Das Zitat im Mai

Stephen Hawking

„Ich lebe seit 49 Jahren im Angesicht des baldigen Todes. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich habe es mit dem Sterben auch nicht eilig. Ich habe vorher noch viel vor. Ich betrachte das Gehirn als einen Computer, der aufhört zu funktionieren, wenn seine Bestandteile versagen. Es gibt keinen Himmel und kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer. Dies ist ein Märchen für Leute, die Angst vor der Dunkelheit haben.“

Stephen Hawking (*1942)

So äußerte sich der berühmte Physiker und Kosmologe vor genau fünf Jahren in einem Interview mit der englischen Zeitung The Guardian. Eine bekannte deutsche Boulevardzeitung machte daraus die Überschrift: „Der klügste Mensch der Welt glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod!“

Ich frage mich bei diesem Zitat immer: Wer erzählt da? Ist es Hawking, der Wissenschaftler, der dem Leser erklärt, wie man die Welt sehen sollte und was in einer wissenschaftlich durchdrungenen Welt möglich ist und was nicht? Oder ist es der Mensch Hawking, der von seinem ungewöhnlichen Schicksal erzählt und wie es seine Sicht auf eine der großen Fragen, nämlich der nach dem Leben nach dem Tod, geprägt hat?

Auffallend ist, dass Hawking in den ersten Sätzen immer von sich redet: „Ich lebe…“, „Ich habe…“, „Ich betrachte…“, während er im letzten Satz generalisiert: „Dies ist ein Märchen…“ und nicht etwa: Ich halte dies für ein Märchen. Man kann davon ausgehen, dass jemand von Hawkings Intelligenz und Sendungsbewusstsein in einem Interview weiß, was er sagt und sollte ihn daher beim Wort nehmen. Wie begründet Hawking also seine Aussage?

Zunächst betrachtet er das Gehirn als Computer. Das ist eine ziemlich gewagte Analogie, die heutzutage kaum ein Hirnforscher und kaum ein Entwickler künstlicher Intelligenz unterschreiben dürfte. Verständlich ist, dass jemand, der seit Jahrzehnten an einen Computer angeschlossen ist und nur durch dessen Hilfe mit seiner Umwelt kommunizieren kann, dieser Auffassung vielleicht eher zuneigt. Das macht sie aber natürlich nicht richtiger. Immerhin ist die Analogie insoweit vertretbar, als auch das Gehirn irgendwann „aufhört zu funktionieren“, wenn zu viele seiner „Bestandteile“ den Geist aufgeben. Wenn auch wahrscheinlich auf eine ganz andere Art als ein Computer das tut.

Wenig überzeugend ist auch Hawkings Argument, es gebe „kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer“, dessen Subtext ja lautet: …also kann es auch kein Leben nach dem Tod für den Menschen geben! Denn: Was nicht lebt, kann nicht sterben und was nicht stirbt, kann natürlich kein Leben nach dem Tod haben. Seine Aussage ist also für Computer banal. Und für eine Übertragung auf Lebewesen wie den Menschen gibt Hawking außer der bereits erwähnten fragwürdige Analogie zwischen Gehirn und Computer kein Argument. Das mag diejenigen überzeugen, die ohnehin dem Materialismus anhängen und die die Gleichung „sterben = kaputtgehen“ für banal und keiner Erörterung Wert halten. Zweifler der reinen Lehre des Materialismus werden dadurch aber kaum zum Nachdenken angeregt. Denkbar, dass Hawking sich hier nur an seine „Anhänger“ wendet und daher eine stichhaltige Begründung seiner Position für überflüssig hält.

Oder glaubt er in seinem tiefsten Inneren vielleicht doch, Computer seien so etwas wie Lebewesen? Eine mögliche Erklärung wäre auch hier seine Abhängigkeit von der „siliciumbasierten Lebensform“, wie Computer von Leuten, die nicht wie ich dem Kohlenstoffchauvinismus zuneigen, auch genannt werden.

Wie dem auch sei: Wir haben es hier nicht mit dem wissenschaftlich argumentierenden Hawking zu tun. Dazu hinkt die von ihm verwendete Analogie viel zu sehr und es wäre töricht anzunehmen, dass sich ein brillanter Geist wie er sich dessen nicht bewusst ist. Hier spricht der Mensch Hawking, der den Tod nicht mehr fürchtet, weil er ihm seit einem halben Jahrhundert ins Gesicht blickt und der sich deshalb nicht von irgendeinem Pfaffen Trostgeschichtchen anhören will (um es einmal etwas polemisch, aber wohl in Hawkings Sinne zu formulieren).

Mit Wissenschaft hat dies jedoch nichts zu tun. So wenig wie ein gläubiger Christ aufgrund einer subjektiven Gotteserfahrung eine allgemeine Annerkennung Gottes fordern kann, kann Hawking angesichts seiner persönlichen Erfahrung erwarten, dass der nach-dem-Tod-ist-alles-aus-Standpunkt zum Naturgesetz erhoben wird. Es mag hierfür andere Gründe wie zum Beispiel Ockhams Rasiermesser geben (auf die wir in diesem Blog bei Gelegenheit noch eingehen werden) aber ein Grundsatz der Wissenschaft bleibt natürlich, dass sie niemals auf subjektiven Erfahrungen aufbauen kann.

Auch das weiß Hawking natürlich. Und so erlaubt er sich in seinem letzten Satz ein doppeltes argumentatives Foulspiel, für das er sich in seiner Rolle als Wissenschaftler wohl nicht hergegeben hätte: „Dies ist ein Märchen für Leute, die Angst vor der Dunkelheit haben.“ Zuerst erklärt er das zum „Märchen“, wogegen er kein belastbares Argument vorgebracht hat und suggeriert damit, dass er ein solches geliefert habe. Und dann unterstellt er denen, die anderer Meinung sind, intellektuell unredliche Motive (in diesem Fall „Angst“), womit er suggeriert, dass sie keine ernstzunehmenden Argumente hätten. Beides Tricks, die gerne von Politikern in Talkshows verwendet werden, eines Wissenschaftlers aber eigentlich unwürdig sind. Man könnte sonst leicht den Spieß umdrehen und sagen: Dass nach dem Tod alles aus ist reden sich gerne die Leute ein, denen es unangenehm ist, für ihre Taten verantwortlich gemacht zu werden. Mit solchen „Argumenten“ kommt man nicht weiter. Wer wissenschaftlich über die Existenz eines Lebens nach dem Tod reden will, muss sich schon mit den – wenigen – Indizien befassen, die uns dazu vorliegen (auch dazu an anderer Stelle mehr auf diesem Blog). Ansonsten landet man schnell in ideologischen Grabenkämpfen.

Aber, wie gesagt, Hawking argumentiert hier nicht als Wissenschaftler, sondern als Person, die aus ihren Erfahrungen heraus urteilt. Das ist sein gutes Recht. Er sollte nur vermeiden, den Eindruck von Wissenschaftlichkeit an Stellen zu erwecken, wo dieser nicht angebracht ist (eine Versuchung, der auch andere Forscher schon erlegen sind). Denn damit tut er der Wissenschaft selbst keinen Gefallen.

 

Foto: Screenshot Youtube