Kein Denken ohne FĂŒhlen? – Teil 2 – Marc Solms im GesprĂ€ch ĂŒber „rohe GefĂŒhle“ und ihr Beitrag zum Bewusstsein

„Ich fĂŒhle, also bin ich“, so haben wir kĂŒrzlich unser GesprĂ€ch mit Prof. Achim Stephan ĂŒberschrieben. Nach unserem Interview mit Prof. Marc Solms von der UniversitĂ€t Kapstadt könnte man diesen Satz noch mit einem Wort konkretisieren: Ich fĂŒhle, also bin ich bewusst. Bewusste Erlebnisse gebe es nĂ€mlich nur dann, wenn sie ĂŒber Impulse aus dem Hirnstamm, dem Sitz der Triebe und GefĂŒhle, aktiviert wĂŒrden. Das, so Solms, sei empirisch belegt:


„Es ist nicht möglich, kortikale Prozesse zu haben, die bewusst sind, wenn sie nicht vom Hirnstamm aktiviert werden und die Aktivierung des Hirnstamms ist affektiv [ein Affekt ist eine GefĂŒhlregung, die von physiologischen Erscheinungen begleitet wird – A. S.]. Dies sind zwei unwiderlegbare Tatsachen. Das zeigt uns, dass die grundlegende Form des Bewusstseins Affekte sind, GefĂŒhle, rohe GefĂŒhle.“

Ein Gedanke, der auch im Lichte der Evolution Sinn ergibt, denn die vegetativen, „unbewussten“ Funktionen sind frĂŒher entstanden sind als die bewussten. Verdauen können schon MehlwĂŒrmer, ganz ohne Großhirn und Bewusstsein und auch der Mensch erledigt diesen Vorgang in der Regel unbewusst. Bewusstsein – was immer das genau ist – tauchte erst spĂ€ter in der Entwicklung des Lebens auf und muss daher auf bereits Vorhandenem aufgebaut und es im Sinne der Spezies verbessert haben. Anders ausgedrĂŒckt: Bewusstsein muss ein Selektionsvorteil gewesen sein.

Worin der besteht, das ist Gretchenfrage, auf die Marc Solms im Interview ebenfalls eine spannende Antwort parat hat, die es Wert wĂ€re, breit diskutiert zu werden. Schauen Sie hier den Trailer zum Video, das wie immer Dirk Boucsein und ich zusammen gefĂŒhrt haben.

Kein Denken ohne FĂŒhlen? – Teil 1 – Achim Stephan im GesprĂ€ch

GefĂŒhle und Gedanken, Emotion und Ratio, Rausch und RationalitĂ€t, Herz und Hirn – da gibt es so einen Dualismus, der unser Leben, ja, unsere Gesamte Kultur durchzieht. Die Griechen beschrieben diese beiden QualitĂ€ten durch das Götterpaar Dionysos und Apollon. Dionysos stand fĂŒr die Freude, den (Wein-)Rausch und die Ekstase, die immer auch das Chaos und den Wahnsinn in sich trĂ€gt, wĂ€hrend Apollon Harmonie, sittliche Reinheit, MĂ€ĂŸigung, RationalitĂ€t und Ordnung symbolisierte.

Empfinden tun dies die meisten Menschen heute noch so, selbst wenn sie mit der Götterwelt der Griechen nichts mehr am Hut haben, weshalb die meisten Menschen so etwas wie „fĂŒhlende Dualisten“ sind, was uns auch Prof. John-Dylan-Haynes im Interview bestĂ€tigte. Ob dieses GefĂŒhl aber das Abbild einer dualistischen RealitĂ€t ist oder ob der Schein trĂŒgt, ist eine der Ă€ltesten und umstrittensten Fragen der Philosophie und inzwischen auch der Hirnforschung. HĂ€ngen GefĂŒhle und Bewusstsein vielleicht viel stĂ€rker zusammen, als wir annehmen? Sind sie gar so etwas wie zwei Seiten derselben MĂŒnze?

Grund genug fĂŒr Dirk Boucsein und mich auf unserem YouTube-Kanal Zoomposium zwei Experten zu diesem Thema zu befragen. Im ersten Teil sprachen wir mit Prof. Achim Stephan von der UniversitĂ€t OsnabrĂŒck ĂŒber die Frage, wie GefĂŒhle unser Denken beeinflussen. Sein Hauptarbeitsgebiet ist die Philosophie des Geistes, und dort besonders die Emergenz, Emotionen und AffektivitĂ€t.

Zum vollstÀndigen Interview geht es hier.

Die Simulation des Bewusstseins – Petra Ritter im GesprĂ€ch

Prof. Petra Ritter ist Leiterin der Sektion fĂŒr Gehirnsimulation an der Berliner CharitĂ©. CharitĂ©? Hatten wir – Dirc Boucsein von philosophies und ich – da nicht vor Kurzem schon jemanden interviewt? NatĂŒrlich! „Ist Ihr Interview mit John schon draußen? Er arbeite nur ein paar TĂŒren weiter, aber wir sehen uns fast nie.“ Ja, Forschung ist zeitintensiv, das haben wir sowohl bei Frau Ritter, als auch bei John-Dylan Haynes gemerkt. Umso dankbarer waren wir, dass beide sich kurz nacheinander die Zeit fĂŒr uns nahmen.

Mit Petra Ritter sprachen wir unter anderem ĂŒber die Frage, ob Interviews bald von Chatbots statt von Bloggern gefĂŒhrt werden können und wie Intelligenz den Entscheidungsfindungsprozess beeinflusst. Zumindest auf die letzte Frage gab es eine ĂŒberraschend einfache Antwort. Aber sehen Sie selbst den Trailer (zum vollstĂ€ndigen Interview geht es hier).

100. Beitrag: John-Dylan Haynes im GesprĂ€ch

Dies ist der 100. Beitrag auf diesem Blog. Es hĂ€tte keinen besseren Interviewpartner treffen können als John-Dylan Haynes, den ich wie immer zusammen mit Dirk Boucsein von philosophies.de interviewen durfte. An Haynes‘ faszinierenden Experimenten habe ich mich schon in den Anfangszeiten dieses Blogs abgearbeitet (hier und hier) und in meinem Roman Balduins WeltrĂ€tsel wird kontrovers ĂŒber sie diskutiert. Allen voran das „Duell Mensch gegen Maschine“ – ein Hauch von High Noon in der Neurowissenschaft. Daher stand Haynes auf meiner persönlichen Wunschliste der Interviewpartner ganz weit oben.

Getroffen haben wir einen sympathischen und bescheidenen Wissenschaftler, der sich selbst einen Empiriker nennt, sich aber ĂŒber die philosophischen Konsequenzen seiner Experimente mehr Gedanken gemacht hat als mancher andere, so mein Eindruck. Und jemand, der seine eigenen frĂŒheren Aussagen reflektiert. Manche Ergebnisse wĂŒrde er heute weniger deterministisch auslegen als damals. Aber schauen Sie selbst. Hier wie immer der Trailer. Das vollstĂ€ndige Interview gibt es auf dem YouTube-Kanal Zoomposium.

Voodoo-Zauber mit „Hirnscans“ und die Macht der Bilder – Cornelius Borck im GesprĂ€ch (Video)

Jeder kennt sie, die „Hirnscans“. Bilder des Gehirns, in denen bestimmte Regionen eingefĂ€rbt sind. Meistens handelt es sich dabei um sogeannte fMRTs (fĂŒr funktionelle Magnetresonanztomotgrafie) bei denen ĂŒber die Sauerstoffkonzentration des Blutes indirekt die AktivitĂ€t von Hirnregionen bestimmt wird. So beeidruckend die Bilder sind, so verfĂŒhrerischt sind sie auch, suggerieren sie doch, man könne mit einem „Scan“ des Gehirns mal eben feststellen, ob Herr MĂŒller gerade an seine Hauskatze denkt. Dieser Eindruck stimmt aber nur sehr eingeschrĂ€nkt, denn fĂŒr das Erstellen der Bilder braucht man zweierlei: viel Zeit und viel Statistik.

