Der Descartes-Gap – Abschied vom Bewusstsein?

„Ein Sachbuch, so anregend, dass man dazu tanzen möchte!“ Das schrieb der Rezensent Denis Scheck über den 2017 erschienenen Bestseller „Homo Deus“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, in dem dieser „Eine Geschichte von Morgen“ skizziert.  Damit hat Schreck gewiss recht, doch vergaß er zu erwähnen, auf welche Musik da getanzt wird. Ist es ein beschwingter Swing in die Zukunft, ein Trauermarsch ins Nichts oder doch eher ein betäubender Drum-and-base-Sound ins Koma?

Nun gilt für Prognosen bekanntlich das Bonmot von Karl Valentin, dass sie schwierig sind, besonders wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Unbestritten dürfte indes sein, dass die technische Revolution an der Schwelle des dritten Jahrtausends gerade erst begonnen hat. Lesen Sie in diesem Beitrag, welches Szenarium Harari für die Zukunft entwickelt, wie sich darin unser Menschenbild verändern könnte und warum das Körper-Geist-Problem dabei eine zentrale Rolle spielt. (Alle Zitate in diesem Text stammen, soweit nicht anders gekennzeichnet, aus Hararis Buch Homo Deus. Bei längeren Zitaten ist die Seitenzahl angegeben.)

Der wichtigste Begriff der Welt

Habe Sie schonmal darüber nachgedacht, was für ein Algorithmus Sie sind?  Wenn nicht, sollten Sie das schleunigst nachholen, denn „‚Algorithmus‘ ist vermutlich der wichtigste Begriff in unserer Welt“ und Sie sind einer – so wie alle anderen Organismen übrigens auch. So fasst Harari sehr prägnant aber durchaus treffend das aktuell gültige Bild zusammen, das die Wissenschaft vom Menschen und „den anderen Tieren“ zeichnet. Was genau meint er damit?

Algorithmen sind zunächst bekannt aus der Informatik, wo sie Rechenoperationen steuern. Allgemeiner betrachtet ist ein Algorithmus aber einfach eine „methodische Abfolge von Schritten, mit deren Hilfe […] Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden können“. Sie erledigen also genau jene Aufgaben, mit denen Organismen ständig konfrontiert sind. Allerdings gilt das nicht nur für Organismen. Auch Getränkeautomaten funktionieren auf der Basis von Algorithmen, wenn sie uns zum Beispiel eine Tasse Tee zubereiten. Algorithmen steuern also Prozesse über die Subjekte (Teeautomaten, Organismen) mit ihrer Umwelt interagieren. Insofern gilt:

„Menschen sind Algorithmen, die nicht Tee oder Kaffee produzieren, sondern Kopien ihrer selbst (also eine Art Getränkeautomat, der, wenn man die richtigen Tasten drückt, einen weiteren Getränkeautomaten produziert).“ (S. 135)

Daran wird auch klar, dass es Algorithmen sind, die einen Organismus zu einem solchen machen, und nicht etwa die Substanzen, aus denen dieser zusammengesetzt ist. Ein Mensch besteht aus rund 42 kg Sauerstoff, 21 kg Kohlenstoff, 7 kg Wasserstoff, 1,5 kg Stickstoff, 1 kg Calcium und noch ein paar anderen Elementen. Aber wenn wir all diese Stoffe im Labor in einem großen Gefäß vermischen, bekommen wir keinen Menschen. „Menschsein“ steckt in der Struktur, die diese Atome miteinander bilden, in der Art und Weise, wie sie untereinander und mit der Umwelt interagieren und den Prozessen, die dabei ablaufen. All das wird von Algorithmen gesteuert.

Das gilt übrigens auch – Romantiker müssen jetzt tapfer sein – für Gefühle. Sie sind „biochemische Algorithmen“ die sich im Laufe der Evolution entwickelt und optimiert haben und unser Verhalten steuern. Ein Pavian, der eine Banane in der Nähe eines Löwen erspäht, ist zwischen den Gefühlen „Hunger“ und „Angst“ hin- und hergerissen. Ein komplexer Algorithmus führt eine Abwägung zwischen den Gefahren „verhungern“ und „gefressen werden“ durch, wobei er die Umstände der konkreten Situation (Daten!) berücksichtigt, d. h. verarbeitet. Schließlich kommt es zu einer Entscheidung, indem eines der Gefühle die Oberhand behält.

Die Umbrüche des Anthropozän

So weit das Menschenbild der Naturwissenschaft wie Harari es in seinem Buch referiert. Wir kommen später darauf zurück, doch zunächst zu den historischen Entwicklungen, die er nachzeichnet und schließlich extrapoliert.

Harari sieht im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, das vor rund 70 000 Jahren begann, bisher zwei große Umbrüche. Der erste bestand im Sesshaft werden, im Übergang vom Jäger und Sammler zum Bauer. Damit verließ der Mensch nämlich das „Parlament der Lebewesen“ und stellte sich über seine Mitgeschöpfe, indem er zum Beispiel Tiere domestizierte. Daher ist es kein Zufall, dass zu selben Zeit auch die großen Religionen entstanden. Sie rechtfertigten die Sonderstellung des Menschen, erlaubten ihm die Nutzung (und Ausbeutung) der „anderen Tiere“ und gaben seinem Dasein einen höheren Sinn. Das Universum war nun kein Organismus mehr, sondern eine große Bühne für die beiden Hauptdarsteller: Mensch und Gott. Der Mensch hatte damit seine Mitwelt in gewissem Sinne „zum Schweigen gebracht“ und verhandelte nun nur noch mit den Göttern.

Beim zweiten großen Umbruch – der wissenschaftlichen Revolution – wurde es dann noch einsamer um den Menschen. Mit der Vorstellung, dass das Universum in einem, zwar bestimmten Gesetzen folgenden, aber dennoch sinn- und ziellosen Prozess entstanden ist, entledigte er sich auch der Götter.

„Die Welt war nunmehr eine One-Man-Show. Die Menschheit stand ganz allein auf einer leeren Bühne, sprach mit sich selbst, verhandelte mit niemandem und erwarb enorme Macht ohne irgendwelche Verpflichtungen.“ (S. 155)

Doch das Erlangen von Macht hatte einen Preis: Den Verlust von Sinn. Der Hoffnung auf ein Jenseits und die tröstliche Vorstellung, dass Katastrophen und Schicksalsschläge letztlich einer höheren Einsicht folgen, gingen verloren.

