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Testperson mit EEG-Kappe (Quelle: Reuters)

Der Hirnforscher John-Dylan Haynes führte 2015 ein spektakuläres Experiment zur Willensfreiheit durch. Lesen Sie in diesem zweiten Teil, warum er seinem eigenen Ergebnis nicht traut, wie wissenschaftliche Ergebnisse aus den 80ern ignoriert werden und warum wir, allen Unkenrufen zum Trotz, frei sind.

Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich die beiden Experimente von Libet und Haynes aus den Jahren 1979 und 2015 vorgestellt. Man kann sie folgendermaßen zusammenfassen: Libet zeigte, dass eine Bewegung im Gehirn durch ein Bereitschaftspotential vorbereitet wird, das sich bereits vor der bewussten Entscheidung für diese Bewegung aufbaut. 2015 zeigte Haynes jedoch, dass das Bereitschaftspotential durch eine bewusste Entscheidung „überstimmt“ werden kann. Die Entscheidung, ob eine Bewegung stattfindet oder nicht, fällt also nicht beim Aufbau des Bereitschaftspotentials, sondern erst später, wenn das Bewusstsein dafür grünes oder rotes Licht gibt.

Ein neues Bild vom Bewusstsein?

Wie also funktioniert unser Bewusstsein? Es scheint eine Vetofunktion zu haben. Und: Es entscheidet nicht „aus dem Nichts heraus“. Das Bewusstsein bedient sich der unbewussten Regungen im Gehirn wie aus einem Bauchladen. Manches benutzt es, manches verwirft es, manches kombiniert es vielleicht auch neu. Bewusstes Verhalten entwickelt sich auf der Basis von Unbewusstem, indem das Bewusstsein bestimmte Impulse zulässt und andere unterdrückt.

Zugegeben, das ist eine forsche Verallgemeinerung von Haynes Ergebnissen, denn bei seinem Experiment ging es ja nur um eine Fußbewegung. Wenn man sie aber einmal so akzeptiert: Ist diese Bild vom Bewusstsein neu oder doch eher vertraut? Ich meine letzteres. Ist die Unterdrückung eines Handlungsdrangs nicht eine alltägliche Erfahrung? Kennt nicht jeder von uns dieses „der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach“? Oder wissenschaftlicher ausgedrückt: Nehmen wir nicht häufig „niedere“ Impulse aus unserem limbischen System wahr, über die wir entscheiden müssen? Man denke nur an die Tafel Schokolade im Schrank.

Libets ignorierter Triumph

Wie immer man zu solchen Überlegungen steht – Haynes Experiment ist eine technische Meisterleistung, mit der er die Vetofunktion des Bewusstseins nachgewiesen hat. Aber war er tatsächlich der erste, dem dies gelang?

Wie bereits im ersten Teil dieses Beitrags erwähnt, führte Benjamin Libet nach seinem berühmt gewordenen ersten Experiment ein zweites durch. Die Probanden sollten sich dort auf eine Handbewegung zu einem vorgegebenen Zeitpunkt vorbereiten, sie aber im letzten Moment abbrechen. Ergebnis: auch hier baute sich ein Bereitschaftspotential auf, es kam jedoch zu keiner Bewegung, das heißt, die Probanden konnten sich bewusst gegen das Bereitschaftspotential entscheiden. Libet schreibt unter der Überschrift „Das bewusste Veto“:

„Wir konnten in der Tat experimentell zeigen, dass die Unterdrückung einer geplanten Handlung sogar noch in den letzten 100-200 ms vor dem erwarteten Handlungszeitpunkt möglich war.“[1]

Eigentlich war also schon Anfang der 80er Jahre klar, dass das Bereitschaftspotential nicht das letzte Wort hat. Sicher ist Haynes’ Experiment, das mit der damaligen Technik noch nicht möglich gewesen wäre, aussagekräftiger. Aber auch Libets Ergebnis ist eindeutig und sein Befund stimmt bis in die Einzelheiten mit dem von Haynes überein.

