Willensretter wider Willen? (1) – Libets Werk und Haynes’ Beitrag

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Testperson mit EEG-Kappe     Quelle: Reuters

Vor 37 Jahren führte der US-amerikanische Hirnforscher Benjamin Libet ein inzwischen legendäres Experiment durch. Viele sind der Meinung, es zeige, dass der freie Wille nur eine Illusion sei. Nun wollte sein Kollege John-Dylan Haynes mit einem neuen Experiment letzte Zweifel ausräumen. Es sollte die Grabrede für die Willensfreiheit werden. Doch die Beisetzung wurde abgesagt.

Wenn Naturwissenschaftler ein Experiment planen, tun sie das in der Regel nicht unvoreingenommen, denn meistens wollen sie damit eine Theorie bestätigen. Diese Voreingenommenheit ist jedoch kein Problem, da ein Experiment nur dann als Bestätigung gelten kann, wenn es auch die Möglichkeit enthält, dass die Theorie damit widerlegt wird (das ist der Kern von Poppers Kriterium der Falsifizierbarkeit).

So war es auch bei Benjamin Libet (1916-2007). Er wollte untersuchen, was im Gehirn vor sich geht, wenn wir eine bewusste Entscheidung treffen. Unbewusste Entscheidungen hatte er bereits vorher untersucht und festgestellt, dass sie oft nach einem Reiz-Reaktions-Schema ablaufen und erst im Nachhinein als bewusste Entscheidungen interpretiert werden. So z. B. wenn ein Fahrer bremst, weil er einen Ball auf die Straße rollen sieht. Eine bewusste Reaktion würde viel zu lange dauern (etwa eine halbe Sekunde), es wird unbewusst gebremst. Trotzdem wird der Fahrer später den Eindruck haben, dass er den Ball zuerst bewusst wahrgenommen und dann gebremst habe. Ein Trugschluss, wie Libet zeigen konnte. Der Zeitpunkt der Wahrnehmung wird vom Gehirn im Nachhinein „rückdatiert“.

Libets Experiment
Im Gegensatz zu diesem recht spektakulären Ergebnis hörte sich das neue Experiment zunächst langweilig an. Es sollte die Zeitskala bei einer bewusst ausgeführten Handbewegung bestimmt werden. Die Reihenfolge der Ereignisse, die dabei eine Rolle spielen, stand natürlich fest – jedenfalls nach Libets naheliegender Erwartung: zuerst die bewusste Entscheidung, dann die neuronale Vorbereitung der Bewegung im Gehirn und schließlich die Bewegung selbst.

So war der Versuchsaufbau im Grunde simpel: Um den Zeitpunkt der Entscheidung zu bestimmen, schauten die Versuchspersonen auf eine Art Uhr mit nur einem Zeiger und merkten sich die Stellung des Zeigers zum Entscheidungszeitpunkt. Außerdem waren sie an ein Elektroenzephalogramm (EEG) angeschlossen, das das sogenannte Bereitschaftspotential im Gehirn maß, eine Art neuronaler Vorlauf einer jeden Bewegung. Und um den Bewegungszeitpunkt exakt zu bestimmen, wurde schließlich noch das Muskelpotential in der Armmuskulatur gemessen.
Das Ergebnis war nun ebenso überraschend wie eindeutig: das Bereitschaftspotential baute sich etwa 0,4 Sekunden vor (!) dem Zeitpunkt der Entscheidung auf. Stand also zum Zeitpunkt der Entscheidung längst fest, dass die Hand bewegt werden sollte? Dann wäre die „Entscheidung“ in Wirklichkeit gar keine, sie wäre im Grunde überflüssig. Sind Entscheidungen also in Wirklichkeit nur Einbildung und ist der freie Wille damit eine Illusion? Eine Frage, die auch Benjamin Libet stark beschäftigte, denn er war Zeit seines Lebens der Meinung, dass der Mensch einen freien Willen habe. Hatte er also seine eigene Überzeugung widerlegt? Libet – ein Willensbrecher wider Willen?