Dass man letztere behutsam einsetzen muss, wenn man die Wahrheit darstellen (und nicht verzerren) will, hat sich seit Churchills Bonmot, man solle keiner Statistik trauen, die man nicht selbst gefĂ€lscht habe, herumgesprochen. Auf „statistische Versuchungen“ im Bereich der Hirnforschung hat Prof. Cornelius Borck mit seinem Artikel „How to Do Voodoo with Functional Neuroimaging“ eindrucksvoll hingewiesen. Über die Macht der Bilder in der Wissenschaft und die großen menschlichen Fragen des Bewusstseins konnten Dirk Boucsein von philosophies und ich mit ihm sprechen. Hier geht es zum Teaser (das komplette Interview erscheint in den nĂ€chsten Tagen):

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Professor Dr. med. Cornelius Borck ist ein deutscher Wissenschaftshistoriker und Medizinphilosoph. Er forscht und lehrt am Institut fĂŒr Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der UniversitĂ€t zu LĂŒbeck. Seine Forschungsschwerpunkte sind Hirnforschung zwischen Medientechnik und Neurophilosophie, medizinische Visualisierungsstrategien, Zeitgeschichte der Medizin und Epistemologie des Unscheinbaren in Wissenschaft und Kunst.

Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? – Prof. Wolf Singer im GesprĂ€ch (Video)

„Jede Entscheidung ist die Folge von neuronalen Wechselwirkungen. Aufgrund von physikalischen und chemischen VorgĂ€ngen im Gehirn musste es so passieren, dass man selbst zu dieser bestimmten Entscheidung gekommen ist.“ Wolf Singer ist nicht zuletzt aufgrund solch pointierter, einem freien Willen keinerlei Raum gönnenden Formulierungen bekannt geworden. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Erkenntnisse aus der Hirnforschung Konsequenzen bis in das Strafrecht hinein haben sollten. Treu seinem Grundsatz, dass die Wissenschaft eine Verpflichtung zur Kommunikation mit der Gesellschaft habe, ist er damit auch kontrovers gefĂŒhrten Diskussionen nie aus dem Weg gegangen.

Es war also zu erwarten, dass Dirk Boucsein von philosophies.de und ich in unserem Interview einen Wolf Singer erleben, der einen konsequent naturalistischen Standpunkt vertritt. Wir haben aber auch einen bescheidenen und sehr reflektierten Wolf Singer erlebt, der sich der Grenzen der eigenen ErkenntnisfĂ€higkeit bewusst ist und dennoch versucht, die ganz harten NĂŒsse zu knacken. So bietet er zur Lösung des „Hard Problems“ einen Ansatz, den vermutlich nicht alle von ihm erwartet hĂ€tten – um das Problem „zu verkleinern“, wie er sich selbst ausdrĂŒckt. Sehen Sie hier den Trailer (LĂ€nge: 3:25 min) zum Interview:

Trailer zum Interview mir Prof. Wolf Singer

Das vollstÀndige Interview finden Sie auf dem Youtube-Kanal Zoomposium.

Professor Dr. Wolf Singer (*1943 MĂŒnchen) ist ein deutscher Neurophysiologe und Hirnforscher. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist AufklĂ€rung neuronaler Prozesse bei höheren kognitiven Leistungen (wie z. B. „Bewusstsein“). Er studierte in MĂŒnchen, Paris und Sussex und habilitierte 1976 an der TU MĂŒnchen in Physiologie. 1981 wurde er Direktor des Max-Planck-Instituts fĂŒr Hirnforschung in Frankfurt am Main. In den Nullerjahren grĂŒndete er das Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS), das Brain Imaging Center (BIC) und das Ernst StrĂŒngmann Institut (ESI). Seit 2011 ist er Honorarprofessor fĂŒr Physiologie und leitet das „Singer-Emeritus-Department“ am MPI Frankfurt.

Bewusstsein als Tanz des Gehirns – Prof. Georg Northoff im GesprĂ€ch (Video)

Why and how does our brain construct the self and consciousness? – Warum und wie konstruiert unser Gehirn das Selbst und das Bewusstsein? Diese Frage steht als Überschrift auf der Webseite von Georg Northoff, Professor fĂŒr Neurophilosophie an der UniversitĂ€t von Ottawa. Es ist die alte aber nach wie vor aktuelle Frage, wie das entsteht, was wir permanent erfahren, fĂŒhlen, genießen oder erdulden, unser inneres Erleben, oft auch Qualia genannt.

Die Mainstreammeinung der Wissenschaft zu diesem Problem lĂ€sst sich grob so beschreiben: Bewusstsein ist etwas, das von biochemischen Prozessen im Gehirn gebildet wird. Das Problem dabei ist, dass niemand eine Ahnung hat, wie die BrĂŒcke zwischen beiden PhĂ€nomenen – materielles Gehirn einerseits, geistiges Erleben andererseits – aussehen könnte. Schon Leibniz hat von einem riesigen Modell des Gehirns getrĂ€umt, das man begehen könnte und darauf hingewiesen, dass man dort alle möglichen Prozesse wĂŒrde beobachten können, aber eben kein Bewusstsein.

Da man seit Jahrhunderten vergeblich nach einer Lösung dieses Leib-Seele- bzw. Geist-Gehirn-Problems sucht, glauben manche Philosophen inzwischen, dass die Frage falsch gestellt sein könnte, und versuchen den in ihr liegenden Dualismus (Geist-Gehirn) zu umgehen.

In eine Ă€hnliche Richtung denkt auch Northoff. FĂŒr ihn ist Bewusstsein nicht im Gehirn lokalisiert, sondern entsteht erst in der Interaktion zwischen Gehirn und Körper einerseits und der Umwelt andererseits. Wenn das Gehirn ein TĂ€nzer ist und die Musik die Umwelt, dann ist das Bewusstsein der Tanz, der entsteht, wenn beide zusammenkommen. Das ist durchaus mehr als nur ein hĂŒbsches Bild, denn Northoff redet sehr konkret von Zeitskalen (und was ist Rhythmus anderes als eine Zeitskala?), die im Gehirn messbar sind und die mit Zeitskalen der Umwelt in Einklang gebracht werden mĂŒssen. Gelingt dies nicht, fĂŒhrt dies zu psychischen Störungen wie zum Beispiel Schizophrenie, wie Northoff aus seiner Praxis als Psychiater weiß.

Dirk Boucsein von philosophies und ich hatten Gelegenheit, diesen interessanten Denker zu interviewen. Sehen Sie hier den Trailer oder gleich das ganze Interview auf dem YouTube-Kanal Zoomposium.

Interview mit Prof. Georg Northoff (Trailer)

Prof. Dr. Dr. Georg Northoff (*1963 Hamburg) ist ein deutscher Psychiater und Philosoph. Er gilt als ein wichtiger Vertreter der Neurophilosophie. Northoff studierte in Hamburg, Essen, Bochum und New York. Ab 1996 arbeitete er als Oberarzt an der psychiatrischen UniversitĂ€tsklinik in Magdeburg. Er habilitierte sich 1998 in Medizin und 1999 in Philosophie und lehrte unter anderem an den UniversitĂ€ten Magdeburg und Harvard. An der UniversitĂ€t von Ottawa hat er den eigens eingerichteten Lehrstuhl fĂŒr Geist, Gehirn und Neuroethik seit 2009 inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind funktionelle Bildgebung zur Untersuchung von Emotionen, Neurobiologie, psychiatrische Krankheiten, analytische Philosophie des Geistes, Neurophilosophie, Neuropsychoanalyse und Neuroethik.

Wie wirklich ist Bewusstsein? – Interview mit Prof. Gerhard Roth (Video)

TRAILER – Interview mit Prof. Gerhard Roth – ungekĂŒrzte Fassung auf dem YouTube-Kanal ZOOMPOSIUM

Die beiden Wissenschaftsblogs philosophies.de und die-grossen-fragen.com (Der Blog der großen Fragen) haben den Youtube-Kanal Zoomposium eröffnet, auf dem sich interessante Persönlichkeiten zu Themen im Grenzbereich zwischen Naturwissenschaft und Philosophie Ă€ußern können.

Im Dezember hat uns ein ganz prominenter Gast beehrt: Mit Prof. Gerhard Roth, einem der bekanntesten deutschen Hirnforscher und Autor zahlreicher BĂŒcher, sprachen Dirk Boucsein und ich unter anderem ĂŒber das Bewusstsein, Zombies und die Frage, ob man eines Tages Gedanken lesen kann.

Das komplette Interview finde man hier:

Inverview mit Prof. Gerhard Roth auf „Zoomposium“

Die „Welt“ gibt es so wenig, wie es Einhörner gibt – ein Interview mit Gabriel Vacariu

Was haben das Geist-Gehirn-Problem und das Problem der VerschrÀnkung von Quantenteilchen gemeinsam? Beide sind ungelöst, weil es bei beiden nicht gelingt, zwei verschiedene Dinge unter einen Hut zu bekommen. Hier mentale ZustÀnde und neuronale VorgÀnge, dort die LokalitÀt von Quantenereignissen und deren mikroskopische RealitÀt.