Erstaunlicherweise wollte dieses Ergebnis zur damaligen Zeit kaum jemand zur Kenntnis nehmen. Nun kann man vielleicht noch nachvollziehen, dass die Medien sich nach Libets erstem Experiment und dem „Abschied von der Willensfreiheit“ die Story nicht vermiesen lassen wollten. Schwer zu verstehen ist hingegen, dass selbst Kollegen von Libet offenbar nur das sehen wollten, was ihnen in den (ideologischen) Kram passte. Libet selbst beklagte sich später darüber:

„In einem vor kurzem erschienenen Buch (The Illusion of Concious Will, 2002 – A. S.) präsentiert der Sozialpsychologe Daniel Wegner ein umfangreiches Argument für die Ansicht, dass der bewusste (freie) Wille eine Illusion sei. Er beschreibt korrekt unsere Experimente, die zeigen, dass Wissenshandlungen unbewusst vom Gehirn eingeleitet werden. Wegner behauptet wie viele andere, dass unser experimenteller Befund darauf hindeutet, dass der bewusste Wille ‚einfach ohne Wirkung sein könne (…)’. An keiner Stelle seines Buches diskutiert Wegner jedoch das Veto-Phänomen und die Tatsache, dass es eine potentielle kausale Rolle für den bewussten Willen bereitstellt.“[2]

Mal abgesehen davon, dass man Wegners Schlussfolgerungen spätestens seit Haynes in der Pfeife rauchen kann, wirft dieser Fall kein gutes Licht auf den Umgang von Forschern mit empirischen Daten. „Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen – Pech für die Fakten“, so lautet eine ironische Devise unter Studenten, wenn sie im Praktikum nicht die erwarteten Messergebnisse bekommen. Im wirklichen Forscherleben sollte es natürlich umgekehrt sein, was aber offenbar nicht immer der Fall ist. Das führt wiederum zu der Frage, wie ernst man „wissenschaftliche“ Aussagen zum Thema Willensfreiheit überhaupt nehmen sollte.

Unverständlich bleibt erst recht, warum im Nachhinein niemand Libets zweites Experiment und seine Theorie vom „bewussten Veto“ erwähnt (weder hier noch hier noch hier noch hier), die nun, über 30 Jahre später, von Haynes grandios bestätigt wurde. Libets posthumer Triumph wird totgeschwiegen. Warum? Geltungssucht? Konkurrenz mit einem verstorbenen Kollegen? Oder gönnt man Libet die Lorbeeren nicht, weil er nicht zur Fraktion der Deterministen gehörte?

Eine Zeitungsente – leider!

Berlin – Nachdem der Hirnforscher John-Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuroscience der Berliner Charité in einem Experiment gezeigt hat, dass der Mensch wahrscheinlich doch über einen freien Willen verfügt, sind seine Kollegen Gerhard Roth und Wolf Singer von früheren Forderungen abgerückt, das Strafrecht zu reformieren. Beide hatten immer wieder behauptet, der Mensch könne für sein Verhalten moralisch nicht verantwortlich gemacht werden, da dies die Fähigkeit zur freien Entscheidung voraussetze, die er gar nicht habe. Diese Behauptung sei nun nicht mehr zu halten, so Roth in einer Erklärung, die Frage nach dem freien Willen müsse bis auf Weiteres als offen betrachtet werden. Auch Singer erklärte…

Das haben Sie letzten Dezember sicher in den Nachrichten gehört, oder? Nein? Kein Wunder, denn es hat diese Mitteilung nie gegeben. Das Gros der Hirnforscher bleibt bei seiner Meinung, dass wir determiniert und ohne freien Willen sind. Sogar Haynes selbst spielt die Bedeutung seines Experiments herunter:

„Unser Experiment darf man nicht missverstehen als Schlupfwinkel dafür, dass das Bewusstsein noch quasi sich von der Kausalität des Gehirns unabhängig machen kann. Sondern natürlich werden auch dieser Entscheidung, quasi die Bewegung anzuhalten, auch Hirnprozesse vorauslaufen.“

