Voodoo-Zauber mit „Hirnscans“ und die Macht der Bilder – Cornelius Borck im Gespräch (Video)

Jeder kennt sie, die „Hirnscans“. Bilder des Gehirns, in denen bestimmte Regionen eingefärbt sind. Meistens handelt es sich dabei um sogeannte fMRTs (für funktionelle Magnetresonanztomotgrafie) bei denen über die Sauerstoffkonzentration des Blutes indirekt die Aktivität von Hirnregionen bestimmt wird. So beeidruckend die Bilder sind, so verführerischt sind sie auch, suggerieren sie doch, man könne mit einem „Scan“ des Gehirns mal eben feststellen, ob Herr Müller gerade an seine Hauskatze denkt. Dieser Eindruck stimmt aber nur sehr eingeschränkt, denn für das Erstellen der Bilder braucht man zweierlei: viel Zeit und viel Statistik.

Dass man letztere behutsam einsetzen muss, wenn man die Wahrheit darstellen (und nicht verzerren) will, hat sich seit Churchills Bonmot, man solle keiner Statistik trauen, die man nicht selbst gefälscht habe, herumgesprochen. Auf „statistische Versuchungen“ im Bereich der Hirnforschung hat Prof. Cornelius Borck mit seinem Artikel „How to Do Voodoo with Functional Neuroimaging“ eindrucksvoll hingewiesen. Über die Macht der Bilder in der Wissenschaft und die großen menschlichen Fragen des Bewusstseins konnten Dirk Boucsein von philosophies und ich mit ihm sprechen. Hier geht es zum Teaser (das komplette Interview erscheint in den nächsten Tagen):

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Professor Dr. med. Cornelius Borck ist ein deutscher Wissenschaftshistoriker und Medizinphilosoph. Er forscht und lehrt am Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck. Seine Forschungsschwerpunkte sind Hirnforschung zwischen Medientechnik und Neurophilosophie, medizinische Visualisierungsstrategien, Zeitgeschichte der Medizin und Epistemologie des Unscheinbaren in Wissenschaft und Kunst.

Google-Lambda hat keinen Leib – Prof. Thomas Fuchs im Gespräch (Video)

Wie entsteht Bewusstsein? Nicht zum ersten (und sicher auch nicht letzten) Mal stellten wir beim Zoomposium diese Frage einem Experten. Der Psychiater und Philosoph Prof. Dr. Thomas Fuchs versucht sich der Antwort ganzheitlich zu nähern. Er kritisiert den herrschenden Neurokonstruktivismus und Vertritt die Ansicht, dass Bewusstsein nur zu verstehen ist, wenn man den Körper und seine Funktionen viel stärker berücksichtigt, als das gemeinhin der Fall ist (Theorien der Verkörperung (Embodiment) und des Enaktivismus).

Außerdem sprachen Dirk Boucsein von philosophies.de und ich mit ihm über die Ansichten des israelischen Historikers Yuval Harari („Homo Deus“), die Veränderung der Gesellschaft durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz in Medizin und Justiz und die Frage, wie die KI von Google-Lambda einen Anwalt verlangen konnte, um gegen ihr Abschalten vorzugehen.

Hier geht es zum vollständigen Zoomposium-Interview. Wer sich zuerst einen Eindruck verschaffen möchte, kann sich wie immer zuerst hier unseren circa fünfminütigen Teaser anschauen.

Prof. Dr. Thomas Fuchs ist Leiter der Sektion „Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie“ der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, Forschungsstellenleiter der Karl Jaspers-Gesamtausgabe der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Phänomenologische Anthropologie, Psychiatrie und Psychotherapie (DGAP).

Geist und Nahtod – Prof. Godehard Brüntrup im Gespräch (Video)

Zusammen mit Dirk Boucsein von philosophies.de hatte ich das Vergnügen den
Philosophieprofessor Godehard Brüntrup von der Hochschule für Philosophie in
München interviewen zu dürfen. Prof. Brüntrup vertritt einen Panpsychismus. Er
steht daher dem Physikalismus und der Idee, Evolution können allein durch
zufällige Prozesse vorangetrieben werden, kritisch gegenüber. Bekannt ist er
außerdem, weil er vor vielen Jahren eine intensive Nahtoderfahrung hatte, von
der er sehr offen berichtet.

Das Interview mit Prof. Brüntrup ist zweigeteilt. Wer sich mehr für die
Metaphysik des Geistes interessiert, der findet hier direkt zu Teil 1. Wer mehr
am Thema Nahtoderfahrung interessiert ist, der kann sich hier direkt Teil 2
anschauen. Und wer sich zunächst einen allgemeinen Eindruck verschaffen
möchte, schaue sich einfach den folgenden 6-minütigen Teaser an.

Der Descartes-Gap – Abschied vom Bewusstsein?

„Ein Sachbuch, so anregend, dass man dazu tanzen möchte!“ Das schrieb der Rezensent Denis Scheck über den 2017 erschienenen Bestseller „Homo Deus“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, in dem dieser „Eine Geschichte von Morgen“ skizziert.  Damit hat Schreck gewiss recht, doch vergaß er zu erwähnen, auf welche Musik da getanzt wird. Ist es ein beschwingter Swing in die Zukunft, ein Trauermarsch ins Nichts oder doch eher ein betäubender Drum-and-base-Sound ins Koma?

Nun gilt für Prognosen bekanntlich das Bonmot von Karl Valentin, dass sie schwierig sind, besonders wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Unbestritten dürfte indes sein, dass die technische Revolution an der Schwelle des dritten Jahrtausends gerade erst begonnen hat. Lesen Sie in diesem Beitrag, welches Szenarium Harari für die Zukunft entwickelt, wie sich darin unser Menschenbild verändern könnte und warum das Körper-Geist-Problem dabei eine zentrale Rolle spielt. (Alle Zitate in diesem Text stammen, soweit nicht anders gekennzeichnet, aus Hararis Buch Homo Deus. Bei längeren Zitaten ist die Seitenzahl angegeben.)

Der wichtigste Begriff der Welt

Habe Sie schonmal darüber nachgedacht, was für ein Algorithmus Sie sind?  Wenn nicht, sollten Sie das schleunigst nachholen, denn „‚Algorithmus‘ ist vermutlich der wichtigste Begriff in unserer Welt“ und Sie sind einer – so wie alle anderen Organismen übrigens auch. So fasst Harari sehr prägnant aber durchaus treffend das aktuell gültige Bild zusammen, das die Wissenschaft vom Menschen und „den anderen Tieren“ zeichnet. Was genau meint er damit?

Algorithmen sind zunächst bekannt aus der Informatik, wo sie Rechenoperationen steuern. Allgemeiner betrachtet ist ein Algorithmus aber einfach eine „methodische Abfolge von Schritten, mit deren Hilfe […] Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden können“. Sie erledigen also genau jene Aufgaben, mit denen Organismen ständig konfrontiert sind. Allerdings gilt das nicht nur für Organismen. Auch Getränkeautomaten funktionieren auf der Basis von Algorithmen, wenn sie uns zum Beispiel eine Tasse Tee zubereiten. Algorithmen steuern also Prozesse über die Subjekte (Teeautomaten, Organismen) mit ihrer Umwelt interagieren. Insofern gilt:

„Menschen sind Algorithmen, die nicht Tee oder Kaffee produzieren, sondern Kopien ihrer selbst (also eine Art Getränkeautomat, der, wenn man die richtigen Tasten drückt, einen weiteren Getränkeautomaten produziert).“ (S. 135)

Daran wird auch klar, dass es Algorithmen sind, die einen Organismus zu einem solchen machen, und nicht etwa die Substanzen, aus denen dieser zusammengesetzt ist. Ein Mensch besteht aus rund 42 kg Sauerstoff, 21 kg Kohlenstoff, 7 kg Wasserstoff, 1,5 kg Stickstoff, 1 kg Calcium und noch ein paar anderen Elementen. Aber wenn wir all diese Stoffe im Labor in einem großen Gefäß vermischen, bekommen wir keinen Menschen. „Menschsein“ steckt in der Struktur, die diese Atome miteinander bilden, in der Art und Weise, wie sie untereinander und mit der Umwelt interagieren und den Prozessen, die dabei ablaufen. All das wird von Algorithmen gesteuert.

Das gilt übrigens auch – Romantiker müssen jetzt tapfer sein – für Gefühle. Sie sind „biochemische Algorithmen“ die sich im Laufe der Evolution entwickelt und optimiert haben und unser Verhalten steuern. Ein Pavian, der eine Banane in der Nähe eines Löwen erspäht, ist zwischen den Gefühlen „Hunger“ und „Angst“ hin- und hergerissen. Ein komplexer Algorithmus führt eine Abwägung zwischen den Gefahren „verhungern“ und „gefressen werden“ durch, wobei er die Umstände der konkreten Situation (Daten!) berücksichtigt, d. h. verarbeitet. Schließlich kommt es zu einer Entscheidung, indem eines der Gefühle die Oberhand behält.

Die Umbrüche des Anthropozän

So weit das Menschenbild der Naturwissenschaft wie Harari es in seinem Buch referiert. Wir kommen später darauf zurück, doch zunächst zu den historischen Entwicklungen, die er nachzeichnet und schließlich extrapoliert.

Harari sieht im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, das vor rund 70 000 Jahren begann, bisher zwei große Umbrüche. Der erste bestand im Sesshaft werden, im Übergang vom Jäger und Sammler zum Bauer. Damit verließ der Mensch nämlich das „Parlament der Lebewesen“ und stellte sich über seine Mitgeschöpfe, indem er zum Beispiel Tiere domestizierte. Daher ist es kein Zufall, dass zu selben Zeit auch die großen Religionen entstanden. Sie rechtfertigten die Sonderstellung des Menschen, erlaubten ihm die Nutzung (und Ausbeutung) der „anderen Tiere“ und gaben seinem Dasein einen höheren Sinn. Das Universum war nun kein Organismus mehr, sondern eine große Bühne für die beiden Hauptdarsteller: Mensch und Gott. Der Mensch hatte damit seine Mitwelt in gewissem Sinne „zum Schweigen gebracht“ und verhandelte nun nur noch mit den Göttern.

