Was ist spannender? Einen Mörder zu überführen oder ein Paralleluniversum nachzuweisen? Man muss sich nicht entscheiden, wie Ilja Bohnet zeigt. Er schreibt sowohl Kriminalromane, als auch Bücher über das Universum. Erst im Februar hatten wir an dieser Stelle das Interview mit ihm über die großen Fragen der Physik. Für das kommende Jahr ist nun schon das nächste Buch über das „rätselhafte Universum“ angekündigt. Ob es auch wieder einen Kriminalroman geben wird? Lassen wir uns überraschen. Einstweilen kann man sich hier ein Bild davon machen, wie jemand tickt, der zu so unterschiedlichen Themen schreibt. Ilja Bohnet hat uns die „großen Fragen“, die wir in der Rubrik Zeitgenossen antworten immer wieder interessanten Persönlichkeiten stellen, beantwortet.
Ilja Bohnet
Wofür lassen Sie alles stehen und liegen?
Für die »Ligne Claire« und den »Film Noir«.
Welche Themen interessieren Sie am meisten?
Ich interessiere mich für die Dinge, die schieflaufen im Leben, für das Stolpern durch den Lebensalltag, für das Loriotsche Missverstehen. Und besonders für die Tragikomödie – weil sie einen augenzwinkernden Ausblick verheißt – die Hoffnung nämlich, dass am Ende doch noch alles gut wird.
Welcher Wissenschaftler fasziniert Sie besonders?
Anlässlich seines 200. Geburtstages in diesem Jahr: Hermann von Helmholtz, dem Vollender der Klassischen Physik und Begründer des modernen Wissenschaftsbetriebs.
Und welcher Philosoph?
Immanuel Kant mit seinen Überlegungen zu »Raum und Zeit« und der Erkenntnis: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht […]: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.«
Welche drei Bücher würden Sie den Lesern des Blogs der großen Fragen empfehlen?
Dieter B. Herrmann: »Die Harmonie des Universums – Von der rätselhaften Schönheit der Naturgesetze.« Kosmos, Stuttgart 2017.
Richard B. Middleton: »Das Geisterschiff – Dreizehn Stories.« Steidl Verlag, Göttingen 2020.
Und demnächst (Frühjahr 2022):
Ilja Bohnet & Thomas Naumann: »Das rätselhafte Universum – Die fundamentalen Fragen der modernen Wissenschaft.« Kosmos, 2022.
Welche Musik mögen Sie?
Jazz von Krzysztof Komeda, insbesondere die Filmmusik zu »Cul-de-Sac« von Roman Polanski.
Auf welchem Gebiet herrscht heutzutage die größte Unwissenheit?
Auf dem Gebiet der Teilchenphysik. Nur 5 % des Universums sind halbwegs verstanden.
Was macht eine Frage bedeutend?
Wenn die Antwort auf eine Frage zu einem grundsätzlichen Erkenntnisfortschritt führt. Oder aber das Ausbleiben der Antwort (im Falle bspw. eines fundamentalen Rätsels) eine grundsätzliche Lücke des Wissens verdeutlicht.
Eine Fee verspricht Ihnen die Antwort auf eine beliebige Frage. Was fragen Sie?
Leben wir in einem Multiversum?
Wo sehen Sie Grenzen menschlicher Erkenntnis?
Im Bereich der Planck-Skala (bzw. der Quantengravitation), wenn die Kant’schen Voraussetzungen unseres Denkens »a priori« nicht mehr gelten und die Reihenfolge von Ursache und Wirkung aufgehoben ist.
Jemand erklärt Ihnen, die Frage nach Gott sei belanglos. Was antworten Sie?
Das mag für die Zeit nach dem Urknall gelten. Aber was sich davor abgespielt hat, bleibt ein Geheimnis.
Welche Bedeutung hat der Tod für Sie?
Der Tod ist essentiell für das Leben und die Evolution des Lebens. Für den Menschen bedeutet der Tod eine unerträgliche Zumutung, die er ein Leben lang verdrängt – bis es soweit ist und der Tod unausweichlich vor ihm steht.
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Ilja Bohnet hat in Physik promoviert und arbeitet als Forschungsbeauftragter bei Deutschlands größter Wissenschaftsorganisation, der Helmholtz-Gemeinschaft. Er schreibt Sachbücher (demnächst erscheint »Das rätselhafte Universum – Die fundamentalen Fragen der modernen Wissenschaft«, zusammen mit Thomas Naumann), aber auch Kriminalromane und Kurzgeschichten. Außerdem betreibt er einen persönlichen Blog.
Was haben das Geist-Gehirn-Problem und das Problem der Verschränkung von Quantenteilchen gemeinsam? Beide sind ungelöst, weil es bei beiden nicht gelingt, zwei verschiedene Dinge unter einen Hut zu bekommen. Hier mentale Zustände und neuronale Vorgänge, dort die Lokalität von Quantenereignissen und deren mikroskopische Realität.
Glaubt man Gabriel Vacariu, Professor für Philosophie an der Universität von Bukarest, haben beide Probleme eine gemeinsame Ursache: Sie gehen von der zwar naheliegenden, aber falschen Prämisse aus, alle diese Phänomene befänden sich in derselben „Welt“, nämlich jener, in der auch wir Menschen uns als Beobachter wiederfinden.
