Hawking und die größte aller Fragen

Das Zitat im Februar

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Das Zitat im Februar – Stephen Hawking (Foto: screenshot youtube)

Alles Gute nachträglich, Stephen Hawking, zu Ihrem 75. Geburtstag! Vorstellen muss ich jemanden wie Sie, den es sogar schon als Legofigur gibt, nicht mehr. Und eigentlich wurde zu Ihrem vollendeten Dreivierteljahrhundert schon alles geschrieben, was es über den berühmtesten noch lebenden Wissenschaftler zu sagen gibt – zum Beispiel von dem Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Vaas, der Sie schon mehrmals persönlich interviewen durfte. Deshalb hier nur ein paar Zeilen, die speziell diesen Blog und meine Wenigkeit betreffen.

Zunächst möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Einmal für Ihre Bücher – allen voran natürlich Eine kurze Geschichte der Zeit, das ich mir als Teenager gleich nach seinem Erscheinen gekauft und dann verschlungen habe. Kosmologie erklären und dabei nur eine einzige Formel (E=mc2) im ganzen Buch benutzen – das war neu, damit haben Sie dem Genre „Populärwissenschaft“ einen großen Impuls gegeben. In späteren Büchern gab es gar keine Formeln mehr, aber Sie hatten auf Einsteins Jahrhundertformel nicht verzichten wollen, obwohl man Ihnen sagte, eine Formel könne die Anzahl Ihrer Leser halbieren.

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„Eine kurze Geschichte der Zeit“ (1988)

Zum Glück haben sie dann auch den letzten Satz stehen lassen, den Sie ursprünglich streichen wollten: „…dann würden wir den Plan Gottes kennen.“ Denn der hat, nach Ihrer eigenen Einschätzung, die Leserzahl wieder verdoppelt und nebenbei Ihrem Kollegen Paul Davies vier Jahre später den Titel für ein ebenfalls lesenswertes Buch geliefert. Dabei waren Sie doch damals schon Atheist, oder? Aber: Kein Vorwurf. Klappern gehört zum Geschäft und das Buch ist nicht nur lehrreich, sondern auch großes Kino.

Bedanken möchte ich mich auch dafür, dass Sie nie eine Scheu vor den großen Fragen gehabt haben, was für Naturwissenschaftler ja keineswegs selbstverständlich ist. Natürlich gehört dies zum Gesamtkunstwerk Stephen Hawking dazu, das ja nie nur eine Angelegenheit des Elfenbeinturms war, sondern immer auch bedeutsam für das sein wollte, was die Leute im Innersten bewegt und damit, im besten Sinne, auch „Teil der Popkultur“ wurde, wie Rüdiger Vaas schrieb. Dass Sie sich dadurch auch angreifbar machten, haben Sie billigend in Kauf genommen und so konnte zum Beispiel auch unser Beitrag über Ihre Äußerung zum Leben nach dem Tod der bisher meistgelesene Artikel dieses Blogs werden.

Auch in Ihrem Buch Der große Entwurf kommen Sie gleich im ersten Kapitel auf das Wesentliche zu sprechen: „Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?“ ist eine der drei zentralen Fragen des Werks. Also genau die Frage, an der alle Diskussionen über den Ursprung der Welt nach der vierten Flaschen Rotwein gegen drei Uhr morgens ergebnislos zu enden pflegen. Kurzum: Vielleicht die größte Frage überhaupt?! Damit geben Sie zu verstehen, dass Sie auch jenseits Ihrer Disziplin, der Astrophysik, nicht angetreten sind, um dünne Bretter zu bohren – Respekt!

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„Der große Entwurf“ (2010)

Wie kam es also zu „etwas“? Das Universum sei „spontan aus dem Nichts“ entstanden „gemäß den Gesetzen der Physik“, sagten Sie 2007 im israelischen Fernsehen. Das gilt natürlich auch für die Myriaden von anderen Universen, die wir zwar nicht beobachten können, aber die es nach Ihrer Theorie dennoch geben soll: „Ihre Schöpfung ist nicht auf die Intervention eines übernatürlichen Wesens oder Gottes angewiesen. Vielmehr ist diese Vielfalt von Universen eine natürliche Folge der physikalischen Gesetze“ schreiben Sie in der Der große Entwurf.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde auch dieses Buch beeindruckend und faszinierend – nur überzeugt mich Ihre Antwort auf die Frage nach dem „etwas“ nicht. Denn: Wenn die Entstehung der Universen tatsächlich eine „Folge“ der physikalischen Gesetze war, hat es vor Ihrer Existenz schon etwas gegeben, nämlich ebendiese Gesetze. Was wiederum bedeutet, dass die Frage „Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?“ nicht beantwortet, sondern nur um eine Stufe „nach hinten“ verschoben worden ist.