Glaubt man Gabriel Vacariu, Professor fĂŒr Philosophie an der UniversitĂ€t von Bukarest, haben beide Probleme eine gemeinsame Ursache: Sie gehen von der zwar naheliegenden, aber falschen PrĂ€misse aus, alle diese PhĂ€nomene befĂ€nden sich in derselben „Welt“, nĂ€mlich jener, in der auch wir Menschen uns als Beobachter wiederfinden.

Real sind nach Vacariu aber nur EntitĂ€ten, also existierende, konkrete oder abstrakte GegenstĂ€nde, aber nicht die „Welt“, in der sie sich aufhalten bzw. aufzuhalten meinen. Die „Welt“ zerfĂ€llt nĂ€mlich in epistemologisch verschiedene Welten (EVWs bzw. EDWs), die so etwas wie die verschiedenen Perspektiven der einzelnen EntitĂ€ten darstellen.

Dieser, hier nur angedeutete, Ansatz erlaubt nach Vacariu die Lösung vieler großer Probleme, bei denen man bisher vollstĂ€ndig im Dunkelt tappt. FĂŒr ein genaueres VerstĂ€ndnis sind die Begriffe Ontologie und Epistemologie oder Erkenntnistheorie wesentlich. Ontologie ist die Lehre vom Seienden, fragt also nach dem was real ist bzw. was existiert, wĂ€hrend die Epistemologie die Frage nach dem Zustandekommen unseres Wissens ĂŒber das Seiende stellt. Damit steht automatisch die Frage im Raum steht, wie gut sich unser Wissen an das tatsĂ€chlich Seiende annĂ€hern kann.

Vacariu formuliert es in seinem Buch prÀgnanter:

„Ontologie befasst sich mit dem, was existiert, wĂ€hrend Epistemologie sich mit den Teilen dessen beschĂ€ftigt, was existiert und was wir wissen können.“

Ungewöhnliche Theorien stoßen naturgemĂ€ĂŸ auf Widerstand, was Vacariu schon mal dazu veranlasst Nietzsche zu zitieren:

„Manchmal wollen Menschen nicht die Wahrheit hören, denn das wĂŒrde ihre ganze Illusion zerstören.“

Wie weit trÀgt diese Idee? Gabriel Vacariu hat mir freundlicherweise ein Interview zu seiner Theorie und ihrer Anwendung auf das Leib-Seele-Problem gegeben.

*

BdgF: Professor Vacariu, Sie nennen das Universum die „Einhornwelt“, weil es Ihrer Meinung nach nicht realer ist als ein Fabelwesen. Was bedeutet „real“ fĂŒr Sie?

Gabriel Vacariu (GV): Die „Einhornwelt“ ist nur deshalb ein Fabelwesen, weil sie die Welt (das Universum) darstellt, in der alle EntitĂ€ten miteinander in Beziehung stehen. Doch das Gegenteil ist der Fall: alle diese EntitĂ€ten werden durch die epistemologsich verschiedene EntitĂ€ten und ihre entsprechenden Gesetze reprĂ€sentiert, die zu den epistemologsich verschiedenen Welten (EVWs, englisch: EDWs) gehören.

So gehören zum Beispiel die elektromagnetischen Wellen und ihre Wechselwirkungen („Gesetze“) zur Feld-EW; die Mikroteilchen (Elektronen, etc.) mit ihren Gesetzen und Wechselwirkungen gehören zur Mikro-EW; die MakroentitĂ€ten (Tische, Steine, Planeten, etc.) mit ihren Gesetzen und Wechselwirkungen gehören zur Makro-EW.

Bis ich kam, haben alle in der Einhornwelt gearbeitet, denn niemand hat die Existenz des „Universums“ bestritten. Die Idee von der Existenz der Welt (des Universums) habe ich durch die Idee der „epistemologsich verschiedenen Welten“ (EVWs) ersetzt. Die „Feld-EW“, die „Mikro-EW“ und die „Makro-EW“ existieren jedoch nicht wirklich (sie haben keine Ontologie). Was wirklich existiert, sind allein die epistemologsich verschiedene EntitĂ€ten: die elektromagnetischen Wellen, die Mikroteilchen bzw. die Makroteilchen. Diese epistemologsich verschiedene EntitĂ€ten stellen die Epistemologsich verschiedene Welten (EVWs) dar. (Der Geist existiert sowohl als EntitĂ€t, als auch als EW.)

„Bis ich kam, haben alle in der Einhornwelt gearbeitet.“ – Gabriel Vacariu

BdgF: Epistemologsich verschiedene Welten (EVWs) – das klingt verwirrend, wenn es zum ersten Mal hört. Was ist der springende Punkt bei dieser Idee?

GV: Im Terminus „Epistemologsich verschiedene Welten“ (EVWs) habe ich die Epistemologie (durch „epistemologisch“) und die Ontologie (durch „Welten“) in einem Ausdruck vereint. Warum? Weil ich die Unterscheidung zwischen Epistemologie und Ontologie fĂŒr den grĂ¶ĂŸten Fehler halte. Und warum das? Diese Unterscheidung ist dem menschlichen Denken eigen, sie hat aber keine Entsprechung in den verschiedenen epistemologsichen EntitĂ€ten wie einem Tisch, einem Planeten oder einem Mikroteilchen. Ein Mikropartikel oder ein Planet treffen diese Unterscheidung nicht.

Mein Ansatz der „Epistemologsich verschiedene Welten“ (EVWs) bezieht sich auf epistemologisch verschiedenen EntitĂ€ten. Er beschreibt die Art und Weise, wie diese EntitĂ€ten „wahrnehmen“, d.h. wie jede EntitĂ€t nur mit anderen EntitĂ€ten aus dem gleichen epistemologsichen Welt (EW) interagiert. Eine EntitĂ€t aus einer EW existiert nicht fĂŒr eine epistemologische EntitĂ€t einer anderen EW.

BdgF: Wie kommen Sie auf die Idee, dass das, was wir jeden Tag erleben, in Wirklichkeit eine Illusion sein könnte?

GV: Nehmen Sie das Beispiel eines Körpers, der auf einer Straße geht.

Das Selbst (der Geist) ist eine epistemologische Welt (EW), der Körper und das Gehirn gehören zu einer anderen EVW, der Makro-EW. Das Selbst (der Geist) existiert nicht fĂŒr das Gehirn bzw. den Körper, da eine EW nie fĂŒr eine andere, von ihr verschiedene EW existiert.

Das Selbst „hat“ die Erfahrung des entsprechenden Körpers nur indirekt, durch „Korrespondenz“. Das Selbst (der Geist) befiehlt dem Körper nicht zu gehen, da der Geist ein EW ist, die fĂŒr das Gehirn bzw. den Körper nicht existiert. Es ist das Gehirn, das den auf der Straße gehenden Körper kontrolliert.

Gleichzeitig steuert das Selbst bzw. der Verstand die internen Bilder, die ReprĂ€sentationen des entsprechenden „Körper, der auf einer Straße geht“ sind. Es sind verschiedene EDWs, die Verstandes-EW und die Makro-EW.

BdgF: Sie sagen, die Einhornwelt sei nicht nur eine Illusion, sondern auch der grĂ¶ĂŸte Feind der menschlichen Erkenntnis. Warum das?

GV: Weil vor mir jeder – ich meine wirklich JEDER – mit der Einhornwelt, also dem „Universum“ bzw. der „Welt“, gearbeitet hat. Und dies war ein FALSCHES Paradigma des Denkens. Warum? Wie bereits gesagt, wurden alle verschiedenen epistemologischen EntitĂ€ten in denselben Rahmen (genannt „das Universum“ oder „die Welt“) gestellt. Das war der grĂ¶ĂŸte Fehler in der Geschichte des menschlichen Denkens.

BdgF: Ist die Theorie der epistemologsich verschiedenen Welten (EVWs) Naturwissenschaft oder Philosophie? Oder gar Metaphysik?

GV: Meine Entdeckung der EVWs vereint Naturwissenschaft und Philosophie (In einem anderen Zusammenhang habe ich auch angedeutet, dass Gott gar nicht existieren kann, es wird also jede Form von Religion abgelehnt. Sie können den Artikel „God cannot even exist“ auf meiner Homepage gratis herunterladen).

Ich habe auch ein Buch ĂŒber meine Metaphysik geschrieben, aber die Unterscheidung zwischen Epistemologie und Metaphysik ist im Zusammenhang mit den EVWs völlig falsch, da die Unterscheidung zwischen Epistemologie und Ontologie falsch ist.

