Das Zitat im Dezember

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Das Zitat im Dezember – Michael Klonovsky (Foto: Screenshot Youtube)

Advent – eigentlich eine Zeit der Besinnlichkeit, in der sich Christen auf die Ankunft (lateinisch adventus) des Herrn vorbereiten. Es geht um nichts Geringeres als die Inkarnation des Transzendenten in der materiellen Welt – wahrlich eine Zeit also, um sich Gedanken zu den großen Fragen zu machen. Leider sind die Begleitumstände dafür heutzutage meist alles andere als ideal und statt Kontemplation herrscht allzu oft Hektik. Und doch versucht selbst der Spiegel sich die vorhandene Restbesinnlichkeit zu Nutze zu machen und titelt zur Jahreswende schon mal: „Ist Gott ein Irrtum?“. Eine Frage, deren unreflektierte Bejahung zu anderen Zeiten des Jahres beim Hamburger Leitmedium eher als Merkmal für kritischen Journalismus zu gelten scheint – aber das kennt man inzwischen ja auch von anderen Themen.

Natürlich ist das bei uns ganz anders, denn die großen Fragen sind ja oft diejenigen, die das vermeintlich Selbstverständliche in Zweifel ziehen. So weit, so gut. Aber nun: Kirchen „beschämen“ uns? Und das auf einem Blog, der die großen Fragen primär aus naturwissenschaftlicher Sicht behandelt? Geht das nicht etwas zu weit – Adventszeit hin, Besinnlichkeit her?

Nein, tut es nicht. Schon deshalb nicht, weil Michael Klonovsky so gar nicht dem Bild des typischen „Kirchenverstehers“ entspricht. Aufgewachsen ist der gelernte Maurer nämlich in der DDR, fernab jeglicher kirchlichen Erziehung – oder, wie manche sagen würden: Indoktrination –, und er ist meines Wissens bis heute nicht getauft. Beruflich sattelte Klonovksy später auf Journalist um und ging kurz nach der Wende zum Nachrichtenmagazin Focus, wo er über zwanzig Jahre arbeitete. Daneben veröffentlichte er Romane (Land der Wunder), außergewöhnliche Weinführer (Welcher Wein zu welcher Frau?) und elegante Essays, wie man sie zum Beispiel in dem Band Lebenswerte findet, aus dem obiges Zitat stammt. Nicht zu vergessen sein Online-Tagebuch Acta diurna (Friede den Gemeinplätzen – Krieg den Moden!), in dem er Aktuelles so scharfsinnig und pc-frei kommentiert, wie man es sich von den großen Medien oft wünschen würde. Seit kurzem ist der „begnadete Stilist“ (Jürgen von der Lippe) mit der „vibrierenden Sprache(Peter Sloterdijk) publizistischer Berater von Frauke Petry, was ihn jedenfalls des Verdachts der journalistischen Verhausschweinung im medialen Mainstream endgültig enthebt.

Was treibt einen Klonovsky nun in eine Kirche? Ganz sicher die Ästhetik (wer Klonovsky ein wenig kennt, weiß, welche Kirchen er hier meint, und vor allem, welche nicht). Dass selbst Atheisten sakrale Kunst mitunter goutieren, ist bekannt. Richard Dawkins, dem es 2008 gelang, mit Religionsbashing auf fünfhundert Seiten einen Bestseller (Der Gotteswahn) zu landen, würde auf eine einsame Insel die Arie „Mache dich, mein Herze, rein“ aus der Matthäuspassion von Bach mitnehmen. Und auch die Atheisten, die sakrale Kunst meiden, wie der Teufel das Weihwasser, gelüstet es manchmal nach Ersatz. So liest man immer mal wieder von atheistischen Messen, wo die Leute „Gemeinschaft erleben“ und „Spaß haben“ wollen. Das klingt, was die Intensität des Sinnlichkeitserlebnisses angeht, nach irgendetwas zwischen Light-Frischkäse und alkoholfreiem Bier, aber natürlich muss jeder selbst wissen, wie er den Sonntag verbringt. Auch von atheistischen Tempeln hört man läuten – oder vielleicht auch nicht. Jedenfalls sollte in London ein solcher in Form eines 46m hohen schwarzen Turmes gebaut werden. Nun ja. Auch da ist, vom ästhetischen Standpunkt aus gesehen, das Ende der Fahnenstange wohl noch nicht erreicht.