„Die moderne Kultur lehnt diesen Glauben an einen großen kosmischen Plan ab. Wir sind keine Darsteller in irgendeinem Drama, das größer ist als das Leben […] Die moderne Welt glaubt nicht an einen Zweck, sondern nur an eine Ursache.“ (S. 313)

„Der moderne Pakt“ lässt sich daher nach Harari in einem sehr einfachen Satz zusammenfassen:

„Die Menschen stimmen zu, auf Sinn zu verzichten, und erhalten im Gegenzug Macht.“ (S. 311)

Sehnsucht nach Sinn – der Humanismus

Ein verlockendes Angebot, doch der Preis erwies sich als zu hoch. Es mag einzelne Geister geben, die in der Lage sind, Sinnlosigkeit zu ihrer Sache zu machen und im Nihilismus aufzugehen, um schließlich in geistiger Umnachtung zu sterben. Das Gros der Menschen ist mit Sinnlosigkeit schlicht überfordert und Gesellschaften lassen sich damit schon gar nicht organisieren geschweige denn zufriedenstellen. Der Mensch wählte daher den einzig möglichen Ausweg: Wenn dem Universum kein Sinn mehr zu entnehmen war, so musste er aus dem Menschen selbst kommen. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass der Mensch die Stellung einnahm, die vorher Gott innehatte, es war die Vergottung des Menschen. Der Humanismus war geboren.

Wie Harari bemerkt, erfährt die Sinngebung damit eine „Rollenverteilung“ (man könnte auch von einer Richtungsumkehr sprechen). Traditionell erzeugte der kosmische Plan im Menschen eine Sinnerfahrung. Nun muss die innere Erfahrung des Menschen dem Kosmos – oder wenigstens der näheren Umgebung – einen Sinn verleihen.

„Das ist das Hauptgebot, das uns der Humanismus mit auf den Weg gegeben hat: Gib einer sinnlosen Welt einen Sinn.“ (S. 345)

Wie aber erzeugt der Mensch Sinn? Die Antwort lautet: Indem er neben der objektiven und der subjektiven Realität „eine dritte Ebene der Wirklichkeit“ kreiert: die intersubjektive. Die objektive Realität umfasst Dinge, die unabhängig von uns existieren (Berge, das Wetter, die Schwerkraft, die DNA), während die subjektive Realität von unserem persönlichen Erleben abhängt (Träume, Schmerz oder – noch typischer – Phantomschmerz). Die meisten Dinge, mit denen wir uns im Alltag beschäftigen, gehören jedoch keiner dieser beiden Kategorien an. Religionen, Währungen, Nationen, Ideologien, Architektur, Musikstile, Kunst, Bräuche, etc. existieren weder unabhängig von uns noch nur in uns. Es sind Fiktionen, intersubjektive Entitäten und sie sind es, die unsere Welt vorantreiben und ihr Sinn verleihen.

Gold, bedrucktes Papier oder die Schallwellen, die eine Gitarre aussendet, existieren objektiv, doch sie sind sinnlos, solange wir uns nicht darauf einigen, dass Gold schön, ein Geldschein wertvoll und Gitarrenklänge Musik sind. Erst durch solche Zuschreibungen erhalten die Dinge eine Bedeutung. Daher sind Schönheit, Wert und Musik intersubjektive Entitäten. Mit solchen Zuschreibungen weben Menschen am „Geflecht des Sinns“ und Geschichte entsteht. Sie können unser Leben stärker beeinflussen als objektive Dinge – ein Krieg kann verheerender sein als eine Naturkatastrophe, ein Musikstück kann uns eine stärkere Gänsehaut verursachen als ein kühler Wind. Harari glaubt, dass die intersubjektive Realität die Objektivität im 21. Jahrhundert vollends verschlingen könnten.

Die Vergottung des Menschen und die Betonung subjektiver Zuschreibungen führt nun dazu, dass im Humanismus „die menschliche Erfahrung die oberste Quelle von Autorität und Sinn ist“. Das wird insbesondere (aber nicht nur) im Liberalismus, einer politischen Spielart des Humanismus deutlich. Die oberste Autorität ist nicht mehr der von Gott eingesetzte König, sondern der Wähler, der aus seiner Erfahrung heraus frei (!) entscheidet, wem er seine Stimme gibt. In ästhetischen Fragen gilt nicht mehr, dass Kunst der Verherrlichung Gottes zu dienen hat, sondern dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Anything goes – solange es sich gut anfühlt, darf alles zu Kunst erklärt werden. In moralischen Angelegenheiten gilt der Maßstab „Wenn es sich gut anfühlt, tu es“ oder – etwas reflektierter – „Tu das, wobei sich möglichst viele gut und möglichst wenige schlecht fühlen“. Das Primat des Fühlens zieht sich durch alle Bereiche, bis hin in die Ökonomie, wo die freie Wahl des Verbrauchers die oberste Autorität ist.

Der Widerspruch

Das führt uns zum zentralen Widerspruch, den Harari in seinem Buch aufdeckt. Die wissenschaftliche Revolution hat einerseits zum Humanismus geführt, in dem das Empfinden und die freie, bewusste Entscheidung des Einzelnen die oberste Autorität darstellt. Andererseits hat ebendiese wissenschaftliche Revolution ein Menschenbild hervorgebracht, das genau diese zentralen menschlichen Eigenschaften nicht erklären kann, ja deren Existenz sogar in Zweifel zieht. Wir erinnern uns: Menschen sind Algorithmen. Die alarmierende Frage, die gestellt werden muss, lautet daher: Was wird aus dem Humanismus, wenn sich diese Zweifel bewahrheiten sollten? Oder, um es mit Hararis Worten zu sagen:

„Was also wird passieren, sobald wir merken, dass Konsument und Wähler niemals freie Entscheidungen treffen, und sobald wir über die Technologie verfügen, um ihre Gefühle zu berechnen, zu beeinflussen oder zu überlisten?“ (S. 427)

Das Körper-Geist-Problem

Ist es Ironie des Schicksals, dass die modernsten Entwicklungen eines der ältesten Probleme aus der Mottenkiste holen? Oder war es vielleicht gar nie in jener Kiste und man hatte es nur verdrängt? Das Körper-Geist-Problem hat verschiedene Namen über die nicht nur auf diesem Blog schon viel geschrieben wurde: Leib-Seele-Problem, Geist-Gehirn-Problem, Qualiaproblem, schwieriges Problem oder Hard Problem of Conciousness. Natürlich widmet ihm auch Harari ein Kapitel. Es geht um die Tatsache, dass einerseits unser Bewusstseinsstrom …

„… die konkrete Wirklichkeit [ist], die wir in jedem Augenblick unmittelbar erleben. Er ist so ziemlich das Sicherste der Welt. Seine Existenz lässt sich schlicht nicht bezweifeln.“ (S. 170)

Andererseits ist es aber so, dass …

„… die Wissenschaft erstaunlich wenig über Geist und Bewusstsein [weiß]. Die gängige Lehrmeinung behauptet gegenwärtig, Bewusstsein entstehe durch elektrochemische Reaktionen im Gehirn […] Niemand weiß jedoch so recht zu sagen, wie eine Ansammlung biochemischer Rektionen und elektrischer Ströme im Gehirn die subjektive Erfahrung von Schmerz, Wut oder Liebe erzeugt.“ (S. 172)

