Was die Feinabstimmung des Universums über einen Schöpfer aussagt – und was nicht

Feinabstimmung
Feinabstimmung – Warum haben die Naturkonstanten die Werte, die sie haben?

Heute mal eine gute Nachricht für Atheisten: Das Online-Jugendmagazin von WeltN24 mit dem klangvollen Namen kmpkt nahm sich unlängst dieser diskriminierten Glaubensgemeinschaft an. Der Beitrag „Das Universum scheint extra für uns gemacht zu sein“ spricht offen die Anfechtungen an, denen Atheisten immer auf’s neue widerstehen müssen. Und er zeigt schonungslos die scheinbar übermächtigen Gegenargumente, denen die Gottlosen wieder und wieder ausgesetzt sind. Es geht – Sie ahnen es – um die Feinabstimmung des Universums.

Um hier gegenzusteuern, wurde professionell gearbeitet. Im Artikel werden einerseits physikalische Fakten, die als Hintergrundinformation unentbehrlich sind, mit der notwendigen Tiefe präsentiert. Zum Beispiel:

„Deuterium wird auch ‚schwerer Wasserstoff‘ genannt, denn es ist genauso aufgebaut wie Wasserstoff, ist eben nur etwas schwerer.“

Wir können an dieser Stelle nicht ausloten, ob solche Sätze passgenau auf das ästhetische Sprachempfinden und das wissenschaftliche Bildungsniveau des durchschnittlichen Jungatheisten zugeschnitten wurden und ob sie damit exemplarisch für ein Milieu stehen, das sich traditionell intellektuell und wissenschaftsnah zu geben versucht. Wir können es nur vermuten.

Andererseits liefert der Beitrag praktische Argumentationshilfen für den täglichen Überlebenskampf an der ideologischen Front gegen verbohrte Gläubige. So zum Beispiel in seinem Schlussabsatz:

„Glaubst du nicht an diesen allmächtigen Schöpfer und willst gegen [sic!] argumentieren, wirf einfach ein hypothetisches Universum ohne schwache Wechselwirkung in den Raum. Dann weiß dein Diskussionsgegner garantiert nicht mehr, was er sagen soll.“

Man mag die holprige Sprache und das penetrante Geduze unter dem Stichwort Zielgruppenaffinität verbuchen. Offenbleiben muss indes, ob es sich bei der Formulierung „ein Universum in den Raum werfen“ um eine hintergründige philosophische Anspielung oder doch eher um eine Stilblüte handelt. Atheisten in einschlägigen Facebookgruppen fanden dieses Fazit jedenfalls „beruhigend“, während andere den Artikel aufgrund seines Titels gleich komplett verschmähten.

Aber lassen wir solche Andekdoten beiseite und wenden wir uns den eigentlichen Fragen zu: Ist das Universum extra für uns gemacht? Spricht die Feinabstimmung für einen Schöpfer? Und was hat die Frage mit der schwachen Wechselwirkung zu tun?

Kann Gott Gravitation?

Schon in der Zeit vor Isaak Newton stellten sich einige Leute die Frage, warum die Erde so schön um die Sonne kreist, wie sie das zu unser aller Glück tat und immer noch tut. Und die Antwort lautete damals: Es kann nur daran liegen, dass Gott dafür sorgt. Vermutlich hat er ein persönliches Interesse daran, dass die Erde nicht mitsamt den Menschen in die Sonne stürzt oder in den kalten Weiten des Alls verschwindet.

Dann kam Newton und erklärte, die Erde werde durch eine Kraft namens Gravitation auf ihrer Bahn gehalten, woraus einige den Schluss zogen, dann könne Gott nicht dafür verantwortlich sein. Das war jetzt etwas salopp formuliert, die ausführlichere Variante lautet wie folgt: Zwar konnte man schon vor Newton die Bewegung der Planeten mit Hilfe der drei Keplerschen Gesetze berechnen, aber warum diese galten, wusste niemand. Für die himmlische Sphäre war eben Gott verantwortlich. Newton gelang es nun die Keplerschen Gesetze aus seinen Prinzipien Gravitation und Trägheit herzuleiten und gleichzeitig mit diesen Prinzipien irdische Bewegungen wie zum Beispiel fliegende Kanonenkugeln zu berechnen. Seine Gesetze galten quasi wie im Himmel so auf Erden, woraus einige den Schluss zogen, dass es dann auch im Himmel ganz und gar irdisch zugehen müsse und die Planetenbewegung unmöglich nach dem Willen Gottes von statten gehen könne.

Man merkt schon, dass dieses Argument mit Logik nicht so wahnsinnig viel zu tun hat, denn zwar konnte man jetzt die Keplerschen Gesetze durch die Gravitation „erklären“, doch die Gravitation war ja Newtons Setzung und daher selbst erklärungsbedürftig. Man hatte die offene Frage also nur um eine Stufe verschoben und war gewissermaßen unwissend auf einem höheren Niveau (interessanterweise ist die Natur der Gravitation bis heute nicht wissenschaftliche geklärt).

