Der delische Raumzeittaucher

Christian Bührig, Blogger

Bloggt über Philosophie und Quantentheorie: Christian Bührig

Keine Denkverbote, aber auch keine haltlosen Spekulationen – so habe ich das Motto des Blogs einmal zusammengefasst. Man könnte auch sagen: Bitte einen Bezug zur Realität, aber nicht die ausgelatschten Pfade des gerade geltenden wissenschaftlichen Paradigmas breittreten. Unsere Leser erwarten schon eine gewisse Grenzerfahrung, eine Infragestellung des Gewohnten oder eine ungewöhnliche Perspektive und ja, vielleicht auch einen Hauch Metaphysik.

In der Rubrik Zeitgenossen antworten (die ich vielleicht irgendwann noch in Typen statt Theorien umbenennen werde) sind daher Personen willkommen, die diesem doppelten Standard gerecht werden. Das ist dieses Mal vielleicht sogar in besonderem Maße der Fall.

Christian Bührig hat sich intensiv mit der Quantentheorie, ihrer Geschichte und ihren philosophischen Grundlagen beschäftigt. Dabei hat er sich auf die Seite von Einstein, Schrödinger und Popper geschlagen, wie man auch in seinem Gastbeitrag sehen konnte. Probabilistische Interpretationen der Quantentheorie à la Heisenberg bezeichnet er schon mal als anti-realistische Träume, die das Tor zur Hölle aufgestoßen haben. Auf seinem Blog Akademie Olympia findet man neben diesen Gedanken aber auch die entsprechenden Gegenpositionen, so dass man sich ein eigenes Bild machen kann. Ich habe ihm unsere „großen Fragen“ gestellt und bei der Gelegenheit gleich ein paar Hausaufgaben bekommen.


Wofür lassen Sie alles stehen und liegen?

Für Teil 2 zu „Hawkings Bluff“ von Axel Stöcker.

Welche Themen interessieren Sie am meisten?

Wegen naturwissenschaftlicher Interessenlage müssten mich Themen wie die Physik am meisten reizen. Aber es war wohl das Gefühl, welches auch Axel beim Betrachten einiger Aussagen von Hawking hier zum Ausdruck bringt, dass entweder die Physiker übernatürliche Intelligenz besitzen, wir ohne tiefes Studium der Mathematik faktisch nicht mehr folgen können, warum die Aussagen richtig sein sollen … oder es stimmt etwas grundsätzlich nicht bei dieser Tochter der Philosophie. Sie ist ggf. in die Pubertät gekommen, meint, sich von der altklugen Mutter nichts mehr sagen lassen zu müssen und erfindet die wildesten Spekulationen eben noch einmal selbst.

25 Jahre war ich der Überzeugung, die erste These sei richtig und es sei gut, den neuen Weisen blind zu folgen und Verstehen sei dann wohl, die Aussagen der Physiker richtig nachzubeten. Erst als ich las, dass Popper höchstpersönlich der Quantentheorie keinen Gehorsam huldigte, begann sich bei mir das Unbehagen breitzumachen: Was, wenn da vor fast 100 Jahren eine Abzweigung falsch genommen wurde? Und alles nur fein ausgeheckt zu passen schien, weil man zufällig auf das richtige Pferd setzte: die Wellengleichungen Schrödingers. Nur eben wäre der bessere Ansatz, es nicht als Wahrscheinlichkeit zu interpretieren, sondern doch irgendwie anders. Dieses „irgendwie anders“ bildet nun meinen Interessenschwerpunkt.

Welcher Wissenschaftler fasziniert Sie besonders?

Hier nenne ich einmal Schrödinger, weil Einstein schon zu oft genannt sein wird. Aber wer ist heute noch Fan von Schrödinger? Oder von de Broglie?

Und welcher Philosoph?

Popper halte ich für besonders bedeutsam, gerade im Hinblick darauf, bei der QT gegen den gleichaltrigen Heisenberg ein selbstbewusstes, wissenschaftstheoretisch fundiertes Nein in den Ring geschmissen zu haben.

Aber noch eine größere Bewunderung empfinde ich für Parmenides und Anaximander, die Vielfalt der Welt schon damals als Illusion in den Hintergrund gerückt zu haben. Nicht wie in einem esoterischen All-Gedanken, sondern ganz modern wie in den einheitlichen Feldtheorien, in welchen Atome als Gestalt in einem kontinuierlichen Medium identifiziert werden (als ein wesentlicher Teil des Seienden). 

Welche drei Bücher würden Sie den Lesern des Blogs der großen Fragen empfehlen?

Manjit Kumar zeigte mir mit dem Buch „Quanten“, dass in der Auseinandersetzung Einstein gegen Bohr und Schrödinger gegen Heisenberg der kühlere Kopf bei Einstein und Schrödinger lag (leider vom Piper-Verlag nicht weiter beachtet, welcher es vom Berlin-Verlag übernommen hat).

Und „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch. Man kann sagen, dass mich Max Frisch erst für Literatur begeisterte. Und diese Literatur-Begeisterung verführte mich, kein Studium der Physik oder Biologie anzutreten, sondern mich ohne nennenswerte Vorkenntnisse in die Philosophie einzuschreiben.

Welche Musik mögen Sie?

Ich möchte hier Heinz Rudolf Kunze erwähnen. Er ist kein Schlagersänger, auch wenn er durch Sing-Sang-Lieder am bekanntesten sein mag. Er studierte unter anderem Philosophie, und das spürt man in vielen Liedern. Wer es nicht glaubt, der lasse sich vom Album „Reine Nervensache“ wie ich in seinen Bann ziehen.