Beim zweiten großen Umbruch – der wissenschaftlichen Revolution – wurde es dann noch einsamer um den Menschen. Mit der Vorstellung, dass das Universum in einem, zwar bestimmten Gesetzen folgenden, aber dennoch sinn- und ziellosen Prozess entstanden ist, entledigte er sich auch der Götter.

„Die Welt war nunmehr eine One-Man-Show. Die Menschheit stand ganz allein auf einer leeren Bühne, sprach mit sich selbst, verhandelte mit niemandem und erwarb enorme Macht ohne irgendwelche Verpflichtungen.“ (S. 155)

Doch das Erlangen von Macht hatte einen Preis: Den Verlust von Sinn. Der Hoffnung auf ein Jenseits und die tröstliche Vorstellung, dass Katastrophen und Schicksalsschläge letztlich einer höheren Einsicht folgen, gingen verloren.

„Die moderne Kultur lehnt diesen Glauben an einen großen kosmischen Plan ab. Wir sind keine Darsteller in irgendeinem Drama, das größer ist als das Leben […] Die moderne Welt glaubt nicht an einen Zweck, sondern nur an eine Ursache.“ (S. 313)

„Der moderne Pakt“ lässt sich daher nach Harari in einem sehr einfachen Satz zusammenfassen:

„Die Menschen stimmen zu, auf Sinn zu verzichten, und erhalten im Gegenzug Macht.“ (S. 311)

Sehnsucht nach Sinn – der Humanismus

Ein verlockendes Angebot, doch der Preis erwies sich als zu hoch. Es mag einzelne Geister geben, die in der Lage sind, Sinnlosigkeit zu ihrer Sache zu machen und im Nihilismus aufzugehen, um schließlich in geistiger Umnachtung zu sterben. Das Gros der Menschen ist mit Sinnlosigkeit schlicht überfordert und Gesellschaften lassen sich damit schon gar nicht organisieren geschweige denn zufriedenstellen. Der Mensch wählte daher den einzig möglichen Ausweg: Wenn dem Universum kein Sinn mehr zu entnehmen war, so musste er aus dem Menschen selbst kommen. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass der Mensch die Stellung einnahm, die vorher Gott innehatte, es war die Vergottung des Menschen. Der Humanismus war geboren.

Wie Harari bemerkt, erfährt die Sinngebung damit eine „Rollenverteilung“ (man könnte auch von einer Richtungsumkehr sprechen). Traditionell erzeugte der kosmische Plan im Menschen eine Sinnerfahrung. Nun muss die innere Erfahrung des Menschen dem Kosmos – oder wenigstens der näheren Umgebung – einen Sinn verleihen.

„Das ist das Hauptgebot, das uns der Humanismus mit auf den Weg gegeben hat: Gib einer sinnlosen Welt einen Sinn.“ (S. 345)

Wie aber erzeugt der Mensch Sinn? Die Antwort lautet: Indem er neben der objektiven und der subjektiven Realität „eine dritte Ebene der Wirklichkeit“ kreiert: die intersubjektive. Die objektive Realität umfasst Dinge, die unabhängig von uns existieren (Berge, das Wetter, die Schwerkraft, die DNA), während die subjektive Realität von unserem persönlichen Erleben abhängt (Träume, Schmerz oder – noch typischer – Phantomschmerz). Die meisten Dinge, mit denen wir uns im Alltag beschäftigen, gehören jedoch keiner dieser beiden Kategorien an. Religionen, Währungen, Nationen, Ideologien, Architektur, Musikstile, Kunst, Bräuche, etc. existieren weder unabhängig von uns noch nur in uns. Es sind Fiktionen, intersubjektive Entitäten und sie sind es, die unsere Welt vorantreiben und ihr Sinn verleihen.

Gold, bedrucktes Papier oder die Schallwellen, die eine Gitarre aussendet, existieren objektiv, doch sie sind sinnlos, solange wir uns nicht darauf einigen, dass Gold schön, ein Geldschein wertvoll und Gitarrenklänge Musik sind. Erst durch solche Zuschreibungen erhalten die Dinge eine Bedeutung. Daher sind Schönheit, Wert und Musik intersubjektive Entitäten. Mit solchen Zuschreibungen weben Menschen am „Geflecht des Sinns“ und Geschichte entsteht. Sie können unser Leben stärker beeinflussen als objektive Dinge – ein Krieg kann verheerender sein als eine Naturkatastrophe, ein Musikstück kann uns eine stärkere Gänsehaut verursachen als ein kühler Wind. Harari glaubt, dass die intersubjektive Realität die Objektivität im 21. Jahrhundert vollends verschlingen könnten.

Die Vergottung des Menschen und die Betonung subjektiver Zuschreibungen führt nun dazu, dass im Humanismus „die menschliche Erfahrung die oberste Quelle von Autorität und Sinn ist“. Das wird insbesondere (aber nicht nur) im Liberalismus, einer politischen Spielart des Humanismus deutlich. Die oberste Autorität ist nicht mehr der von Gott eingesetzte König, sondern der Wähler, der aus seiner Erfahrung heraus frei (!) entscheidet, wem er seine Stimme gibt. In ästhetischen Fragen gilt nicht mehr, dass Kunst der Verherrlichung Gottes zu dienen hat, sondern dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Anything goes – solange es sich gut anfühlt, darf alles zu Kunst erklärt werden. In moralischen Angelegenheiten gilt der Maßstab „Wenn es sich gut anfühlt, tu es“ oder – etwas reflektierter – „Tu das, wobei sich möglichst viele gut und möglichst wenige schlecht fühlen“. Das Primat des Fühlens zieht sich durch alle Bereiche, bis hin in die Ökonomie, wo die freie Wahl des Verbrauchers die oberste Autorität ist.

Der Widerspruch

Das führt uns zum zentralen Widerspruch, den Harari in seinem Buch aufdeckt. Die wissenschaftliche Revolution hat einerseits zum Humanismus geführt, in dem das Empfinden und die freie, bewusste Entscheidung des Einzelnen die oberste Autorität darstellt. Andererseits hat ebendiese wissenschaftliche Revolution ein Menschenbild hervorgebracht, das genau diese zentralen menschlichen Eigenschaften nicht erklären kann, ja deren Existenz sogar in Zweifel zieht. Wir erinnern uns: Menschen sind Algorithmen. Die alarmierende Frage, die gestellt werden muss, lautet daher: Was wird aus dem Humanismus, wenn sich diese Zweifel bewahrheiten sollten? Oder, um es mit Hararis Worten zu sagen:

„Was also wird passieren, sobald wir merken, dass Konsument und Wähler niemals freie Entscheidungen treffen, und sobald wir über die Technologie verfügen, um ihre Gefühle zu berechnen, zu beeinflussen oder zu überlisten?“ (S. 427)

Das Körper-Geist-Problem

Ist es Ironie des Schicksals, dass die modernsten Entwicklungen eines der ältesten Probleme aus der Mottenkiste holen? Oder war es vielleicht gar nie in jener Kiste und man hatte es nur verdrängt? Das Körper-Geist-Problem hat verschiedene Namen über die nicht nur auf diesem Blog schon viel geschrieben wurde: Leib-Seele-Problem, Geist-Gehirn-Problem, Qualiaproblem, schwieriges Problem oder Hard Problem of Conciousness. Natürlich widmet ihm auch Harari ein Kapitel. Es geht um die Tatsache, dass einerseits unser Bewusstseinsstrom …

„… die konkrete Wirklichkeit [ist], die wir in jedem Augenblick unmittelbar erleben. Er ist so ziemlich das Sicherste der Welt. Seine Existenz lässt sich schlicht nicht bezweifeln.“ (S. 170)

Andererseits ist es aber so, dass …

„… die Wissenschaft erstaunlich wenig über Geist und Bewusstsein [weiß]. Die gängige Lehrmeinung behauptet gegenwärtig, Bewusstsein entstehe durch elektrochemische Reaktionen im Gehirn […] Niemand weiß jedoch so recht zu sagen, wie eine Ansammlung biochemischer Rektionen und elektrischer Ströme im Gehirn die subjektive Erfahrung von Schmerz, Wut oder Liebe erzeugt.“ (S. 172)

Harari skizziert in seinem Buch als Beispiel die neuronalen Vorgänge, die dazu führen, dass ein Mensch vor einem Löwen flieht und illustriert daran, dass dieser Ansatz, sofern er der Erklärung des Bewusstseins (im Sinne von Qualia) dienen soll, eine geradezu tragikomische Ironie birgt, denn:

„Je genauer wir diesen Prozess nachzeichnen können, desto schwerer wird es, bewusste Gefühle zu erklären. Je besser wir das Gehirn verstehen, desto überflüssiger wirkt der Geist. Wenn das gesamte System mittels elektrischer Impulse funktioniert, die von hier nach dort fließen, warum müssen wir dann auch noch Angst empfinden?“ (S. 177)

Eine Aufklärung des Algorithmus liefert eben keine Erklärung für das Bewusstsein und schon gar nicht des freien Willens. Der naturalistische Erklärungsansatz befindet sich offenbar in einer Sackgasse. Nicht besser sieht es mit – in der Wissenschaft ohnehin verpönten – dualistischen Erklärungsansätzen aus, die das Problem der Interaktion von zwei Entitäten haben (siehe auch Bieri-Trilemma). Und leider vermögen auch die neueren Ansätze der Strukturrealisten, die das Bewusstsein nicht im Gehirn, sondern in den Interaktionsprozessen zwischen Individuum und Umwelt verorten, den gordischen Knoten nicht zu durchtrennen, denn was sind diese Interaktionsprozesse anderes als die erwähnten Algorithmen? Dazu kommt, dass keine der drei angesprochenen Gruppen bisher in der Lage ist, überzeugende empirische Nachweise für den jeweiligen Standpunkt zu erbringen. So haben die Naturalisten das Körper-Geist-Problem ignoriert, die Dualisten haben es mystifiziert und die Strukturrealisten trivialisiert. Doch keiner hat es bisher gelöst.