Reaktionen
Es gab schon damals Stimmen, die davor warnten, das Kind gleich mit dem Bade auszuschütten. Zum Beispiel erinnerte der Philosoph Michael Pauen (*1956) daran, dass Libets Versuchspersonen die Handbewegung 40 Mal wiederholen mussten. Angesichts dessen sei es „kein Wunder, dass das Gehirn dann nach einiger Zeit weiß, was kommt, und entsprechend das Bereitschaftspotential aufbaut.“ Vor allem aber führte Libet selbst ein zweites Experiment durch, das die Ergebnisse des ersten stark relativierte (wir kommen später darauf zurück).
Diejenigen, denen Libets erster Versuch in ihr philosophisches Konzept passte, waren aber trotzdem nicht mehr zu halten. Was an Deterministen und Materialisten Rang und Namen hatte, sparte nicht mit Superlativen. Der Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz resümierte griffig: „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“, während sein US-amerikanische Kollege Michael Gazzaniga meinte, wir seien die letzen, die erfahren, was unser Gehirn vorhabe. Auch der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth (*1942) ließ sich nicht lumpen und degradierte das bewusste Ich unter dem Titel „Abschied von der Willensfreiheit“ medienwirksam zum „Regierungssprecher“, der „Entscheidungen interpretieren und legitimieren muss, deren Gründe und Hintergründe er gar nicht kennt und an deren Zustandekommen er zudem nicht beteiligt war.“
Und natürlich begnügt man sich inzwischen nicht mehr mit philosophischen Umdeutungen. Vor allem Roth und sein Kollege Wolf Singer (*1943) bemühen sich regelmäßig, die ahnungslose Öffentlichkeit über die Bedeutung ihrer Forschungsergebnisse aufzuklären: Eine Erschütterung unseres Menschenbildes wird angekündigt und selbstredend müsse die – angeblich bewiesene – Nichtexistenz des freien Willens auch Konsequenzen für das Strafrecht haben:

„Eine Gesellschaft darf niemanden bestrafen, nur weil er in irgendeinem moralischen Sinne schuldig geworden ist – dies hätte nur dann einen Sinn, wenn dieses denkende Subjekt die Möglichkeit gehabt hätte, auch anders zu handeln als tatsächlich geschehen.“[1]

Ähnlichen Unsinn hört man auch von Singer.

Haynes‘ Experiment
Wie Libet war auch der deutsch-britische Hirnforscher John-Dylan Haynes (*1971) voreingenommen, als er 2015 ein Experiment durchführte, mit dem er Libets Ergebnisse bestätigen wollte. Im Gegensatz zu Libet ist er Determinist, das heißt, er glaubt wie Roth und Singer daran, dass es keinen freien Willen gibt:

„Die Hirnaktivität unterliegt genauso den Naturgesetzen wie etwa Prozesse in unserem Herz oder unserer Leber. Der Wille ist meiner Ansicht nach kausal determiniert (…).“

Auch bei seinem Experiment ging es um die Entscheidung zu einer Bewegung, in diesem Fall des Fußes. Dabei spielten die Probanden ein Spiel gegen den Computer. Sie schauten auf einen Bildschirm auf dem ein Punkt zu sehen war, der in unregelmäßigen Abständen seine Farbe von Rot nach Grün änderte oder umgekehrt. Drückte der Proband bei Grün mit seinem Fuß einen Knopf, so bekam er einen Punkt. Bei Rot gewann der Computer.
So weit, so einfach. Nun waren die Versuchspersonen dabei noch an ein EEG angeschossen und sobald dieses ein Bereitschaftspotential für die Bewegung des Fußes feststellte, wechselte der Computer die Farbe auf Rot. Das bedeutet: Wenn das Bereitschaftspotential unausweichlich zur Bewegung des Fußes führen würde (wie ja immer unterstellt wurde), dürfte die Versuchsperson keinen einzigen Punkt gegen den Computer machen.
Das Ergebnis sah allerdings ganz anders aus: Selbst wenn das Bereitschaftspotential schon voll ausgeprägt war, konnten die Probanden die Fußbewegung immer noch unterdrücken. Erst wenn die Farbe 0,2 Sekunden (oder weniger) vor der Handlung auf Rot gestellt wurde, konnte die Fußbewegung nicht mehr gestoppt werden. Das ist insofern interessant, als schon Libet festgestellt hatte, das von der bewussten Entscheidung bis zur Bewegung etwa 0,2 Sekunden vergehen. Die Bewusstwerdung und der „Point of no return“ fallen also zusammen. Das heißt: Ab dem Zeitpunkt, in dem man sich bewusst für eine Handlung entschieden hat, ist diese nicht mehr zu stoppen. Vorher allerdings schon. Das kommt einem doch irgendwie vertraut vor.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum Haynes seinem eigenen Ergebnis nicht traut und warum wir, wissenschaftlich gesehen, auf jeden Fall frei sind.

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