Harari skizziert in seinem Buch als Beispiel die neuronalen Vorgänge, die dazu führen, dass ein Mensch vor einem Löwen flieht und illustriert daran, dass dieser Ansatz, sofern er der Erklärung des Bewusstseins (im Sinne von Qualia) dienen soll, eine geradezu tragikomische Ironie birgt, denn:

„Je genauer wir diesen Prozess nachzeichnen können, desto schwerer wird es, bewusste Gefühle zu erklären. Je besser wir das Gehirn verstehen, desto überflüssiger wirkt der Geist. Wenn das gesamte System mittels elektrischer Impulse funktioniert, die von hier nach dort fließen, warum müssen wir dann auch noch Angst empfinden?“ (S. 177)

Eine Aufklärung des Algorithmus liefert eben keine Erklärung für das Bewusstsein und schon gar nicht des freien Willens. Der naturalistische Erklärungsansatz befindet sich offenbar in einer Sackgasse. Nicht besser sieht es mit – in der Wissenschaft ohnehin verpönten – dualistischen Erklärungsansätzen aus, die das Problem der Interaktion von zwei Entitäten haben (siehe auch Bieri-Trilemma). Und leider vermögen auch die neueren Ansätze der Strukturrealisten, die das Bewusstsein nicht im Gehirn, sondern in den Interaktionsprozessen zwischen Individuum und Umwelt verorten, den gordischen Knoten nicht zu durchtrennen, denn was sind diese Interaktionsprozesse anderes als die erwähnten Algorithmen? Dazu kommt, dass keine der drei angesprochenen Gruppen bisher in der Lage ist, überzeugende empirische Nachweise für den jeweiligen Standpunkt zu erbringen. So haben die Naturalisten das Körper-Geist-Problem ignoriert, die Dualisten haben es mystifiziert und die Strukturrealisten trivialisiert. Doch keiner hat es bisher gelöst.

„Die große Entkopplung“

Wir wissen also nicht, wie Bewusstsein entsteht. Genau genommen wissen wir nicht einmal, was Bewusstsein eigentlich ist. Man könnte dies als abgehobene philosophische Frage abtun, wäre da nicht ein Problem, das sehr real ist, weil wir es inzwischen beobachten können: Intelligenz scheint sich von Bewusstsein (was immer das nun genau sei) abzukoppeln.

Über Jahrtausende schien es eine ausgemachte Sache: Intelligenz ist umso größer, je bewusster ihr Träger ist. Ein Neugeborenes ist zunächst einer Hauskatze intellektuell unterlegen, doch schon nach Monaten überholt es den vierbeinigen Hausgenossen. Spätestens wenn es sich im Spiegel erkennt (Bewusstwerdung) ist es ihm in allen kognitiven Fähigkeiten überlegen. Doch genau dieser Zusammenhang scheint bei künstlicher Intelligenz (KI) nicht mehr zu gelten.

„In den letzten Jahrzehnten gab es in Sachen Computerintelligenz ungeheure Fortschritte, doch was das Bewusstsein von Computern angeht, tat sich im Grunde nichts.“ (S. 476)

Als der IBM-Computer Deep Blue 1997 erstmals einen amtierenden Schachweltmeister, damals Garri Kasparov, schlug, konnte man das noch mit dem Hinweis abtun, dass Schach von seiner Machart her ein ideales Spiel für KI war. Als dann Watson (ebenfalls IBM) 2011 die Quizshow Jeopardy! gewann, war das nicht mehr so einfach, denn für diese Show musste man beispielsweise mit Wortspielen umgehen – eine sehr menschliche Fähigkeit, sollte man meinen. Dennoch glaubt niemand ernsthaft, dass Watson verstanden hat, was er da erzählte, denn er suchte einfach in riesigen Datenbanken nach Texten mit der entsprechenden Formulierung und wählte dann in deren Umfeld die wahrscheinlichste Antwort aus (Stichwort „big data“). Inzwischen hilft Watson mit ähnlichen Methoden bei der Diagnose von Krankheiten und stellt dabei viele seiner menschlichen Kollegen in den Schatten. Ebenfalls 2011 eröffnete in San Francisco übrigens eine Apotheke, die von einem einzigen Roboter betrieben wird.

Das sind nur einige Beispiel, die zeigen, wohin die Reise geht. Angesichts dieser neuen „Formen nicht-bewusster Intelligenz“ scheint die Frage berechtigt, ob zur „Superintelligenz womöglich verschiedene Wege [führen], von denen nur einige durch die Straße des Bewusstseins müssen.“

Das Ende von „Wie war ich?“

Es geht um mehr als verletzten Stolz. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass die KI uns in immer mehr Bereichen den Rang abläuft und nutzen die uns daraus erwachsenden Vorteile. Das ist auch in Ordnung. Doch die Frage, die auch Harari am Ende seines Buches als eine der „drei Schlüsselfragen“ seinem Leser mitgibt, bleibt bestehen:

„Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung?“ (S. 608)

Oder was, wenn wir durch KI erst zu Algorithmen gemacht werden? Dazu noch ein – vielleicht – kurioses Beispiel aus Hararis Buch. Die Firma Bedpost verkauft

„biometrische Armbänder, die man während des Geschlechtsverkehrs tragen kann. Dieses Armband sammelt Daten wie etwa Puls, Schweißproduktion, Dauer des Geschlechtsverkehrs, Dauer des Orgasmus und Zahl der dabei verbrauchten Kalorien. Diese Daten werden in einen Computer eingespeist, der die Informationen analysiert und Ihre Leistung anhand präziser Zahlen eingestuft.“ (S. 509)

Also nichts mehr von wegen „Wie war es für dich?“ oder „War ich gut?“. Man mag darüber lachen und vielleicht auch dieser speziellen Frage keine Träne nachweinen, doch das Entscheidende ist etwas anderes.

„Menschen, die sich unablässig über solche Apparate vermittelt erleben, betrachten sich vermutlich schon bald selbst als eine Ansammlung biochemischer Systeme und weniger als Individuen […]“ (S. 509)

Könnte das wissenschaftlich-physikalistische Weltbild, das uns erklärt, wir wären nichts anderes als Algorithmen so zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden?

Man spricht manchmal vom Gutenberg-Gap. Damit ist das Zeitalter des Lesens gemeint, die fünfhundert Jahre zwischen den beiden Erfindungen Buchpresse und Smartphone. In dieser Zeit musste man lesen, um an der Gesellschaft teilzunehmen. Vor der Buchpresse ging das noch nicht, weil es schlicht zu wenig zu lesen gab. Seit dem Smartphone braucht man es nicht mehr, da man sich alle Informationen auch vorlesen lassen oder auf Videos anschauen kann.

