Der Mensch – Wie kam er auf die Erde? (Foto: Screeshot youtube)

Ein Gastbeitrag von Helmut Pfeifer

Wie kam der Mensch auf die Erde und welchen Platz nimmt er in der Evolution ein? Im 8. und letzten Teil seiner Serie zur Evolution begibt sich Helmut Pfeifer auf die Spuren des Homo Sapiens.

Ein besonders wichtiges Ereignis in der Evolution war die Entstehung der Wirbeltiere. Eine ihrer Entwicklungslinien mündete nämlich in die Evolution des Menschen. Mit den Wirbeltieren entstand ein neuer Bauplan, der mit der Entfaltung vieler „Unterbaupläne“ den Reichtum des Lebens auf der Erde entscheidend vergrößerte.

Der Wirbeltierkörper ist typischerweise in Kopf, Rumpf und Schwanz gegliedert. Diese Gliederung hat allerdings aufgrund spezieller Lebenserfordernisse und Anpassungen im Detail mannigfache Abwandlungen erfahren. Wirbeltiere haben alle geographischen beziehungsweise klimatischen Regionen besiedelt. Sie finden sich im Wasser ebenso wie auf dem Festland. Viele ihrer Gruppen leben in wärmeren und heißen Regionen, andere haben die sehr kalten Regionen „erobert“ (z.B. Pinguine und Robben), viele Arten sind Wald-, Steppen- oder Wüstenbewohner. Über die näheren Umstände der Entstehung der Wirbeltiere lassen sich aber keine zuverlässigen Angaben machen. Einiges spricht dafür, dass ihnen freischwimmende, wurmförmige Tiere vorangegangen sind.

Sicher erscheint, dass die Wirbeltiere erstens ursprünglich fischähnliche Wasserbewohner waren und zweitens etwa vor 450 Millionen Jahren in Erscheinung traten. Dies belegen Fossilfunde von so genannten Knochen- bzw. Schalenhäutern, Fische mit einem knöchernen Außenskelett auf einer Kopfregion ohne Kiefer. Kieferlose Wirbeltiere, wie z.B. die Neunaugen haben sich übrigens in abgewandelter Form bis heute gehalten. Die nächsten Evolutionsschritte vor etwa 400 Millionen Jahren müssen allerdings in der Entstehung eines knöchernen Innenskeletts und der Bildung von Kieferbögen bestanden haben. Dies belegt das Erscheinen von kiefertragenden Fischen vor über 300 Millionen Jahren. Es wird vermutet, dass sich unter ihnen die Vorfahren der heutigen Knorpelfische (Haie und Rochen) befunden haben.

Aber auch die Knochenfische könnten aus der vielgestaltigen Formengruppe der Panzerfische hervorgegangen sein. Sie sind eine Klasse, die mit über 20.000 Arten heute die überwiegende Mehrzahl der Fische darstellt. Mit dem Auftreten der Panzerfische dürfte die Entwicklungsgeschichte der Wirbeltiere ihren Lauf genommen haben. Im Weiteren sollten sich ihre Vertreter aber nicht nur im Wasser aufgehalten, sondern auch das Festland erobert und dort eine bemerkenswerte Artenvielfalt entwickelt haben.

Vorreiter hierfür waren, wie bereits beschrieben, Pflanzen, die sich aufs Festland gewagt hatten. Vor etwa 350 Millionen Jahren bildeten sie die berühmten karbonischen Steinkohlewälder. Da die Evolution der Pflanzen eng mit der der Insekten in engem Zusammenhang stand, brachten es diese in den Steinkohlewälder zu einer ersten Blütezeit.

Wie haben aber die Tiere den Übergang vom Wasser auf das Land geschafft? Die Frage ist natürlich sehr komplex, aber es wird angenommen, dass die ersten landlebenden Tiere Lurche oder Amphibien gewesen waren. Es waren dies Molche, Salamander, Frösche und Kröten. Sie sind seit etwa 350 Millionen Jahren fossil nachgewiesen. Die Gattung Ichthyostega repräsentiert das älteste bekannte Landwirbeltier, ein Vierfüßler, der im Hinblick auf seinen Habitus zwischen Fischen und echten Landwirbeltieren steht. An Fische erinnert sein Schädel und sein Schwanz, die fünfstrahligen Gliedmaßen hingegen sind ein Merkmal von Landwirbeltieren. Er kam aus dem Süßwasser und stammte von Fischen ab, die für das Landleben sozusagen prädisponiert waren. Solche Fische gehören zur Gruppe der Quastenflosser und sind fossil gut repräsentiert.