Real sind nach Vacariu aber nur Entitäten, also existierende, konkrete oder abstrakte Gegenstände, aber nicht die „Welt“, in der sie sich aufhalten bzw. aufzuhalten meinen. Die „Welt“ zerfällt nämlich in epistemologisch verschiedene Welten (EVWs bzw. EDWs), die so etwas wie die verschiedenen Perspektiven der einzelnen Entitäten darstellen.
Dieser, hier nur angedeutete, Ansatz erlaubt nach Vacariu die Lösung vieler großer Probleme, bei denen man bisher vollständig im Dunkelt tappt. Für ein genaueres Verständnis sind die Begriffe Ontologie und Epistemologie oder Erkenntnistheorie wesentlich. Ontologie ist die Lehre vom Seienden, fragt also nach dem was real ist bzw. was existiert, während die Epistemologie die Frage nach dem Zustandekommen unseres Wissens über das Seiende stellt. Damit steht automatisch die Frage im Raum steht, wie gut sich unser Wissen an das tatsächlich Seiende annähern kann.
„Ontologie befasst sich mit dem, was existiert, während Epistemologie sich mit den Teilen dessen beschäftigt, was existiert und was wir wissen können.“
Ungewöhnliche Theorien stoßen naturgemäß auf Widerstand, was Vacariu schon mal dazu veranlasst Nietzsche zu zitieren:
„Manchmal wollen Menschen nicht die Wahrheit hören, denn das würde ihre ganze Illusion zerstören.“
Wie weit trägt diese Idee? Gabriel Vacariu hat mir freundlicherweise ein Interview zu seiner Theorie und ihrer Anwendung auf das Leib-Seele-Problem gegeben.
*
BdgF: Professor Vacariu, Sie nennen das Universum die „Einhornwelt“, weil es Ihrer Meinung nach nicht realer ist als ein Fabelwesen. Was bedeutet „real“ für Sie?
Gabriel Vacariu (GV): Die „Einhornwelt“ ist nur deshalb ein Fabelwesen, weil sie die Welt (das Universum) darstellt, in der alle Entitäten miteinander in Beziehung stehen. Doch das Gegenteil ist der Fall: alle diese Entitäten werden durch die epistemologsich verschiedene Entitäten und ihre entsprechenden Gesetze repräsentiert, die zu den epistemologsich verschiedenen Welten (EVWs, englisch: EDWs) gehören.
So gehören zum Beispiel die elektromagnetischen Wellen und ihre Wechselwirkungen („Gesetze“) zur Feld-EW; die Mikroteilchen (Elektronen, etc.) mit ihren Gesetzen und Wechselwirkungen gehören zur Mikro-EW; die Makroentitäten (Tische, Steine, Planeten, etc.) mit ihren Gesetzen und Wechselwirkungen gehören zur Makro-EW.
Bis ich kam, haben alle in der Einhornwelt gearbeitet, denn niemand hat die Existenz des „Universums“ bestritten. Die Idee von der Existenz der Welt (des Universums) habe ich durch die Idee der „epistemologsich verschiedenen Welten“ (EVWs) ersetzt. Die „Feld-EW“, die „Mikro-EW“ und die „Makro-EW“ existieren jedoch nicht wirklich (sie haben keine Ontologie). Was wirklich existiert, sind allein die epistemologsich verschiedene Entitäten: die elektromagnetischen Wellen, die Mikroteilchen bzw. die Makroteilchen. Diese epistemologsich verschiedene Entitäten stellen die Epistemologsich verschiedene Welten (EVWs) dar. (Der Geist existiert sowohl als Entität, als auch als EW.)
„Bis ich kam, haben alle in der Einhornwelt gearbeitet.“ – Gabriel Vacariu
BdgF: Epistemologsich verschiedene Welten (EVWs) – das klingt verwirrend, wenn es zum ersten Mal hört. Was ist der springende Punkt bei dieser Idee?
GV: Im Terminus „Epistemologsich verschiedene Welten“ (EVWs) habe ich die Epistemologie (durch „epistemologisch“) und die Ontologie (durch „Welten“) in einem Ausdruck vereint. Warum? Weil ich die Unterscheidung zwischen Epistemologie und Ontologie für den größten Fehler halte. Und warum das? Diese Unterscheidung ist dem menschlichen Denken eigen, sie hat aber keine Entsprechung in den verschiedenen epistemologsichen Entitäten wie einem Tisch, einem Planeten oder einem Mikroteilchen. Ein Mikropartikel oder ein Planet treffen diese Unterscheidung nicht.
Mein Ansatz der „Epistemologsich verschiedene Welten“ (EVWs) bezieht sich auf epistemologisch verschiedenen Entitäten. Er beschreibt die Art und Weise, wie diese Entitäten „wahrnehmen“, d.h. wie jede Entität nur mit anderen Entitäten aus dem gleichen epistemologsichen Welt (EW) interagiert. Eine Entität aus einer EW existiert nicht für eine epistemologische Entität einer anderen EW.
BdgF: Wie kommen Sie auf die Idee, dass das, was wir jeden Tag erleben, in Wirklichkeit eine Illusion sein könnte?
GV: Nehmen Sie das Beispiel eines Körpers, der auf einer Straße geht.
Das Selbst (der Geist) ist eine epistemologische Welt (EW), der Körper und das Gehirn gehören zu einer anderen EVW, der Makro-EW. Das Selbst (der Geist) existiert nicht für das Gehirn bzw. den Körper, da eine EW nie für eine andere, von ihr verschiedene EW existiert.