Das ist ungefähr so, wie wenn ein Fußballtrainer nach einem wichtigen Sieg im Kampf gegen den Abstieg sagt: „Man darf dieses Ergebnis nicht missverstehen. Wir werden natürlich trotzdem absteigen.“
Warum verkündet ein Wissenschaftler das Gegenteil von dem, was er gerade experimentell gezeigt hat? Ganz einfach: Weil auch Wissenschaftler Menschen sind, die an irgendetwas glauben. Haynes gehört zu den Deterministen und glaubt deshalb, dass der Mensch lediglich eine Art biologische Maschine ist. Mit diesem Glauben ist ein freier Wille unvereinbar, weil alle Aktionen einer Maschine natürlich durch Abläufe in derselben erklärbar sein müssen. Deshalb glaubt Haynes, dass man irgendwann Hirnprozesse entdecken wird, die der „bewussten“ Entscheidung vorauslaufen. Im Moment ist das reine Spekulation, aber natürlich darf jeder glauben was er möchte. Nur: Glaube ist keine Wissenschaft. Das gilt auch dann, wenn der Glaubende ein Wissenschaftler ist.

Für den Laien ist Wissenschaft und der Glaube von Wissenschaftlern nicht immer leicht zu unterscheiden. Denn Wissenschaftler neigen dazu, ihre persönliche Sicht der Dinge gleich für Wissenschaft zu halten. Wenn sie die Welt erklären, unterscheiden sie nicht immer zwischen empirisch belegten Fakten und ihrer persönlichen Meinung dazu – eine gewisse Hybris ist menschlich.

Was bedeutet „wissenschaftlich“?

Wissenschaftler stellen Thesen auf und versuchen diese mit Hilfe von Experimenten zu belegen. Nun hat Karl Popper (1902–1994) darauf hingewiesen, dass sich Thesen durch Experimente streng genommen nicht beweisen, sondern nur widerlegen lassen. Nehmen Sie die These: „Alle Schwäne sind weiß.“ Durch jeden weißen Schwan, den jemand beobachtet, wird die These gestützt, aber man kann eben nie sicher sein, ob nicht in Zukunft doch noch irgendwo ein grüner Schwan gefunden wird. Damit wäre die These dann – sicher! – widerlegt. Praktisch bedeutet das, dass in der Naturwissenschaft die Thesen als „bewiesen“ gelten, die bisher nicht widerlegt wurden und die durch möglichst viele Beobachtungen oder Experimente bestätigt wurden. Ein typisches Beispiel wäre etwa die These: Kein materielles Objekt kann sich mit Lichtgeschwindigkeit oder schneller fortbewegen.

Was bedeutet das für die Untersuchung des freien Willens durch Haynes und Libet? Nun habe ich mich bisher um eine Definition des Begriffes „frei“ herumgedrückt. Philosophen füllen damit ja gerne mal diverse Vorlesungszyklen. Wir können uns hier aber auf eine recht einfache Definition zurückziehen: Unfrei ist eine Entscheidung, wenn sie durch unbewusste neuronale Phänomene (wie z. B. das Bereitschaftspotential) determiniert ist. Frei wäre sie demnach, wenn sie im Sinne dieser Definition nicht unfrei ist. Haynes hat mit seinem Experiment offensichtlich versucht, die These „Die Fußbewegung ist unfrei“ zu belegen. Er hat sie jedoch, entgegen seiner Erwartung, falsifiziert. Damit ist – bis auf Weiteres – die Gegenthese wissenschaftlich „bewiesen“: Die Fußbewegung ist frei. Und wenn die Füße frei sind, sollte das erst recht für den Kopf gelten. Alles andere ist Spekulation.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – auch bei Aussagen von Wissenschaftlern. So frei sollte man sein!

[1] Benjamin Libet, Mind Time, 2005, S. 177

[2] ebd. S. 184