissenschaft sich lieber ĂŒber die epistĂ©me und philosophia verorten lassen wollten. Die philosophia wurde gegenĂŒber dem antiken Konzept stark entwertet und einfach der Geisteswissenschaft zugeschlagen. Diesen Hiatus philosophicus zu verorten ist nicht so einfach, da es sich eigentlich um einen kontinuierlichen Prozess gehandelt hat. Man könnte aber Francis Bacon als ersten „modernen Naturwissenschaftler“ bezeichnen, da er sich von der epistemischen Scholastik in Form der „Naturphilosophie“ abwendet und sich der durch empirische Daten (empiria) gewonnen Erkenntnis und technischen (Aus-)nutzbarkeit (tĂ©chne) zuwendet. Mit den antiken Begriffen veranschaulicht – ohne eine Bewertung zu beabsichtigen – bedeutet dies, dass die niederen, antiken Wissensstufen „technĂ©“ und „empiria“ aufgewertet und die höheren Wissensstufen „philosophia“ und die „epistĂ©me“ abgewertet wurden.
Diese wissenschaftsgeschichtliche Vorbetrachtung ist aber wichtig fĂŒr das weitere VerstĂ€ndnis des darauf folgenden spĂ€teren Kampfes zwischen der Geisteswissenschaftund Naturwissenschaftin Form der Ismen in der Philosophie des Geistes.
Die Philosophie des Geistes – der UEPhA-Cup der Ismen
Das Schiedsrichtergespann Bieri-Trilemma
Das Schiedsrichtergespann soll das in meinem vorherigen Essay „Der Geist in der Materie“ beschriebene Bieri-Trilemma abgeben, da es die zugrundegelegten Basen der jeweiligen Ismen besser bewertbar macht; das gilt im Ăbrigen sowohl fĂŒr die Dualismen und Monismen. Das Bieri-Trilemma soll in diesem Sinne ausdrĂŒcklich keine neue Theorie sein, sondern lediglich nur ein Instrument dienen. Wenn ich das Bieri-Trilemma aus diesem Grunde noch einmal kurz vorstellen dĂŒrfte:
Dualismus:
(1) Mentale PhÀnomene sind nicht-physikalische PhÀnomene.
(2) Mentale PhĂ€nomene sind im Bereich physischer PhĂ€nomene kausal wirksam. (mentale Verursachung; z.B. allg. fĂŒr Verhalten, âvor Scham errötenâ)
(3) Der Bereich physischer PhÀnomene ist kausal geschlossen.
Jede der drei Annahmen wirkt auf den ersten Blick plausibel:
Zu (1): Das Bewusstsein scheint durch seine interne Struktur â insbesondere durch das subjektive Erleben â von jedem physischen Ereignis verschieden.
Zu (2): Mentale PhÀnomene (etwa Angst) scheinen ganz offensichtlich Ursache von physischen PhÀnomenen (etwa Weglaufen) zu sein.
Zu (3): In der physischen Welt scheinen jedoch immer hinreichende, physische Ursachen auffindbar zu sein.
Monismus:
(1) Wenn mentale PhĂ€nomene im kausal geschlossenen Bereich physischer PhĂ€nomene eine kausale Rolle spielen sollen, dann mĂŒssen sie physische PhĂ€nomene sein.
(2) Mentale PhÀnomene sind M.
(3) PhÀnomene, die M sind, können nicht physische PhÀnomene sein.
(M steht fĂŒr Charakteristika, denen Eigenschaften zugesprochen werden, die exklusiv mentalen PhĂ€nomenen zugeordnet werden.) (Peter Bieri: „Analytische Philosophie des Geistes„, S. 9.)