Und auch die „spontane“ Entstehung aus dem Nichts scheint mir weder besonders originell noch überhaupt eine Erklärung zu sein. Zunächst ist die „Entstehung aus dem Nichts“ doch die einzig logisch mögliche Antwort auf die Frage „Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?“. Ginge man nämlich nicht vom Nichts, sondern von irgendetwas aus, setzte man ja das voraus, was man erklären will. Insofern ist es auch keine Überraschung, dass in vielen Schöpfungsmythen oder im Katechismus der Katholischen Kirche von eine creatio ex nihilo ausgegangen wird – ganz ohne moderne Kosmologie. Natürlich nimmt man hier einen Schöpfungsakt durch einen Gott an, während sie von einer „spontanen“ Entstehung sprechen. Aber was meint „spontan“?

„Spontan“ wechselt ein Elektron sein Energieniveau in einem Atome, aber das bedeutet, wenn wir ehrlich sind, doch nur, dass wir keine Ahnung haben, wann es dies tut – geschweige denn warum. Sicher, bei sehr vielen Atomen können wir statistisch wieder etwas voraussagen. Vielleicht ist das der Grund, warum sie gerne mit riesigen Zahlen von Universen arbeiten, obwohl die gar nicht nachweisbar sind?

Ich weiß, Sie argumentieren mit Richard Feynmans Pfadintegralfomalismus, der „Summe über alle Geschichten“, mit dem man einige Beobachtungen sehr gut erklären kann, woraus Sie dann schließen, dass „alle Geschichten“ auch tatsächlich existieren müssen. Dass dieser Schluss nicht zulässig ist, sagt eigentlich schon die Bezeichnung „Formalismus“. Aber erklären wir es noch an einem anderen Modell: Sicher kennen

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Mesomeriemodell: Das Benzolmolekül wird als „Mischung“ zweier, real inexistenter, Grenzformeln beschrieben

Sie das Konzept der Mesomerie aus der Chemie, mit dem man beispielsweise die Struktur des Benzols erklären kann. Das Bezolmolekül ist dabei quasi die „Summe zweier Strichformeln“, wobei diese für sich genommen jeweils ein Molekül beschreiben, das es in der Realität gar nicht gibt. Trotzdem ist dieser Formalismus sehr erfolgreich und erklärt das reale Benzolmolekül recht genau bis hin zu seinen Bindungslängen.

Ein funktionierendes Modell ist also kein Existenzbeweis, weder für Grenzformeln noch für andere Universen. Da hilft auch Ihr Ansatz vom modellabhängigen Realismus nicht wirklich weiter, zu dem Sie schreiben:

„Wenn es einem solchen Modell gelingt, Ereignisse zu erklären, billigen wir in der Regel ihm sowie den Elementen und Konzepten, aus denen es besteht, den Status der Wirklichkeit oder absoluten Wahrheit zu.“

In meinen Augen ein Taschenspielertrick, um sich vor der experimentellen Prüfung (die bei der Viele-Welten-Theorie per Definition ohnhin gar nicht möglich wäre) zu drücken und eine creatio ex theoria zu legitimieren. Wie Sie ja ganz offen schreiben, „billigen“ Sie den Status der „absoluten Wahrheit zu“. Bei allem Respekt finde ich, dass derlei Setzungen per ordre de mufti in der Naturwissenschaft nichts zu suchen haben, sondern dogmatischen Denksystemen vorbehalten bleiben sollten. Dabei haben Sie doch selbst in Eine kurze Geschichte der Zeit so treffend geschrieben:

„Die übliche Methode, nach der die Wissenschaft sich ein mathematisches Modell konstruiert, kann die Fragen, warum es ein Universum geben muss, welches das Modell beschreibt, nicht beantworten.“

Wobei mir persönlich Ihre andere Formulierung dieses Sachverhalts, die wir für das Zitat des Monats gewählt haben, noch viel besser gefällt:

„Auch wenn nur eine einheitliche Theorie möglich ist, so wäre sie doch nur ein System von Regeln und Gleichungen. Wer bläst den Gleichungen den Odem ein und erschafft ihnen ein Universum, das sie beschreiben können? (…) Warum muss sich das Universum all dem Ungemach der Existenz unterziehen?“

Das „Ungemach der Existenz“ und der „Odem“ – das hätte ein Joseph Ratzinger nicht besser formulieren können. Und das meine ich jetzt wirklich fast völlig ironiefrei.

Lieber Professor Hawking, bleiben Sie uns noch lange erhalten!

(In der Reihe Zitat des Monats wurden bisher Äußerungen von Justus von Liebig, Nicolás Gómez Dávila, Terry Pratchett, Stephen Hawking, Werner Heisenberg,  Michael Klonovsky und Wolfgang Prinz kommentiert.)

Abbildung Mesomerie: Screeshot youtube TheSimpleChemics
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6 Kommentare zu “Hawking und die größte aller Fragen

  1. Eine recht faire Ansicht zu Hawkins Spekulationen. Seinen Umständen gemäß lassen wir ihm vieles durchgehen, denn ihm bleibt nur das Denken und er denkt soweit es einem Menschen wohl gegeben ist.
    Wir behaupten, es wird nie jemandem gelingen das Universum, seine „Entstehung“ gedanklich zu begreifen. Der Mensch ist nur ein kleiner Teil des Universums – er wird nie über seine Schöpfung (nicht im theologischen Sinne!) hinaus etwas erkennen, er vermag nicht nicht m e h r zu begreifen, als ihm die Natur zur Verfügung stellt.
    Wem es gelänge den Beginn des Universums zu erkennen, der besäße auch die ultimativen Macht, den Heiligen Kral des Wissens, sozusagen. Er wäre ein potentieller Schöpfer (schauder!!!)