Gibt es vielleicht auch ein Descartes-Gap, ein Zeitalter des Bewusstseins? René Descartes hat mit seinem berühmten Satz „Ich denke, also bin ich!“ das Bewusstsein quasi zum Macher des menschlichen Individuums befördert, das dann schließlich den Humanismus hervorbrachte. Was aber, wenn wir immer mehr Hirnarbeit der KI überlassen, weil die das besser, schneller oder einfach für uns bequemer erledigt? Heißt es dann „Ich lasse denken, also bin ich nicht mehr?“

Das sollten wir uns überlegen, solange wir es noch können.

Der geerdete Philosoph – Peter Müller, Blogger

Denker und Blogger Peter Müller

„Heiterkeit ist der Gegenbegriff zur Schwermut. Sie schließt die Melancholie nicht aus, hält sie aber im Zaum.“

Solche schönen Sätze liest man auf dem Blog von Peter Müller, müller-denkt. So, wie der studierte Philosoph seinen Lebensunterhalt ganz bodenständig in einem Fahrradgeschäft verdient, gestaltet er auch seinen Blog: vergeistigt und geerdet zugleich. In der Philosophie sieht der „Schwarze Peter“ (Müller über Müller) einerseits durchaus die Hypothek einer besonderen Form der „Gedankenschwere“, die „nicht sehr lebenstauglich ist“, aber andererseits eben auch ein „kurzweiliges und bereicherndes Sich-auf-den-Weg-machen“. Die Dinge sind nun mal nicht so eindeutig, wie viele es gerne hätten – nicht in der Philosophie, schon gar nicht im Leben und mitunter nicht einmal in den Naturwissenschaften. Darüber und über viele andere Untiefen der Philosophie und des Daseins überhaupt findet man auf Peter Müllers Blog anregende und unterhaltsam geschriebene Texte. Und natürlich hat er auch zu unseren „großen Fragen“ etwas zu sagen:

Wofür lassen Sie alles stehen und liegen?

Freunde in Not, ein eisgekühltes Mon Cherie, ein alpines Skirennen, die Arte-Sendung „Philosophie“ oder eine Folge der Fernsehserie „Californication“.

Welche Themen interessieren Sie am meisten?

Wenig überraschend: philosophische Themen. Warum? Weil die Philosophie aus der Mitte des Lebens kommt und im Fall der Ethik immer gesellschaftlich rückgebunden werden kann. Darüber hinaus interessiere ich mich für die oft faszinierenden und putzig anmutenden Vorlieben oder Verhaltensweisen mancher Leute. Vor einiger Zeit habe ich zum Beispiel gelesen, dass es Menschen gibt, die einen Luftballonfetisch haben.

Welcher Wissenschaftler fasziniert Sie besonders?

Es fällt mir schwer, eine Person herauszupicken. Grundsätzlich bewundere ich Wissenschaftler, die von ihrem Wirken überzeugt sind, aber nicht in die Falle tappen, ihre Erkenntnisse absolut zu setzen. Gerade in Zeiten von Corona hat der redliche wissenschaftliche Diskurs enorm gelitten. Vermutlich ging es dabei auch um Eitelkeiten und Pfründe.

Und welcher Philosoph?

Ludwig Wittgenstein, weil er uns eine tiefe, vielfältig auslegbare und in zahlreichen Lebenssituationen anwendbare Philosophie hinterlassen hat. Hinzu kommt: Ein riesiges Vermögen zu verschenken schafft auch nicht jeder.

Welche drei Bücher würden Sie den Lesern des Blogs der großen Fragen empfehlen?

1. Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“, weil es eine spannende und philosophisch angehauchte Kriminalgeschichte ist.

2. Oriana Fallacis „Wir, Engel und Bestien“, weil sich die italienische Journalistin auf beeindruckende Weise inmitten des Vietnamkrieges auf die Suche nach dem Wesenskern des Menschen gemacht hat.

3. Platons „Symposion“, weil es den wunderbaren Mythos von den in der Mitte entzweiten Kugelwesen enthält, die seitdem auf der Suche nach der fehlenden Hälfte sind.

Welche Musik mögen Sie?

Indie, Rock, Punk, Heavy Metal und – auch wenn es nicht zu passen scheint – die Bee Gees.

Auf welchem Gebiet herrscht heutzutage die größte Unwissenheit?

Da bin ich ehrlich gesagt überfragt. Aber ich denke, dass die größte Skepsis gegenüber dem Nutzen der Philosophie herrscht. Woran die Philosophie durch eine oft sperrige Sprache selbst schuld ist.

Was macht eine Frage bedeutend?

Eine, die zum Denken und zum Weiterfragen anregt… womit wir bei der Philosophie wären (wenig Antworten, viele FragenJ).

Eine Fee verspricht Ihnen die Antwort auf eine beliebige Frage. Was fragen Sie?

„Was darf ich hoffen?“ (Immanuel Kant). Mit eigenen Worten: Existiert etwas Größeres als das, was wir mit unserem innerweltlichen „Sensorium“ erkennen können? Wird dieses Rätsel nach dem Tod gelöst oder geht einfach nur das Licht aus?

Wo sehen Sie Grenzen menschlicher Erkenntnis?

Fragen, die auf die Transzendenz verweisen, werden wir wahrscheinlich niemals beantworten können.

Jemand erklärt Ihnen, die Frage nach Gott sei belanglos. Was antworten Sie?

Der Umstand, dass die Existenz Gottes nicht beweisbar ist, bedeutet nicht, dass das Fragen überflüssig ist. Selbst wenn alle naturwissenschaftlichen Fragen geklärt werden könnten, bliebe die Frage nach dem Warum. So sagte Werner Heisenberg „Der erste Trunk aus dem Becher der Wissenschaften macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Etwas praktischer ausgedrückt. Sollte es jemals möglich sein, bis zum Zeitpunkt t0 (Urknall) vorzudringen, stellt sich sofort die Frage „Was war vor dem Urknall?“. Am Ende landet man immer bei der Frage nach einem außerweltlichen Prinzip… egal, ob man es Gott nennt oder nicht.

Welche Bedeutung hat der Tod für Sie?

Ich halte es mit Martin Heidegger. Der war der Ansicht, dass es die Aufgabe des jeweiligen Daseins ist, sein Leben als ein eigentliches am Schopf zu packen. Dieses Sein-zum-Tode gibt im Idealfall die Kraft, der Welt des Man zu entfliehen und das Leben zu gestalten. Der Tod ist somit ein formendes Element des Lebens.

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Zum Blog von Peter Müller geht es hier.