Auf welchem Gebiet herrscht heutzutage die größte Unwissenheit?

In der Quantentheorie. Weil diese lehrt, an Aufenthaltsorten von Elektronen in einem lediglich wahrscheinlichen Zustand zu glauben. Es haben diejenigen Physiker erkannt, welche offen eingestehen, eine anti-reale Position zu vertreten.

Was macht eine Frage bedeutend?

Die Philosophie war aus meiner Sicht angetreten, Aberglauben zu bekämpfen. Und dabei hat sie gelernt, dass am Ende keine Gewissheit erlangt werden kann, so sehr man sich auch um Wahrheiten bemüht. Das ist nicht allein eine simple Sache wie trotz lauter weißer Schwäne am Ende durch einen schwarzen Schwan in einer Verallgemeinerung enttäuscht werden zu können. Das schließt ja die Hoffnung ein, dass überall dort, wo so ein schwarzer Schwan fehlt, die Wahrheit doch fast unbestritten herrschen darf. (Siehe wieder den Glauben an die Quantentheorie.) Daher mag ich dieses Schwan-Beispiel nicht. Der eigentliche Grund liegt auch bei Popper z. B. bei Kant verborgen: Wir sind grundlegend mit einem biologischen Erkenntnis-Instrument ausgestattet, welchem als Software sozusagen bestimmte Erkenntnisstrukturen mit in die Wiege gelegt sind. Alles, was wir für wahrnehmen und bedenken, ist überfrachtet mit diesen vorbelegten Kategorien des Verstandes. So fällt es einigen Menschen schwer, eine Vierdimensionalität mit Krümmungen des Raums zu akzeptieren. Eine Frage ist dann für mich bedeutsam, wenn Sie dieses Problemfeld berührt, unsere Unkenntnis des „Dings an sich“ doch etwas zu mindern. Hier leistete Popper einen bedeutsamen Beitrag. Und ich erwähne noch meinen Philosophie-Professor Vollmer, welcher mit der Evolutionären Erkenntnistheorie Kants arpiori ein wenig den Schrecken zu nehmen vermag. Wir können dank dieser Theorie uns etwas sichererer wähnen, dass unsere Sinne und unser Verstand kein allzu wahlloses Fundament haben, wie man nach Kant noch befürchten konnte.

Eine Fee verspricht Ihnen die Antwort auf eine beliebige Frage. Was fragen Sie?

Ist die vierte Dimension eine Dichte-Dimension und nicht die Zeit?

Wo sehen Sie Grenzen menschlicher Erkenntnis?

Ich verschone die Leser, das habe ich oben schon bei der bedeutsamen Frage beantwortet. :o)

Jemand erklärt Ihnen, die Frage nach Gott sei belanglos. Was antworten Sie?

In der Philosophie darf man zumindest die Philosophen nicht verachten, welche das Eine mit Gott identifizieren. Man kann sicherlich auch bei diesen Philosophen einiges lernen, wie dann das Viele mit dem Einen zu identifizieren sei. Hier rückt gerade Giordano Bruno in mein näheres Interesse. (Heute mögen Physik-Professoren einen auf den Scheiterhaufen schicken, wenn man Heisenberg & Co. zu widersprechen wagt. Ich rufe mit Bruno aus: „Ihr verkündet das Urteil gegen mich mit vielleicht größerer Furcht, als ich es entgegennehme!“ … Spaß beiseite, mir geht es ja weniger um eigene Ideen als vielmehr um Aufforderungen, die Physik möge sich Schrödinger noch einmal zuwenden. Ich sammle nur weitere Argumente aus der Philosophie zusammen, wie man diese einheitlichen Feldtheorien verstehen und promoten kann. Die Physik muss schon die Physik am Ende beisteuern. So muss man meines Erachtens auch Poppers Einmischung lesen.)

Anders sehe ich es hingegen bei den fernöstlichen Lehren, welche unsere Philosophen wie Schopenhauer als gleichwertig zu betrachten anstreben. Ich lese überall nur einen spirituellen Willen, sich selbst als Teil des Alls begreifen zu wollen, wobei ich aber nirgendwo eine physikalische Basis hinter den Lehren erkennen kann. Aber besonders tief habe ich mich mit dieser Voreingenommenheit auch nicht auf diese Gedankenwelt eingelassen. So wie ich mich auch nicht wirklich mit einer Viele-Welten-Theorie in der Physik beschäftigen mag. Dazu ist mir meine Lebenszeit zu schade. Es gibt so viele Bücher, welche mich wirklich vorwärtsbringen, bin ich überzeugt, fernöstliche Philosophie gehört nicht zu dazu.

Welche Bedeutung hat der Tod für Sie?

Der Blog der großen Fragen will auch hier seine Fühler ausstrecken, verstehe ich. Ich muss da aber wohl enttäuschen, ich bin atheistisch genug, um dem Tod eher die Rolle zu geben, die Hinterbliebenen in ein großes Unglück zu stürzen. Epikur: „Der Tod geht uns nichts an. Denn was sich aufgelöst hat, hat keine Empfindung. Was aber keine Empfindung hat, geht uns nichts an.“ Aber natürlich lebe ich gern und hoffentlich noch lange.

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Ein Kommentar zu “Der delische Raumzeittaucher

  1. Ich konnte anscheinend nicht einmal bis drei zählen. Also ist noch ein Wunsch offen. Nach kurzem Überlegen mag ich Alexander Unzicker zitieren (aus einem Vortrag): „Egal was Sie zur Physik lesen, es sollte mindesten 50 Jahre alt sein.“ (Der Vortrag ist älter, ich sage daher heute 60 Jahre.)

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