Aber zurück zu Klonovskys Zitat. Geht es ihm nur um ein Verkonsumieren von Schönheit? Ich denke nicht. Diesen rein funktionalen Aspekt der Ästhetik verstehen, wie gerade gesehen, auch religiös gänzlich Unmusikalische. Es schwingt aber mehr mit: Erhabenheit und Scham gleichermaßen. Es geht um die Ahnung, dass Schönheit Ausdruck von etwas Größerem sein könnte, dass sie – möglicherweise – ein Hinweis auf etwas ist, das unseren Horizont übersteigt und das sie damit im wahrsten Sinne des Wortes be-deutend macht. Die Größe dieser Ahnung erhebt uns einerseits, doch sie beschämt uns auch, da sie uns die eigene Kleinheit vor Augen führt.

Und genau dieses Gefühl ist nun ganz und gar nichts speziell „Kirchliches“, sondern es befiel und befällt viele große Wissenschaftler, wenn sie ein „Naturgesetz“ entdecken. Gewiss, man kann auch Naturgesetze auf ihren funktionalen Aspekt reduzieren – man kann ihre Eleganz aber auch als Ausdruck von etwas Größerem sehen. Wie schon im letzten Beitrag von Thomas erwähnt, kamen selbst staubtrockene Physiker wie Max Planck angesichts des Hamiltonschen Prinzips ins Schwärmen und sprachen von einer „Zielgerichtetheit natürlicher Prozesse, die ein Hinweis auf eine Zweckbestimmung der Welt jenseits des menschlichen Sinnes- und Erkenntnisapparates“ darstelle.
Oder man nehme Hoimar von Ditfurth, der in seinem Klassiker Der Geist fiel nicht vom Himmel auf dreihundert Seiten erklärt, wie sich das Gehirn im Laufe der Evolution entwickelt hat, um dann zu folgendem Schluss zu gelangen: „Es ist doch eine wahrhaft aberwitzige Vorstellung, wenn wir immer so tun, als sei das Phänomen des Geistes erst mit uns selbst in dieser Welt erschienen.“
Und schließlich könnte man auch noch die Stringtheoretiker erwähnen, die von der Schönheit ihrer Theorie derart begeistert sind, dass sie sogar glauben auf experimentelle Nachweise für sie verzichten zu können, ganz so, wie gläubige Christen angesichts der Erhabenheit ihres Schöpfers auf Existenzbeweise zu dessen Gunsten nicht angewiesen sind.

Die große Frage, ob sich die Welt auf das unmittelbar Sichtbare beschränkt oder ob nicht doch „mehr“ dahinter steckt, sie ist dieselbe geblieben. Und die Antwort? Im Grunde unterstellt jede wissenschaftliche Theorie letzteres, indem sie unsichtbare Mechanismen postuliert, die erklären sollen, wie die Welt (oder ein Teil derselben) funktioniert. Und etwas zu verstehen bedeutet für uns heutzutage, seine Funktionsweise zu durchschauen. Was die Altvorderen uns an Erhebendem und Beschämendem in Stein hinterließen, sei es in Kathedralen, Pyramiden oder Tempeln, ist für uns daher gar keine Antwort, denn es erklärt nicht das „wie“. Mir scheinen diese Bauwerke eher der Versuch einer architektonischen Antwort auf ein „Wozu?“ zu sein. Eine Frage, die heutzutage gemeinhin bestenfalls als altmodisch gilt. Und doch kann sich kaum jemand der Faszination, die diese Hallen ausstrahlen, entziehen…

So ist, wer sich den großen Fragen stellen will, vielleicht gar nicht schlecht beraten es wie Klonovsky zu halten und sich mal wieder in eine Kirche zu setzen. Gerade jetzt im Advent.

(In der Reihe Zitat des Monats wurden bisher Äußerungen von Justus von Liebig, Nicolás Gómez Dávila, Terry Pratchett, Stephen Hawking und Werner Heisenberg kommentiert.)