BdgF: Die Idee von „vielen Welten“ findet sich auch bei theoretischen Physikern wie Stephen Hawking, die von „Parallelwelten“ und einem „Multiversum“ sprechen. Hat diese Idee etwas mit Ihrer Theorie der EDWs zu tun?

GV: Everett war der erste, der in den 50er Jahren „viele Welten“ eingefĂŒhrt hat. Allerdings sind seine „vielen Welten“ völlig anders als meine EVWs. Außerdem sind „Parallelwelten“ und „Multiversum“ nichts anderes als verschiedene Universen, die sich im selben „raumzeitlichen Rahmen“ gestellt sind. Mit anderen Worten, es gibt ein Universum, das eng an ein anderes angrenzt. Alle diese Universen befinden sich innerhalb des Makro-EW. Jedes Universum existiert ganz real fĂŒr die anderen Universen, auch wenn zwischen ihnen große Entfernungen bestehen. FĂŒr mich existiert ein EW nicht fĂŒr ein EW. Deshalb sind meine EDWs etwas ganz anders als die „Parallelwelten“ oder das „Multiversum“.

BdgF: Paralleluniversen, ein Multiversum – ist das fĂŒr Sie Physik oder Metaphysik?

GV: Wie fĂŒr die parallelen Welten gerade gesagt: ein Universum befindet sich in der NĂ€he eines anderen Universums. Alle diese Universen sind Makro-Universen innerhalb des Makro-EW. Das ist „unbestĂ€tigte Physik“, aber keine „Metaphysik“.

BdgF: Sie sagten, man könne mit den EVWs auch das seit Jahrhunderten ungelöste Geist-Gehirn-Problem lösen. Die kognitive Neurowissenschaft befĂ€nde sich in diesem Punkt noch in einem „prĂ€historischen Stadium“ (Kuhn) befindet. Was meinen Sie damit?

GV: Das Geist-Gehirn-Problem ist seit seinem Auftauchen innerhalb der Einhornwelt konstruiert worden. Es ist also ein Pseudo-Problem, das in einem falschen Rahmen entstanden ist. Warum ist es ein Pseudo-Problem?

Da aus meiner EVW-Perspektive der Geist nicht fĂŒr das Gehirn (bzw. den Körper) und das Gehirn nicht fĂŒr den Geist existiert, ist es sinnlos, nach der Beziehung zwischen dem Geist und dem Gehirn zu fragen. Es gibt nur eine Korrespondenz zwischen ihnen, mehr nicht. Die kognitive Neurowissenschaft ist schon deshalb eine Pseudowissenschaft, weil sie epistemologsiche EntitĂ€ten zusammenfĂŒhrt, die zu verschiedenen epistemologsichen Welten (EVWs) gehören. Die Forscher dieser „Wissenschaft“ versuchen, den Geist mit dem Gehirn wissenschaftlich zu verbinden! Aber diese Idee ist völlig falsch. Auch die IdentitĂ€tstheorie ist falsch, da der Geist nicht mit dem Gehirn identisch ist. Der Hauptbegriff aus diesem Bereich, die „Korrelation“, ist in der Einhornwelt konstruiert und daher ebenfalls völlig falsch. Da der Geist dem gesamten Gehirn und Körper (in einer Makro-Umgebung) entspricht, sind Korrelationen zwischen einem mentalen Zustand und bestimmten „neuronalen ZustĂ€nden“ bedeutungslos! Es gibt nur große AnnĂ€herungen zwischen mentalen ZustĂ€nden und neuronalen ZustĂ€nden, mehr aber nicht.

Selbst wenn die Forscher in Zukunft immer bessere und leistungsfĂ€higere „Gedankenlesemaschinen“ entwickeln, werden diese Maschinen nur immer bessere „NĂ€herungskorrelationen“, aber keine „IdentitĂ€ten“ zwischen den mentalen ZustĂ€nden und den neuronalen ZustĂ€nden nachweisen können.

Ein wichtiger Grundsatz aus meiner EVWs-Perspektive: „Alle mentalen ZustĂ€nde sind das Selbst“. Ein mentaler Zustand ist das Selbst bzw. der Geist, also kann ein mentaler Zustand nicht vom Geist isoliert werden. Wenn wir also einen mentalen Zustand mit bestimmten neuronalen ZustĂ€nden identifizieren wollen, ist das ein großer Fehler, da alle mentalen ZustĂ€nde das Selbst (der Geist) sind und der gesamte Geist dem gesamten Gehirn bzw. dem Körper (der in seine Umgebung gestellt ist) entspricht. Daher sind das „Bindungsproblem“ [Das Problem, wie aus den in verschiedenen Gehirnregionen vorliegenden Teilinformationen ein einheitlicher Eindruck entsteht. A. S.] und die „Lokalisierung“ aus der kognitiven Neurowissenschaft Pseudoprobleme (keine „wissenschaftlichen Probleme“), gerade weil diese Probleme keinen ontologischen Hintergrund haben und auch nicht haben können.

BdgF: Wenn Geist und Gehirn zu verschiedenen Epistemologischen Welten gehören, welcher Art ist dann die „Korrespondenz“ zwischen ihnen, die Sie erwĂ€hnt haben?

GV: Gute Frage! Die Vorstellung der „Korrespondenz“ hat keinerlei ontologischen Hintergrund. Der Hauptbegriff aus der Perspektive der EVWs, die Korrespondenz, bezieht sich also auf die epistemologisch unterschiedlichen EntitĂ€ten, die zu den EVWs gehören. Wie auch immer, die Korrespondenz zwischen einem mentalen Zustand und einigen neuronalen Aktivierungsmustern ist und bleibt eine sehr ungefĂ€hre Vorstellung. (Wir mĂŒssen berĂŒcksichtigen, dass ein mentaler Zustand nicht nur einem neuronalen Aktivierungsmuster und der Aktivierung bestimmter Neuromodulatoren und Neurotransmitter entspricht, sondern auch der Aktivierung bestimmter elektromagnetischer Wellen – mit unterschiedlichen Frequenzen – im Gehirn).

BdgF: Wie lautet also zusammengefasst Ihre Lösung des Geist-Gehirn-Problems?

GV: Ich habe Geist-Gehirn-Problem in dem Sinne „gelöst“, als ich gezeigt habe, dass es sich dabei um ein Pseudo-Problem handelt. Der Geist ist eine EW und das Gehirn (bzw. der Körper) ist eine EntitĂ€t in einer anderen EVW, der Makro-EW. Da der Geist nicht fĂŒr das Gehirn existiert und das Gehirn nicht fĂŒr den Geist, ist es sinnlos, nach der Beziehung zwischen Geist und Gehirn zu fragen.

BdgF: Herr Professor Vacariu, wir danken Ihnen fĂŒr dieses GesprĂ€ch.

*

Prof. Gabriel Vacariu lehrt am Fachbereich Philosophie an der UniversitĂ€t in Bukarest Philosophie des Geistes, kognitive Neurowissenschaften, Epistemologie und Wissenschaftsphilosophie. Er ist Autor zahlreicher BĂŒcher. Auf deutsch ist von ihm erschienen: Die RelativitĂ€t von „Welt“: Wie Pseudoprobleme in den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Quantenphysik durch EDWs zu vermeiden sind, Springer 2016.

Ein Tor wĂŒrde dem Spiel guttun – Philosophie des Geistes im UEPhA-Cup

Ein Gastbeitrag von Dirk Boucsein

Guten Abend allerseits! Das Geist-Gehirn-Problem beschĂ€ftigt die Menschheit seit der Antike. Hinsichtlich des Gehirns gab es dank boomender Forschung in den letzten Jahrzehnten einen explosionsartigen Wissenszuwachs. Dennnoch sind die vollmundigen AnkĂŒndigungen aus den 10er-Jahren, die Neurowissenschaften wĂŒrden die „schweren Fragen der Erkenntnistheorie“ angehen und ein „neues Menschenbild“ schaffen, folgenlos verklungen.

ErnĂŒchtert mĂŒssen wie feststellen: Die Aussagen der Neurowissenschaftler bewegen sich noch immer auf dem Niveau von Fußballweisheiten. FĂŒr die Praxis gilt: „Das Gehirn ist (annĂ€hernd) rund“ und „Wichtig ist im Gehirn“, wĂ€hrend wir fĂŒr die theoretische Seite festhalten können: „Nach der Theorie (des Geistes) ist vor der Theorie“, denn „Eine neue Theorie gilt immer nur 90 Minuten“.