Sind Strukturen der Schlüssel zum Bewusstsein? – Prof. Holger Lyre im Gespräch (Video)

„Wie können wir über Dinge in der Außenwelt denken? Wie kann der Inhalt unserer Gedanken von der Welt handeln? Wie können wir überhaupt inhaltsvoll denken? Und was sind Inhalte, was sind Bedeutungen?“

Über solche und andere Fragen sprach ich zusammen mit Dirk Boucsein von philosophies mit dem Wissenschaftstheoretiker und Professor für Theoretische Philosophie Holger Lyre von der Universität Magdeburg. Prof. Lyre verfolgt den Ansatz des Strukturenrealismus, einer Denkrichtung, in der nicht die Eigenschaften der Objekte im Vordergrund stehen, sondern die Relationen zwischen ihnen und die sich daraus ergebenden Strukturen. Ein Konzept, das zunächst ungewöhnlich erscheinen mag, aber z. B. durch die Betrachtung quantenmechanischer Objekte nahegelegt wird. Die Eigenschaften eines Elektrons erschließen sich nur in der Wechselwirkung mit anderen Teilchen. Wie das Elektron „an sich“ ist, wissen wir nicht. Das weiß gerade auch Holger Lyre, der auch Physik studierte und lange mit Carl Friedrich von Weizsäcker zusammengearbeitet hat.

Inwieweit dieser Ansatz bei Fragen über die Natur des Bewusstseins weiterhilft, sehen Sie in unserm Interview. Hier der Trailer:

Sehen Sie das komplette Interview auf dem YouTube-Kanal Zoomposium.

Holger Lyre (* 1965) ist ein deutscher Wissenschaftstheoretiker und Professor für Theoretische Philosophie. Er ist Mitglied am Center for Behavioral Brain Sciences (CBBS) und war Gründungspräsident der Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (GWP). An der Universität Magdeburg betreut er den in dieser Form einmaligen Studiengang „Philosophie-Neurowissenschaften-Kognition“ (PNK). Erwähnenswert ist auch seine Vorlesung zur Philosophie des Geistes, die man sich komplett auf YouTube anschauen kann (hier).

Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? – Prof. Wolf Singer im Gespräch (Video)

„Jede Entscheidung ist die Folge von neuronalen Wechselwirkungen. Aufgrund von physikalischen und chemischen Vorgängen im Gehirn musste es so passieren, dass man selbst zu dieser bestimmten Entscheidung gekommen ist.“ Wolf Singer ist nicht zuletzt aufgrund solch pointierter, einem freien Willen keinerlei Raum gönnenden Formulierungen bekannt geworden. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Erkenntnisse aus der Hirnforschung Konsequenzen bis in das Strafrecht hinein haben sollten. Treu seinem Grundsatz, dass die Wissenschaft eine Verpflichtung zur Kommunikation mit der Gesellschaft habe, ist er damit auch kontrovers geführten Diskussionen nie aus dem Weg gegangen.

Es war also zu erwarten, dass Dirk Boucsein von philosophies.de und ich in unserem Interview einen Wolf Singer erleben, der einen konsequent naturalistischen Standpunkt vertritt. Wir haben aber auch einen bescheidenen und sehr reflektierten Wolf Singer erlebt, der sich der Grenzen der eigenen Erkenntnisfähigkeit bewusst ist und dennoch versucht, die ganz harten Nüsse zu knacken. So bietet er zur Lösung des „Hard Problems“ einen Ansatz, den vermutlich nicht alle von ihm erwartet hätten – um das Problem „zu verkleinern“, wie er sich selbst ausdrückt. Sehen Sie hier den Trailer (Länge: 3:25 min) zum Interview:

Trailer zum Interview mir Prof. Wolf Singer

Das vollständige Interview finden Sie auf dem Youtube-Kanal Zoomposium.

Professor Dr. Wolf Singer (*1943 München) ist ein deutscher Neurophysiologe und Hirnforscher. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist Aufklärung neuronaler Prozesse bei höheren kognitiven Leistungen (wie z. B. „Bewusstsein“). Er studierte in München, Paris und Sussex und habilitierte 1976 an der TU München in Physiologie. 1981 wurde er Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main. In den Nullerjahren gründete er das Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS), das Brain Imaging Center (BIC) und das Ernst Strüngmann Institut (ESI). Seit 2011 ist er Honorarprofessor für Physiologie und leitet das „Singer-Emeritus-Department“ am MPI Frankfurt.

Wohin steuert die Wissenschaft? Steuern Sie mit!

Photo by Jeremy Thomas on Unsplash

Welchen Weg die Wissenschaft nimmt, das hängt nicht zuletzt davon ab, welche Fragen man ihr stellt. Die Frage: Wie lassen sich die Planetenbahnen am Himmel berechnen? ließ sich schon im 2. Jahrhundert beantworten, auch wenn die Berechnungen sehr kompliziert waren. Claudius Ptolemäus hatte da gerade sein Weltbild ausgearbeitet, bei dem die Erde bekanntlich im Mittelpunkt des Universums steht.

Wir würden noch immer daran glauben und wären vermutlich nie zum Mond geflogen, hätte nicht ein gewisser Nikolaus Kopernikus die Frage im 16. Jahrhundert variiert. Im Grunde ergänzte er nur ein einziges Wort, denn er wollte wissen: Wie lassen sich die Planetenbahnen am Himmel einfacher berechnen?

Einfacher wurden die Berechnungen vor allem durch Kopernikus‘ Annahme, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Allerdings waren seine Ergebnisse zunächst weniger genau als die von Ptolemäus, weshalb er mit der Veröffentlichung zögerte. Da änderte sich erst, als Johannes Kepler auf die Idee kam, dass die Planetenbahnen nicht kreis- sondern ellipsenförmig sein könnten. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte.

Die Frage nach den Fragen – das ist die raison d’être dieses Blogs. Aber – und das ist eine gute Nachricht – auch im Bundesministerium für Bildung und Forschung ist man inzwischen auf den Trichter gekommen, dass Fragen mindestens so wichtig sind wie Antworten. Jetzt können Sie – ja, Sie! – Fragen an die Wissenschaft stellen und den Gang der Dinge vielleicht ebenso beeinflussen wie Kopernikus.

IdeenLauf ist eine Mitmachaktion im Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt!, die wir vom die-grossen-fragen.com natürlich gerne unterstützen. Er zielt darauf ab, neue themenübergreifende ZukunftsRäume für die Forschung zu identifizieren und in die Politik einzubringen. Dafür sind Sie, die Bürgerinnen und Bürger, unter dem Motto #MeineFragefürdieWissenschaft eingeladen, Ihre Fragen zu stellen. Fragen, die vom 14. Januar bis zum 15. April 2022 eingereicht werden, fließen in den IdeenLauf ein und werden von Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Bevölkerung gesichtet, übergreifenden Themen zugeordnet und weiterbearbeitet. So entsteht schließlich ein Ergebnispapier mit neuen themenübergreifenden ZukunftsRäumen, das im Herbst 2022 an Politik und Wissenschaft übergeben wird und als Ideenspeicher für Forschung und Forschungspolitik dient. Klingt spannend? Weitere Informationen zum IdeenLauf und die Möglichkeit, Fragen einzureichen, finden Sie auf www.wissenschaftsjahr.de.