    Dieser zur Schau gestellte religiöse Glaube unter den Wissenschaftlern der heutigen Zeit, ist eine große Heuchelei, eine vorgegebene Piätät vor der „Schöpfung“, die man doch so eifrig versucht mit Formeln und Experimenten zu „enttarnen“.

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  2. „Heuchelei“ ist vielleicht etwas hart, vor allem in dieser Allgemeinheit. Es wird ja oft vergessen, dass es auch zahlreiche wirklich gläubige Wissenschaftler gibt, die um ihren Glauben aber nicht viel Aufhebens machen. Zum Beispiel ist Don Page, ein früherer Mitarbeiter Hawkings, gläubiger Christ.
    Was Hawking angeht, würde ich Ihnen insofern recht geben, als er, zumindest zu Beginn seiner Karriere, hinsichtlich seiner wahren Einstellung zur möglichen Existenz eines Schöpfers nicht ganz ehrlich war. Er liebt es, im Rampenlicht zu stehen und da kommt es einfach besser, wenn man über Gott spricht und erklärt, welche Freiheiten dieser bei der Schöpfung gehabt habe und welche nicht etc. Und da hätte er einfach viele Leser vergrault, wenn er von vorne herein gesagt hätte, dass er ohnehin nicht an Gott glaube. Das war sicher bis zu einem gewissen Maß Berechnung. Doch inzwischen ist er in diesem Punkt ja sehr offen.
    Ich sehe ihn also auch ambivalent (ich denke, das kommt in dem Beitrag auch heraus): Er bringt interessante Argumente, aber ist bis zu einem gewissen Grad Opfer seiner eingenen Hybris.
    Dass er es nicht geschafft hat, den Ursprung der Welt zu erklären (auch, wenn er das in seinem Buch natürlich vorgibt) ist für mich ein Hinweis mehr, dass jener wohl ein Geheimnis bleiben wird.

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  3. Sehr gut geschriebener Artikel,der meine Zustimmung hat. Ein ganz großes Problem, meiner Meinung nach, ist heute im öffentlichen Diskurs über die Frage ob Gott existiert oder nicht, die fehlende Differenzierung zwischen naturalistischer Methode der Wissenschaften und Weltanschauung. Besonders Vertreter des philosophischen Naturalismus vermischen dies, wenn sie behaupten, die Annahme der Existenz eines höheren Wesens wäre das Ende der modernen Naturwissenschaften. Das stimmt mit Nichten, denn die Annahme eines höheren Wesens kommt mit der naturalistischen Methode gar nicht in Konflikt, wohl aber mit der Interpretation von wissenschaftlichen Erkenntnissen im Sinne des philosophischen Naturalismus.
    Sie haben gut dargestellt, das man nicht davon ausgehen kann, das die theoretischen Betrachtungen der Strukturwissenschaften wie Mathematik, par se die Wirklichkeit abbilden. Ein empirischer, oder besser experimenteller Beweis ist in den Naturwissenschaften unerlässlich.
    Eine creatio ex theoria, wie sie schreiben, ist also nicht möglich. Interessant finde ich, das die
    „Viele Welten Theorie“ auf einer Methode beruht, die zbsp beim ontologischen Gottesbeweis kritisiert wird.Man sagt quasi, alles was man, hier im Sinne der Kosmologie denken kann, existiert auch.
    Summa Summarum kann man sagen, der Naturalismus erklärt wie die Welt funktioniert, aber nicht warum. Warum existieren überhaupt Naturgesetze und können Gesetze ohne Kausalität entstehen? Brauchen sie nicht vielmehr den Gesetzgeber?
    Mit freundlichen Grüßen R.Stoyan

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    • Vielen Dank für Ihren Kommentar, Herr Stoyan. Ich finde, Sie haben das sehr gut auf den Punkt gebracht: Viele Vorstellungen von einem „höheren Wesen“ stehen mit den experimentellen Befunden keineswegs im Widerspruch, sondern nur mit deren „Interpretation“ im Rahmen eines bestimmten Weltbildes.
      Die Naturalisten kommen dann mit dem Argument von „Ockhams Rasiermesser“ und sagen, man solle möglichst wenig voraussetzen und ein „höheres Wesen“ sei eben eine sehr starke Voraussetzung. Natürlich ist das ein Argument, aber kein naturwissenschaftliches sondern eher ein ästhetisches, also philosophisches.
      Und wie man Ockhams Rasiermesser anwenden soll, wenn man die Wahl zwischen einem unbewiesenen „höheren Wesen“ und unbeweisbaren Myriaden von Universen hat, ist dann ja auch noch eine offene Frage, oder? 😉

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      • So ist es. Ich halte es für wichtig das solche Gedanken publiziert werden, damit Leser sich ihre Meinung bilden können. Dialog halte ich für wichtig, aber die weithin postulierte Überlegenheit des philosophischen Materialismus lehne ich ab.

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