Das Selbst „hat“ die Erfahrung des entsprechenden Körpers nur indirekt, durch „Korrespondenz“. Das Selbst (der Geist) befiehlt dem Körper nicht zu gehen, da der Geist ein EW ist, die für das Gehirn bzw. den Körper nicht existiert. Es ist das Gehirn, das den auf der Straße gehenden Körper kontrolliert.
Gleichzeitig steuert das Selbst bzw. der Verstand die internen Bilder, die Repräsentationen des entsprechenden „Körper, der auf einer Straße geht“ sind. Es sind verschiedene EDWs, die Verstandes-EW und die Makro-EW.
BdgF: Sie sagen, die Einhornwelt sei nicht nur eine Illusion, sondern auch der größte Feind der menschlichen Erkenntnis. Warum das?
GV: Weil vor mir jeder – ich meine wirklich JEDER – mit der Einhornwelt, also dem „Universum“ bzw. der „Welt“, gearbeitet hat. Und dies war ein FALSCHES Paradigma des Denkens. Warum? Wie bereits gesagt, wurden alle verschiedenen epistemologischen Entitäten in denselben Rahmen (genannt „das Universum“ oder „die Welt“) gestellt. Das war der größte Fehler in der Geschichte des menschlichen Denkens.
BdgF: Ist die Theorie der epistemologsich verschiedenen Welten (EVWs) Naturwissenschaft oder Philosophie? Oder gar Metaphysik?
GV:Meine Entdeckung der EVWs vereint Naturwissenschaft und Philosophie (In einem anderen Zusammenhang habe ich auch angedeutet, dass Gott gar nicht existieren kann, es wird also jede Form von Religion abgelehnt. Sie können den Artikel „God cannot even exist“ auf meiner Homepage gratis herunterladen).
Ich habe auch ein Buch über meine Metaphysik geschrieben, aber die Unterscheidung zwischen Epistemologie und Metaphysik ist im Zusammenhang mit den EVWs völlig falsch, da die Unterscheidung zwischen Epistemologie und Ontologie falsch ist.
BdgF: Die Idee von „vielen Welten“ findet sich auch bei theoretischen Physikern wie Stephen Hawking, die von „Parallelwelten“ und einem „Multiversum“ sprechen. Hat diese Idee etwas mit Ihrer Theorie der EDWs zu tun?
GV: Everett war der erste, der in den 50er Jahren „viele Welten“ eingeführt hat. Allerdings sind seine „vielen Welten“ völlig anders als meine EVWs. Außerdem sind „Parallelwelten“ und „Multiversum“ nichts anderes als verschiedene Universen, die sich im selben „raumzeitlichen Rahmen“ gestellt sind. Mit anderen Worten, es gibt ein Universum, das eng an ein anderes angrenzt. Alle diese Universen befinden sich innerhalb des Makro-EW. Jedes Universum existiert ganz real für die anderen Universen, auch wenn zwischen ihnen große Entfernungen bestehen. Für mich existiert ein EW nicht für ein EW. Deshalb sind meine EDWs etwas ganz anders als die „Parallelwelten“ oder das „Multiversum“.
BdgF: Paralleluniversen, ein Multiversum – ist das für Sie Physik oder Metaphysik?
GV: Wie für die parallelen Welten gerade gesagt: ein Universum befindet sich in der Nähe eines anderen Universums. Alle diese Universen sind Makro-Universen innerhalb des Makro-EW. Das ist „unbestätigte Physik“, aber keine „Metaphysik“.
BdgF: Sie sagten, man könne mit den EVWs auch das seit Jahrhunderten ungelöste Geist-Gehirn-Problem lösen. Die kognitive Neurowissenschaft befände sich in diesem Punkt noch in einem „prähistorischen Stadium“ (Kuhn) befindet. Was meinen Sie damit?
GV: Das Geist-Gehirn-Problem ist seit seinem Auftauchen innerhalb der Einhornwelt konstruiert worden. Es ist also ein Pseudo-Problem, das in einem falschen Rahmen entstanden ist. Warum ist es ein Pseudo-Problem?
Da aus meiner EVW-Perspektive der Geist nicht für das Gehirn (bzw. den Körper) und das Gehirn nicht für den Geist existiert, ist es sinnlos, nach der Beziehung zwischen dem Geist und dem Gehirn zu fragen. Es gibt nur eine Korrespondenz zwischen ihnen, mehr nicht. Die kognitive Neurowissenschaft ist schon deshalb eine Pseudowissenschaft, weil sie epistemologsiche Entitäten zusammenführt, die zu verschiedenen epistemologsichen Welten (EVWs) gehören. Die Forscher dieser „Wissenschaft“ versuchen, den Geist mit dem Gehirn wissenschaftlich zu verbinden! Aber diese Idee ist völlig falsch. Auch die Identitätstheorie ist falsch, da der Geist nicht mit dem Gehirn identisch ist. Der Hauptbegriff aus diesem Bereich, die „Korrelation“, ist in der Einhornwelt konstruiert und daher ebenfalls völlig falsch. Da der Geist dem gesamten Gehirn und Körper (in einer Makro-Umgebung) entspricht, sind Korrelationen zwischen einem mentalen Zustand und bestimmten „neuronalen Zuständen“ bedeutungslos! Es gibt nur große Annäherungen zwischen mentalen Zuständen und neuronalen Zuständen, mehr aber nicht.
Selbst wenn die Forscher in Zukunft immer bessere und leistungsfähigere „Gedankenlesemaschinen“ entwickeln, werden diese Maschinen nur immer bessere „Näherungskorrelationen“, aber keine „Identitäten“ zwischen den mentalen Zuständen und den neuronalen Zuständen nachweisen können.