Das Trilemma besteht nach Bieri darin, dass die SĂ€tze paarweise, aber nicht alle zugleich wahr sein können. Wenn mentale PhĂ€nomene auf die physikalische Welt einwirken können (1 und 2), so ist sie nicht geschlossen (Widerspruch zu 3). Wenn dagegen das Mentale von der physischen Welt unabhĂ€ngig ist und die physische Welt kausal geschlossen (Satz 1 und Satz 3), so kann es keine Wirkung mentaler PhĂ€nomene auf die physikaische Welt geben (Widerspruch zu 2). Wenn mentale PhĂ€nomene physische VorgĂ€nge verursachen und die physische Welt kausal geschlossen ist (2 und 3), so muss das Mentale auf die physische Welt reduzierbar sein (Reduktionismus, Widerspruch zu 1).“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bieri-Trilemma)
Die Untersuchung in wie weit die PrĂ€misse (3) ĂŒberhaupt Bestand hat, muss leider auch noch auf den spĂ€teren Essay „Neurophilosophie“ verschoben werden.
AnstoĂ der Partie durch die Geisteswissenschaft
Der Wettkampf um den UEPhA-Cup der Philosophie des Geistes wird selbstverstĂ€ndlich durch das Team um die Geisteswissenschaft angestoĂen, da zu Beginn des „Spiels“ die Mannschaft um das Team Naturwissenschaft noch Probleme mit der richtigen Technik zur Behandlung des Objektes „Geist“ (der Begriff ist ĂŒbrigens sprachlich auch nicht unproblematisch) haben. Es fehlen die empirischen Daten.

Platons Substanzdualismus
Also legt Platon mit seinem Substanzdualismus den „Ball“ vor:
âSokrates: Unser Leib, wollen wir nicht sagen, der habe eine Seele? Protarchos: Offenbar wollen wir das. Sokrates: Woher aber, o lieber Protarchos, sollte er sie erhalten haben, wenn nicht auch des Ganzen Leib beseelt wĂ€re, dasselbe habend wie er und noch in jeder Hinsicht trefflicher?â (Platon: Dialog „Philebos“ (30a).
Der Ball landet auch im gegnerischen Spielfeld, wo er von den Verteidigern des Teams NW, den „Atomisten“ Leukipp, Demokrit und Epikur mit ihrer substanzmonistischen Theorie zunĂ€chst einmal abgewehrt wird (die Idee wird aber – wie man spĂ€ter noch sehen wird – zum Physikalismus in Form der „IdentitĂ€tstheorie“ ausgebaut). Platons eigentlicher Plan lag zwar eher darin, die Unsterblichkeit der Seele zu postulieren, aber von nun an ist die Differenz zwischen zwei vermeintlichen EntitĂ€ten dem „Leib“ und der „Seele“ unwiderruflich in der Welt. Er liefert in seinem Dialog „Phaidon“ allerdings keine genaue Definition zu dem Begriff „Seele“, „was es ist zu sein„, auĂer dass sie etwas Immaterielles (Nicht-Körperliches) sein soll.
Descartes Interaktionismus
Dies wird aber zu einer Steilvorlage fĂŒr die berĂŒhmt-berĂŒchtigte Flanke von „res cogitans“ zur „res extensa“ von Descartes Interaktionismus:
âIch kann mir klar und deutlich vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert. Was man sich klar und deutlich vorstellen kann, ist zumindest prinzipiell möglich. Also ist es zumindest prinzipiell möglich, dass Geist ohne Materie existiert. Wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie existiert, dann mĂŒssen Geist und Materie verschiedene EntitĂ€ten sein. Da also Geist und Materie verschiedene EntitĂ€ten sein mĂŒssen, ist der Dualismus folglich wahr.â (RenĂ© Descartes: „Meditationes de prima philosophia.“ (1641), S. 98)
Auf Descartes Interaktionismus gehe ich hier nicht ausfĂŒhrlicher ein, da ich ihn bereits in meinem letzten Essay „Der Geist in der Materie“ beschrieben habe. Nach Descartes ist die Seele zwar âunrĂ€umlichâ, jedoch wĂŒrde sie in engem Kontakt mit der ZwirbeldrĂŒse stehen, die als Vermittlerin zwischen Körper und Seele fungieren soll. Dies konnte aber bis heute weder durch das Team um die Naturwissenschaft empirisch bestĂ€tigt werden, noch hielten die Kommentatoren aus der Geisteswissenschaft-Kurve diesen Ansatz fĂŒr erfolgversprechend (Andreas Kemmerling: „Ideen des Ichs: Studien zu Descartes‘ Philosophie“ 1996).