„Die große Entkopplung“

Wir wissen also nicht, wie Bewusstsein entsteht. Genau genommen wissen wir nicht einmal, was Bewusstsein eigentlich ist. Man könnte dies als abgehobene philosophische Frage abtun, wäre da nicht ein Problem, das sehr real ist, weil wir es inzwischen beobachten können: Intelligenz scheint sich von Bewusstsein (was immer das nun genau sei) abzukoppeln.

Über Jahrtausende schien es eine ausgemachte Sache: Intelligenz ist umso größer, je bewusster ihr Träger ist. Ein Neugeborenes ist zunächst einer Hauskatze intellektuell unterlegen, doch schon nach Monaten überholt es den vierbeinigen Hausgenossen. Spätestens wenn es sich im Spiegel erkennt (Bewusstwerdung) ist es ihm in allen kognitiven Fähigkeiten überlegen. Doch genau dieser Zusammenhang scheint bei künstlicher Intelligenz (KI) nicht mehr zu gelten.

„In den letzten Jahrzehnten gab es in Sachen Computerintelligenz ungeheure Fortschritte, doch was das Bewusstsein von Computern angeht, tat sich im Grunde nichts.“ (S. 476)

Als der IBM-Computer Deep Blue 1997 erstmals einen amtierenden Schachweltmeister, damals Garri Kasparov, schlug, konnte man das noch mit dem Hinweis abtun, dass Schach von seiner Machart her ein ideales Spiel für KI war. Als dann Watson (ebenfalls IBM) 2011 die Quizshow Jeopardy! gewann, war das nicht mehr so einfach, denn für diese Show musste man beispielsweise mit Wortspielen umgehen – eine sehr menschliche Fähigkeit, sollte man meinen. Dennoch glaubt niemand ernsthaft, dass Watson verstanden hat, was er da erzählte, denn er suchte einfach in riesigen Datenbanken nach Texten mit der entsprechenden Formulierung und wählte dann in deren Umfeld die wahrscheinlichste Antwort aus (Stichwort „big data“). Inzwischen hilft Watson mit ähnlichen Methoden bei der Diagnose von Krankheiten und stellt dabei viele seiner menschlichen Kollegen in den Schatten. Ebenfalls 2011 eröffnete in San Francisco übrigens eine Apotheke, die von einem einzigen Roboter betrieben wird.

Das sind nur einige Beispiel, die zeigen, wohin die Reise geht. Angesichts dieser neuen „Formen nicht-bewusster Intelligenz“ scheint die Frage berechtigt, ob zur „Superintelligenz womöglich verschiedene Wege [führen], von denen nur einige durch die Straße des Bewusstseins müssen.“

Das Ende von „Wie war ich?“

Es geht um mehr als verletzten Stolz. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass die KI uns in immer mehr Bereichen den Rang abläuft und nutzen die uns daraus erwachsenden Vorteile. Das ist auch in Ordnung. Doch die Frage, die auch Harari am Ende seines Buches als eine der „drei Schlüsselfragen“ seinem Leser mitgibt, bleibt bestehen:

„Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung?“ (S. 608)

Oder was, wenn wir durch KI erst zu Algorithmen gemacht werden? Dazu noch ein – vielleicht – kurioses Beispiel aus Hararis Buch. Die Firma Bedpost verkauft

„biometrische Armbänder, die man während des Geschlechtsverkehrs tragen kann. Dieses Armband sammelt Daten wie etwa Puls, Schweißproduktion, Dauer des Geschlechtsverkehrs, Dauer des Orgasmus und Zahl der dabei verbrauchten Kalorien. Diese Daten werden in einen Computer eingespeist, der die Informationen analysiert und Ihre Leistung anhand präziser Zahlen eingestuft.“ (S. 509)

Also nichts mehr von wegen „Wie war es für dich?“ oder „War ich gut?“. Man mag darüber lachen und vielleicht auch dieser speziellen Frage keine Träne nachweinen, doch das Entscheidende ist etwas anderes.

„Menschen, die sich unablässig über solche Apparate vermittelt erleben, betrachten sich vermutlich schon bald selbst als eine Ansammlung biochemischer Systeme und weniger als Individuen […]“ (S. 509)

Könnte das wissenschaftlich-physikalistische Weltbild, das uns erklärt, wir wären nichts anderes als Algorithmen so zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden?

Man spricht manchmal vom Gutenberg-Gap. Damit ist das Zeitalter des Lesens gemeint, die fünfhundert Jahre zwischen den beiden Erfindungen Buchpresse und Smartphone. In dieser Zeit musste man lesen, um an der Gesellschaft teilzunehmen. Vor der Buchpresse ging das noch nicht, weil es schlicht zu wenig zu lesen gab. Seit dem Smartphone braucht man es nicht mehr, da man sich alle Informationen auch vorlesen lassen oder auf Videos anschauen kann.

Gibt es vielleicht auch ein Descartes-Gap, ein Zeitalter des Bewusstseins? René Descartes hat mit seinem berühmten Satz „Ich denke, also bin ich!“ das Bewusstsein quasi zum Macher des menschlichen Individuums befördert, das dann schließlich den Humanismus hervorbrachte. Was aber, wenn wir immer mehr Hirnarbeit der KI überlassen, weil die das besser, schneller oder einfach für uns bequemer erledigt? Heißt es dann „Ich lasse denken, also bin ich nicht mehr?“

Das sollten wir uns überlegen, solange wir es noch können.

Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? – Prof. Wolf Singer im Gespräch (Video)

„Jede Entscheidung ist die Folge von neuronalen Wechselwirkungen. Aufgrund von physikalischen und chemischen Vorgängen im Gehirn musste es so passieren, dass man selbst zu dieser bestimmten Entscheidung gekommen ist.“ Wolf Singer ist nicht zuletzt aufgrund solch pointierter, einem freien Willen keinerlei Raum gönnenden Formulierungen bekannt geworden. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Erkenntnisse aus der Hirnforschung Konsequenzen bis in das Strafrecht hinein haben sollten. Treu seinem Grundsatz, dass die Wissenschaft eine Verpflichtung zur Kommunikation mit der Gesellschaft habe, ist er damit auch kontrovers geführten Diskussionen nie aus dem Weg gegangen.

Es war also zu erwarten, dass Dirk Boucsein von philosophies.de und ich in unserem Interview einen Wolf Singer erleben, der einen konsequent naturalistischen Standpunkt vertritt. Wir haben aber auch einen bescheidenen und sehr reflektierten Wolf Singer erlebt, der sich der Grenzen der eigenen Erkenntnisfähigkeit bewusst ist und dennoch versucht, die ganz harten Nüsse zu knacken. So bietet er zur Lösung des „Hard Problems“ einen Ansatz, den vermutlich nicht alle von ihm erwartet hätten – um das Problem „zu verkleinern“, wie er sich selbst ausdrückt. Sehen Sie hier den Trailer (Länge: 3:25 min) zum Interview:

Trailer zum Interview mir Prof. Wolf Singer

Das vollständige Interview finden Sie auf dem Youtube-Kanal Zoomposium.

Professor Dr. Wolf Singer (*1943 München) ist ein deutscher Neurophysiologe und Hirnforscher. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist Aufklärung neuronaler Prozesse bei höheren kognitiven Leistungen (wie z. B. „Bewusstsein“). Er studierte in München, Paris und Sussex und habilitierte 1976 an der TU München in Physiologie. 1981 wurde er Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main. In den Nullerjahren gründete er das Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS), das Brain Imaging Center (BIC) und das Ernst Strüngmann Institut (ESI). Seit 2011 ist er Honorarprofessor für Physiologie und leitet das „Singer-Emeritus-Department“ am MPI Frankfurt.

Bewusstsein als Tanz des Gehirns – Prof. Georg Northoff im Gespräch (Video)

Why and how does our brain construct the self and consciousness? – Warum und wie konstruiert unser Gehirn das Selbst und das Bewusstsein? Diese Frage steht als Überschrift auf der Webseite von Georg Northoff, Professor für Neurophilosophie an der Universität von Ottawa. Es ist die alte aber nach wie vor aktuelle Frage, wie das entsteht, was wir permanent erfahren, fühlen, genießen oder erdulden, unser inneres Erleben, oft auch Qualia genannt.

Die Mainstreammeinung der Wissenschaft zu diesem Problem lässt sich grob so beschreiben: Bewusstsein ist etwas, das von biochemischen Prozessen im Gehirn gebildet wird. Das Problem dabei ist, dass niemand eine Ahnung hat, wie die Brücke zwischen beiden Phänomenen – materielles Gehirn einerseits, geistiges Erleben andererseits – aussehen könnte. Schon Leibniz hat von einem riesigen Modell des Gehirns geträumt, das man begehen könnte und darauf hingewiesen, dass man dort alle möglichen Prozesse würde beobachten können, aber eben kein Bewusstsein.

Da man seit Jahrhunderten vergeblich nach einer Lösung dieses Leib-Seele- bzw. Geist-Gehirn-Problems sucht, glauben manche Philosophen inzwischen, dass die Frage falsch gestellt sein könnte, und versuchen den in ihr liegenden Dualismus (Geist-Gehirn) zu umgehen.

In eine ähnliche Richtung denkt auch Northoff. Für ihn ist Bewusstsein nicht im Gehirn lokalisiert, sondern entsteht erst in der Interaktion zwischen Gehirn und Körper einerseits und der Umwelt andererseits. Wenn das Gehirn ein Tänzer ist und die Musik die Umwelt, dann ist das Bewusstsein der Tanz, der entsteht, wenn beide zusammenkommen. Das ist durchaus mehr als nur ein hübsches Bild, denn Northoff redet sehr konkret von Zeitskalen (und was ist Rhythmus anderes als eine Zeitskala?), die im Gehirn messbar sind und die mit Zeitskalen der Umwelt in Einklang gebracht werden müssen. Gelingt dies nicht, führt dies zu psychischen Störungen wie zum Beispiel Schizophrenie, wie Northoff aus seiner Praxis als Psychiater weiß.

