Was der freie Wille und das Schnabeltier gemeinsam haben

Das Zitat im Januar

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Das Zitat im Januar – Wolfgang Prinz (Foto: Screenshot Video Uni Düsseldorf)

Die Frage, ob der Mensch einen freien Willen hat, beschäftigt die Philosophen schon lange. In neuerer Zeit melden sich dazu auch einige Neurowissenschaftler zu Wort, die glauben, das Thema endgültig ad acta legen zu können. Zu Recht?

Das Zitat stammt aus einem Interview mit der Zeitschrift Das Magazin des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen aus dem Jahre 2003, als Wolfgang Prinz Direktor des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung in München war. Es ist also nicht irgendjemand, der sich hier zum Thema äußert.


Wolfgang Prinz der naturwissenschaftliche Psychologe

Der „naturwissenschaftlich forschende Psychologe“ (Prinz über Prinz) war mir bisher vor allem wegen seines markiges Resümees zum Libet-Experiemt ein Begriff: „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“. Als mir nun kürzlich obiges Zitat bei einer Diskussion auf Facebook entgegengehalten wurde, war der Fall für mich zunächst klar: Der Mann muss der „Roth-Singer-Fraktion“ angehören, also jenen Anhängern des Manifests der Hirnforschung aus dem Jahre 2004, die unter anderem eine fundamentale Änderung unseres Menschenbildes auf grund ihrer Forschungsergebnisse voraussagten (inzwischen sind die Damen und Herren deutlich bescheidener geworden). Da das Zitat in meinen Augen einen groben Fehler enthält oder zumindest die Zusammenhänge in unzulässiger Weise vereinfacht, lag es nahe, es an dieser Stelle einmal auseinander zu nehmen. Das werde ich auch gleich tun, aber ich möchte noch vorausschicken, dass ich mit meiner spontanen Verortung von Prinz nicht ganz richtig lag – es gibt eben nicht immer nur schwarz und weiß. Zur „Willensfreiheit“ nimmt er (inzwischen) eine ambivalente Position ein und was das „neue Menschenbild“ angeht, gehörte er von Anfang an eher zu den Kritikern. Eine gewisse gelungene Prophetie muss man ihm also zu Gute halten, was hier, in der Rubrik Zitat im Monats, bei Gelegenheit noch gewürdigt werden soll.


Das 19. Jahrhundert: Blütezeit des Determinismus

Nun aber zu dem Zitat aus dem Jahr 2003. Zunächst unterstellt Prinz darin, dass Kausalität zwingend auf Determinismus hinausläuft und sich daher Kausalität und freier Wille gegenseitig ausschließen. Die Philosophen entgegnen allerdings, das dem keineswegs so sein müsse. Eine interessante Diskussion, in der ich mich aber zu wenig auskenne, weshalb dieser Aspekt nur der Vollständigkeit halber erwähnt sei.

Mein Kritikpunkt ist ein anderer. Er setzt direkt bei Prinz’ zentralem Argument zur Kausalität an: „Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursache hat, und dass man diese Ursache finden kann.“ In einer philosophischen Abhandlung habe ich dazu gelesen, dieses Argument scheine „wissenschaftstheoretisch sauber“. Nun, da bin ich ganz anderer Meinung.

Zunächst hat Prinz einen entscheidenden Einwand schon selbst formuliert: Wissenschaft geht davon aus… und nicht etwa hat gezeigt, dass… Das bedeutet, dass es sich bei der Behauptung, alles was geschehe, habe seine Ursache, letztlich um eine Annahme handelt, wenn auch vielleicht um eine plausible. Warum es dann „unverständlich“ sein soll von anderen Annahmen auszugehen, ist nun seinerseits recht unverständlich.

Doch wollen wir unsere Kritik nicht nur mit philosophischen Wortklaubereien begründen, denn „Philosophie nervt“ ja, um Prinz ein weiteres mal zu zitieren. Reden wir also über Kausalität in der Naturwissenschaft.

Hätte Prinz das Interview nicht 2003 sondern 1903 gegeben – es hätte ihm wohl niemand widersprochen und mein bescheidener Beitrag hätte gar nicht geschrieben werden können. Die Naturwissenschaft war damals noch vollständig von Newtons Mechanik geprägt. Radioaktivität war unbekannt. Das Universum stellte man sich wie ein großes, dreidimensionales Billardspiel vor, in dem jede Wirkung ihre Ursache in einer Kollision von massiven Teilchen hat. Das ging so weit, dass viele der Ansicht waren, ein imaginäres Wesen mit übermenschlichen Rechenfähigkeiten – der Laplacesche Dämon – könne bei Kenntnis aller Teilchen des Universums dessen gesamte Zukunft bis zum jüngsten Tag vorausberechnen. Heutzutage würde man sich statt eines Dämons eher einen Supercomputer vorstellen, doch die Idee bleibt dieselbe: Die Geschehnisse im Universum laufen ab, wie in einem Uhrwerk. Mehr Determinismus geht nicht! Daher glaubte man auch, die Physik stehe kurz vor ihrer Vollendung, weil es dort praktisch nichts neues mehr zu entdecken gäbe. Ein Einschätzung, die kaum falscher hätte sein können, aber man erkennt deutlich: Es ist das Weltbild in dem Prinz argumentiert.