Was lag da nĂ€her, als die wichtigste Nebensache der Welt (das Geist-Gehirn-Problem) mit der wichtigsten Hauptsache der Welt (Fußball) zusammenzubringen und die Geschichte der Philosophie des Geistes als Fußballpartie darzustellen?

Die beiden Mannschafen „Team Geisteswissenschaften“ und „Team Naturwissenschaften“, sind bereits beim Gespann der Unparteiischen – dem Bieri-Trilemma – und fĂŒhren die Seitenwahl durch. Es kommentiert Dirk Boucsein. Schaun mer mal!

Die Philosophie des Geistes – der UEPhA-Cup der Ismen

Die Geschichte der „Philosophie des Geistes liest sich wie eine Chronik zum Wettkampf der verschiedenen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen  „Ismen“ (Plural des -ismus, z. B. Materialismus, Idealismus, Positivismus,…). Viele Verbalschlachten, BegriffsscharmĂŒtzel und Wortstellungskriege der Vergangenheit wĂ€ren aber sicherlich vermeidbar gewesen, hĂ€tte man sich im Vorfeld auf eine gemeinsame Sprache – oder zumindest auf eine einheitliche Konnotation eines bestimmten Begriffes geeignet. Wenn es mir an dieser Stelle gestattet sei, wĂŒrde ich gerne diesen Kampf der Ismen aber nicht so martialisch beschreiben, sondern lieber zu dem Begriff „UEPhA (Union of European Philosophy Associations)-Cup„-Spiel zwischen dem Team der Geisteswissenschaften (Soziologie, Geschichte, Linguistik,…) und dem der Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie,…) wechseln. Auch wenn ich keine Ahnung vom Fußball habe, aber damit es in der PdG nicht ganz so kopflastig wird 😉

Im Folgenden möchte ich versuchen, anhand einiger ausgewĂ€hlter Begriffsanalysen den jeweiligen Standpunkt der vermeintlich diametralen Lager in der Philosophie des Geistes deutlich zu machen, um in einem letzten Schritt die bereits gebildeten GrĂ€ben und Risse wieder zu zuschĂŒtten und zu kitten. Meine Arbeitshypothese soll darin liegen zu zeigen, dass Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften nur die zwei Seiten ein und derselben MĂŒnze sind und in der Philosophie des Geistes oder Neurowissenschaft eine gemeinsame Schnittstelle besitzen. Diese Schnittstelle sehe ich in der relativ jungen Disziplin der Neurophilosophie gegeben, auf die ich aber in meinem weiteren Artikel „Die Neurophilosophie“ (https://philosophies.de/index.php/2021/02/15/die-neurophilosophie/) aufgrund der ansonsten entstehenden „epischen LĂ€nge“ gesondert eingehen möchte.

Zur ErlÀuterung meiner Arbeitshypothese sei mir hier zunÀchst einmal eine begriffliche Standortbestimmung und Einordnung der Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft in die Genese und Evolution der Philosophie des Geistes erlaubt.

Das alte Schisma Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft

»Als Gegner stehen einander nicht zwei wissenschaftliche FĂ€cher gegenĂŒber, mit unterschiedlichen GegenstĂ€nden, aber Ă€hnlichem WissenschaftsverstĂ€ndnis, sondern zwei wissenschaftliche Konfessionen, deren Auseinandersetzungen nicht selten ZĂŒge eines Glaubenskrieges annehmen.« (Vowinckel, in: Zwischen Natur und Kultur, S. 35)

Es soll im Folgenden zunĂ€chst einmal um die KlĂ€rung des „Wissens-„/“Wissenschafts-„Begriffes gehen. Doch schon an dieser Stelle tritt eine begriffliche Verwirrung auf. Bedeutet die begriffliche Unterscheidung in Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, dass sich die „Geisteswissenschaften“ (Dilthey, Hegel) nur mit dem „Geist“ und nicht mit der „Natur“ und die „Naturwissenschaften“ nur mit der „Natur“ und nicht mit dem „Geist“ beschĂ€ftigen? Diese – bei nĂ€herer Betrachtung – doch sehr merkwĂŒrdige Begriffswahl erscheint nicht nur im deutschen Sprachraum. In der angelsĂ€chsischen Sprache ist der Wissenschaftsbegriff noch stĂ€rker polarisiert. Man unterscheidet hier „science“ von „humanities„, wobei sich der Begriff „science“ hauptsĂ€chlich auf die „natĂŒrlichen Wissenschaften“ (natural science, life science, physical science,…) bezieht und „humanities“ auf die „menschlichen Wissenschaften“. Also dĂŒrfte auch im AngelsĂ€chsischen „science“ unmenschlich sein, ebenso wie die „humanities“ (anthropology, history, philosophy,…) unnatĂŒrlich wĂ€ren, sonst benötigte man keine solche Unterscheidung der Wissenschaftsobjekte. Die Differenzierung zielt aber im Deutschen, wie im AngelsĂ€chsischen weniger auf das Objekt der Untersuchung, sondern liegt eigentlich viel mehr in dem vermeintlichen Unterschied der Methodik. In den Naturwissenschaften wird nach eigener Aussage eher empirisch, induktiv und reduktiv gearbeitet, wohingegen die Geisteswissenschaften ihre Methodik vielleicht eher als logisch, deduktiv und spekulativ bezeichnen wĂŒrde. Dieser kĂŒnstlich-erzeugte Dualismus hat – wie man spĂ€ter noch sehen wird – weitreichende Konsequenzen hinsichtlich der Evaluation von Ergebnissen, am Beispiel der Philosophie des Geistes vs. der Neurowissenschaft. Aber zunĂ€chst soll hier erst einmal der „Graben/Riss“ an dem Begriff der „Wissenschaften“ gezeigt werden.

„Hiatus philosophicus“ – der Riss im Wissen

Der eigentliche Graben/Riss in der Philosophie („Hiatus philosophicus“) ist vielleicht noch nicht so alt wie das Schisma der katholischen Kirche von 1054. Er ist aber schon angelegt in den AnfĂ€ngen der Philosophie in der Antike, bei den „ollen Griechen“, hier besonders Platon (* 428/427 v. Chr. in Athen oder Aigina; † 348/347 v. Chr. in Athen) und sein SchĂŒler Aristoteles (* 384 v. Chr. in Stageira; † 322 v. Chr. in Chalkis auf Euböa):

„Die Griechen sind von maßgeblicher Bedeutung, weil sie bei der Kontrastierung von moderner und vormoderner Wissenschaftlichkeit einen Angel- und Wendepunkt in der Geschichte bilden. Sie stellen in der Weltgeschichte der Wissenschaften eine Zwischenstufe dar: ein Scharnier zwischen den ersten AnfĂ€ngen der Wissenschaft bei den antiken Hochkulturen und der elaborierten Wissenschaftssystematik der Moderne.“ (Tim Kunze: „Der Riss im Wissen. Zum Problem des Unterschieds zwischen Natur- und Geisteswissenschaft in der griechischen Antike, anhand von Aristoteles‘ Physik und Politik“, S. 21)

Die verschiedenen Wissensstufen des antiken Griechenlands

Im antiken Griechenland wurde lediglich zwischen verschiedenen Wissensstufen unterschieden:

1. Vorwissenschaftliches Wissen:

a) ጐΌπΔÎčÏÎŻÎ± (empiria ≈ bloßes Erfahrungswissen),

b) áŒ±ÏƒÏ„ÎżÏÎŻÎ± (istoria ≈ gesammelte Einzelkenntnisse) und

c) τέχΜη (tĂ©chne ≈ systematisch-praktisches Wissen in Form von praktischem Können)

2. wissenschaftliches Wissen: ጐπÎčÏƒÏ„ÎźÎŒÎ· (epistĂ©me ≈ theoretisches Wissen in Form von Gelerntem oder Erdachtem

3. philosophisches Wissen: φÎčÎ»ÎżÏƒÎżÏ†ÎŻÎ± (philosophia ≈ höchste Wissensstufe als Sammlung von verschiedenen Weisheiten/Wissen)

„BezĂŒglich der Differenzierung von vorwissenschaftlichem und wissenschaftlichem Wissen zeigt sich Folgendes: In der Moderne wird ein bestimmter Begriff der «Wissenschaft» bzw. «science» vorausgesetzt und ĂŒber dessen Ausdehnung gestritten («Wissenschaft» qua strenge Wissenschaft vs. Geistes«wissenschaft» u. dgl.). Bei den Griechen stellt demgegenĂŒber weniger die Breite eines normativen Konzepts, sondern die BegriffsĂŒberlappung das Hauptproblem dar. Neben dem Begriff ጐπÎčÏƒÏ„ÎźÎŒÎ· [epistĂ©me] dienen auch ÎŒÎ±ÎžÎźÎŒÎ±Ï„Î± [mathĂ­mata] oder gar τέχΜη [tĂ©chne] u.Ă€. als Bezeichnung fĂŒr wissenschaftliches Wissen, und die allgemeine Bedeutung von ጐπÎčÏƒÏ„ÎźÎŒÎ· [epistĂ©me] als „Wissen“ lebt weiterhin fort.“ (Tim Kunze: „Der Riss im Wissen…“, S. 25)

Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft

FĂŒr Platon und Aristoteles stellte sich die Frage nach der Definition der „Wissenschaft“ geschweige denn der Abgrenzung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft noch ĂŒberhaupt nicht. Bis in die Moderne differenzierte sich allerdings der Wissenschaftsbegriff sehr stark, wobei die Naturwissenschaft ihre Wurzeln stĂ€rker in empiria und tĂ©chne schlugen und die Geisteswissenschaft sich lieber ĂŒber die epistĂ©me und philosophia verorten lassen wollten. Die philosophia wurde gegenĂŒber dem antiken Konzept stark entwertet und einfach der Geisteswissenschaft zugeschlagen. Diesen Hiatus philosophicus zu verorten ist nicht so einfach, da es sich eigentlich um einen kontinuierlichen Prozess gehandelt hat. Man könnte aber Francis Bacon als ersten „modernen Naturwissenschaftler“ bezeichnen, da er sich von der epistemischen Scholastik in Form der „Naturphilosophie“ abwendet und sich der durch empirische Daten (empiria) gewonnen Erkenntnis und technischen (Aus-)nutzbarkeit (tĂ©chne) zuwendet. Mit den antiken Begriffen veranschaulicht – ohne eine Bewertung zu beabsichtigen – bedeutet dies, dass die niederen, antiken Wissensstufen „technĂ©“ und „empiria“ aufgewertet und die höheren Wissensstufen „philosophia“ und die „epistĂ©me“ abgewertet wurden.

Diese wissenschaftsgeschichtliche Vorbetrachtung ist aber wichtig fĂŒr das weitere VerstĂ€ndnis des darauf folgenden spĂ€teren Kampfes zwischen der Geisteswissenschaftund Naturwissenschaftin Form der Ismen in der Philosophie des Geistes.

Die Philosophie des Geistes – der UEPhA-Cup der Ismen

Das Schiedsrichtergespann Bieri-Trilemma

Das Schiedsrichtergespann soll das in meinem vorherigen Essay „Der Geist in der Materie“ beschriebene Bieri-Trilemma  abgeben, da es die zugrundegelegten Basen der jeweiligen Ismen besser bewertbar macht; das gilt im Übrigen sowohl fĂŒr die Dualismen und Monismen. Das Bieri-Trilemma soll in diesem Sinne ausdrĂŒcklich keine neue Theorie sein, sondern lediglich nur ein Instrument dienen. Wenn ich das Bieri-Trilemma aus diesem Grunde noch einmal kurz vorstellen dĂŒrfte:

Dualismus:

(1) Mentale PhÀnomene sind nicht-physikalische PhÀnomene.
(2) Mentale PhĂ€nomene sind im Bereich physischer PhĂ€nomene kausal wirksam. (mentale Verursachung; z.B. allg. fĂŒr Verhalten, „vor Scham erröten“)
(3) Der Bereich physischer PhÀnomene ist kausal geschlossen.

Jede der drei Annahmen wirkt auf den ersten Blick plausibel:
Zu (1): Das Bewusstsein scheint durch seine interne Struktur – insbesondere durch das subjektive Erleben – von jedem physischen Ereignis verschieden.
Zu (2): Mentale PhÀnomene (etwa Angst) scheinen ganz offensichtlich Ursache von physischen PhÀnomenen (etwa Weglaufen) zu sein.
Zu (3): In der physischen Welt scheinen jedoch immer hinreichende, physische Ursachen auffindbar zu sein.

Monismus:

(1) Wenn mentale PhĂ€nomene im kausal geschlossenen Bereich physischer PhĂ€nomene eine kausale Rolle spielen sollen, dann mĂŒssen sie physische PhĂ€nomene sein.
(2) Mentale PhÀnomene sind M.
(3) PhÀnomene, die M sind, können nicht physische PhÀnomene sein.
(M steht fĂŒr Charakteristika, denen Eigenschaften zugesprochen werden, die exklusiv mentalen PhĂ€nomenen zugeordnet werden.) (Peter Bieri: „Analytische Philosophie des Geistes„, S. 9.)

Das Trilemma besteht nach Bieri darin, dass die SĂ€tze paarweise, aber nicht alle zugleich wahr sein können. Wenn mentale PhĂ€nomene auf die physikalische Welt einwirken können (1 und 2), so ist sie nicht geschlossen (Widerspruch zu 3). Wenn dagegen das Mentale von der physischen Welt unabhĂ€ngig ist und die physische Welt kausal geschlossen (Satz 1 und Satz 3), so kann es keine Wirkung mentaler PhĂ€nomene auf die physikaische Welt geben (Widerspruch zu 2). Wenn mentale PhĂ€nomene physische VorgĂ€nge verursachen und die physische Welt kausal geschlossen ist (2 und 3), so muss das Mentale auf die physische Welt reduzierbar sein (Reduktionismus, Widerspruch zu 1).“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bieri-Trilemma)

Die Untersuchung in wie weit die PrĂ€misse (3) ĂŒberhaupt Bestand hat, muss leider auch noch auf den spĂ€teren Essay „Neurophilosophie“ verschoben werden.

Anstoß der Partie durch die Geisteswissenschaft

Der Wettkampf um den UEPhA-Cup der Philosophie des Geistes wird selbstverstĂ€ndlich durch das Team um die Geisteswissenschaft angestoßen, da zu Beginn des „Spiels“ die Mannschaft um das Team Naturwissenschaft noch Probleme mit der richtigen Technik zur Behandlung des Objektes „Geist“ (der Begriff ist ĂŒbrigens sprachlich auch nicht unproblematisch) haben. Es fehlen die empirischen Daten.

Team Geisteswissenschaften (Bild: philosophies)

Platons Substanzdualismus

Also legt Platon mit seinem Substanzdualismus  den „Ball“ vor:

„Sokrates: Unser Leib, wollen wir nicht sagen, der habe eine Seele? Protarchos: Offenbar wollen wir das. Sokrates: Woher aber, o lieber Protarchos, sollte er sie erhalten haben, wenn nicht auch des Ganzen Leib beseelt wĂ€re, dasselbe habend wie er und noch in jeder Hinsicht trefflicher?“ (Platon: Dialog „Philebos“ (30a).

Der Ball landet auch im gegnerischen Spielfeld, wo er von den Verteidigern des Teams NW, den „Atomisten“ Leukipp, Demokrit und Epikur mit ihrer substanzmonistischen Theorie zunĂ€chst einmal abgewehrt wird (die Idee wird aber – wie man spĂ€ter noch sehen wird – zum Physikalismus in Form der „IdentitĂ€tstheorie“ ausgebaut). Platons eigentlicher Plan lag zwar eher darin, die Unsterblichkeit der Seele zu postulieren, aber von nun an ist die Differenz zwischen zwei vermeintlichen EntitĂ€ten dem „Leib“ und der „Seele“ unwiderruflich in der Welt. Er liefert in seinem Dialog „Phaidon“ allerdings keine genaue Definition zu dem Begriff „Seele“, „was es ist zu sein„, außer dass sie etwas Immaterielles (Nicht-Körperliches) sein soll.

Descartes Interaktionismus

Dies wird aber zu einer Steilvorlage fĂŒr die berĂŒhmt-berĂŒchtigte Flanke von „res cogitans“ zur „res extensa“ von Descartes Interaktionismus:

„Ich kann mir klar und deutlich vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert. Was man sich klar und deutlich vorstellen kann, ist zumindest prinzipiell möglich. Also ist es zumindest prinzipiell möglich, dass Geist ohne Materie existiert. Wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie existiert, dann mĂŒssen Geist und Materie verschiedene EntitĂ€ten sein. Da also Geist und Materie verschiedene EntitĂ€ten sein mĂŒssen, ist der Dualismus folglich wahr.“ (RenĂ© Descartes: „Meditationes de prima philosophia.“ (1641), S. 98)

Auf Descartes Interaktionismus gehe ich hier nicht ausfĂŒhrlicher ein, da ich ihn bereits in meinem letzten Essay „Der Geist in der Materie“ beschrieben habe. Nach Descartes ist die Seele zwar „unrĂ€umlich“, jedoch wĂŒrde sie in engem Kontakt mit der ZwirbeldrĂŒse stehen, die als Vermittlerin zwischen Körper und Seele fungieren soll. Dies konnte aber bis heute weder durch das Team um die Naturwissenschaft empirisch bestĂ€tigt werden, noch hielten die Kommentatoren aus der Geisteswissenschaft-Kurve diesen Ansatz fĂŒr erfolgversprechend (Andreas Kemmerling: „Ideen des Ichs: Studien zu Descartes‘ Philosophie“ 1996).