Dirk Boucsein von philosophies und ich hatten Gelegenheit, diesen interessanten Denker zu interviewen. Sehen Sie hier den Trailer oder gleich das ganze Interview auf dem YouTube-Kanal Zoomposium.

Interview mit Prof. Georg Northoff (Trailer)

Prof. Dr. Dr. Georg Northoff (*1963 Hamburg) ist ein deutscher Psychiater und Philosoph. Er gilt als ein wichtiger Vertreter der Neurophilosophie. Northoff studierte in Hamburg, Essen, Bochum und New York. Ab 1996 arbeitete er als Oberarzt an der psychiatrischen Universitätsklinik in Magdeburg. Er habilitierte sich 1998 in Medizin und 1999 in Philosophie und lehrte unter anderem an den Universitäten Magdeburg und Harvard. An der Universität von Ottawa hat er den eigens eingerichteten Lehrstuhl für Geist, Gehirn und Neuroethik seit 2009 inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind funktionelle Bildgebung zur Untersuchung von Emotionen, Neurobiologie, psychiatrische Krankheiten, analytische Philosophie des Geistes, Neurophilosophie, Neuropsychoanalyse und Neuroethik.

Bewusstsein, Liebe und die blinden Flecken der Naturwissenschaft

Ein Neurowissenschaftler verliebt sich – Inspiration für die Forschung?

Was ist Bewusstsein? das fragt sich nicht nur der Neurowissenschaftler Balduin Schönwald. Die gängige Antwort – Bewusstsein ist das Produkt komplexer Hirnvorgänge – hat er bisher wie selbstverständlich hingenommen. Als seine Arbeitsgruppe jedoch während eines Experiments eine rätselhafte Entdeckung am Gehirn macht, gerät diese Überzeugung mehr und mehr ins Wanken und die alten, ungelösten Fragen melden sich zurück wie ein unverarbeiteter Alptraum: Wie entsteht unser inneres Erleben, unsere Qualia? Und: Wenn unser Denken und Handeln tatsächlich das Ergebnis von Hirnvorgängen sind, was ist dann mit unserem freien Willen?

Schnell schlägt das Experiment Wellen. Ein argusäugiger Ministerialreferent aus dem Forschungsministerium taucht an Balduins Institut auf und auch die Presse riecht den Braten und erscheint in Gestalt einer Wissenschaftsjournalistin. Beim Institutsball kommt es dann, wie es kommen muss: Balduin entdeckt, dass es noch andere offene Fragen gibt, denn die Journalistin erweist sich als so unergründlich wie das Bewusstsein selbst. Nun muss er nicht nur den schwelenden Konflikt mit dem Referenten austragen, sondern gerät auch in einen Strudel aus emotionalen, philosophischen und wissenschaftlichen Rätseln.

So weit mein Roman „Die Hirnkurve der Liebe“. Ja, es gibt nun neben dem „Wissenschaftsthriller“ auch die „Wissenschaftsromanze“. Bringt das das Thema irgendwie voran, oder ist es nur die Verkitschung desselben? Vielleicht beides. Wann die Grenze zum Kitsch überschritten ist, das hängt bekanntlich von Geschmack und Gefühlszustand jedes Einzelnen ab – da möge jeder sein Urteil bilden. Und das Thema? Verdrängte oder übersehene Fragen (wieder) sichtbar zu machen, ist oft erhellender, als auf die Schnelle vermeintliche Antworten zu finden (wie ich schon an anderer Stelle schrieb). Klingt im Zeitalter von Google & Co. vielleicht komisch, ist aber so. Und – so weit lehne ich mich mal aus dem Fenster – in genau diesem Punkt kann mein Roman mit den Titeln des „Konkurrenz-Genres“ Wissenschaftsthriller locker mithalten.

Gefühl versus Vernunft?

Aber der Reihe nach. Die Geistesgeschichte des Menschen ist bekanntlich von einem ständigen Wettstreit durchzogen, nämlich dem zwischen Romantik und Aufklärung, Gefühl und Vernunft, Mythos und Logos oder auch zwischen den dionysischen und den apollonischen Kräften. Manche meinen auch, es handle sich dabei lediglich um die Auseinandersetzung zwischen Verwirrung und Erkenntnis. Wie dem auch sei: Wann immer einer der beiden Pole überbetont war, schlug das Pendel auf die andere Seite. Ein Beispiel von vielen wäre das Aufblühen des Spiritismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgerechnet in England (Stichwort: Golden Dawn), dem Stammland des Empirismus, inmitten eines Booms der Naturwissenschaften (man denke an: Darwin, Genetik, Radioaktivität, Relativitätstheorie und Quantenmechanik).

Dass es diese Pendelbewegung gibt, ist eigentlich unumstritten. Mein Bloggerkollege Dirk Boucsein hat gerade einen lesenswerten Artikel dazu geschrieben. Eine ganz andere Frage ist indes, wie man sie bewertet. Handelt es sich um ein fruchtbares Schwingen zwischen zwei notwendigen Polen? Oder gleicht die Aufklärung dem Sisyphos, und scheitert wie dieser immer und immer wieder an der menschlichen Unvernunft? Bringt uns dieses Hin und Her voran? Oder wäre es nicht viel besser, wenn der Logos endlich den finalen Sieg einführe? Ist die Menschheit en gros einfach zu dämlich für die Antworten der Naturwissenschaft und tanzt deshalb immer wieder um das goldene Kalb des Mythos? Oder liegt es (auch) an der Wissenschaft selbst, die die entscheidenden Antworten schuldig bleibt? Dirk Boucseins schreibt:

Kants Versuch der Aufklärung scheitert in Teilen der Kulturhistorie, da er hierbei leider vergessen hat die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Und jetzt ist der „Bus mit der Aufschrift“ „Vernunft“ leider an den meisten Menschen vorbei gefahren und steht an der Endhaltestelle „Wissenschaft“. Die Wissenschaft und insbesondere die moderne Naturwissenschaft hat diese „dionysische Lücke“, die der „gefallene Mythos“ hinterlassen hat, genial mit dem Logos geschlossen.“

Endstation Wissenschaft? Ist das das Pendant zum „Ende der Geschichte“ das der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1989 ausrief und auf das wir – Fingerzeig? – bisher vergeblich warten? Dort das Ende weltpolitischer Widersprüche, hier die finale Erkenntnis, jeweils die letzte Hegelsche Synthese, sofern der Mensch nur mitmacht? Oder ist die Botschaft von der genial geschlossenen dionysischen Lücke eben doch wieder selbst nur ein Mythos, dessen Anhänger der sinnstiftenden Erzählung von der rationalen Welterklärung anhängen und die Häretiker mit Ausgrenzung aus dem Diskurs strafen, so wie Eiferer jeglicher Couleur dies eben tun? Liegt es nur an der Verstocktheit der allzu zahlreichen Verblendeten, die die offensichtlichen Stärken der „Vernunft“ nicht erkennen (wollen)? Hätte man die Menschen alle abholen können „wo sie stehen“, wenn man nur geduldig genug erklärt hätte? Hat man die finalen Argumente gegen Mythos und Romantik und müsste sie nur perfekt kommunizieren? Scheitert man nur an der Beschränktheit des „Pöbels“, der „erkenntnisphilosophischen Trump-Wähler“? Oder gibt es doch noch andere Faktoren, die dem Endsieg der Vernunft entgegenstehen? Sind es vielleicht Lücken oder blinde Flecken der Naturwissenschaft, die die letzte Erkenntnis vereiteln? Ist das Fremdeln des „Pöbels“ mit den Naturwissenschaften am Ende gar berechtigt und enthält einen wahren Kern, weil er spürt, dass die Wissenschaft nur die Fragen beantwortet, die sie selbst stellt, aber nicht die seinen? Ahnt der „Pöbel“ den bewussten oder unbewussten Betrug der Wissenschaftler, die er selbst zu Wahrheitsverkündern verklärt hat? Und könnte die Wissenschaft mit rationalen Mitteln die eigenen blinden Flecken entdecken, wenn sie nur wollte und die eigene Hybris überwände?

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Bevor ich nun aber zwei Euro ins Phrasenschwein bezahle, will ich mich für diesen Artikel einmal klar auf die Seite des „Pöbels“ schlagen und sagen: Ja, die Wissenschaft hat mindestens einen blinden Fleck und den sollte sie sich eingestehen. Aber warum hat sie ihn? Es sind drei Gründe, die zusammenwirken: Statistik, Perspektive und Bewusstsein.

Statistik

Wenn es stimmt, dass man keiner Statistik trauen soll, die man nicht selbst gefälscht hat, dann hat Statistik in der Naturwissenschaft eigentlich nichts verloren. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Das hat vor gut einhundert Jahren angefangen. Davor hatte man ein mechanistisches Weltbild, in dem die Dinge kausal miteinander verknüpft waren. Wenn zwei Billardkugeln aufeinanderprallen, ist klar in welche Richtung die beiden danach weiterrollen, da gibt es keinen Verhandlungsspielraum. So stellte man sich das gesamte Universum vor.

Diese Vorstellung änderte sich spätestens, als man die Radioaktivität entdeckte. Sie warf viele Fragen auf. Eine davon lautete: Wie lange dauert es, bis ein radioaktives Atom zerfällt? Und die Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Es kann nämlich in der nächsten Sekunde zerfallen oder erst in einer Milliarde Jahre. Und zu allem Überfluss lässt sich dieser Vorgang auch noch durch nichts beeinflussen.

Man weiß, wie viele Atome in einer bestimmten Zeit zerfallen, aber nicht, welche!