Die entscheidende Frage: Hat alles eine Ursache?

Im 20. Jahrhundert ging es Schlag auf Schlag. Die Radioaktivität wurde entdeckt und wenig später entstand nach und nach die Quantenmechanik. Beides war zunächst sehr verstörend für die Wissenschaftler und zwar gerade aus dem Grund der „fehlenden Ursachen“. Radioaktive Atome zerfallen spontan – also ohne Ursache. Elektronen springen spontan von einer „Umlaufbahn“ auf eine andere – also ohne Ursache. Albert Einsteins berühmter Ausspruch, dass Gott nicht würfle, wurzelt in eben dieser Verstörung. Niels Bohr hielt im entgegen, er solle Gott nicht vorschreiben, was dieser zu tun oder zu lassen habe und er hat damit bekanntlich rechtbehalten. Überhaupt gehören die Diskussionen zwischen Einstein und Bohr nicht nur zu den wissenschaftlichen, sondern auch zu den philosophischen Filetstücken des 20. Jahrhunderts. Prinz argumentiert, als hätten sie nie stattgefunden. Kaum jemand glaubt heute noch, man könne für den Zerfall eines Atoms die „Ursache finden“, wir er unterstellt. „Der Laplacesche Dämon ist tot!“ ist seit der Mitte des 20. Jahrhunderts aus guten Gründen das Credo der theoretischen Physik.

Vor diesem Hintergrund ist Prinz’ Behauptung also schlicht falsch. Er scheint einer plausiblen aber veralteten Sicht der Dinge anzuhängen. Plausibilität allein ist in der Wissenschaft eben kein hinreichendes Argument.


Der strenge Determinismus: Das Schnabeltier der Physik

Hätte um 1800 ein Biologe wir folgt argumentiert:

schnabeltier

Schnabeltier: passte nicht zu „wissenschaftlichen Überlegungen“, existiert aber trotzdem

Die Idee eines eierlegenden Säugtiers ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass Säugetiere ihre Nachkommen lebend gebären und dann säugen (daher ihr Name!). Für mich ist unverständlich, dass jemand, der empirische Wissenschaft betreibt, glauben kann, dass ein eierlegendes Säugetier denkbar ist.

– niemand hätte widersprochen!

Entsprechend hielt man es unter Biologen zunächst für einen schlechten Scherz, als das Schnabeltier als erstes eierlegendes Säugetier entdeckt wurde.

Das ist die Crux plausibler Annahmen: Sie können trotzdem falsch sein! Und so einleuchtend die Unmöglichkeit eines eierlegenden Säugtieres oder der lückenlose Determinismus sein mögen – beide gehören auf den Friedhof der Wissenschaftsgeschichte.

Nun steht Prinz’ Aussage leider so isoliert in seinem Wikipediaeintrag, wofür man ihn natürlich nicht verantwortlich machen kann. Bedauerlicherweise konnte ich das Interview, aus dem das Zitat stammt, nicht auftreiben, aber ich nehme an, dass Prinz etwas anderes meinte als er in diesem isolierten Zitat sagt. Die Geschichte ist nämlich noch nicht ganz zu Ende erzählt.


Statistik – der Rettungsanker des Determinismus

Spontane Ereignisse ereignen sich im Mikrokosmos, also auf der Ebene einzelner Atome. Alltägliche Objekte des Makrokosmos bestehen aber aus sehr, sehr vielen Atomen. Und hier ist es nun überraschenderweise so, dass sich makrokosmische Objekte im allgemeinen deterministisch verhalten, obwohl die Atome, aus denen Sie zusammengesetzt sind, dies nicht tun. Typisches Beispiel hierfür ist eine Probe eines radioaktiven Elements, sagen wir Uran. Sie besteht aus Abermilliarden von Uranatomen. Von keinem einzigen davon kann man voraussagen, wann es zerfällt. Aber: Es zeigt sich, dass innerhalb einer Minute immer etwa gleich viele Uranatome zerfallen, so dass die Probe eine gleichmäßige radioaktive Strahlung aussendet. Die Probe verhält sich vorhersehbar, also deterministisch.