Spinozas Substanzmonismus
Als taktischer Einzelspieler ĂŒbernimmt nun aber Spinoza nochmals den Ball mit seinem Substanzmonismus. Der Substanzmonismus soll aber anders als bei den antiken „Atomisten“ nicht in der Materie, sondern in Gott als unendliche, substantiell in ihren Eigenschaften konstante, einheitliche und ewige „Substanz“ in allem Seienden (Pantheismus) gefunden werden. Die hieraus entwickelte Erkenntnistheorie fĂŒr die Philosophie des Geistes fĂŒhrt bei ihm im Gegensatz zum IA zu einem psychophysischen Parallelismus. Der menschliche Intellekt kann Spinoza zufolge zwei „Attribute“ das „Denken“ (Geist) und die „Ausdehnung“ (Materie) der einen Substanz natura naturans = schöpferische Natur (Gott) erkennen.
Leibniz Parallelismus
Dieselbe Taktik verfolgt ebenfalls sein Parallelismus-Mitspieler Leibniz, der jeglichen psychophysischen Interaktionismus zwischen Leib und Seele ablehnt und diese nur als zwei Uhren vergleicht, die voneinander getrennt, aber durch Gott vollkommen synchronisiert, ablaufen wĂŒrden. Die perfekte ParallelitĂ€t ohne KausalitĂ€t erscheint schon damals fragwĂŒrdig, aber endgĂŒltig scheitert der Pass durch seinen Determinismus an den Verteidigern der „Willensfreiheit„. Wie stabil diese Verteidigungsmauer ist, muss allerdings auch in einem spĂ€teren Essay untersucht werden. Auch ein weiterer idealistischer Parallelismus-Spieler Kant kommt mit seinem torgefĂ€hrlichen Doppelpass in Form des transzendental-apriorischen Eigenschaftsdualismus weit in den Strafraum des NW. Er kann aber leider auch nicht erfolgreich abschlieĂen, da das Bieri-Trilemma-Schiedsrichtergespann ihn im Abseits sieht, wie ich auch bereits in „Der Geist in der Materie“ dargestellt hatte.
Der Bieri-Trilemma-Schieri muss nun allerdings auch endlich mal einschreiten und das „Spiel abpfeifen“, da bei allen SpielzĂŒgen des Teams um die Geisteswissenschaft, sowohl beim Substanzdualismus, als auch beim Substanzmonismus, die PrĂ€misse (1) mit der PrĂ€misse (2) konfligieren, entweder weil sie zu einseitig (1) oder (2) betonen oder weil sie mit PrĂ€misse (3) nicht mehr unter einen Hut gebracht werden können. Dies fĂŒhrt natĂŒrlich dazu, dass nun das Team um die Naturwissenschaft in einen lĂ€ngeren Ballbesitz kommen, wobei sie beabsichtigen, ĂŒber die Empirie zu verlĂ€sslichen Daten und schlieĂlich zu stabilen Theorien in der Philosophie des Geistes zu gelangen.
Konter durch die Naturwissenschaft
Huxleys EpiphÀnomenalismus
Als neuen Spielzug im UEPhA-Cup wurde der EpiphĂ€nomenalismus durch das Team Naturwissenschaft in Form der Spieler Bonnet oder dem populĂ€reren Spieler Thomas Henry Huxley (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn, dem Autor Aldous Huxley „Schöne, neue Welt, s. „Das Technopol„) – auch als „Automatismus“ genannt – in die Philosophie des Geistes gebracht. Der EpiphĂ€nomenalismus baut ebenfalls auf einem Substanzdualismus auf, bezieht sich aber eher auf die Eigenschaften der Materie, so dass er auch als Eigenschaftsdualismus bezeichnet wird. Die taktische Idee des EpiphĂ€nomenalismus kann man als „lange Flanke“ sehen, die nur eine Richtung kennt: das Physische hat Auswirkungen auf das Mentale, aber nicht umgekehrt. Der immaterielle Geist, die Seele „erscheint“ nur als EpiphĂ€nomen der Materie und ist damit fĂŒr den EpiphĂ€nomenalismus eigentlich redundant. Wie dies die Materie im Gehirn bewerkstelligt, bleibt der EpiphĂ€nomenalismus damals (aber auch heute noch) trotz zahlreicher empirischer Daten (EEG, CT, MRT, DTI,…) schuldig, obwohl auch hier neue Spieler, wie zum Beispiel Thomas Metzinger mit seinem PhĂ€nomenalen Selbstmodell (PSM) ins Team aufgenommen wurden.