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass man eine andere Frage, die ganz ähnlich klingt, sehr wohl beantworten kann: Wie lange dauert es, bis ein Viertel aller Atome einer Probe zerfallen sind? Diese Dauer hängt vom betreffenden Element ab und kann experimentell bestimmt werden. Man kann das Verhalten eines einzelnen Atoms also nicht voraussagen, das Verhalten von sehr vielen Atomen aber schon. Das ist ein Phänomen, das man aus der Statistik kennt. Wählt man zum Beispiel aus einem Telefonverzeichnis eine einzelne Person zufällig aus, so hat man keine Möglichkeit vorherzusagen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handeln wird. Wählt man dagegen eine Million Personen zufällig aus, kann man sicher sein, dass etwa die Hälfte davon Frauen sein werden.

Der Zerfall radioaktiver Atome ist also nicht kausal determiniert, wohl aber statistisch. Und so hat die Statistik auch in die harten Naturwissenschaften Einzug gehalten. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn die Vorhersagen habe sich zigtausendfach im Experiment bewährt. Nur: Dass damit alles geklärt sei, das kann man nun nicht behaupten. Die Frage, welches Viertel der Atome zerfallen wird, ist nach wie vor ungeklärt, wie die Abbildung zeigt.

Perspektive

Was bei Atomen vielleicht noch nach einem akademischen Problem klingt, wird schnell brisant, wenn wir es auf andere Situationen übertragen. Wenn ein Medikament ein Viertel aller Patienten heilt, haben wir eine analoge Situation. Aus der Perspektive des Wissenschaftlers oder des Arztes ist alles klar. Wir haben es mit einem statistischen Determinismus zu tun, wie beim Zerfall der Atome. Schließlich sagen die Studien das so voraus. Aus der Perspektive des Patienten ist diese Antwort aber unbefriedigend. Ihm wird die Information, dass ein Viertel geheilt wird, wenig nützen. Vielmehr wird er wissen wollen, warum gerade er zum geheilten Viertel gehört oder eben nicht. Der Arzt wird ihm dies in der Regel nicht beantworten können, aber ist die Frage deshalb unwissenschaftlich oder gar unberechtigt?

Statistische Antworten sind notwendig die Antworten eines äußeren Beobachters. Aus dieser Perspektive der dritten Person werden Fragen, die sich aus der Perspektive der ersten Person stellen, leicht übersehen. Doch Fragen der ersten Person sind die, die Menschen bewegen.

Bewusstsein

Mit der Frage nach der Perspektive sind wir automatisch beim Bewusstsein gelandet. Denn, was immer Bewusstsein genau sein soll (bekanntlich konnte man sich bisher auf keine Definition einigen), es ist notwendig, um eine Perspektive einzunehmen. Am naheliegendsten ist für uns natürlich die Perspektive der ersten Person, also genau jene, mit der die Naturwissenschaft die größten Probleme hat. Denn, wie sie entsteht, das ist die Kernfrage des ungelösten Qualiaproblems, über das auf diesem Blog schon viel geschrieben wurde.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Naturwissenschaft betrachtet die Dinge aus der Perspektive der dritten Person und neigt dazu, Probleme statistisch zu behandeln. Außerdem kann sie das Entstehen einer Perspektive der ersten Person nicht hinreichend erklären. Der Mensch dagegen betrachte die Welt aus eben dieser Perspektive der ersten Person und das nicht statistisch, sondern individuell. Irgendwo hier ist das Problem. Irgendwo hier ist der Grund dafür verborgen, dass die Menschen mit der Naturwissenschaft fremdeln und sich immer wieder dem Gefühl, der Romantik und dem Mythos hingeben. Es mag sein, dass viele die Naturwissenschaften auch gar nicht verstehen, aber das ist offenbar nicht der alleinige für dieses Phänomen.

So schreibt auch der britische Physiker und bekannte Buchautor Paul Davies:

„(…) man kann sicher fragen, ob die Wissenschaft die ganze Wahrheit liefern kann. Viele Wissenschaftler bestreiten im Übrigen, dass die Wissenschaft jemals eine so verstiegene Behauptung aufgestellt hat [aber eben nicht alle – A. S.]. Die Wissenschaft mag hilfreich sein bei der Erklärung von Elektronen beispielsweise, aber ihr Nutzen ist begrenzt, wenn es um Dinge wie Liebe, Moral oder den Sinn des Lebens geht. Diese Erfahrungen sind Teil unserer Wirklichkeit, aber sie entziehen sich dem Zugriff der Wissenschaft (…) Vielleicht hat das Unvermögen der Wissenschaft, sich zu diesen grundlegenden Existenzfragen zu äußern, zu der verbreiteten Ernüchterung über die wissenschaftliche Weltsicht geführt (…)“[1]

Davies hat das Stichwort gegeben: Liebe. Wenn Balduin Schönwald, der Protagonist meines Romans, sich verlieben muss, dann ist das einer der vielen Gründe dafür: Verliebt ist er ganz auf seine Gefühle und die Perspektive der ersten Person zurückgeworfen. In diesem Zustand gehen ihm die Fragen auf, die er vorher gar nicht wahrgenommen hat. Sein bester Freund Waldemar, ein Experimentalphysiker, erklärt ihm einmal, dass es nun mal eine gewisse Wahrscheinlichkeit für das Verlieben gebe. Darauf fragt ihn Balduin: „Mag sein. Aber warum habe ich mich ausgerechnet in sie verliebt?“

Was wird Waldemar wohl antworten?


[1] Paul Davies, John Gribbin; Auf dem Weg zur Weltenformel, S. 25.

Ein Tor würde dem Spiel guttun – Philosophie des Geistes im UEPhA-Cup

Ein Gastbeitrag von Dirk Boucsein

Guten Abend allerseits! Das Geist-Gehirn-Problem beschäftigt die Menschheit seit der Antike. Hinsichtlich des Gehirns gab es dank boomender Forschung in den letzten Jahrzehnten einen explosionsartigen Wissenszuwachs. Dennnoch sind die vollmundigen Ankündigungen aus den 10er-Jahren, die Neurowissenschaften würden die „schweren Fragen der Erkenntnistheorie“ angehen und ein „neues Menschenbild“ schaffen, folgenlos verklungen.

Ernüchtert müssen wie feststellen: Die Aussagen der Neurowissenschaftler bewegen sich noch immer auf dem Niveau von Fußballweisheiten. Für die Praxis gilt: „Das Gehirn ist (annähernd) rund“ und „Wichtig ist im Gehirn“, während wir für die theoretische Seite festhalten können: „Nach der Theorie (des Geistes) ist vor der Theorie“, denn „Eine neue Theorie gilt immer nur 90 Minuten“.

Was lag da näher, als die wichtigste Nebensache der Welt (das Geist-Gehirn-Problem) mit der wichtigsten Hauptsache der Welt (Fußball) zusammenzubringen und die Geschichte der Philosophie des Geistes als Fußballpartie darzustellen?

Die beiden Mannschafen „Team Geisteswissenschaften“ und „Team Naturwissenschaften“, sind bereits beim Gespann der Unparteiischen – dem Bieri-Trilemma – und führen die Seitenwahl durch. Es kommentiert Dirk Boucsein. Schaun mer mal!

Die Philosophie des Geistes – der UEPhA-Cup der Ismen

Die Geschichte der „Philosophie des Geistes liest sich wie eine Chronik zum Wettkampf der verschiedenen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen  „Ismen“ (Plural des -ismus, z. B. Materialismus, Idealismus, Positivismus,…). Viele Verbalschlachten, Begriffsscharmützel und Wortstellungskriege der Vergangenheit wären aber sicherlich vermeidbar gewesen, hätte man sich im Vorfeld auf eine gemeinsame Sprache – oder zumindest auf eine einheitliche Konnotation eines bestimmten Begriffes geeignet. Wenn es mir an dieser Stelle gestattet sei, würde ich gerne diesen Kampf der Ismen aber nicht so martialisch beschreiben, sondern lieber zu dem Begriff „UEPhA (Union of European Philosophy Associations)-Cup„-Spiel zwischen dem Team der Geisteswissenschaften (Soziologie, Geschichte, Linguistik,…) und dem der Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie,…) wechseln. Auch wenn ich keine Ahnung vom Fußball habe, aber damit es in der PdG nicht ganz so kopflastig wird 😉

Im Folgenden möchte ich versuchen, anhand einiger ausgewählter Begriffsanalysen den jeweiligen Standpunkt der vermeintlich diametralen Lager in der Philosophie des Geistes deutlich zu machen, um in einem letzten Schritt die bereits gebildeten Gräben und Risse wieder zu zuschütten und zu kitten. Meine Arbeitshypothese soll darin liegen zu zeigen, dass Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften nur die zwei Seiten ein und derselben Münze sind und in der Philosophie des Geistes oder Neurowissenschaft eine gemeinsame Schnittstelle besitzen. Diese Schnittstelle sehe ich in der relativ jungen Disziplin der Neurophilosophie gegeben, auf die ich aber in meinem weiteren Artikel „Die Neurophilosophie“ (https://philosophies.de/index.php/2021/02/15/die-neurophilosophie/) aufgrund der ansonsten entstehenden „epischen Länge“ gesondert eingehen möchte.

Zur Erläuterung meiner Arbeitshypothese sei mir hier zunächst einmal eine begriffliche Standortbestimmung und Einordnung der Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft in die Genese und Evolution der Philosophie des Geistes erlaubt.