Welche Frage werden Sie stellen? Diskutieren Sie gerne mit den Leserinnen und Lesern des Blogs und mir im Kommentarbereich.

Auch auf Twitter:
Am Anfang war die Frage! 💡 Der IdeenLauf im Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt! @w_jahr von @wissimdialog und @BMBF_Bund ruft alle Bürger*innen auf, ihre Fragen für die Wissenschaft zu stellen. Jetzt #MeineFrageFürDieWissenschaft einreichen: https://www.wissenschaftsjahr.de/2022/

Und Facebook:

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Bewusstsein als Tanz des Gehirns – Prof. Georg Northoff im Gespräch (Video)

Why and how does our brain construct the self and consciousness? – Warum und wie konstruiert unser Gehirn das Selbst und das Bewusstsein? Diese Frage steht als Überschrift auf der Webseite von Georg Northoff, Professor für Neurophilosophie an der Universität von Ottawa. Es ist die alte aber nach wie vor aktuelle Frage, wie das entsteht, was wir permanent erfahren, fühlen, genießen oder erdulden, unser inneres Erleben, oft auch Qualia genannt.

Die Mainstreammeinung der Wissenschaft zu diesem Problem lässt sich grob so beschreiben: Bewusstsein ist etwas, das von biochemischen Prozessen im Gehirn gebildet wird. Das Problem dabei ist, dass niemand eine Ahnung hat, wie die Brücke zwischen beiden Phänomenen – materielles Gehirn einerseits, geistiges Erleben andererseits – aussehen könnte. Schon Leibniz hat von einem riesigen Modell des Gehirns geträumt, das man begehen könnte und darauf hingewiesen, dass man dort alle möglichen Prozesse würde beobachten können, aber eben kein Bewusstsein.

Da man seit Jahrhunderten vergeblich nach einer Lösung dieses Leib-Seele- bzw. Geist-Gehirn-Problems sucht, glauben manche Philosophen inzwischen, dass die Frage falsch gestellt sein könnte, und versuchen den in ihr liegenden Dualismus (Geist-Gehirn) zu umgehen.

In eine ähnliche Richtung denkt auch Northoff. Für ihn ist Bewusstsein nicht im Gehirn lokalisiert, sondern entsteht erst in der Interaktion zwischen Gehirn und Körper einerseits und der Umwelt andererseits. Wenn das Gehirn ein Tänzer ist und die Musik die Umwelt, dann ist das Bewusstsein der Tanz, der entsteht, wenn beide zusammenkommen. Das ist durchaus mehr als nur ein hübsches Bild, denn Northoff redet sehr konkret von Zeitskalen (und was ist Rhythmus anderes als eine Zeitskala?), die im Gehirn messbar sind und die mit Zeitskalen der Umwelt in Einklang gebracht werden müssen. Gelingt dies nicht, führt dies zu psychischen Störungen wie zum Beispiel Schizophrenie, wie Northoff aus seiner Praxis als Psychiater weiß.

Dirk Boucsein von philosophies und ich hatten Gelegenheit, diesen interessanten Denker zu interviewen. Sehen Sie hier den Trailer oder gleich das ganze Interview auf dem YouTube-Kanal Zoomposium.

Interview mit Prof. Georg Northoff (Trailer)

Prof. Dr. Dr. Georg Northoff (*1963 Hamburg) ist ein deutscher Psychiater und Philosoph. Er gilt als ein wichtiger Vertreter der Neurophilosophie. Northoff studierte in Hamburg, Essen, Bochum und New York. Ab 1996 arbeitete er als Oberarzt an der psychiatrischen Universitätsklinik in Magdeburg. Er habilitierte sich 1998 in Medizin und 1999 in Philosophie und lehrte unter anderem an den Universitäten Magdeburg und Harvard. An der Universität von Ottawa hat er den eigens eingerichteten Lehrstuhl für Geist, Gehirn und Neuroethik seit 2009 inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind funktionelle Bildgebung zur Untersuchung von Emotionen, Neurobiologie, psychiatrische Krankheiten, analytische Philosophie des Geistes, Neurophilosophie, Neuropsychoanalyse und Neuroethik.

Jetzt abstimmen für den Wissenschaftsblog 2021

Es ist wieder so weit! Ich freue mich sehr, auch in diesem Jahr wieder nominiert zu sein für den „Wissenschaftsblog des Jahres“. Danke – auch im Namen meiner Gastautoren – an Reiner Korbmann, den ehemaligen Chefredakteur von Bild der Wissenschaft und die Macher von Wissenschaft kommuniziert für die Nominierung! JETZT ABSTIMMEN! Viele interessante Blogs warten darauf, entdeckt zu werden. Aber falls man nicht die Zeit hat, alle anzuschauen, kann man natürlich auch – sozuasgen vorsichtshalber – einfach für den BLOG DER GROSSEN FRAGEN stimmen.
Wir bedanken uns für Euer Interesse, hoffen auf Eure Stimme und wünschen gesegnete Feiertage und alles Gute für 2022!

Jetzt auf das Bild klicken und abstimmen!

Wie wirklich ist Bewusstsein? – Interview mit Prof. Gerhard Roth (Video)

TRAILER – Interview mit Prof. Gerhard Roth – ungekürzte Fassung auf dem YouTube-Kanal ZOOMPOSIUM

Die beiden Wissenschaftsblogs philosophies.de und die-grossen-fragen.com (Der Blog der großen Fragen) haben den Youtube-Kanal Zoomposium eröffnet, auf dem sich interessante Persönlichkeiten zu Themen im Grenzbereich zwischen Naturwissenschaft und Philosophie äußern können.

Im Dezember hat uns ein ganz prominenter Gast beehrt: Mit Prof. Gerhard Roth, einem der bekanntesten deutschen Hirnforscher und Autor zahlreicher Bücher, sprachen Dirk Boucsein und ich unter anderem über das Bewusstsein, Zombies und die Frage, ob man eines Tages Gedanken lesen kann.

Das komplette Interview finde man hier:

Inverview mit Prof. Gerhard Roth auf „Zoomposium“

Bewusstsein, Liebe und die blinden Flecken der Naturwissenschaft

Ein Neurowissenschaftler verliebt sich – Inspiration für die Forschung?

