„Wie können wir über Dinge in der Außenwelt denken? Wie kann der Inhalt unserer Gedanken von der Welt handeln? Wie können wir überhaupt inhaltsvoll denken? Und was sind Inhalte, was sind Bedeutungen?“

Über solche und andere Fragen sprach ich zusammen mit Dirk Boucsein von philosophies mit dem Wissenschaftstheoretiker und Professor für Theoretische Philosophie Holger Lyre von der Universität Magdeburg. Prof. Lyre verfolgt den Ansatz des Strukturenrealismus, einer Denkrichtung, in der nicht die Eigenschaften der Objekte im Vordergrund stehen, sondern die Relationen zwischen ihnen und die sich daraus ergebenden Strukturen. Ein Konzept, das zunächst ungewöhnlich erscheinen mag, aber z. B. durch die Betrachtung quantenmechanischer Objekte nahegelegt wird. Die Eigenschaften eines Elektrons erschließen sich nur in der Wechselwirkung mit anderen Teilchen. Wie das Elektron „an sich“ ist, wissen wir nicht. Das weiß gerade auch Holger Lyre, der auch Physik studierte und lange mit Carl Friedrich von Weizsäcker zusammengearbeitet hat.

Inwieweit dieser Ansatz bei Fragen über die Natur des Bewusstseins weiterhilft, sehen Sie in unserm Interview. Hier der Trailer:

Sehen Sie das komplette Interview auf dem YouTube-Kanal Zoomposium.

Holger Lyre (* 1965) ist ein deutscher Wissenschaftstheoretiker und Professor für Theoretische Philosophie. Er ist Mitglied am Center for Behavioral Brain Sciences (CBBS) und war Gründungspräsident der Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (GWP). An der Universität Magdeburg betreut er den in dieser Form einmaligen Studiengang „Philosophie-Neurowissenschaften-Kognition“ (PNK). Erwähnenswert ist auch seine Vorlesung zur Philosophie des Geistes, die man sich komplett auf YouTube anschauen kann (hier).

Posted by:Axel Stöcker

Axel Stöcker bloggt seit 2016 über die "großen Fragen". Seine Gedanken zum Problemkreis „Bewusstsein und freier Wille“ – einem Schwerpunktthema des Blogs – hat der „Skeptiker mit Hang zur Romantik“ im Roman "Die Hirnkurve der Liebe" verarbeitet, der sich zur Zeit in der Veröffentlichungsphase befindet.

2 Antworten auf „Sind Strukturen der Schlüssel zum Bewusstsein? – Prof. Holger Lyre im Gespräch (Video)

  1. Vielen Dank an Prof. Lyre für das Interview, welches uns hier eine rege Diskussion gestattet! Vielleicht kommt vom ihm sogar auch ein Kommentar zurück, das würde mich sehr freuen, wenn ihn die Diskussion hier im Blog weiter interessiert.

    Zum physikalischen Teil mag ich ein paar Gedanken beisteuern.

    In Minute 28 wird erwähnt, dass der Strukturenrealismus das Dilemma behandeln könne, in welches die Elementarteilchenphysik durch die Aufgabe der Individualität gekommen ist. In der Tat ist das große „kontraintuitive“ Problem der orthodoxen Quantenmechanik, dass insbesondere auf der Ebene der Elektronen von einer konkreten Verortung irgendwo um den Kern abgeraten wird, vorgeschlagen wird eine Art statistische Verteilung um den Kern herum, ohne „tatsächlich“ vor einer Messung (Kollaps der Wellenfunktion) einen Ort zu besitzen, also auch keinen lediglich technisch nicht feststellbaren Ort.

    Neben dem von dir, Axel, im Text oben betonten Abstand von Eigenschaften eines Elektrons mit Verweis auf dessen Wechselwirkungen, mag ich auf das Thema der Individualität eines Elektrons eingehen, weil ich vermute, dass dieses Problem noch mehr nach einer Lösung im Sinne eines Strukturenrealimus‘ verlangt.

    Dazu ein Hinweis auf Schrödinger im Vortrag von 1952: Die physikalischen Formeln liefern falsche Ergebnisse, wenn man beispielsweise schon im Heliumatom den zwei Elektronen eine Individualität zuspricht. Erst mit dem Blickwinkel, dass die Elektronenhülle trotz der Zahl Zwei eine Einheit darstelle, stimmen die Berechnungen.

    Man höre hier ab Minute 59 ein paar Minuten an.

    https://youtu.be/hPyUFbKRwq0?t=2941

    Schrödinger selbst würde beim Stichwort Elektron auch nicht mehr von „Wechselwirkungen der Elektronen“ reden, weil diese Sichtweise schon einem Elektron eine Individualität zusprechen würde. Damit würden wir einen Grundbaustein des Strukturenrealismus‘ anscheinend berühren, der die Theorie im ersten Moment zu gefährden scheint. Daher wäre ich an einer Einschätzung von Prof. Lyre interessiert.

    Meine Einschätzung wäre, dass der Strukturenrealismus auch auf ausgedehnt schwingende Objekte anwendbar wäre, wie sie Schrödinger annimmt. Dabei mag ich auch einen Blickwinkel beifügen, den der späte Einstein in einem Buch formulierte und zu dem Gedanken einer Feldtheorie ohne Materiekörper auch von „strukturellen Gesetzen“ sprach:

    Können wir den Materiebegriff nicht einfach fallenlassen und eine reine Feldphysik entwickeln? Was unseren Sinnen als Materie erscheint, ist in Wirklichkeit nur eine Zusammenballung von Energie auf verhältnismäßig engem Raum. Wir können die Materiekörper als eine Region im Raum betrachten, in denen das Feld außerordentlich stark ist.

    Daraus ließe sich ein gänzlich neues philosophisches Weltbild entwickeln, das letztendlich zu einer Deutung aller Naturvorgänge mittels struktureller Gesetze führen müsste, die überall und immer gelten. Ein durch die Luft geworfener Stein ist in diesem Sinne ein veränderliches Feld, bei dem die Stelle mit der größten Feldintensität sich mit der Fluggeschwindigkeit des Steines durch den Raum bewegt. In einer solchen neuen Physik wäre kein Raum mehr für beides: Feld und Materie; das Feld wäre als das einzig Reale anzusehen. … Bislang ist es uns allerdings noch nicht gelungen, diesen Gedanken zu einer überzeugenden und folgerichtigen Theorie zu verarbeiten. Die Entscheidung darüber, ob eine Lösung dieses Problems im Bereich des Möglichen liegt, bleibt der Zukunft vorbehalten.

    Einstein u. Infeld: „Die Evolution der Physik“ (Rowohlt, 1956). S. 162 f.

    Wenn mir noch weitere Gedanken einfallen, die ich beisteuern mag, dann werde ich diese als eigene Kommentare absenden, damit sich ein Kommentarzweig auf ein Thema in der Diskussion beschränken kann.

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