Das alte Schisma Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft

»Als Gegner stehen einander nicht zwei wissenschaftliche Fächer gegenüber, mit unterschiedlichen Gegenständen, aber ähnlichem Wissenschaftsverständnis, sondern zwei wissenschaftliche Konfessionen, deren Auseinandersetzungen nicht selten Züge eines Glaubenskrieges annehmen.« (Vowinckel, in: Zwischen Natur und Kultur, S. 35)

Es soll im Folgenden zunächst einmal um die Klärung des „Wissens-„/“Wissenschafts-„Begriffes gehen. Doch schon an dieser Stelle tritt eine begriffliche Verwirrung auf. Bedeutet die begriffliche Unterscheidung in Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, dass sich die „Geisteswissenschaften“ (Dilthey, Hegel) nur mit dem „Geist“ und nicht mit der „Natur“ und die „Naturwissenschaften“ nur mit der „Natur“ und nicht mit dem „Geist“ beschäftigen? Diese – bei näherer Betrachtung – doch sehr merkwürdige Begriffswahl erscheint nicht nur im deutschen Sprachraum. In der angelsächsischen Sprache ist der Wissenschaftsbegriff noch stärker polarisiert. Man unterscheidet hier „science“ von „humanities„, wobei sich der Begriff „science“ hauptsächlich auf die „natürlichen Wissenschaften“ (natural science, life science, physical science,…) bezieht und „humanities“ auf die „menschlichen Wissenschaften“. Also dürfte auch im Angelsächsischen „science“ unmenschlich sein, ebenso wie die „humanities“ (anthropology, history, philosophy,…) unnatürlich wären, sonst benötigte man keine solche Unterscheidung der Wissenschaftsobjekte. Die Differenzierung zielt aber im Deutschen, wie im Angelsächsischen weniger auf das Objekt der Untersuchung, sondern liegt eigentlich viel mehr in dem vermeintlichen Unterschied der Methodik. In den Naturwissenschaften wird nach eigener Aussage eher empirisch, induktiv und reduktiv gearbeitet, wohingegen die Geisteswissenschaften ihre Methodik vielleicht eher als logisch, deduktiv und spekulativ bezeichnen würde. Dieser künstlich-erzeugte Dualismus hat – wie man später noch sehen wird – weitreichende Konsequenzen hinsichtlich der Evaluation von Ergebnissen, am Beispiel der Philosophie des Geistes vs. der Neurowissenschaft. Aber zunächst soll hier erst einmal der „Graben/Riss“ an dem Begriff der „Wissenschaften“ gezeigt werden.

„Hiatus philosophicus“ – der Riss im Wissen

Der eigentliche Graben/Riss in der Philosophie („Hiatus philosophicus“) ist vielleicht noch nicht so alt wie das Schisma der katholischen Kirche von 1054. Er ist aber schon angelegt in den Anfängen der Philosophie in der Antike, bei den „ollen Griechen“, hier besonders Platon (* 428/427 v. Chr. in Athen oder Aigina; † 348/347 v. Chr. in Athen) und sein Schüler Aristoteles (* 384 v. Chr. in Stageira; † 322 v. Chr. in Chalkis auf Euböa):

„Die Griechen sind von maßgeblicher Bedeutung, weil sie bei der Kontrastierung von moderner und vormoderner Wissenschaftlichkeit einen Angel- und Wendepunkt in der Geschichte bilden. Sie stellen in der Weltgeschichte der Wissenschaften eine Zwischenstufe dar: ein Scharnier zwischen den ersten Anfängen der Wissenschaft bei den antiken Hochkulturen und der elaborierten Wissenschaftssystematik der Moderne.“ (Tim Kunze: „Der Riss im Wissen. Zum Problem des Unterschieds zwischen Natur- und Geisteswissenschaft in der griechischen Antike, anhand von Aristoteles‘ Physik und Politik“, S. 21)

Die verschiedenen Wissensstufen des antiken Griechenlands

Im antiken Griechenland wurde lediglich zwischen verschiedenen Wissensstufen unterschieden:

1. Vorwissenschaftliches Wissen:

a) ἐμπειρία (empiria ≈ bloßes Erfahrungswissen),

b) ἱστορία (istoria ≈ gesammelte Einzelkenntnisse) und

c) τέχνη (téchne ≈ systematisch-praktisches Wissen in Form von praktischem Können)

2. wissenschaftliches Wissen: ἐπιστήμη (epistéme ≈ theoretisches Wissen in Form von Gelerntem oder Erdachtem

3. philosophisches Wissen: φιλοσοφία (philosophia ≈ höchste Wissensstufe als Sammlung von verschiedenen Weisheiten/Wissen)

„Bezüglich der Differenzierung von vorwissenschaftlichem und wissenschaftlichem Wissen zeigt sich Folgendes: In der Moderne wird ein bestimmter Begriff der «Wissenschaft» bzw. «science» vorausgesetzt und über dessen Ausdehnung gestritten («Wissenschaft» qua strenge Wissenschaft vs. Geistes«wissenschaft» u. dgl.). Bei den Griechen stellt demgegenüber weniger die Breite eines normativen Konzepts, sondern die Begriffsüberlappung das Hauptproblem dar. Neben dem Begriff ἐπιστήμη [epistéme] dienen auch μαθήματα [mathímata] oder gar τέχνη [téchne] u.ä. als Bezeichnung für wissenschaftliches Wissen, und die allgemeine Bedeutung von ἐπιστήμη [epistéme] als „Wissen“ lebt weiterhin fort.“ (Tim Kunze: „Der Riss im Wissen…“, S. 25)

Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft

Für Platon und Aristoteles stellte sich die Frage nach der Definition der „Wissenschaft“ geschweige denn der Abgrenzung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft noch überhaupt nicht. Bis in die Moderne differenzierte sich allerdings der Wissenschaftsbegriff sehr stark, wobei die Naturwissenschaft ihre Wurzeln stärker in empiria und téchne schlugen und die Geisteswissenschaft sich lieber über die epistéme und philosophia verorten lassen wollten. Die philosophia wurde gegenüber dem antiken Konzept stark entwertet und einfach der Geisteswissenschaft zugeschlagen. Diesen Hiatus philosophicus zu verorten ist nicht so einfach, da es sich eigentlich um einen kontinuierlichen Prozess gehandelt hat. Man könnte aber Francis Bacon als ersten „modernen Naturwissenschaftler“ bezeichnen, da er sich von der epistemischen Scholastik in Form der „Naturphilosophie“ abwendet und sich der durch empirische Daten (empiria) gewonnen Erkenntnis und technischen (Aus-)nutzbarkeit (téchne) zuwendet. Mit den antiken Begriffen veranschaulicht – ohne eine Bewertung zu beabsichtigen – bedeutet dies, dass die niederen, antiken Wissensstufen „techné“ und „empiria“ aufgewertet und die höheren Wissensstufen „philosophia“ und die „epistéme“ abgewertet wurden.

Diese wissenschaftsgeschichtliche Vorbetrachtung ist aber wichtig für das weitere Verständnis des darauf folgenden späteren Kampfes zwischen der Geisteswissenschaftund Naturwissenschaftin Form der Ismen in der Philosophie des Geistes.

Die Philosophie des Geistes – der UEPhA-Cup der Ismen

Das Schiedsrichtergespann Bieri-Trilemma

Das Schiedsrichtergespann soll das in meinem vorherigen Essay „Der Geist in der Materie“ beschriebene Bieri-Trilemma  abgeben, da es die zugrundegelegten Basen der jeweiligen Ismen besser bewertbar macht; das gilt im Übrigen sowohl für die Dualismen und Monismen. Das Bieri-Trilemma soll in diesem Sinne ausdrücklich keine neue Theorie sein, sondern lediglich nur ein Instrument dienen. Wenn ich das Bieri-Trilemma aus diesem Grunde noch einmal kurz vorstellen dürfte:

Dualismus:

(1) Mentale Phänomene sind nicht-physikalische Phänomene.
(2) Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam. (mentale Verursachung; z.B. allg. für Verhalten, „vor Scham erröten“)
(3) Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen.

Jede der drei Annahmen wirkt auf den ersten Blick plausibel:
Zu (1): Das Bewusstsein scheint durch seine interne Struktur – insbesondere durch das subjektive Erleben – von jedem physischen Ereignis verschieden.
Zu (2): Mentale Phänomene (etwa Angst) scheinen ganz offensichtlich Ursache von physischen Phänomenen (etwa Weglaufen) zu sein.
Zu (3): In der physischen Welt scheinen jedoch immer hinreichende, physische Ursachen auffindbar zu sein.

Monismus:

(1) Wenn mentale Phänomene im kausal geschlossenen Bereich physischer Phänomene eine kausale Rolle spielen sollen, dann müssen sie physische Phänomene sein.
(2) Mentale Phänomene sind M.
(3) Phänomene, die M sind, können nicht physische Phänomene sein.
(M steht für Charakteristika, denen Eigenschaften zugesprochen werden, die exklusiv mentalen Phänomenen zugeordnet werden.) (Peter Bieri: „Analytische Philosophie des Geistes„, S. 9.)

Das Trilemma besteht nach Bieri darin, dass die Sätze paarweise, aber nicht alle zugleich wahr sein können. Wenn mentale Phänomene auf die physikalische Welt einwirken können (1 und 2), so ist sie nicht geschlossen (Widerspruch zu 3). Wenn dagegen das Mentale von der physischen Welt unabhängig ist und die physische Welt kausal geschlossen (Satz 1 und Satz 3), so kann es keine Wirkung mentaler Phänomene auf die physikaische Welt geben (Widerspruch zu 2). Wenn mentale Phänomene physische Vorgänge verursachen und die physische Welt kausal geschlossen ist (2 und 3), so muss das Mentale auf die physische Welt reduzierbar sein (Reduktionismus, Widerspruch zu 1).“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bieri-Trilemma)

Die Untersuchung in wie weit die Prämisse (3) überhaupt Bestand hat, muss leider auch noch auf den späteren Essay „Neurophilosophie“ verschoben werden.

Anstoß der Partie durch die Geisteswissenschaft

Der Wettkampf um den UEPhA-Cup der Philosophie des Geistes wird selbstverständlich durch das Team um die Geisteswissenschaft angestoßen, da zu Beginn des „Spiels“ die Mannschaft um das Team Naturwissenschaft noch Probleme mit der richtigen Technik zur Behandlung des Objektes „Geist“ (der Begriff ist übrigens sprachlich auch nicht unproblematisch) haben. Es fehlen die empirischen Daten.