Ein wichtiger Grundsatz aus meiner EVWs-Perspektive: „Alle mentalen Zustände sind das Selbst“. Ein mentaler Zustand ist das Selbst bzw. der Geist, also kann ein mentaler Zustand nicht vom Geist isoliert werden. Wenn wir also einen mentalen Zustand mit bestimmten neuronalen Zuständen identifizieren wollen, ist das ein großer Fehler, da alle mentalen Zustände das Selbst (der Geist) sind und der gesamte Geist dem gesamten Gehirn bzw. dem Körper (der in seine Umgebung gestellt ist) entspricht. Daher sind das „Bindungsproblem“ [Das Problem, wie aus den in verschiedenen Gehirnregionen vorliegenden Teilinformationen ein einheitlicher Eindruck entsteht. A. S.] und die „Lokalisierung“ aus der kognitiven Neurowissenschaft Pseudoprobleme (keine „wissenschaftlichen Probleme“), gerade weil diese Probleme keinen ontologischen Hintergrund haben und auch nicht haben können.
BdgF: Wenn Geist und Gehirn zu verschiedenen Epistemologischen Welten gehören, welcher Art ist dann die „Korrespondenz“ zwischen ihnen, die Sie erwähnt haben?
GV: Gute Frage! Die Vorstellung der „Korrespondenz“ hat keinerlei ontologischen Hintergrund. Der Hauptbegriff aus der Perspektive der EVWs, die Korrespondenz, bezieht sich also auf die epistemologisch unterschiedlichen Entitäten, die zu den EVWs gehören. Wie auch immer, die Korrespondenz zwischen einem mentalen Zustand und einigen neuronalen Aktivierungsmustern ist und bleibt eine sehr ungefähre Vorstellung. (Wir müssen berücksichtigen, dass ein mentaler Zustand nicht nur einem neuronalen Aktivierungsmuster und der Aktivierung bestimmter Neuromodulatoren und Neurotransmitter entspricht, sondern auch der Aktivierung bestimmter elektromagnetischer Wellen – mit unterschiedlichen Frequenzen – im Gehirn).
BdgF: Wie lautet also zusammengefasst Ihre Lösung des Geist-Gehirn-Problems?
GV: Ich habe Geist-Gehirn-Problem in dem Sinne „gelöst“, als ich gezeigt habe, dass es sich dabei um ein Pseudo-Problem handelt. Der Geist ist eine EW und das Gehirn (bzw. der Körper) ist eine Entität in einer anderen EVW, der Makro-EW. Da der Geist nicht für das Gehirn existiert und das Gehirn nicht für den Geist, ist es sinnlos, nach der Beziehung zwischen Geist und Gehirn zu fragen.
BdgF: Herr Professor Vacariu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*
Prof. Gabriel Vacariu lehrt am Fachbereich Philosophie an der Universität in Bukarest Philosophie des Geistes, kognitive Neurowissenschaften, Epistemologie und Wissenschaftsphilosophie. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Auf deutsch ist von ihm erschienen: Die Relativität von „Welt“: Wie Pseudoprobleme in den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Quantenphysik durch EDWs zu vermeiden sind, Springer 2016.
Guten Abend allerseits! Das Geist-Gehirn-Problem beschäftigt die Menschheit seit der Antike. Hinsichtlich des Gehirns gab es dank boomender Forschung in den letzten Jahrzehnten einen explosionsartigen Wissenszuwachs. Dennnoch sind die vollmundigen Ankündigungen aus den 10er-Jahren, die Neurowissenschaften würden die „schweren Fragen der Erkenntnistheorie“ angehen und ein „neues Menschenbild“ schaffen, folgenlos verklungen.
Ernüchtert müssen wie feststellen: Die Aussagen der Neurowissenschaftler bewegen sich noch immer auf dem Niveau von Fußballweisheiten. Für die Praxis gilt: „Das Gehirn ist (annähernd) rund“ und „Wichtig ist im Gehirn“, während wir für die theoretische Seite festhalten können: „Nach der Theorie (des Geistes) ist vor der Theorie“, denn „Eine neue Theorie gilt immer nur 90 Minuten“.
Was lag da näher, als die wichtigste Nebensache der Welt (das Geist-Gehirn-Problem) mit der wichtigsten Hauptsache der Welt (Fußball) zusammenzubringen und die Geschichte der Philosophie des Geistes als Fußballpartie darzustellen?
Die beiden Mannschafen „Team Geisteswissenschaften“ und „Team Naturwissenschaften“, sind bereits beim Gespann der Unparteiischen – dem Bieri-Trilemma – und führen die Seitenwahl durch. Es kommentiert Dirk Boucsein. Schaun mer mal!