Und Gott? Vor Newton war er für die Keplerschen Gesetze verantwortlich, jetzt für die Gravitation. Aber die Keplerschen Gesetze folgen aus der Gravitation, warum sollten sie also auf einmal „ungöttlich“ sein? Logisch betrachtet war die Entdeckung der Gravitation jedenfalls kein Argument gegen Gott.

Vermutlich hat sich Newton selbst deshalb auch nie in diese Richtung geäußert. Im Gegenteil! Für ihn war klar, dass er herausgefunden hatte, wie Gott die Planeten auf ihrer Bahn hält. Und er war ferner überzeugt, dass der Allmächtige „überall gegenwärtig“ sei und er sah in Raum und Zeit, auf denen seine Mechanik fußte, das „Sensorium Gottes“.

Die Geburt des Lückenbüßergottes

Doch diese Ansicht Newtons sollte, ganz im Gegensatz zu seiner Mechanik, nicht tonangebend werden. Das Argument vom „Lückenbüßergott“ war in der Welt: Was der Mensch verstanden hatte, oder jedenfalls zu verstehen glaubte, das konnte nicht göttlich sein und daher konnte Gott sich allenfalls dort „aufhalten“, wo die Wissenschaft die Zusammenhänge noch nicht geklärt hatte. Beispielhaft kommt diese Haltung in dem französischen Mathematiker Pierre-Simon Laplace zum Ausdruck. Napoleon Bonaparte soll ihn gefragt haben: „Newton sprach in seinem Buch von Gott. Ich habe das Ihrige schon durchgesehen und dabei diesen Begriff kein einziges Mal gefunden.“ Worauf Laplace erwidert habe: „Bürger und Erster Konsul, ich habe dieser Hypothese nicht bedurft.“

Doch schieben wir mal die Einwände gegen das Lückenbüßerargument bei Seite und folgen Herrn Laplace. Dann kommt es mit dem Fortschritt der Wissenschaft zu einer Art „Raumnot Gottes“. Jedenfalls sieht es danach aus. Wer gegenhalten will, kommt unweigerlich in die Defensive und fällt in den „ja-aber-Modus“. Zum Beispiel so.

Laplacefan: Newton hat gezeigt, dass die Planetenbewegung nach ganz normalen Gesetzen verläuft, damit kann Gott nicht dafür verantwortlich sein.

Verteidiger: Jaaa, das mag sein, aber trotzdem wissen wir nicht, warum Erde und die Sonne überhaupt da sind. Nur Gott kann sie hervorgebracht haben.

L: Nein, nach überzeugenden Theorien ist das Sonnensystem vor rund 4,5 Milliarden Jahren aus einer Gaswolke entstanden ist. Durch die Gravitation hat sich die Materie verdichtet und so entstanden die Sonne und die Planeten. Gott brauchte dabei nichts zu tun.

V: Jaaa, schon möglich, aber die Bestandteile der Gaswolke müssen ja irgendwo herkommen. Nur Gott kann sie geschaffen haben.

L: Nein, dabei handelt es sich um Wasserstoff, der im All in großen Mengen vorhanden ist und um andere Elementen, die durch Kernfusion in noch älteren Sternen entstanden sind. Funktionierte alles sehr gut ohne Gott.

V: Jaaa, mag sein, aber auch der Wasserstoff und die Gaswolken, aus denen die älteren Sterne entstanden sind, müssen ja irgendeinen Ursprung habe. Das kann nur Gott sein.

L: Nein, der Wasserstoff ist kurz nach dem Urknall entstanden und alle frühen Sterne haben sich daraus entwickelt. Gott hat hier…..

 Die beiden Probleme mit dem Urknall

Wie man sieht, ist der Laplacefan im Vorteil. Nur: In jeder Diskussion dieser Art landet man früher oder später beim Urknall. Und hier wird es etwas komplizierter.

Die gängige Erklärung für den Urknall lautet, er sei durch eine zufällige Fluktuation im Quantenvakuum ausgelöst worden. Nicht gerade eine „Erklärung“ im, sagen wir, klassischen Sinne, aber lassen wir sie mal als solche durchgehen. Nach dem Urknall kann man nun die Entwicklung des Universums im Großen und Ganzen durch mathematische Modelle darstellen. Diese können zum Beispiel berechnen, dass nach einer gewissen Zeit Sterne entstanden sein müssen. Doch dabei gibt zwei grundsätzliche Probleme.