Skinners Behaviorismus
Den Ball wollte sich natĂŒrlich die noch relativ junge Disziplin – die Psychologie – nicht wegnehmen lassen, da auch sie noch Probleme mit ihrer Standortbestimmung hatte, ob sie denn nun eher dem Geisteswissenschaft- oder Naturwissenschaft -Team angehören wollte. Um sich dem Naturwissenschaft -Lager anzuschlieĂen, wurde ein Spieler namens Watson („Psychology as the Behaviorist views it“ (1913) auf das Spielfeld geschickt, der menschliches Verhalten („Behaviour„) durch seine „objektive Methode“ als Reiz-Reaktions-Schema („stimulus-response„) beschreiben wollte. Der Behaviorismus war begrĂŒndet. Um es mit der Sprache des Behaviorismus zu sagen, der EpiphĂ€nomenalismus war der „Reiz“ und der Behaviorismus die „Reaktion“. Man wollte das Spielfeld nicht dem Materialismus der Geisteswissenschaft oder Physikalismus der Naturwissenschaft ĂŒberlassen, sondern selber ein Team zusammenstellen. Skinner („Science and Human Behavior“ 1953) wurde als bekannter Spieler hinzugewonnen und verstĂ€rkte die Position im „radikalen Behaviorismus „. Der Behaviorismus geht allgemein davon aus, dass die dem beobachteten menschlichen Verhalten zugrundeliegenden, physiologischen VorgĂ€nge als „Black Box“ nicht erschlossen werden können und auch dementsprechend irrelevant sind. Die Psychologie sollte zur „exakten Wissenschaft“ werden, die mit Hilfe von Experimenten und naturwissenschaftlichen Begriffen das menschliche Verhalten im biologischen Sinne exakt beschreiben konnte. Der Behaviorismus erwies sich allerdings, abgesehen von dem Nachwirken in der Psychologie in Form der „Experimentellen Verhaltensanalyse„, als entschiedener Fehlpass.
Places/Smarts IdentitÀtstheorie
Insgesamt ist aber nun weiterhin das Team der NW mit der von Place und Smart begrĂŒndeten IdentitĂ€tstheorie im Ballbesitz. Die IdentitĂ€tstheorie ist geradezu als Einwurf auf die gescheiterte Behaviorismus anzusehen, da sie beherzt die Spielstrategie wechselte. Der Substanzdualismus des Behaviorismus wird als falsch angesehen, da er scheinbar an der PrĂ€misse (1) des Bieri-Trilemma gescheitert ist. DemgegenĂŒber wird von der IdentitĂ€tstheorie die Einheit von physisch-materiellem Körper und psychisch-mentalem Geist beschworen, weil sie die „physikalische Geschlossenheit“ der PrĂ€misse (3) des Bieri-Trilemma erreichen möchte. Insofern könnte man auch den Transfer des Substanzdualismus zum Substanzmonismus als Eigenschaftsdualismus beschreiben, der doch wieder stark an den EpiphĂ€nomenalismus erinnert. Der Unterschied liegt allein darin, dass nun die psychisch-mentalen ZustĂ€nde durchaus als gegeben erachtet werden, sie mĂŒssen allerdings durch das Physisch-Materielle realisiert werden. Diese taktische Festlegung fĂŒhrt zum Physikalismus, der von den logischen Empiristen Carnap und Neurath aus dem Naturwissenschaft-Team begrĂŒndet wurde, um sich vom „metaphysischen Begriff“ der Geisteswissenschaft, dem Materialismus zu distanzieren, der auf die Cambridger Platonisten More und Cudworth zurĂŒckgeht. Die IdentitĂ€tstheorie verwendet interessanterweise beide Begriffe – ungeachtet der unterschiedlichen Lager – synonym.