Die Philosophie des Geistes – der UEPhA-Cup der Ismen
Die Geschichte der „Philosophie des Geistes liest sich wie eine Chronik zum Wettkampf der verschiedenen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen „Ismen“ (Plural des -ismus, z. B. Materialismus, Idealismus, Positivismus,…). Viele Verbalschlachten, Begriffsscharmützel und Wortstellungskriege der Vergangenheit wären aber sicherlich vermeidbar gewesen, hätte man sich im Vorfeld auf eine gemeinsame Sprache – oder zumindest auf eine einheitliche Konnotation eines bestimmten Begriffes geeignet. Wenn es mir an dieser Stelle gestattet sei, würde ich gerne diesen Kampf der Ismen aber nicht so martialisch beschreiben, sondern lieber zu dem Begriff „UEPhA (Union of European Philosophy Associations)-Cup„-Spiel zwischen dem Team der Geisteswissenschaften (Soziologie, Geschichte, Linguistik,…) und dem der Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie,…) wechseln. Auch wenn ich keine Ahnung vom Fußball habe, aber damit es in der PdG nicht ganz so kopflastig wird 😉
Im Folgenden möchte ich versuchen, anhand einiger ausgewählter Begriffsanalysen den jeweiligen Standpunkt der vermeintlich diametralen Lager in der Philosophie des Geistes deutlich zu machen, um in einem letzten Schritt die bereits gebildeten Gräben und Risse wieder zu zuschütten und zu kitten. Meine Arbeitshypothese soll darin liegen zu zeigen, dass Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften nur die zwei Seiten ein und derselben Münze sind und in der Philosophie des Geistes oder Neurowissenschaft eine gemeinsame Schnittstelle besitzen. Diese Schnittstelle sehe ich in der relativ jungen Disziplin der Neurophilosophie gegeben, auf die ich aber in meinem weiteren Artikel „Die Neurophilosophie“ (https://philosophies.de/index.php/2021/02/15/die-neurophilosophie/) aufgrund der ansonsten entstehenden „epischen Länge“ gesondert eingehen möchte.
Zur Erläuterung meiner Arbeitshypothese sei mir hier zunächst einmal eine begriffliche Standortbestimmung und Einordnung der Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft in die Genese und Evolution der Philosophie des Geistes erlaubt.
Das alte Schisma Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft
»Als Gegner stehen einander nicht zwei wissenschaftliche Fächer gegenüber, mit unterschiedlichen Gegenständen, aber ähnlichem Wissenschaftsverständnis, sondern zwei wissenschaftliche Konfessionen, deren Auseinandersetzungen nicht selten Züge eines Glaubenskrieges annehmen.« (Vowinckel, in: Zwischen Natur und Kultur, S. 35)
Es soll im Folgenden zunächst einmal um die Klärung des „Wissens-„/“Wissenschafts-„Begriffes gehen. Doch schon an dieser Stelle tritt eine begriffliche Verwirrung auf. Bedeutet die begriffliche Unterscheidung in Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, dass sich die „Geisteswissenschaften“ (Dilthey, Hegel) nur mit dem „Geist“ und nicht mit der „Natur“ und die „Naturwissenschaften“ nur mit der „Natur“ und nicht mit dem „Geist“ beschäftigen? Diese – bei näherer Betrachtung – doch sehr merkwürdige Begriffswahl erscheint nicht nur im deutschen Sprachraum. In der angelsächsischen Sprache ist der Wissenschaftsbegriff noch stärker polarisiert. Man unterscheidet hier „science“ von „humanities„, wobei sich der Begriff „science“ hauptsächlich auf die „natürlichen Wissenschaften“ (natural science, life science, physical science,…) bezieht und „humanities“ auf die „menschlichen Wissenschaften“. Also dürfte auch im Angelsächsischen „science“ unmenschlich sein, ebenso wie die „humanities“ (anthropology, history, philosophy,…) unnatürlich wären, sonst benötigte man keine solche Unterscheidung der Wissenschaftsobjekte. Die Differenzierung zielt aber im Deutschen, wie im Angelsächsischen weniger auf das Objekt der Untersuchung, sondern liegt eigentlich viel mehr in dem vermeintlichen Unterschied der Methodik. In den Naturwissenschaften wird nach eigener Aussage eher empirisch, induktiv und reduktiv gearbeitet, wohingegen die Geisteswissenschaften ihre Methodik vielleicht eher als logisch, deduktiv und spekulativ bezeichnen würde. Dieser künstlich-erzeugte Dualismus hat – wie man später noch sehen wird – weitreichende Konsequenzen hinsichtlich der Evaluation von Ergebnissen, am Beispiel der Philosophie des Geistes vs. der Neurowissenschaft. Aber zunächst soll hier erst einmal der „Graben/Riss“ an dem Begriff der „Wissenschaften“ gezeigt werden.
