Das Doppelzitat im Dezember

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Zitat 1 im Dezember – Karl R. Popper

Der Mensch ist eine Maschine, ein Bio-Roboter. Das ist trivial. Wer im Biologieunterricht ein wenig aufgepasst oder schon Mal einen Gesundheitsratgeber gelesen hat, weiß das.

Nicht trivial ist dagegen die Frage, ob sich der Mensch auf seine Maschinenhaftigkeit reduzieren lässt. Also: Ist er nichts anders als ein Bio-Roboter oder ist er unter anderem auch ein Bio-Roboter?

Die ethische Frage

Diese Frage hat auch eine ethische Dimension. Popper formuliert sie so: Eine Maschine ist offenbar niemals Selbstzweck, wie kompliziert sie auch sein möge. Der Mensch dagegen ist Selbstzweck.

Eine Maschine wurde für einen bestimmten Zweck entworfen und konstruiert. Um eine Bedeutung zu haben, muss sie eine Funktion erfüllen, die diesem Zweck dienlich ist. Erfüllt sie diese Funktion nicht mehr oder erfüllen andere Maschinen dieselbe Funktion besser, verliert sie ihre Bedeutung und wird entbehrlich – Videorekorder landen bekanntlich auf dem Schrottplatz. Die Bedeutung einer Maschine ist also – erstens – an ihr Funktionieren gebunden und die Maschine ist – zweitens – nicht aus sich selbst

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Zitat 2 im Dezember – Karl R. Popper

heraus bedeutend, sondern die Bedeutung wird ihr von außen zugeschrieben und auch wieder aberkannt. Beim Menschen, so Popper, ist dies grundlegend anders: da er Selbstzweck ist, muss er keinen Zweck erfüllen, um bedeutend zu sein. Er muss sich seine Bedeutung nicht verdienen, indem er in einem bestimmten Kontext funktioniert. Der Mensch ist bedeutend an sich. Er lässt sich nicht auf eine Funktion reduzieren und behält daher seine Würde auch dann, wenn er keine Funktion (mehr) erfüllt. Die Würde ist dem Menschen immanent, sie muss ihm nicht von jemand anderem zugeschrieben und kann ihm deshalb auch von niemandem aberkannt werden.

Der Mensch ist also Selbstzweck, weil er mehr als eine Maschine ist. Gewiss ein schöner Gedanke, gerade auch in der Vorweihnachtszeit! Aber ist es auch ein wahrer Gedanke?

Was, wenn Naturwissenschaftler uns sagen, er sei nur eine wohlklingende Mär? Berichten sie uns nicht täglich, man könne den Menschen bald allein aus seinen biologischen Funktionen heraus verstehen? Erzählen sie nicht, Gefühle würden durch Hormone, der sogenannte freie Willen durch Gehirnpotentiale und ethisches Verhalten durch Selektionsvorteile in der Evolution erklärt? Und schwingt bei diesen Erzählungen nicht oft dieser befremdliche Unterton mit, der zu sagen scheint, dass der größte Triumph des Menschen nur darin bestehen könne, sich selbst als einen komplexen Zellhaufen zu betrachten, dessen Bedeutung durch seinen Stoffwechsel und seine Kopulationsrate hinreichend beschrieben ist?

Und welche ethischen Konsequenzen hat ein solches Menschenbild? Sicher ist es möglich auch auf ihm einen Humanismus aufzubauen. Jedoch hat dieser immer ein Begründungsproblem, da sich der Mensch vom Rest der Natur allenfalls durch ein gewisses Maß an Komplexität unterscheidet. Die besondere Bedeutung des Menschen ergibt sich hier nicht von selbst, sondern er muss sie sich selbst zuschreiben. Wer sollte ihn daran hindern, dies rückgängig zu machen? Wer beispielsweise ein Recht auf Abtreibung bis zum neunten Monat fordert, kann dies wohl nur auf der Grundlage eines solchen Menschenbildes tun.

Es ist also alles andere als eine Sophisterei, wenn wir fragen: Ist der Standpunkt, dass der Mensch mehr als eine Maschine sei, heutzutage noch wissenschaftlich vertretbar?