„Ein mentaler Zustand M ist nichts anderes als ein Gehirnzustand G. Der mentale Zustand âWunsch nach einem Kaffeeâ wĂ€re also nichts anderes als âdas âFeuernâ bestimmter Nervenzellen in bestimmten Hirnregionenâ. (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#Identit%C3%A4tstheorie)
Token-IdentitÀt vs. Type-IdentitÀt
Die IdentitĂ€tstheorie erscheint allerdings in zwei unterschiedlichen Spielarten der IdentitĂ€t. Bei der Token-IdentitĂ€t handelt es sich um zwei konkrete Exemplare eines Typs, die identisch sind. Also der Spieler Place wird sowohl von dem Zuschauer A als auch von dem Zuschauer B als Exemplar gesehen, aber von beiden als Token-IdentitĂ€t betrachtet. DemgegenĂŒber können bei der Typ-IdentitĂ€t bestimmte Mengen von Exemplaren zusammengefasst werden, die bestimmte Eigenschaften erfĂŒllen. So kann man den Spieler Place mit der Eigenschaft, dass er im Spielfeld der Naturwissenschaft steht und das Trikot der IdentitĂ€tstheorie trĂ€gt, als Typ-IdentitĂ€t sehen. Wenn nach Smart alle mentalen ZustĂ€nde durch die Typ-IdentitĂ€t reduktiv auf bestimmte neuronale ZustĂ€nde zurĂŒckfĂŒhrbar seien, so wĂ€re es nur eine Frage der Zeit und der Forschung, bis die NeuroW alle offenen Fragen der Psychologie geklĂ€rt hĂ€tten. Man kann aber nun auch beobachten, dass er sich mit dem stark reduktiven Charakter der Typ-IdentitĂ€t „vertrippelt“ und den „Ball ins Aus“ geschlagen hat.
Putnams/Fodors Funktionalismus
Hier erfolgt nun erneut ein Einwurf durch den Funktionalismus, ausgefĂŒhrt von den Spielern Putnam und Fodor, die versuchen das Problem der IdentitĂ€tstheorie – die „multiple Realisierung“ – zu lösen. Wenn man annehmen kann, dass alle Wirbeltiere so etwas wie „Qualia„, z. B. „Schmerz“ als mentalen Zustand empfinden, wird man aber auch davon ausgehen können, dass der Spieler Place bei einem Beinbruch einen anderen neuronale Zustand besitzt, als der gemeine Lurch auf dem Platz. Der Funktionalismus versucht dieses Problem der multiplen Realisierung dadurch zu lösen, dass es den verschiedenen neuronalen ZustĂ€nden des Gehirns den gleichen funktionalen ZustĂ€nden zuordnet. Die mentalen ZustĂ€nde werden dann einfach mit den funktionalen ZustĂ€nden gleichgesetzt. Die funktionalen ZustĂ€nde werden gerne mit Hilfe der Automatentheorie erklĂ€rt, die davon ausgeht, dass ein funktionaler Zustand durch einen Input, einen entsprechenden Output liefert und hierbei in einen anderen funktionalen Zustand wechselt (s. „Colaautomat“ https://de.wikipedia.org/wiki/Funktionalismus_(Philosophie). Dieses Bild hat natĂŒrlich der Analogie von Gehirnfunktion und Computermodulation erheblichen Vorschub geleistet und eine BrĂŒcke zur Informatik und Kybernetik geschlagen.
bewusstes Erleben von mentalen ZustÀnden
Dem Funktionalismus kommt nun allerdings das „Bewusstsein“ in die Quere, was als Problem an dem „China-Gehirn„-Gedankenexperiment verdeutlicht wurde (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#Funktionalismus). Die ErklĂ€rung, wie der Geist in die Flasche oder hier in die Materie kommt, bleibt auch der Funktionalismus schuldig. Auch die funktionalen ZustĂ€nde der neuronalen GehirnaktivitĂ€ten liefern keine schlĂŒssigen Theorien fĂŒr das bewusste Erleben von mentalen ZustĂ€nden, die man als „Ich„, „Selbst“ oder auch die Wahrnehmung des „Anderen“ bezeichnen könnte.