„Hiatus philosophicus“ – der Riss im Wissen
Der eigentliche Graben/Riss in der Philosophie („Hiatus philosophicus“) ist vielleicht noch nicht so alt wie das Schisma der katholischen Kirche von 1054. Er ist aber schon angelegt in den Anfängen der Philosophie in der Antike, bei den „ollen Griechen“, hier besonders Platon (* 428/427 v. Chr. in Athen oder Aigina; † 348/347 v. Chr. in Athen) und sein Schüler Aristoteles (* 384 v. Chr. in Stageira; † 322 v. Chr. in Chalkis auf Euböa):
„Die Griechen sind von maßgeblicher Bedeutung, weil sie bei der Kontrastierung von moderner und vormoderner Wissenschaftlichkeit einen Angel- und Wendepunkt in der Geschichte bilden. Sie stellen in der Weltgeschichte der Wissenschaften eine Zwischenstufe dar: ein Scharnier zwischen den ersten Anfängen der Wissenschaft bei den antiken Hochkulturen und der elaborierten Wissenschaftssystematik der Moderne.“ (Tim Kunze: „Der Riss im Wissen. Zum Problem des Unterschieds zwischen Natur- und Geisteswissenschaft in der griechischen Antike, anhand von Aristoteles‘ Physik und Politik“, S. 21)
Die verschiedenen Wissensstufen des antiken Griechenlands
Im antiken Griechenland wurde lediglich zwischen verschiedenen Wissensstufen unterschieden:
1. Vorwissenschaftliches Wissen:
a) ἐμπειρία (empiria ≈ bloßes Erfahrungswissen),
b) ἱστορία (istoria ≈ gesammelte Einzelkenntnisse) und
c) τέχνη (téchne ≈ systematisch-praktisches Wissen in Form von praktischem Können)
2. wissenschaftliches Wissen: ἐπιστήμη (epistéme ≈ theoretisches Wissen in Form von Gelerntem oder Erdachtem
3. philosophisches Wissen: φιλοσοφία (philosophia ≈ höchste Wissensstufe als Sammlung von verschiedenen Weisheiten/Wissen)
„Bezüglich der Differenzierung von vorwissenschaftlichem und wissenschaftlichem Wissen zeigt sich Folgendes: In der Moderne wird ein bestimmter Begriff der «Wissenschaft» bzw. «science» vorausgesetzt und über dessen Ausdehnung gestritten («Wissenschaft» qua strenge Wissenschaft vs. Geistes«wissenschaft» u. dgl.). Bei den Griechen stellt demgegenüber weniger die Breite eines normativen Konzepts, sondern die Begriffsüberlappung das Hauptproblem dar. Neben dem Begriff ἐπιστήμη [epistéme] dienen auch μαθήματα [mathímata] oder gar τέχνη [téchne] u.ä. als Bezeichnung für wissenschaftliches Wissen, und die allgemeine Bedeutung von ἐπιστήμη [epistéme] als „Wissen“ lebt weiterhin fort.“ (Tim Kunze: „Der Riss im Wissen…“, S. 25)
Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft
Für Platon und Aristoteles stellte sich die Frage nach der Definition der „Wissenschaft“ geschweige denn der Abgrenzung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft noch überhaupt nicht. Bis in die Moderne differenzierte sich allerdings der Wissenschaftsbegriff sehr stark, wobei die Naturwissenschaft ihre Wurzeln stärker in empiria und téchne schlugen und die Geisteswissenschaft sich lieber über die epistéme und philosophia verorten lassen wollten. Die philosophia wurde gegenüber dem antiken Konzept stark entwertet und einfach der Geisteswissenschaft zugeschlagen. Diesen Hiatus philosophicus zu verorten ist nicht so einfach, da es sich eigentlich um einen kontinuierlichen Prozess gehandelt hat. Man könnte aber Francis Bacon als ersten „modernen Naturwissenschaftler“ bezeichnen, da er sich von der epistemischen Scholastik in Form der „Naturphilosophie“ abwendet und sich der durch empirische Daten (empiria) gewonnen Erkenntnis und technischen (Aus-)nutzbarkeit (téchne) zuwendet. Mit den antiken Begriffen veranschaulicht – ohne eine Bewertung zu beabsichtigen – bedeutet dies, dass die niederen, antikenWissensstufen „techné“ und „empiria“ aufgewertet und die höheren Wissensstufen „philosophia“ und die „epistéme“ abgewertet wurden.
Diese wissenschaftsgeschichtliche Vorbetrachtung ist aber wichtig für das weitere Verständnis des darauf folgenden späteren Kampfes zwischen der Geisteswissenschaftund Naturwissenschaftin Form der Ismen in der Philosophie des Geistes.
Die Philosophie des Geistes – der UEPhA-Cup der Ismen
Das Schiedsrichtergespann soll das in meinem vorherigen Essay „Der Geist in der Materie“ beschriebene Bieri-Trilemma abgeben, da es die zugrundegelegten Basen der jeweiligen Ismen besser bewertbar macht; das gilt im Übrigen sowohl für die Dualismen und Monismen. Das Bieri-Trilemma soll in diesem Sinne ausdrücklich keine neue Theorie sein, sondern lediglich nur ein Instrument dienen. Wenn ich das Bieri-Trilemma aus diesem Grunde noch einmal kurz vorstellen dürfte:
Dualismus:
(1) Mentale Phänomene sind nicht-physikalische Phänomene. (2) Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam. (mentale Verursachung; z.B. allg. für Verhalten, „vor Scham erröten“) (3) Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen.
Jede der drei Annahmen wirkt auf den ersten Blick plausibel: Zu (1): Das Bewusstsein scheint durch seine interne Struktur – insbesondere durch das subjektive Erleben – von jedem physischen Ereignis verschieden. Zu (2): Mentale Phänomene (etwa Angst) scheinen ganz offensichtlich Ursache von physischen Phänomenen (etwa Weglaufen) zu sein. Zu (3): In der physischen Welt scheinen jedoch immer hinreichende, physische Ursachen auffindbar zu sein.
Monismus:
(1) Wenn mentale Phänomene im kausal geschlossenen Bereich physischer Phänomene eine kausale Rolle spielen sollen, dann müssen sie physische Phänomene sein. (2) Mentale Phänomene sind M. (3) Phänomene, die M sind, können nicht physische Phänomene sein. (M steht für Charakteristika, denen Eigenschaften zugesprochen werden, die exklusiv mentalen Phänomenen zugeordnet werden.) (Peter Bieri: „Analytische Philosophie des Geistes„, S. 9.)