Was ist Bewusstsein? das fragt sich nicht nur der Neurowissenschaftler Balduin Schönwald. Die gängige Antwort – Bewusstsein ist das Produkt komplexer Hirnvorgänge – hat er bisher wie selbstverständlich hingenommen. Als seine Arbeitsgruppe jedoch während eines Experiments eine rätselhafte Entdeckung am Gehirn macht, gerät diese Überzeugung mehr und mehr ins Wanken und die alten, ungelösten Fragen melden sich zurück wie ein unverarbeiteter Alptraum: Wie entsteht unser inneres Erleben, unsere Qualia? Und: Wenn unser Denken und Handeln tatsächlich das Ergebnis von Hirnvorgängen sind, was ist dann mit unserem freien Willen?

Schnell schlägt das Experiment Wellen. Ein argusäugiger Ministerialreferent aus dem Forschungsministerium taucht an Balduins Institut auf und auch die Presse riecht den Braten und erscheint in Gestalt einer Wissenschaftsjournalistin. Beim Institutsball kommt es dann, wie es kommen muss: Balduin entdeckt, dass es noch andere offene Fragen gibt, denn die Journalistin erweist sich als so unergründlich wie das Bewusstsein selbst. Nun muss er nicht nur den schwelenden Konflikt mit dem Referenten austragen, sondern gerät auch in einen Strudel aus emotionalen, philosophischen und wissenschaftlichen Rätseln.

So weit mein Roman „Die Hirnkurve der Liebe“. Ja, es gibt nun neben dem „Wissenschaftsthriller“ auch die „Wissenschaftsromanze“. Bringt das das Thema irgendwie voran, oder ist es nur die Verkitschung desselben? Vielleicht beides. Wann die Grenze zum Kitsch überschritten ist, das hängt bekanntlich von Geschmack und Gefühlszustand jedes Einzelnen ab – da möge jeder sein Urteil bilden. Und das Thema? Verdrängte oder übersehene Fragen (wieder) sichtbar zu machen, ist oft erhellender, als auf die Schnelle vermeintliche Antworten zu finden (wie ich schon an anderer Stelle schrieb). Klingt im Zeitalter von Google & Co. vielleicht komisch, ist aber so. Und – so weit lehne ich mich mal aus dem Fenster – in genau diesem Punkt kann mein Roman mit den Titeln des „Konkurrenz-Genres“ Wissenschaftsthriller locker mithalten.

Gefühl versus Vernunft?

Aber der Reihe nach. Die Geistesgeschichte des Menschen ist bekanntlich von einem ständigen Wettstreit durchzogen, nämlich dem zwischen Romantik und Aufklärung, Gefühl und Vernunft, Mythos und Logos oder auch zwischen den dionysischen und den apollonischen Kräften. Manche meinen auch, es handle sich dabei lediglich um die Auseinandersetzung zwischen Verwirrung und Erkenntnis. Wie dem auch sei: Wann immer einer der beiden Pole überbetont war, schlug das Pendel auf die andere Seite. Ein Beispiel von vielen wäre das Aufblühen des Spiritismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgerechnet in England (Stichwort: Golden Dawn), dem Stammland des Empirismus, inmitten eines Booms der Naturwissenschaften (man denke an: Darwin, Genetik, Radioaktivität, Relativitätstheorie und Quantenmechanik).

Dass es diese Pendelbewegung gibt, ist eigentlich unumstritten. Mein Bloggerkollege Dirk Boucsein hat gerade einen lesenswerten Artikel dazu geschrieben. Eine ganz andere Frage ist indes, wie man sie bewertet. Handelt es sich um ein fruchtbares Schwingen zwischen zwei notwendigen Polen? Oder gleicht die Aufklärung dem Sisyphos, und scheitert wie dieser immer und immer wieder an der menschlichen Unvernunft? Bringt uns dieses Hin und Her voran? Oder wäre es nicht viel besser, wenn der Logos endlich den finalen Sieg einführe? Ist die Menschheit en gros einfach zu dämlich für die Antworten der Naturwissenschaft und tanzt deshalb immer wieder um das goldene Kalb des Mythos? Oder liegt es (auch) an der Wissenschaft selbst, die die entscheidenden Antworten schuldig bleibt? Dirk Boucseins schreibt:

Kants Versuch der Aufklärung scheitert in Teilen der Kulturhistorie, da er hierbei leider vergessen hat die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Und jetzt ist der „Bus mit der Aufschrift“ „Vernunft“ leider an den meisten Menschen vorbei gefahren und steht an der Endhaltestelle „Wissenschaft“. Die Wissenschaft und insbesondere die moderne Naturwissenschaft hat diese „dionysische Lücke“, die der „gefallene Mythos“ hinterlassen hat, genial mit dem Logos geschlossen.“

Endstation Wissenschaft? Ist das das Pendant zum „Ende der Geschichte“ das der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1989 ausrief und auf das wir – Fingerzeig? – bisher vergeblich warten? Dort das Ende weltpolitischer Widersprüche, hier die finale Erkenntnis, jeweils die letzte Hegelsche Synthese, sofern der Mensch nur mitmacht? Oder ist die Botschaft von der genial geschlossenen dionysischen Lücke eben doch wieder selbst nur ein Mythos, dessen Anhänger der sinnstiftenden Erzählung von der rationalen Welterklärung anhängen und die Häretiker mit Ausgrenzung aus dem Diskurs strafen, so wie Eiferer jeglicher Couleur dies eben tun? Liegt es nur an der Verstocktheit der allzu zahlreichen Verblendeten, die die offensichtlichen Stärken der „Vernunft“ nicht erkennen (wollen)? Hätte man die Menschen alle abholen können „wo sie stehen“, wenn man nur geduldig genug erklärt hätte? Hat man die finalen Argumente gegen Mythos und Romantik und müsste sie nur perfekt kommunizieren? Scheitert man nur an der Beschränktheit des „Pöbels“, der „erkenntnisphilosophischen Trump-Wähler“? Oder gibt es doch noch andere Faktoren, die dem Endsieg der Vernunft entgegenstehen? Sind es vielleicht Lücken oder blinde Flecken der Naturwissenschaft, die die letzte Erkenntnis vereiteln? Ist das Fremdeln des „Pöbels“ mit den Naturwissenschaften am Ende gar berechtigt und enthält einen wahren Kern, weil er spürt, dass die Wissenschaft nur die Fragen beantwortet, die sie selbst stellt, aber nicht die seinen? Ahnt der „Pöbel“ den bewussten oder unbewussten Betrug der Wissenschaftler, die er selbst zu Wahrheitsverkündern verklärt hat? Und könnte die Wissenschaft mit rationalen Mitteln die eigenen blinden Flecken entdecken, wenn sie nur wollte und die eigene Hybris überwände?

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Bevor ich nun aber zwei Euro ins Phrasenschwein bezahle, will ich mich für diesen Artikel einmal klar auf die Seite des „Pöbels“ schlagen und sagen: Ja, die Wissenschaft hat mindestens einen blinden Fleck und den sollte sie sich eingestehen. Aber warum hat sie ihn? Es sind drei Gründe, die zusammenwirken: Statistik, Perspektive und Bewusstsein.