Erstens: Bei den Berechnungen spielen Naturkonstanten wie die Lichtgeschwindigkeit oder die Masse eines Elektrons und andere physikalische Randbedingungen eine große Rolle. Die Werte dieser Naturkonstanten können die Modelle jedoch nicht vorhersagen, sondern sie müssen in der Natur gemessen und dann, quasi von „außen“, in die Formeln eingefügt werden. Das heißt, es gibt zwar eine wissenschaftlich sinnvolle Antwort auf die Frage „Warum sind im Universum Sterne entstanden?“ aber es gibt keine solche Antwort auf die Frage „Warum hat das Elektron gerade die Masse 9,1 mal 10 hoch minus 31 Kilogramm?“ Hat sich der Lückenbüßergott also nur deshalb aus all den genannten Bereichen zurückgezogen, um bei den Naturkonstanten ganz groß aufzutrumpfen?

Doch es kommt noch dicker, wenn man sich die Frage stellt, warum im Universum Leben entstehen konnte. Die wissenschaftliche Antwort lautet zunächst: Evolution! Klar. Aber Evolution kann nur unter bestimmten Voraussetzungen stattfinden. Zum Beispiel braucht das Universum eine hinreichende Menge an freier Enthalpie, das heißt, es müssen Energiequellen, also Sonnen, vorhanden sein. Keine Sonnen, keine Evolution. Keine Evolution, kein Leben.

Und hier lauert das zweite große Problem: Die Naturkonstanten, die man vorfindet, scheinen mit einer geradezu hirnrissigen Präzision genau so eingestellt worden zu sein, dass im Universum Leben entstehen kann. Zum Beispiel dürfte man den Wert von Newtons Gravitationskonstante sage und schreibe erst in der 10 hoch 60stern Stelle nach dem Komma verändern, um die Entstehung von Sonnen im Universum nicht zu gefährden. Und dabei sind all die anderen Naturkonstanten noch gar nicht berücksichtigt. Da räumen selbst Forscher ein, die theistischen Spekulationen völlig unverdächtig sind, wie beispielsweise Stephen Hawking:

„Es ist bemerkenswert, dass die physikalischen Bedingungen scheinbar sehr fein aufeinander abgestimmt wurden, damit sich Leben entwickeln kann.“

Dieses Phänomen wird als Feinabstimmung des Universums bezeichnet.

Wie man einen „Gottesbeweis“ umschifft

Klingt verdächtig nach einem Gottesbeweis. Aber auch wenn es natürlich letztlich keiner ist, stellt sich für Atheisten die Frage, wie sie aus dieser Nummer wieder herauskommen.

aphorismen1Der bekannteste Vorschlag dafür ist der des Multiversums: Es existieren Myriaden von Universen in denen alle denkbaren Kombinationen von Naturkonstanten verwirklicht sind. Und wir befinden uns natürlich in einem gastfreundlichen Exemplar. Voilà.

Auch wenn er heutzutage von vielen Wissenschaftlern vertreten wird, ist dieser Vorschlag offensichtlich eine pseudorationalistische Erklärung, denn die anderen Universen sind ebensowenig nachweisbar wie Gott. Es handelt sich also eindeutig nicht um Naturwissenschaft, sondern um naturwissenschaftlich inspirierte Metaphysik.

Der kmpkt-Artikel, und das muss man ihm wirklich als Pluspunkt anrechnen, geht auch konsequenterweise auf diesen Vorschlag gar nicht ein. Er zieht sich auf andere Art aus der Affäre und zwar indem er zu zeigen versucht, dass es vielleicht doch gar keine Feinabstimmung gibt.

Zur Feinabstimmung gehören neben den Naturkonstanten nämlich auch andere Randbedingungen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass es vier physikalische Grundkräfte gibt. Und hier zeigt der Beitrag in einem „Mindfuck“, wie er es selbst formuliert, dass auch ein bewohntes Universum mit nur drei physikalischen Grundkräften denkbar ist. Die sogenannte schwache Wechselwirkung wäre nach Ansicht einiger Wissenschaftler nämlich entbehrlich, wenn die Sonne aus Deuterium, statt aus normalem Wasserstoff bestünde. Ob diese Möglichkeit allerdings eine Erklärung für die ungeheure Präzision der Naturkonstanten obsolet macht, darf indes bezweifelt werden.

Und leider übersieht der Autor dabei eines: Selbst, wenn es keine Feinabstimmung gäbe, wäre die Frage nach den Werten der Naturkonstanten oder der Anzahl der Grundkräfte nach wie vor ungeklärt. Und damit würde es nicht bedeuten, dass Gott beim Urknall beschäftigungslos gewesen wäre. Sondern lediglich, dass er die Wahl gehabt hätte.

 

Weitere Links zum Thema:

Moderne Kosmologie und Feinabstimmung – Prof. Dr. Peter C. Hägele (pdf)

 

Abbildung: Screenshot youtube