Das Trilemma besteht nach Bieri darin, dass die Sätze paarweise, aber nicht alle zugleich wahr sein können. Wenn mentale Phänomene auf die physikalische Welt einwirken können (1 und 2), so ist sie nicht geschlossen (Widerspruch zu 3). Wenn dagegen das Mentale von der physischen Welt unabhängig ist und die physische Welt kausal geschlossen (Satz 1 und Satz 3), so kann es keine Wirkung mentaler Phänomene auf die physikaische Welt geben (Widerspruch zu 2). Wenn mentale Phänomene physische Vorgänge verursachen und die physische Welt kausal geschlossen ist (2 und 3), so muss das Mentale auf die physische Welt reduzierbar sein (Reduktionismus, Widerspruch zu 1).“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bieri-Trilemma)
Die Untersuchung in wie weit die Prämisse (3) überhaupt Bestand hat, muss leider auch noch auf den späteren Essay „Neurophilosophie“ verschoben werden.
Anstoß der Partie durch die Geisteswissenschaft
Der Wettkampf um den UEPhA-Cup der Philosophie des Geistes wird selbstverständlich durch das Team um die Geisteswissenschaft angestoßen, da zu Beginn des „Spiels“ die Mannschaft um das Team Naturwissenschaft noch Probleme mit der richtigen Technik zur Behandlung des Objektes „Geist“ (der Begriff ist übrigens sprachlich auch nicht unproblematisch) haben. Es fehlen die empirischen Daten.
„Sokrates: Unser Leib, wollen wir nicht sagen, der habe eine Seele? Protarchos: Offenbar wollen wir das. Sokrates: Woher aber, o lieber Protarchos, sollte er sie erhalten haben, wenn nicht auch des Ganzen Leib beseelt wäre, dasselbe habend wie er und noch in jeder Hinsicht trefflicher?“ (Platon: Dialog „Philebos“ (30a).
Der Ball landet auch im gegnerischen Spielfeld, wo er von den Verteidigern des Teams NW, den „Atomisten“ Leukipp, Demokrit und Epikur mit ihrer substanzmonistischen Theorie zunächst einmal abgewehrt wird (die Idee wird aber – wie man später noch sehen wird – zum Physikalismus in Form der „Identitätstheorie“ ausgebaut). Platons eigentlicher Plan lag zwar eher darin, die Unsterblichkeit der Seele zu postulieren, aber von nun an ist die Differenz zwischen zwei vermeintlichen Entitäten dem „Leib“ und der „Seele“ unwiderruflich in der Welt. Er liefert in seinem Dialog „Phaidon“ allerdings keine genaue Definition zu dem Begriff „Seele“, „was es ist zu sein„, außer dass sie etwas Immaterielles (Nicht-Körperliches) sein soll.
„Ich kann mir klar und deutlich vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert. Was man sich klar und deutlich vorstellen kann, ist zumindest prinzipiell möglich. Also ist es zumindest prinzipiell möglich, dass Geist ohne Materie existiert. Wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie existiert, dann müssen Geist und Materie verschiedene Entitäten sein. Da also Geist und Materie verschiedene Entitäten sein müssen, ist der Dualismus folglich wahr.“ (René Descartes: „Meditationes de prima philosophia.“ (1641), S. 98)
Auf Descartes Interaktionismus gehe ich hier nicht ausführlicher ein, da ich ihn bereits in meinem letzten Essay „Der Geist in der Materie“ beschrieben habe. Nach Descartes ist die Seele zwar „unräumlich“, jedoch würde sie in engem Kontakt mit der Zwirbeldrüse stehen, die als Vermittlerin zwischen Körper und Seele fungieren soll. Dies konnte aber bis heute weder durch das Team um die Naturwissenschaft empirisch bestätigt werden, noch hielten die Kommentatoren aus der Geisteswissenschaft-Kurve diesen Ansatz für erfolgversprechend (Andreas Kemmerling: „Ideen des Ichs: Studien zu Descartes‘ Philosophie“ 1996).
Spinozas Substanzmonismus
Als taktischer Einzelspieler übernimmt nun aber Spinoza nochmals den Ball mit seinem Substanzmonismus. Der Substanzmonismus soll aber anders als bei den antiken „Atomisten“ nicht in der Materie, sondern in Gott als unendliche, substantiell in ihren Eigenschaften konstante, einheitliche und ewige „Substanz“ in allem Seienden (Pantheismus) gefunden werden. Die hieraus entwickelte Erkenntnistheorie für die Philosophie des Geistes führt bei ihm im Gegensatz zum IA zu einem psychophysischen Parallelismus. Der menschliche Intellekt kann Spinoza zufolge zwei „Attribute“ das „Denken“ (Geist) und die „Ausdehnung“ (Materie) der einen Substanz natura naturans = schöpferische Natur (Gott) erkennen.
Leibniz Parallelismus
Dieselbe Taktik verfolgt ebenfalls sein Parallelismus-Mitspieler Leibniz, der jeglichen psychophysischen Interaktionismus zwischen Leib und Seele ablehnt und diese nur als zwei Uhren vergleicht, die voneinander getrennt, aber durch Gott vollkommen synchronisiert, ablaufen würden. Die perfekte Parallelität ohne Kausalität erscheint schon damals fragwürdig, aber endgültig scheitert der Pass durch seinen Determinismus an den Verteidigern der „Willensfreiheit„. Wie stabil diese Verteidigungsmauer ist, muss allerdings auch in einem späteren Essay untersucht werden. Auch ein weiterer idealistischer Parallelismus-Spieler Kant kommt mit seinem torgefährlichen Doppelpass in Form des transzendental-apriorischen Eigenschaftsdualismus weit in den Strafraum des NW. Er kann aber leider auch nicht erfolgreich abschließen, da das Bieri-Trilemma-Schiedsrichtergespann ihn im Abseits sieht, wie ich auch bereits in „Der Geist in der Materie“ dargestellt hatte.