Team Geisteswissenschaften (Bild: philosophies)

Platons Substanzdualismus

Also legt Platon mit seinem Substanzdualismus  den „Ball“ vor:

„Sokrates: Unser Leib, wollen wir nicht sagen, der habe eine Seele? Protarchos: Offenbar wollen wir das. Sokrates: Woher aber, o lieber Protarchos, sollte er sie erhalten haben, wenn nicht auch des Ganzen Leib beseelt wäre, dasselbe habend wie er und noch in jeder Hinsicht trefflicher?“ (Platon: Dialog „Philebos“ (30a).

Der Ball landet auch im gegnerischen Spielfeld, wo er von den Verteidigern des Teams NW, den „Atomisten“ Leukipp, Demokrit und Epikur mit ihrer substanzmonistischen Theorie zunächst einmal abgewehrt wird (die Idee wird aber – wie man später noch sehen wird – zum Physikalismus in Form der „Identitätstheorie“ ausgebaut). Platons eigentlicher Plan lag zwar eher darin, die Unsterblichkeit der Seele zu postulieren, aber von nun an ist die Differenz zwischen zwei vermeintlichen Entitäten dem „Leib“ und der „Seele“ unwiderruflich in der Welt. Er liefert in seinem Dialog „Phaidon“ allerdings keine genaue Definition zu dem Begriff „Seele“, „was es ist zu sein„, außer dass sie etwas Immaterielles (Nicht-Körperliches) sein soll.

Descartes Interaktionismus

Dies wird aber zu einer Steilvorlage für die berühmt-berüchtigte Flanke von „res cogitans“ zur „res extensa“ von Descartes Interaktionismus:

„Ich kann mir klar und deutlich vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert. Was man sich klar und deutlich vorstellen kann, ist zumindest prinzipiell möglich. Also ist es zumindest prinzipiell möglich, dass Geist ohne Materie existiert. Wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie existiert, dann müssen Geist und Materie verschiedene Entitäten sein. Da also Geist und Materie verschiedene Entitäten sein müssen, ist der Dualismus folglich wahr.“ (René Descartes: „Meditationes de prima philosophia.“ (1641), S. 98)

Auf Descartes Interaktionismus gehe ich hier nicht ausführlicher ein, da ich ihn bereits in meinem letzten Essay „Der Geist in der Materie“ beschrieben habe. Nach Descartes ist die Seele zwar „unräumlich“, jedoch würde sie in engem Kontakt mit der Zwirbeldrüse stehen, die als Vermittlerin zwischen Körper und Seele fungieren soll. Dies konnte aber bis heute weder durch das Team um die Naturwissenschaft empirisch bestätigt werden, noch hielten die Kommentatoren aus der Geisteswissenschaft-Kurve diesen Ansatz für erfolgversprechend (Andreas Kemmerling: „Ideen des Ichs: Studien zu Descartes‘ Philosophie“ 1996).

Spinozas Substanzmonismus

Als taktischer Einzelspieler übernimmt nun aber Spinoza nochmals den Ball mit seinem Substanzmonismus. Der Substanzmonismus soll aber anders als bei den antiken „Atomisten“ nicht in der Materie, sondern in Gott als unendliche, substantiell in ihren Eigenschaften konstante, einheitliche und ewige „Substanz“ in allem Seienden (Pantheismus) gefunden werden. Die hieraus entwickelte Erkenntnistheorie für die Philosophie des Geistes führt bei ihm im Gegensatz zum IA zu einem psychophysischen Parallelismus. Der menschliche Intellekt kann Spinoza zufolge zwei „Attribute“ das „Denken“ (Geist) und die „Ausdehnung“ (Materie) der einen Substanz natura naturans = schöpferische Natur (Gott) erkennen.

Leibniz Parallelismus

Dieselbe Taktik verfolgt ebenfalls sein Parallelismus-Mitspieler Leibniz, der jeglichen psychophysischen Interaktionismus zwischen Leib und Seele ablehnt und diese nur als zwei Uhren vergleicht, die voneinander getrennt, aber durch Gott vollkommen synchronisiert, ablaufen würden. Die perfekte Parallelität ohne Kausalität erscheint schon damals fragwürdig, aber endgültig scheitert der Pass durch seinen Determinismus an den Verteidigern der „Willensfreiheit„. Wie stabil diese Verteidigungsmauer ist, muss allerdings auch in einem späteren Essay untersucht werden. Auch ein weiterer idealistischer Parallelismus-Spieler Kant kommt mit seinem torgefährlichen Doppelpass in Form des transzendental-apriorischen Eigenschaftsdualismus weit in den Strafraum des NW. Er kann aber leider auch nicht erfolgreich abschließen, da das Bieri-Trilemma-Schiedsrichtergespann ihn im Abseits sieht, wie ich auch bereits in „Der Geist in der Materie“ dargestellt hatte.

Der Bieri-Trilemma-Schieri muss nun allerdings auch endlich mal einschreiten und das „Spiel abpfeifen“, da bei allen Spielzügen des Teams um die Geisteswissenschaft, sowohl beim Substanzdualismus, als auch beim Substanzmonismus, die Prämisse (1) mit der Prämisse (2) konfligieren, entweder weil sie zu einseitig (1) oder (2) betonen oder weil sie mit Prämisse (3) nicht mehr unter einen Hut gebracht werden können. Dies führt natürlich dazu, dass nun das Team um die Naturwissenschaft in einen längeren Ballbesitz kommen, wobei sie beabsichtigen, über die Empirie zu verlässlichen Daten und schließlich zu stabilen Theorien in der Philosophie des Geistes zu gelangen.

 

Konter durch die Naturwissenschaft

Huxleys Epiphänomenalismus

Als neuen Spielzug im UEPhA-Cup wurde der Epiphänomenalismus durch das Team Naturwissenschaft in Form der Spieler Bonnet oder dem populäreren Spieler Thomas Henry Huxley (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn, dem Autor Aldous Huxley „Schöne, neue Welt, s. „Das Technopol„) – auch als „Automatismus“ genannt – in die Philosophie des Geistes gebracht. Der Epiphänomenalismus baut ebenfalls auf einem Substanzdualismus auf, bezieht sich aber eher auf die Eigenschaften der Materie, so dass er auch als Eigenschaftsdualismus bezeichnet wird. Die taktische Idee des Epiphänomenalismus kann man als „lange Flanke“ sehen, die nur eine Richtung kennt: das Physische hat Auswirkungen auf das Mentale, aber nicht umgekehrt. Der immaterielle Geist, die Seele „erscheint“ nur als Epiphänomen der Materie und ist damit für den Epiphänomenalismus eigentlich redundant. Wie dies die Materie im Gehirn bewerkstelligt, bleibt der Epiphänomenalismus damals (aber auch heute noch) trotz zahlreicher empirischer Daten (EEG, CT, MRT, DTI,…) schuldig, obwohl auch hier neue Spieler, wie zum Beispiel Thomas Metzinger mit seinem Phänomenalen Selbstmodell (PSM) ins Team aufgenommen wurden.

Team Naturwissenschaften (Bild: philosophies)

Skinners Behaviorismus

Den Ball wollte sich natürlich die noch relativ junge Disziplin – die Psychologie – nicht wegnehmen lassen, da auch sie noch Probleme mit ihrer Standortbestimmung hatte, ob sie denn nun eher dem Geisteswissenschaft- oder Naturwissenschaft -Team angehören wollte. Um sich dem Naturwissenschaft -Lager anzuschließen, wurde ein Spieler namens Watson („Psychology as the Behaviorist views it“ (1913) auf das Spielfeld geschickt, der menschliches Verhalten („Behaviour„) durch seine „objektive Methode“ als Reiz-Reaktions-Schema („stimulus-response„) beschreiben wollte. Der Behaviorismus war begründet. Um es mit der Sprache des Behaviorismus zu sagen, der Epiphänomenalismus war der „Reiz“ und der Behaviorismus die „Reaktion“. Man wollte das Spielfeld nicht dem Materialismus  der Geisteswissenschaft oder Physikalismus der Naturwissenschaft überlassen, sondern selber ein Team zusammenstellen. Skinner („Science and Human Behavior“ 1953) wurde als bekannter Spieler hinzugewonnen und verstärkte die Position im „radikalen Behaviorismus „. Der Behaviorismus geht allgemein davon aus, dass die dem beobachteten menschlichen Verhalten zugrundeliegenden, physiologischen Vorgänge als „Black Box“ nicht erschlossen werden können und auch dementsprechend irrelevant sind. Die Psychologie sollte zur „exakten Wissenschaft“ werden, die mit Hilfe von Experimenten und naturwissenschaftlichen Begriffen das menschliche Verhalten im biologischen Sinne exakt beschreiben konnte. Der Behaviorismus erwies sich allerdings, abgesehen von dem Nachwirken in der Psychologie in Form der „Experimentellen Verhaltensanalyse„, als entschiedener Fehlpass.

Places/Smarts Identitätstheorie

Insgesamt ist aber nun weiterhin das Team der NW mit der von Place und Smart begründeten Identitätstheorie  im Ballbesitz. Die Identitätstheorie  ist geradezu als Einwurf auf die gescheiterte Behaviorismus anzusehen, da sie beherzt die Spielstrategie wechselte. Der Substanzdualismus des Behaviorismus wird als falsch angesehen, da er scheinbar an der Prämisse (1) des Bieri-Trilemma gescheitert ist. Demgegenüber wird von der Identitätstheorie  die Einheit von physisch-materiellem Körper und psychisch-mentalem Geist beschworen, weil sie die „physikalische Geschlossenheit“ der Prämisse (3) des Bieri-Trilemma erreichen möchte. Insofern könnte man auch den Transfer des Substanzdualismus zum Substanzmonismus als Eigenschaftsdualismus beschreiben, der doch wieder stark an den Epiphänomenalismus erinnert. Der Unterschied liegt allein darin, dass nun die psychisch-mentalen Zustände durchaus als gegeben erachtet werden, sie müssen allerdings durch das Physisch-Materielle realisiert werden. Diese taktische Festlegung führt zum Physikalismus, der von den logischen Empiristen Carnap und Neurath aus dem Naturwissenschaft-Team begründet wurde, um sich vom „metaphysischen Begriff“ der Geisteswissenschaft, dem Materialismus zu distanzieren, der auf die Cambridger Platonisten More und Cudworth zurückgeht. Die Identitätstheorie  verwendet interessanterweise beide Begriffe – ungeachtet der unterschiedlichen Lager – synonym.