Spinozas Substanzmonismus

Als taktischer Einzelspieler ĂŒbernimmt nun aber Spinoza nochmals den Ball mit seinem Substanzmonismus. Der Substanzmonismus soll aber anders als bei den antiken „Atomisten“ nicht in der Materie, sondern in Gott als unendliche, substantiell in ihren Eigenschaften konstante, einheitliche und ewige „Substanz“ in allem Seienden (Pantheismus) gefunden werden. Die hieraus entwickelte Erkenntnistheorie fĂŒr die Philosophie des Geistes fĂŒhrt bei ihm im Gegensatz zum IA zu einem psychophysischen Parallelismus. Der menschliche Intellekt kann Spinoza zufolge zwei „Attribute“ das „Denken“ (Geist) und die „Ausdehnung“ (Materie) der einen Substanz natura naturans = schöpferische Natur (Gott) erkennen.

Leibniz Parallelismus

Dieselbe Taktik verfolgt ebenfalls sein Parallelismus-Mitspieler Leibniz, der jeglichen psychophysischen Interaktionismus zwischen Leib und Seele ablehnt und diese nur als zwei Uhren vergleicht, die voneinander getrennt, aber durch Gott vollkommen synchronisiert, ablaufen wĂŒrden. Die perfekte ParallelitĂ€t ohne KausalitĂ€t erscheint schon damals fragwĂŒrdig, aber endgĂŒltig scheitert der Pass durch seinen Determinismus an den Verteidigern der „Willensfreiheit„. Wie stabil diese Verteidigungsmauer ist, muss allerdings auch in einem spĂ€teren Essay untersucht werden. Auch ein weiterer idealistischer Parallelismus-Spieler Kant kommt mit seinem torgefĂ€hrlichen Doppelpass in Form des transzendental-apriorischen Eigenschaftsdualismus weit in den Strafraum des NW. Er kann aber leider auch nicht erfolgreich abschließen, da das Bieri-Trilemma-Schiedsrichtergespann ihn im Abseits sieht, wie ich auch bereits in „Der Geist in der Materie“ dargestellt hatte.

Der Bieri-Trilemma-Schieri muss nun allerdings auch endlich mal einschreiten und das „Spiel abpfeifen“, da bei allen SpielzĂŒgen des Teams um die Geisteswissenschaft, sowohl beim Substanzdualismus, als auch beim Substanzmonismus, die PrĂ€misse (1) mit der PrĂ€misse (2) konfligieren, entweder weil sie zu einseitig (1) oder (2) betonen oder weil sie mit PrĂ€misse (3) nicht mehr unter einen Hut gebracht werden können. Dies fĂŒhrt natĂŒrlich dazu, dass nun das Team um die Naturwissenschaft in einen lĂ€ngeren Ballbesitz kommen, wobei sie beabsichtigen, ĂŒber die Empirie zu verlĂ€sslichen Daten und schließlich zu stabilen Theorien in der Philosophie des Geistes zu gelangen.

 

Konter durch die Naturwissenschaft

Huxleys EpiphÀnomenalismus

Als neuen Spielzug im UEPhA-Cup wurde der EpiphĂ€nomenalismus durch das Team Naturwissenschaft in Form der Spieler Bonnet oder dem populĂ€reren Spieler Thomas Henry Huxley (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn, dem Autor Aldous Huxley „Schöne, neue Welt, s. „Das Technopol„) – auch als „Automatismus“ genannt – in die Philosophie des Geistes gebracht. Der EpiphĂ€nomenalismus baut ebenfalls auf einem Substanzdualismus auf, bezieht sich aber eher auf die Eigenschaften der Materie, so dass er auch als Eigenschaftsdualismus bezeichnet wird. Die taktische Idee des EpiphĂ€nomenalismus kann man als „lange Flanke“ sehen, die nur eine Richtung kennt: das Physische hat Auswirkungen auf das Mentale, aber nicht umgekehrt. Der immaterielle Geist, die Seele „erscheint“ nur als EpiphĂ€nomen der Materie und ist damit fĂŒr den EpiphĂ€nomenalismus eigentlich redundant. Wie dies die Materie im Gehirn bewerkstelligt, bleibt der EpiphĂ€nomenalismus damals (aber auch heute noch) trotz zahlreicher empirischer Daten (EEG, CT, MRT, DTI,…) schuldig, obwohl auch hier neue Spieler, wie zum Beispiel Thomas Metzinger mit seinem PhĂ€nomenalen Selbstmodell (PSM) ins Team aufgenommen wurden.

Team Naturwissenschaften (Bild: philosophies)

Skinners Behaviorismus

Den Ball wollte sich natĂŒrlich die noch relativ junge Disziplin – die Psychologie – nicht wegnehmen lassen, da auch sie noch Probleme mit ihrer Standortbestimmung hatte, ob sie denn nun eher dem Geisteswissenschaft- oder Naturwissenschaft -Team angehören wollte. Um sich dem Naturwissenschaft -Lager anzuschließen, wurde ein Spieler namens Watson („Psychology as the Behaviorist views it“ (1913) auf das Spielfeld geschickt, der menschliches Verhalten („Behaviour„) durch seine „objektive Methode“ als Reiz-Reaktions-Schema („stimulus-response„) beschreiben wollte. Der Behaviorismus war begrĂŒndet. Um es mit der Sprache des Behaviorismus zu sagen, der EpiphĂ€nomenalismus war der „Reiz“ und der Behaviorismus die „Reaktion“. Man wollte das Spielfeld nicht dem Materialismus  der Geisteswissenschaft oder Physikalismus der Naturwissenschaft ĂŒberlassen, sondern selber ein Team zusammenstellen. Skinner („Science and Human Behavior“ 1953) wurde als bekannter Spieler hinzugewonnen und verstĂ€rkte die Position im „radikalen Behaviorismus „. Der Behaviorismus geht allgemein davon aus, dass die dem beobachteten menschlichen Verhalten zugrundeliegenden, physiologischen VorgĂ€nge als „Black Box“ nicht erschlossen werden können und auch dementsprechend irrelevant sind. Die Psychologie sollte zur „exakten Wissenschaft“ werden, die mit Hilfe von Experimenten und naturwissenschaftlichen Begriffen das menschliche Verhalten im biologischen Sinne exakt beschreiben konnte. Der Behaviorismus erwies sich allerdings, abgesehen von dem Nachwirken in der Psychologie in Form der „Experimentellen Verhaltensanalyse„, als entschiedener Fehlpass.

Places/Smarts IdentitÀtstheorie

Insgesamt ist aber nun weiterhin das Team der NW mit der von Place und Smart begrĂŒndeten IdentitĂ€tstheorie  im Ballbesitz. Die IdentitĂ€tstheorie  ist geradezu als Einwurf auf die gescheiterte Behaviorismus anzusehen, da sie beherzt die Spielstrategie wechselte. Der Substanzdualismus des Behaviorismus wird als falsch angesehen, da er scheinbar an der PrĂ€misse (1) des Bieri-Trilemma gescheitert ist. DemgegenĂŒber wird von der IdentitĂ€tstheorie  die Einheit von physisch-materiellem Körper und psychisch-mentalem Geist beschworen, weil sie die „physikalische Geschlossenheit“ der PrĂ€misse (3) des Bieri-Trilemma erreichen möchte. Insofern könnte man auch den Transfer des Substanzdualismus zum Substanzmonismus als Eigenschaftsdualismus beschreiben, der doch wieder stark an den EpiphĂ€nomenalismus erinnert. Der Unterschied liegt allein darin, dass nun die psychisch-mentalen ZustĂ€nde durchaus als gegeben erachtet werden, sie mĂŒssen allerdings durch das Physisch-Materielle realisiert werden. Diese taktische Festlegung fĂŒhrt zum Physikalismus, der von den logischen Empiristen Carnap und Neurath aus dem Naturwissenschaft-Team begrĂŒndet wurde, um sich vom „metaphysischen Begriff“ der Geisteswissenschaft, dem Materialismus zu distanzieren, der auf die Cambridger Platonisten More und Cudworth zurĂŒckgeht. Die IdentitĂ€tstheorie  verwendet interessanterweise beide Begriffe – ungeachtet der unterschiedlichen Lager – synonym.