Vielen Physikern ist der Indeterminismus der Quantenwelt daher ziemlich schnuppe, denn der Makrokosmos, so ihr Argument, verhalte sich eben trotzdem deterministisch. Man hat den strengen Determinismus lediglich durch einen, nur im Makrokosmos gültigen, statistischen Determinismus ersetzt. Ob man es sich so einfach machen kann, ist allerdings die Frage, denn dass Fälle denkbar sind, in denen der Indeterminismus des Mikrokosmos voll auf den Makrokosmos durchschlägt, zeigt eindrucksvoll das Gedankenexperiment von Schrödigers Katze.
Und wie sieht es im Gehirn aus? Dabei handelt es sich um ein makroskopisches Gebilde, gewiss. Aber wer möchte bei diesem extrem komplexen System und dem heutigen Stand der Hirnforschung sicher behaupten können, hier laufe alles determiniert ab? Wird damit nicht – einmal mehr – eine plausible Annahme zum Dogma erhoben? Vor allem gibt es aber schon ein Gegenargument, auf das Physiker Roger Penrose hingewiesen hat: Auf der Netzhaut, die physiologisch als Teil des Gehirns zu betrachten ist, kann ein einzelnes Photon (oder zumindest sehr wenige davon) einen elektrischen Impuls auslösen. Da hilft auch keine Statistik.

Es bleibt also spannend, wie die Diskussion um den Determinismus und den freien Willen weitergeht.

(In der Reihe Zitat des Monats wurden bisher Äußerungen von Justus von Liebig, Nicolás Gómez Dávila, Terry Pratchett, Stephen Hawking, Werner Heisenberg und Michael Klonovsky kommentiert.)

Foto Schnabeltier: Screenshot youtube
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7 Kommentare zu “Was der freie Wille und das Schnabeltier gemeinsam haben

    • Danke für diesen Literaturhinweis, Alphachamber. Ich muss gestehen, dass ich bisher nichts von William James gelesen habe. Können Sie vielleicht einen Gedanken von ihm, der einen Bezug zu dem Beitrag hat, hier darstellen?

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  1. Herr Stöcker,
    James war der wohl bedeutendste US Philosoph und prominenter Vertreter des Pragmatismus.
    Er las Charles Renouviers Definition des freien Willens und entschied: „Mein erster Akt meines freien Willens ist, an den freien Willen zu glauben“.
    In einer Publikation „Das Dilemma des Determinismus“, 1884, : „… heutzutage sprechen wir von einem „weichen Determinismus“ (Compatibilismus) der …(…)… Notendigkeit und sogar Voerherbestimmung ablehnt und besagt, sein wirklicher Name sei „Freiheit“. „Denn Freiheit sei nichts anderes, als verstandene Notwendigkeit, und die Knechtschaft dem Höchsten zu dienen sei identisch mit wahrer Freiheit“. Er nannte dies ein Sumpf der Ausflüchte.
    Weiter: „Der Kernpunkt des deterministischen Arguments ist die Antipathy zu der Idee des Zufalls“.

    Ich las James in seinen englischen Originalwerken. Eine recht gute Übersicht bietet die deutsche Wiki Version.
    P.S. Interessant ist auch seine James-Lange Theorie, die er als Psychologe verfasste.

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  2. Ja, alphachamber, ich finde diese Überlegungen sehr anregend, auch wenn ich wohl noch nicht alles verstehe (ich bin ja von Haus aus kein Philosoph, aber durchaus eine Philo-soph, wenn Sie verstehen, was ich meine :-)).
    Der weiche Determinismus scheint mir wenig mehr zu sagen, als dass man frei ist, wenn man sich frei fühlt. Da finde ich den „Sumpf der Ausflüchte“ als Beschreibung ganz passend.
    Und der Zufall scheint mir manchmal der Götze der Naturwissenschaft zu sein, um es mal etwas pathetisch zu formulieren. Nicht weil man ihn dort besonders schätzt – denn die von Ihnen erwähnte „Antipathie“ ist in der Tat vorhanden -, sondern weil man ihm alles Unverstandene so schön unterschieben und ihn dann mit Hilfe der Statistik zum Verschwinden bringen kann. Nicht dass ich Statistik grundsätzlich illegitim fände, aber sie verdeckt eben manchmal den Blick auf die großen Fragen.
    Zufall – das wäre in der Tat mal ein Thema für einen eigenen Beitrag.

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  3. Sie betreiben einen interessanten Blog und wir folgen Ihnen ab heute. Zu Ihren Fragen wäre es vielleicht hilfreich, Popper (Epistemologie), Wittgenstein (über Gewissheit“) und Josef Dietzgen („Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit“). Die Philosophie ist die Mutter aller Wissenscaften.
    Beste Grüße

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