Eine Art dieser Gruppe schwimmt noch heute als lebendes Fossil umher und zwar in den Gewässern um die Komoren, einer Inselgruppe vor der Küste Ostafrikas. Er ist der einzige lebende Vertreter jener wasserbewohnenden Wirbeltiere, von denen die Landwirbeltiere ihren Ausgang genommen haben dürften. Die Quastenflosser bilden mit drei Eigenschaften optimale Voraussetzungen für Tiere, die den ersten Schritt ans Festland geschafft haben konnten: Ihre Flossen hatten ein starkes Stützskelett, das ihnen erlaubte, ihren Körper in Trockenzeiten auf dem Lande fortzuschieben. Vorhandene innere Nasengänge machten die Aufnahme von Luft bei geschlossenem Mund möglich. Darauf lässt der Besitz von Lungenblasen schließen, der das zumindest kurzfristige Überleben auf dem Festland ermöglichte. Das Zusammentreffen dieser Merkmale war jedenfalls, im Nachhinein betrachtet, die grundlegende Voraussetzung für die Entstehung landbewohnender, vierfüßiger Wirbeltiere.

Waren es zunächst nur Amphibien, kam es in der Folge zur Entwicklung von Kriechtieren bzw. Reptilien, die wiederum eine evolutionäre Neuheit darstellten. Ihre mit Hornschuppen bedeckte und nahezu drüsenlose Haut machte sie widerstandsfähig gegen die Gefahr des Austrocknens. Im Gegensatz zu den Amphibien konnten sie in allen ihren Entwicklungsstadien auf dem Land leben und waren somit völlig unabhängig vom Wasser. Die Reptilien erreichten im Mesozoikum ihre höchste Blüte und beherrschten die Bühne der Wirbeltierevolution über 100 Jahrmillionen. Ihre Artenvielfalt ist durch die Funde vieler Fossilien belegt, die Paläontologen ununterbrochen zutage fördern.

Die Saurier besetzten im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte praktisch alle ökologischen Nischen. Sie waren also nicht nur am Festland vertreten, sondern fanden sich ebenso in den Meeren und bewegten sich mit verschiedenen Spezies durch die Lüfte. Die Amphibien erreichten nie eine derartige Artenfülle und ihre Körpergröße hielt sich im Vergleich zu den Sauriern in bescheidenem Maße. Aber Amphibien bildeten die Wurzeln der Evolution der Reptilien, die sich von ihnen vor etwa 330 Millionen Jahren abgespalten haben. Nach dem massiven Aussterben der Saurier am Ende der Kreidezeit entwickelten sich weitere Klassen an Wirbeltieren und daneben Vögel und Säugetiere.

Die ersten Säugetiere traten bereits in der Trias-Zeit, vor etwa 200 Millionen Jahren auf. Sie erreichten ihre Blütezeit im Verlaufe des Känozoikums indem sie eine große Menge an Ordnungen und Klassen bildeten. Auffällig sind die Unterschiede in der Körpergröße, wobei der Blauwal mit einer Körperlänge von bis zu 30 Metern und einem Gewicht von ca. 40 Tonnen die größte Art darstellt, während die Zwergspitzmaus knapp 6 Zentimeter lang ist und nur etwa sechs Gramm wiegt. Interessant ist, dass etwa 1000 Rezenten über 2000 fossilen Gattungen gegenüberstehen. Dies weiß man deshalb, weil Säugetiere fossil besonders gut bezeugt sind. Eine Spezies davon ist jedenfalls erst vor sehr kurzer Zeit entstanden und aufgeblüht: Der Homo sapiens.

Die Entstehung des Menschen

Homo Sapiens in seiner rezenten Form ist nur etwa 40.000 Jahren alt, geht aber auf viel ältere Formen zurück und ist stammesgeschichtlich in die Evolution der Primaten einzuordnen, die vor etwa 60 Millionen Jahren begonnen hat. Primaten oder Herrentiere sind heute mit etwa 200 Arten vertreten.

Mit dem rezenten Menschen am engsten verwandt sind der Zwergschimpanse, der Gorilla und der Orang-Utan. Diese Verwandtschaft zeigt sich nicht nur anatomisch, sondern auch genetisch, weil der Mensch z.B. mit dem Schimpansen 98% seiner Gene teilt. Die erwähnten Arten bilden die Familie der Menschenaffen oder Pongiden, denen die Menschenartigen oder Hominiden gegenüberstehen. Hominiden und Pongiden haben gemeinsame Vorfahren und der Stammesbasenast der Hominiden dürfte sich vor über fünf Millionen Jahren von den Pongiden abgespalten haben.

Innerhalb dieses Zeitraums traten die Hominiden in unterschiedlichen Arten auf wie dies fossile Funde belegen. Heute werden zwei Gattungen der Hominiden voneinander unterschieden, Australopithecus und Homo. Ersterer trat mit mehreren Arten auf, starb aber vor etwa einer Million Jahren aus. Homo ist fossil vor allem durch die Spezies homo erectus dokumentiert und mit einer einzigen Art, eben homo Sapiens, rezent vertreten.