Das Team wollte den Ball aber noch nicht als verloren geben, sodass es beim Bieri-Trilemma-Schieri einen Einspruch geltend machte, dass der Schieri befangen sei und zu oft falsch gepfiffen hÀtte. Man solte sich die Szenen noch einmal unter folgenden Voraussetzungen erneut anschauen und neu bewerten:
1. Der Materialismus ist wahr, mentale ZustĂ€nde mĂŒssen materielle ZustĂ€nde sein.
2. Die einzelnen reduktiven VorschlĂ€ge sind alle unbefriedigend: Mentale ZustĂ€nde lassen sich nicht auf Verhalten, GehirnzustĂ€nde oder funktionale ZustĂ€nde zurĂŒckfĂŒhren.
Davidsons nicht-reduktiver Materialismus
Also mussten wieder ein paar Ersatzspieler von der Bank einspringen, die das Spiel noch zu retten versuchten. Die Rede ist vom nicht-reduktiven Materialismus, der von Davidson als „anomalen Monismus“ in Form des „Supervenienzprinzip“ eingefĂŒhrt wurde. Das Supervenienzprinzip geht davon aus, dass die psychisch-mentalen ZustĂ€nde des Gehirns von den physisch-materiellen ZustĂ€nden der Neuronen abhĂ€ngig sind und nicht umgekehrt. Dieses AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis der psychisch-mentalen ZustĂ€nde von der physisch-materiellen ZustĂ€nden fĂŒhrte zu einem weiteren taktischen Spielzug; der „Emergenz„. Die Emergenz postuliert, das bestimmte PhĂ€nomene nur auf der Makroebene eines Systems erscheinen, aber nicht auf der Mikroebene der Systemkomponenten beobachtet werden können. Insofern spielt die Emergenz eine herausragende Rolle fĂŒr den nicht-reduktiven Materialismus, da sie das Problem mit dem Bewusstsein dadurch versucht zu erklĂ€ren, dass diese mentalen ZustĂ€nde auf der Makroebene der menschlichen Kognition erscheint, er aber nicht in den neuronalen ZustĂ€nden der GehirnaktivitĂ€ten nachzuweisen ist. Dies hat natĂŒrlich auch zu Buhrufen im Stadion gefĂŒhrt, da die ErklĂ€rung fĂŒr eine materialistische Theorie als nicht sehr befriedigend erscheint und einige Fans der Naturwissenschaft hierin sogar wieder ein Foul durch einen Eigenschaftsdualismus der Geisteswissenschaft gesehen haben.
P./P. Churchlands eliminativer Materialismus
Zum Schluss gibt es noch einen letzten verzweifelten Angriffsversuch vor dem Abpfiff des Bieri-Trilemma-Schieris, der sich das Spiel auch nicht mehr lĂ€nger anschauen konnte. Patricia und Paul Churchland schossen den Ball als eliminativen Materialismus auf das gegnerische Tor, indem sie einfach behaupteten:„Es gibt keine mentalen ZustĂ€nde.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#cite_note-32). Die Vorstellung von den mentalen ZustĂ€nden wĂŒrden lediglich auf einer Annahme der Alltagspsychologie beruhen, die aufgrund der fortschreitenden Ergebnisse der Neurowissenschaft irgendwann einmal zum Paradigmenwechsel der zur Zeit noch bestehenden Theorien des Philosophie des Geistes fĂŒhren wĂŒrde.
Paradigmenwechsel durch die nichtreduktive, bidirektionale Neurophilosophie
Dass dieser Paradigmenwechsel zwingend notwendig erscheint, ist hoffentlich durch das Hin und Her im UEPhA-Cup der Ismen mehr als deutlich geworden. Allerdings sehe ich ihn eher darin, die beiden Teams GW und NW endlich wieder zu vereinen, da zur Lösung des Problems der Philosophie des Geistes wie der Geist in die Materie kommt, beide Methoden vonnöten sind. Dieses ZuschĂŒtten des Grabens oder das Kitten des Risses könnte die nichtreduktive, bidirektionale Neurophilosophie aus meiner Sicht leisten. Aber hierzu mehr in meinem nĂ€chsten Essay „Die Neurophilosophie„.
***
Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Dirk Boucsein philosophies. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und Blogbetreibers. Ăberschrift und Einleitung von Axel Stöcker.