Die naturwissenschaftliche Frage

Wer diese Frage bejaht, braucht ein gutes Argument. Und dieses Argument lautet: Bewusstsein. Es unterscheidet den Menschen klar von der Maschine und sträubt sich hartnäckig gegen jedweden naturwissenschaftlichen Erklärungsversuch. Daran haben auch Jahrzehnte der Hirnforschung mit immer moderneren bildgebenden Verfahren wenig geändert. Gewiss, man weiß heute, welche Hirnregionen aktiv sind, wenn wir etwas bewusst wahrnehmen oder bewusst über etwas nachdenken. Das ist aber im Grunde schon alles. Völlig unklar bleibt dagegen, wie das innere Erleben eines Menschen, seine Qualia, entsteht, wenn der Mensch tatsächlich nur eine Maschine sein soll (genaueres zum Qualiaproblem findet sich hier). So setzte auch die angesehene Zeitschrift Science anlässlich ihres 125jährigen Bestehens die Frage „Was sind die biologischen Grundlagen des Bewusstseins?“ auf Platz zwei der wichtigsten ungelösten Fragen der Wissenschaft.

Doch selbst, wenn wir dieses gewaltige und völlig ungelöste Problem ignorieren und Bewusstsein einmal ganz naiv als gegeben hinnehmen, ergibt sich eine weitere Frage: Warum hat der Mensch im Laufe der Evolution überhaupt ein Bewusstsein entwickelt? Hier knüpft unser Zitat des Monats an, das vollständig wie folgt lautet:

„Man kann die, die da meinen, Menschen seien Maschinen, in zwei Gruppen einteilen: jede, die Bewußtsein, persönliche Erlebnisse oder psychische Vorgänge leugnen, oder etwa erklären, die Frage, ob es solche Erlebnisse gebe, sei von untergeordneter Bedeutung und könne offengelassen werden; und jene, die zwar die Existenz von Bewußtseinsvorgängen zugeben, aber behaupten, diese seien ‚Epiphänomene‘: alles könne ohne sie erklärt werden, da die materielle Welt kausal in sich geschlossen sein.“

Das Bewusstsein – ein Epiphänomen, ein Phänomen also, das zwar eine Ursache hat, aber selbst keinerlei kausale Wirkung ausübt, eine Begleiterscheinung, vergleichbar dem Rauch eines Dampfschiffs? Das bewegt sich nahe an der oft gehörten Ansicht, Bewusstsein sei eine Illusion. Eine „Erklärung“ die mich schon deshalb noch nie überzeugt hat, weil eine Illusion doch ein Bewusstsein voraussetzt, das diese Illusion hat. Wessen Illusion sollte das Bewusstsein also sein?

Aber davon abgesehen: Ein Epiphänomen kann schon per Definition keinen Einfluss auf eine kausal geschlossene, materielle Welt ausüben. Damit brächte das Bewusstsein aber keinerlei Selektionsvorteil in der Evolution mit sich. Wie es dann entstanden sein soll, bleibt ein Rätsel.

Nimmt man andererseits an, das Bewusstsein habe einen Einfluss auf die materielle Welt, dann ist diese nicht mehr kausal in sich geschlossen – eine Horrorvorstellung für Deterministen.

So oder so hat man also ein gewaltiges Problem mit dem Bewusstsein. Vielleicht tendieren deshalb viele zu der ersten von Popper erwähnten Gruppen: Jene, die das Problem einfach für inexistent erklären oder zumindest kleinreden. Wissenschaftlich gesehen ist weder die erste noch die zweite Gruppe überzeugend.

Und ethisch? Popper wird hier ziemlich deutlich. Er schreibt direkt im Anschluss an obiges Zitat:

„Welcher Gruppe sie auch angehören mögen – beide sind gezwungen, wie mir scheint, die Realität des menschlichen Leidens und die Bedeutung des Kampfes gegen unnötiges Leiden zu vernachlässigen.“

Fotos von K. Popper: Screenshots Youtube