Homo sapiens sapiens, wie er genau genommen heißt, hatte einen „Vetter“, den homo sapiens neanderthalensis (bekannt als Neandertaler), der vor rund 35 Tausend Jahren ausgestorben sein dürfte. Die Details des stammesgeschichtlichen Zusammenhangs zwischen den einzelnen Hominiden Arten werfen immernoch Fragen auf, die jedoch in den letzten Jahrzehnten besser aufgeklärt werden konnten als je zuvor. Dabei fällt auf, dass die Anfänge der Menschwerdung immer weiter nach hinten verlegt werden mussten. Allerdings sind die vier oder fünf Millionen Jahre für die Evolution der Hominiden ein eher kurzer Zeitraum in der Evolutionsgeschichte. Es ist eine Evolution nach dem Modell des Punktualismus.

Die herausragenden Merkmale der Hominiden Evolution können in drei Punkten zusammengefasst werden:

  1. Erwerb des aufrechten Ganges, also der Fortbewegung auf nur zwei – der hinteren -Extremitäten.
  2. Entwicklung der Vorderextremitäten zu „Instrumenten“, die universell eingesetzt werden können, nämlich der Greifhand und somit ein Instrument zur Manipulation von Gegenständen darstellt.
  3. Vergrößerung und Differenzierung des Gehirns, verbunden mit der Ausbildung spezifischer Gehirnareale und -zentren. (z.B. Sprachzentrum, Sehrinde usw.)

Ganz entscheidend hat die Gehirnentwicklung die Evolution des Menschen geprägt. Der rezente Mensch hat mit 1500 Kubikzentimeter das dreifache Hirnvolumen der Schimpansen und der ältesten Hominiden. Alles, was der Mensch heute darstellt, seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Kulturentwicklung verdankt er seinem Gehirn. Ihm verdankt er auch die Fähigkeit früh Werkzeuge herzustellen, womit der Mensch alle analogen Fähigkeiten anderer Lebewesen bald maßgeblich übertreffen sollte.

Ohne Zweifel war der Evolutionsweg des Menschen einmalig, aber das gilt für alle Spezies, Gattungen oder Familien. Nach allem, was wir heute über die Schemen der Evolution wissen, verdankt der Mensch seine Existenz einer langen Kette von Zufällen, verbunden mit anatomischen, funktionellen und ökologischen Entwicklungszwängen. Zu jedem Zeitpunkt während der letzten fünf Millionen Jahren hätte ein einziger ungünstiger Zufall die Evolution der Hominiden stoppen können. Da dies aber nicht geschehen ist, entwickelte sich homo sapiens aus den genannten Gründen zu einer überaus erfolgreichen Säugetierfamilie.

Ihr evolutionärer Erfolg zeigt sich allein schon in ihrer weltweiten Verbreitung. Von Afrika aus hat sie zahlreich alle Kontinente besiedelt. Jüngst hat der Mensch die Anzahl von sieben Milliarden Individuen überschritten. Das ist für einen Säuger unserer Körpergröße und Gewichtsklasse ein absoluter Rekord. Es ist aber auch hinlänglich bekannt, dass dieser Umstand Gefahren und Risken bildet, wenn man bedenkt, dass die Ressourcen an Nahrungsmittel nicht unerschöpflich sind. Das gleiche gilt auch für das Vorkommen von trinkbarem Wasser.

Die derzeitige Populationsdichte ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Zum einen kann der Mensch durch die wirkungsvolle Bekämpfung vieler Krankheiten der natürlichen Auslese entgegenwirken. Zum zweiten betreibt der Mensch Pflanzen- und Tierzucht, die seine Nahrungsressourcen stark vergrößern. Aber, wie gesagt, scheint man damit bald an seine Grenzen zu stoßen. In klimatisch benachteiligten Gegenden – insbesondere in Afrika – gibt es bereits dramatische Hungersnöte, welche nur durch Spenden aus Industriestaaten der westlichen Welt etwas gemildert werden können. (Anmerkung A.S.: Allerdings ist es in den letzten Dekaden auch gelungen, die Menge der Hungernden sowohl in relativen, als auch in absoluten Zahlen zu verringern. Und dies trotz steigender Weltbevölkerung.)

In jüngster Zeit hat der Mensch auch begonnen, in das Erbgefüge von Organismen einzugreifen und hat Methoden der genetischen Manipulation entwickelt, die möglicherweise den Gang des Lebens auf der Erde beeinflussen könnten. Die Tatsache, dass der Mensch begonnen hat, der Evolution ins „Handwerk zu pfuschen“, fordert nicht nur ethische Überlegungen heraus, sondern zwingt uns auch, über die zukünftige Evolution selbst nachzudenken.

Eines steht fest: der evolutionäre Erfolg einer Art geht mit der Benachteiligung anderer Arten einher. Homo sapiens ist in dieser Hinsicht das bisher extremste Beispiel. Doch nach allem, was wir heute über die Evolution wissen, kann keine Art für alle Zeiten evolutionären Erfolg haben. Unsere Spezies wird dabei keine Ausnahme bilden.