Statistik

Wenn es stimmt, dass man keiner Statistik trauen soll, die man nicht selbst gefälscht hat, dann hat Statistik in der Naturwissenschaft eigentlich nichts verloren. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Das hat vor gut einhundert Jahren angefangen. Davor hatte man ein mechanistisches Weltbild, in dem die Dinge kausal miteinander verknüpft waren. Wenn zwei Billardkugeln aufeinanderprallen, ist klar in welche Richtung die beiden danach weiterrollen, da gibt es keinen Verhandlungsspielraum. So stellte man sich das gesamte Universum vor.

Diese Vorstellung änderte sich spätestens, als man die Radioaktivität entdeckte. Sie warf viele Fragen auf. Eine davon lautete: Wie lange dauert es, bis ein radioaktives Atom zerfällt? Und die Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Es kann nämlich in der nächsten Sekunde zerfallen oder erst in einer Milliarde Jahre. Und zu allem Überfluss lässt sich dieser Vorgang auch noch durch nichts beeinflussen.

Man weiß, wie viele Atome in einer bestimmten Zeit zerfallen, aber nicht, welche!

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass man eine andere Frage, die ganz ähnlich klingt, sehr wohl beantworten kann: Wie lange dauert es, bis ein Viertel aller Atome einer Probe zerfallen sind? Diese Dauer hängt vom betreffenden Element ab und kann experimentell bestimmt werden. Man kann das Verhalten eines einzelnen Atoms also nicht voraussagen, das Verhalten von sehr vielen Atomen aber schon. Das ist ein Phänomen, das man aus der Statistik kennt. Wählt man zum Beispiel aus einem Telefonverzeichnis eine einzelne Person zufällig aus, so hat man keine Möglichkeit vorherzusagen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handeln wird. Wählt man dagegen eine Million Personen zufällig aus, kann man sicher sein, dass etwa die Hälfte davon Frauen sein werden.

Der Zerfall radioaktiver Atome ist also nicht kausal determiniert, wohl aber statistisch. Und so hat die Statistik auch in die harten Naturwissenschaften Einzug gehalten. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn die Vorhersagen habe sich zigtausendfach im Experiment bewährt. Nur: Dass damit alles geklärt sei, das kann man nun nicht behaupten. Die Frage, welches Viertel der Atome zerfallen wird, ist nach wie vor ungeklärt, wie die Abbildung zeigt.

Perspektive

Was bei Atomen vielleicht noch nach einem akademischen Problem klingt, wird schnell brisant, wenn wir es auf andere Situationen übertragen. Wenn ein Medikament ein Viertel aller Patienten heilt, haben wir eine analoge Situation. Aus der Perspektive des Wissenschaftlers oder des Arztes ist alles klar. Wir haben es mit einem statistischen Determinismus zu tun, wie beim Zerfall der Atome. Schließlich sagen die Studien das so voraus. Aus der Perspektive des Patienten ist diese Antwort aber unbefriedigend. Ihm wird die Information, dass ein Viertel geheilt wird, wenig nützen. Vielmehr wird er wissen wollen, warum gerade er zum geheilten Viertel gehört oder eben nicht. Der Arzt wird ihm dies in der Regel nicht beantworten können, aber ist die Frage deshalb unwissenschaftlich oder gar unberechtigt?

Statistische Antworten sind notwendig die Antworten eines äußeren Beobachters. Aus dieser Perspektive der dritten Person werden Fragen, die sich aus der Perspektive der ersten Person stellen, leicht übersehen. Doch Fragen der ersten Person sind die, die Menschen bewegen.

Bewusstsein

Mit der Frage nach der Perspektive sind wir automatisch beim Bewusstsein gelandet. Denn, was immer Bewusstsein genau sein soll (bekanntlich konnte man sich bisher auf keine Definition einigen), es ist notwendig, um eine Perspektive einzunehmen. Am naheliegendsten ist für uns natürlich die Perspektive der ersten Person, also genau jene, mit der die Naturwissenschaft die größten Probleme hat. Denn, wie sie entsteht, das ist die Kernfrage des ungelösten Qualiaproblems, über das auf diesem Blog schon viel geschrieben wurde.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Naturwissenschaft betrachtet die Dinge aus der Perspektive der dritten Person und neigt dazu, Probleme statistisch zu behandeln. Außerdem kann sie das Entstehen einer Perspektive der ersten Person nicht hinreichend erklären. Der Mensch dagegen betrachte die Welt aus eben dieser Perspektive der ersten Person und das nicht statistisch, sondern individuell. Irgendwo hier ist das Problem. Irgendwo hier ist der Grund dafür verborgen, dass die Menschen mit der Naturwissenschaft fremdeln und sich immer wieder dem Gefühl, der Romantik und dem Mythos hingeben. Es mag sein, dass viele die Naturwissenschaften auch gar nicht verstehen, aber das ist offenbar nicht der alleinige für dieses Phänomen.

So schreibt auch der britische Physiker und bekannte Buchautor Paul Davies:

„(…) man kann sicher fragen, ob die Wissenschaft die ganze Wahrheit liefern kann. Viele Wissenschaftler bestreiten im Übrigen, dass die Wissenschaft jemals eine so verstiegene Behauptung aufgestellt hat [aber eben nicht alle – A. S.]. Die Wissenschaft mag hilfreich sein bei der Erklärung von Elektronen beispielsweise, aber ihr Nutzen ist begrenzt, wenn es um Dinge wie Liebe, Moral oder den Sinn des Lebens geht. Diese Erfahrungen sind Teil unserer Wirklichkeit, aber sie entziehen sich dem Zugriff der Wissenschaft (…) Vielleicht hat das Unvermögen der Wissenschaft, sich zu diesen grundlegenden Existenzfragen zu äußern, zu der verbreiteten Ernüchterung über die wissenschaftliche Weltsicht geführt (…)“[1]

Davies hat das Stichwort gegeben: Liebe. Wenn Balduin Schönwald, der Protagonist meines Romans, sich verlieben muss, dann ist das einer der vielen Gründe dafür: Verliebt ist er ganz auf seine Gefühle und die Perspektive der ersten Person zurückgeworfen. In diesem Zustand gehen ihm die Fragen auf, die er vorher gar nicht wahrgenommen hat. Sein bester Freund Waldemar, ein Experimentalphysiker, erklärt ihm einmal, dass es nun mal eine gewisse Wahrscheinlichkeit für das Verlieben gebe. Darauf fragt ihn Balduin: „Mag sein. Aber warum habe ich mich ausgerechnet in sie verliebt?“

Was wird Waldemar wohl antworten?


[1] Paul Davies, John Gribbin; Auf dem Weg zur Weltenformel, S. 25.