„Ein mentaler Zustand M ist nichts anderes als ein Gehirnzustand G. Der mentale Zustand „Wunsch nach einem Kaffee“ wĂ€re also nichts anderes als „das ‚Feuern‘ bestimmter Nervenzellen in bestimmten Hirnregionen“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#Identit%C3%A4tstheorie)

Token-IdentitÀt vs. Type-IdentitÀt

Die IdentitĂ€tstheorie erscheint allerdings in zwei unterschiedlichen Spielarten der IdentitĂ€t. Bei der Token-IdentitĂ€t handelt es sich um zwei konkrete Exemplare eines Typs, die identisch sind. Also der Spieler Place wird sowohl von dem Zuschauer A als auch von dem Zuschauer B als Exemplar gesehen, aber von beiden als Token-IdentitĂ€t betrachtet. DemgegenĂŒber können bei der Typ-IdentitĂ€t bestimmte Mengen von Exemplaren zusammengefasst werden, die bestimmte Eigenschaften erfĂŒllen. So kann man den Spieler Place mit der Eigenschaft, dass er im Spielfeld der Naturwissenschaft steht und das Trikot der IdentitĂ€tstheorie trĂ€gt, als Typ-IdentitĂ€t sehen. Wenn nach Smart alle mentalen ZustĂ€nde durch die Typ-IdentitĂ€t reduktiv auf bestimmte neuronale ZustĂ€nde zurĂŒckfĂŒhrbar seien, so wĂ€re es nur eine Frage der Zeit und der Forschung, bis die NeuroW alle offenen Fragen der Psychologie geklĂ€rt hĂ€tten. Man kann aber nun auch beobachten, dass er sich mit dem stark reduktiven Charakter der Typ-IdentitĂ€t „vertrippelt“ und den „Ball ins Aus“ geschlagen hat.

Putnams/Fodors Funktionalismus

Hier erfolgt nun erneut ein Einwurf durch den Funktionalismus, ausgefĂŒhrt von den Spielern Putnam und Fodor, die versuchen das Problem der IdentitĂ€tstheorie – die multiple Realisierung– zu lösen. Wenn man annehmen kann, dass alle Wirbeltiere so etwas wie „Qualia„, z. B. „Schmerz“ als mentalen Zustand empfinden, wird man aber auch davon ausgehen können, dass der Spieler Place bei einem Beinbruch einen anderen neuronale Zustand besitzt, als der gemeine Lurch auf dem Platz. Der Funktionalismus versucht dieses Problem der multiplen Realisierung dadurch zu lösen, dass es den verschiedenen neuronalen ZustĂ€nden des Gehirns den gleichen funktionalen ZustĂ€nden zuordnet. Die mentalen ZustĂ€nde werden dann einfach mit den funktionalen ZustĂ€nden gleichgesetzt. Die funktionalen ZustĂ€nde werden gerne mit Hilfe der Automatentheorie erklĂ€rt, die davon ausgeht, dass ein funktionaler Zustand durch einen Input, einen entsprechenden Output liefert und hierbei in einen anderen funktionalen Zustand wechselt (s. „Colaautomathttps://de.wikipedia.org/wiki/Funktionalismus_(Philosophie). Dieses Bild hat natĂŒrlich der Analogie von Gehirnfunktion und Computermodulation erheblichen Vorschub geleistet und eine BrĂŒcke zur Informatik und Kybernetik geschlagen.

bewusstes Erleben von mentalen ZustÀnden

Dem Funktionalismus kommt nun allerdings das „Bewusstsein“ in die Quere, was als Problem an dem „China-Gehirn„-Gedankenexperiment verdeutlicht wurde (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#Funktionalismus). Die ErklĂ€rung, wie der Geist in die Flasche oder hier in die Materie kommt, bleibt auch der Funktionalismus schuldig. Auch die funktionalen ZustĂ€nde der neuronalen GehirnaktivitĂ€ten liefern keine schlĂŒssigen Theorien fĂŒr das bewusste Erleben von mentalen ZustĂ€nden, die man als „Ich„, „Selbst“ oder auch die Wahrnehmung des „Anderen“ bezeichnen könnte.

Das Team wollte den Ball aber noch nicht als verloren geben, sodass es beim Bieri-Trilemma-Schieri einen Einspruch geltend machte, dass der Schieri befangen sei und zu oft falsch gepfiffen hÀtte. Man solte sich die Szenen noch einmal unter folgenden Voraussetzungen erneut anschauen und neu bewerten:

1. Der Materialismus ist wahr, mentale ZustĂ€nde mĂŒssen materielle ZustĂ€nde sein.
2. Die einzelnen reduktiven VorschlĂ€ge sind alle unbefriedigend: Mentale ZustĂ€nde lassen sich nicht auf Verhalten, GehirnzustĂ€nde oder funktionale ZustĂ€nde zurĂŒckfĂŒhren.

Davidsons nicht-reduktiver Materialismus

Also mussten wieder ein paar Ersatzspieler von der Bank einspringen, die das Spiel noch zu retten versuchten. Die Rede ist vom nicht-reduktiven Materialismus, der von Davidson als „anomalen Monismus“ in Form des „Supervenienzprinzip“ eingefĂŒhrt wurde. Das Supervenienzprinzip geht davon aus, dass die psychisch-mentalen ZustĂ€nde des Gehirns von den physisch-materiellen ZustĂ€nden der Neuronen abhĂ€ngig sind und nicht umgekehrt. Dieses AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis der psychisch-mentalen ZustĂ€nde von der physisch-materiellen ZustĂ€nden fĂŒhrte zu einem weiteren taktischen Spielzug; der „Emergenz„. Die Emergenz postuliert, das bestimmte PhĂ€nomene nur auf der Makroebene eines Systems erscheinen, aber nicht auf der Mikroebene der Systemkomponenten beobachtet werden können. Insofern spielt die Emergenz eine herausragende Rolle fĂŒr den nicht-reduktiven Materialismus, da sie das Problem mit dem Bewusstsein dadurch versucht zu erklĂ€ren, dass diese mentalen ZustĂ€nde auf der Makroebene der menschlichen Kognition erscheint, er aber nicht in den neuronalen ZustĂ€nden der GehirnaktivitĂ€ten nachzuweisen ist. Dies hat natĂŒrlich auch zu Buhrufen im Stadion gefĂŒhrt, da die ErklĂ€rung fĂŒr eine materialistische Theorie als nicht sehr befriedigend erscheint und einige Fans der Naturwissenschaft hierin sogar wieder ein Foul durch einen Eigenschaftsdualismus der Geisteswissenschaft gesehen haben.

P./P. Churchlands eliminativer Materialismus

Zum Schluss gibt es noch einen letzten verzweifelten Angriffsversuch vor dem Abpfiff des Bieri-Trilemma-Schieris, der sich das Spiel auch nicht mehr lĂ€nger anschauen konnte. Patricia und Paul Churchland schossen den Ball als eliminativen Materialismus auf das gegnerische Tor, indem sie einfach behaupteten:„Es gibt keine mentalen ZustĂ€nde.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#cite_note-32). Die Vorstellung von den mentalen ZustĂ€nden wĂŒrden lediglich auf einer Annahme der Alltagspsychologie beruhen, die aufgrund der fortschreitenden Ergebnisse der Neurowissenschaft irgendwann einmal zum Paradigmenwechsel der zur Zeit noch bestehenden Theorien des Philosophie des Geistes fĂŒhren wĂŒrde.

Paradigmenwechsel durch die nichtreduktive, bidirektionale Neurophilosophie

Dass dieser Paradigmenwechsel zwingend notwendig erscheint, ist hoffentlich durch das Hin und Her im UEPhA-Cup der Ismen mehr als deutlich geworden. Allerdings sehe ich ihn eher darin, die beiden Teams GW und NW endlich wieder zu vereinen, da zur Lösung des Problems der Philosophie des Geistes wie der Geist in die Materie kommt, beide Methoden vonnöten sind. Dieses ZuschĂŒtten des Grabens oder das Kitten des Risses könnte die nichtreduktive, bidirektionale Neurophilosophie aus meiner Sicht leisten. Aber hierzu mehr in meinem nĂ€chsten Essay „Die Neurophilosophie„.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Dirk Boucsein philosophies. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und Blogbetreibers. Überschrift und Einleitung von Axel Stöcker.