„Ein mentaler Zustand M ist nichts anderes als ein Gehirnzustand G. Der mentale Zustand „Wunsch nach einem Kaffee“ wäre also nichts anderes als „das ‚Feuern‘ bestimmter Nervenzellen in bestimmten Hirnregionen“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#Identit%C3%A4tstheorie)

Token-Identität vs. Type-Identität

Die Identitätstheorie erscheint allerdings in zwei unterschiedlichen Spielarten der Identität. Bei der Token-Identität handelt es sich um zwei konkrete Exemplare eines Typs, die identisch sind. Also der Spieler Place wird sowohl von dem Zuschauer A als auch von dem Zuschauer B als Exemplar gesehen, aber von beiden als Token-Identität betrachtet. Demgegenüber können bei der Typ-Identität bestimmte Mengen von Exemplaren zusammengefasst werden, die bestimmte Eigenschaften erfüllen. So kann man den Spieler Place mit der Eigenschaft, dass er im Spielfeld der Naturwissenschaft steht und das Trikot der Identitätstheorie trägt, als Typ-Identität sehen. Wenn nach Smart alle mentalen Zustände durch die Typ-Identität reduktiv auf bestimmte neuronale Zustände zurückführbar seien, so wäre es nur eine Frage der Zeit und der Forschung, bis die NeuroW alle offenen Fragen der Psychologie geklärt hätten. Man kann aber nun auch beobachten, dass er sich mit dem stark reduktiven Charakter der Typ-Identität „vertrippelt“ und den „Ball ins Aus“ geschlagen hat.

Putnams/Fodors Funktionalismus

Hier erfolgt nun erneut ein Einwurf durch den Funktionalismus, ausgeführt von den Spielern Putnam und Fodor, die versuchen das Problem der Identitätstheorie – die multiple Realisierung– zu lösen. Wenn man annehmen kann, dass alle Wirbeltiere so etwas wie „Qualia„, z. B. „Schmerz“ als mentalen Zustand empfinden, wird man aber auch davon ausgehen können, dass der Spieler Place bei einem Beinbruch einen anderen neuronale Zustand besitzt, als der gemeine Lurch auf dem Platz. Der Funktionalismus versucht dieses Problem der multiplen Realisierung dadurch zu lösen, dass es den verschiedenen neuronalen Zuständen des Gehirns den gleichen funktionalen Zuständen zuordnet. Die mentalen Zustände werden dann einfach mit den funktionalen Zuständen gleichgesetzt. Die funktionalen Zustände werden gerne mit Hilfe der Automatentheorie erklärt, die davon ausgeht, dass ein funktionaler Zustand durch einen Input, einen entsprechenden Output liefert und hierbei in einen anderen funktionalen Zustand wechselt (s. „Colaautomathttps://de.wikipedia.org/wiki/Funktionalismus_(Philosophie). Dieses Bild hat natürlich der Analogie von Gehirnfunktion und Computermodulation erheblichen Vorschub geleistet und eine Brücke zur Informatik und Kybernetik geschlagen.

bewusstes Erleben von mentalen Zuständen

Dem Funktionalismus kommt nun allerdings das „Bewusstsein“ in die Quere, was als Problem an dem „China-Gehirn„-Gedankenexperiment verdeutlicht wurde (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#Funktionalismus). Die Erklärung, wie der Geist in die Flasche oder hier in die Materie kommt, bleibt auch der Funktionalismus schuldig. Auch die funktionalen Zustände der neuronalen Gehirnaktivitäten liefern keine schlüssigen Theorien für das bewusste Erleben von mentalen Zuständen, die man als „Ich„, „Selbst“ oder auch die Wahrnehmung des „Anderen“ bezeichnen könnte.

Das Team wollte den Ball aber noch nicht als verloren geben, sodass es beim Bieri-Trilemma-Schieri einen Einspruch geltend machte, dass der Schieri befangen sei und zu oft falsch gepfiffen hätte. Man solte sich die Szenen noch einmal unter folgenden Voraussetzungen erneut anschauen und neu bewerten:

1. Der Materialismus ist wahr, mentale Zustände müssen materielle Zustände sein.
2. Die einzelnen reduktiven Vorschläge sind alle unbefriedigend: Mentale Zustände lassen sich nicht auf Verhalten, Gehirnzustände oder funktionale Zustände zurückführen.

Davidsons nicht-reduktiver Materialismus

Also mussten wieder ein paar Ersatzspieler von der Bank einspringen, die das Spiel noch zu retten versuchten. Die Rede ist vom nicht-reduktiven Materialismus, der von Davidson als „anomalen Monismus“ in Form des „Supervenienzprinzip“ eingeführt wurde. Das Supervenienzprinzip geht davon aus, dass die psychisch-mentalen Zustände des Gehirns von den physisch-materiellen Zuständen der Neuronen abhängig sind und nicht umgekehrt. Dieses Abhängigkeitsverhältnis der psychisch-mentalen Zustände von der physisch-materiellen Zuständen führte zu einem weiteren taktischen Spielzug; der „Emergenz„. Die Emergenz postuliert, das bestimmte Phänomene nur auf der Makroebene eines Systems erscheinen, aber nicht auf der Mikroebene der Systemkomponenten beobachtet werden können. Insofern spielt die Emergenz eine herausragende Rolle für den nicht-reduktiven Materialismus, da sie das Problem mit dem Bewusstsein dadurch versucht zu erklären, dass diese mentalen Zustände auf der Makroebene der menschlichen Kognition erscheint, er aber nicht in den neuronalen Zuständen der Gehirnaktivitäten nachzuweisen ist. Dies hat natürlich auch zu Buhrufen im Stadion geführt, da die Erklärung für eine materialistische Theorie als nicht sehr befriedigend erscheint und einige Fans der Naturwissenschaft hierin sogar wieder ein Foul durch einen Eigenschaftsdualismus der Geisteswissenschaft gesehen haben.

P./P. Churchlands eliminativer Materialismus

Zum Schluss gibt es noch einen letzten verzweifelten Angriffsversuch vor dem Abpfiff des Bieri-Trilemma-Schieris, der sich das Spiel auch nicht mehr länger anschauen konnte. Patricia und Paul Churchland schossen den Ball als eliminativen Materialismus auf das gegnerische Tor, indem sie einfach behaupteten:„Es gibt keine mentalen Zustände.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#cite_note-32). Die Vorstellung von den mentalen Zuständen würden lediglich auf einer Annahme der Alltagspsychologie beruhen, die aufgrund der fortschreitenden Ergebnisse der Neurowissenschaft irgendwann einmal zum Paradigmenwechsel der zur Zeit noch bestehenden Theorien des Philosophie des Geistes führen würde.

Paradigmenwechsel durch die nichtreduktive, bidirektionale Neurophilosophie

Dass dieser Paradigmenwechsel zwingend notwendig erscheint, ist hoffentlich durch das Hin und Her im UEPhA-Cup der Ismen mehr als deutlich geworden. Allerdings sehe ich ihn eher darin, die beiden Teams GW und NW endlich wieder zu vereinen, da zur Lösung des Problems der Philosophie des Geistes wie der Geist in die Materie kommt, beide Methoden vonnöten sind. Dieses Zuschütten des Grabens oder das Kitten des Risses könnte die nichtreduktive, bidirektionale Neurophilosophie aus meiner Sicht leisten. Aber hierzu mehr in meinem nächsten Essay „Die Neurophilosophie„.

***

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Dirk Boucsein philosophies. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und Blogbetreibers. Überschrift und Einleitung von Axel Stöcker.

Nachtzug ins Unerklärliche – Warum das Bewusstsein noch immer ein Rätsel ist

Sehen wir alle dasselbe, wenn wir „rot“ sagen? (Bild: youtube screenshot)

Im Jahre 2004 erschien der Roman Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier. Es sollte ein Weltbestseller werden, der in 32 Sprachen übersetzt und 2013 schließlich auch verfilmt wurde.

Über eine seiner Hauptfiguren, Amadeu de Prado, einen charismatischen portugiesischen Arzt zu Zeiten der Salazar-Diktatur, heißt es darin „…er war unersättlich in seinem Bedürfnis nach Erklärungen, und es muß im Hörsaal dramatische Szenen gegeben haben, wenn er mit seinem unerbittlichen kartesischen Scharfsinn darauf hinwies, daß etwas, was als Erklärung ausgegeben wurde, in Wirklichkeit keine war.

Pascal Mercier ist ein Pseudonym, hinter dem sich der Schweizer Philosoph Peter Bieri verbirgt. An welche Pseudoerklärung er beim Schreiben dieser Zeilen dachte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, aber es ist gut möglich, dass er sich von den heutigen „Erklärungen“ für das Phänomen Bewusstsein inspirieren ließ. Denn auch über das Bewusstsein hat Bieri geschrieben und die fundamentalen Probleme bei der Erklärung desselben in einem prägnanten Trilemma zusammengefasst.

Nachtzug ins Unerklärliche – Warum das Bewusstsein noch immer ein Rätsel ist weiterlesen

Das letzte Geheimnis – Warum es ein Segen sein könnte, dass wir die Natur des Bewusstseins nie verstehen werden

„Etwas zu wissen ist gut, aber alles zu wissen, ist besser!“ – Slogan von „The Circle“
(Bild: Romanfigur Mae – im gleichnamigen Kinofilm gespielt von Emma Watson, youtube-screenshot)

The Circle – so heißt ein Millionenbestseller aus dem Jahre 2013 von Dave Eggers. Sprachlich eher Hausmannskost (nichts gegen Hausmannskost) und an der Unterkomplexität seiner Figuren leidend, ist er dennoch recht spannend zu lesen. Und er spricht ein wichtiges Thema an: die digitale Erfassung der realen Welt.

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