Der Bieri-Trilemma-Schieri muss nun allerdings auch endlich mal einschreiten und das „Spiel abpfeifen“, da bei allen Spielzügen des Teams um die Geisteswissenschaft, sowohl beim Substanzdualismus, als auch beim Substanzmonismus, die Prämisse (1) mit der Prämisse (2) konfligieren, entweder weil sie zu einseitig (1) oder (2) betonen oder weil sie mit Prämisse (3) nicht mehr unter einen Hut gebracht werden können. Dies führt natürlich dazu, dass nun das Team um die Naturwissenschaft in einen längeren Ballbesitz kommen, wobei sie beabsichtigen, über die Empirie zu verlässlichen Daten und schließlich zu stabilen Theorien in der Philosophie des Geistes zu gelangen.
Konter durch die Naturwissenschaft
Huxleys Epiphänomenalismus
Als neuen Spielzug im UEPhA-Cup wurde der Epiphänomenalismus durch das Team Naturwissenschaft in Form der Spieler Bonnet oder dem populäreren Spieler Thomas Henry Huxley (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn, dem Autor Aldous Huxley „Schöne, neue Welt, s. „Das Technopol„) – auch als „Automatismus“ genannt – in die Philosophie des Geistes gebracht. Der Epiphänomenalismus baut ebenfalls auf einem Substanzdualismus auf, bezieht sich aber eher auf die Eigenschaften der Materie, so dass er auch als Eigenschaftsdualismus bezeichnet wird. Die taktische Idee des Epiphänomenalismus kann man als „lange Flanke“ sehen, die nur eine Richtung kennt: das Physische hat Auswirkungen auf das Mentale, aber nicht umgekehrt. Der immaterielle Geist, die Seele „erscheint“ nur als Epiphänomen der Materie und ist damit für den Epiphänomenalismus eigentlich redundant. Wie dies die Materie im Gehirn bewerkstelligt, bleibt der Epiphänomenalismus damals (aber auch heute noch) trotz zahlreicher empirischer Daten (EEG, CT, MRT, DTI,…) schuldig, obwohl auch hier neue Spieler, wie zum Beispiel Thomas Metzinger mit seinem Phänomenalen Selbstmodell (PSM) ins Team aufgenommen wurden.
Team Naturwissenschaften (Bild: philosophies)
Skinners Behaviorismus
Den Ball wollte sich natürlich die noch relativ junge Disziplin – die Psychologie – nicht wegnehmen lassen, da auch sie noch Probleme mit ihrer Standortbestimmung hatte, ob sie denn nun eher dem Geisteswissenschaft- oder Naturwissenschaft -Team angehören wollte. Um sich dem Naturwissenschaft -Lager anzuschließen, wurde ein Spieler namens Watson („Psychology as the Behaviorist views it“ (1913) auf das Spielfeld geschickt, der menschliches Verhalten („Behaviour„) durch seine „objektive Methode“ als Reiz-Reaktions-Schema („stimulus-response„) beschreiben wollte. Der Behaviorismus war begründet. Um es mit der Sprache des Behaviorismus zu sagen, der Epiphänomenalismus war der „Reiz“ und der Behaviorismus die „Reaktion“. Man wollte das Spielfeld nicht dem Materialismus der Geisteswissenschaft oder Physikalismus der Naturwissenschaft überlassen, sondern selber ein Team zusammenstellen. Skinner („Science and Human Behavior“ 1953) wurde als bekannter Spieler hinzugewonnen und verstärkte die Position im „radikalen Behaviorismus „. Der Behaviorismus geht allgemein davon aus, dass die dem beobachteten menschlichen Verhalten zugrundeliegenden, physiologischen Vorgänge als „Black Box“ nicht erschlossen werden können und auch dementsprechend irrelevant sind. Die Psychologie sollte zur „exakten Wissenschaft“ werden, die mit Hilfe von Experimenten und naturwissenschaftlichen Begriffen das menschliche Verhalten im biologischen Sinne exakt beschreiben konnte. Der Behaviorismus erwies sich allerdings, abgesehen von dem Nachwirken in der Psychologie in Form der „Experimentellen Verhaltensanalyse„, als entschiedener Fehlpass.
Places/Smarts Identitätstheorie
Insgesamt ist aber nun weiterhin das Team der NW mit der von Place und Smart begründeten Identitätstheorie im Ballbesitz. Die Identitätstheorie ist geradezu als Einwurf auf die gescheiterte Behaviorismus anzusehen, da sie beherzt die Spielstrategie wechselte. Der Substanzdualismus des Behaviorismus wird als falsch angesehen, da er scheinbar an der Prämisse (1) des Bieri-Trilemma gescheitert ist. Demgegenüber wird von der Identitätstheorie die Einheit von physisch-materiellem Körper und psychisch-mentalem Geist beschworen, weil sie die „physikalische Geschlossenheit“ der Prämisse (3) des Bieri-Trilemma erreichen möchte. Insofern könnte man auch den Transfer des Substanzdualismus zum Substanzmonismus als Eigenschaftsdualismus beschreiben, der doch wieder stark an den Epiphänomenalismus erinnert. Der Unterschied liegt allein darin, dass nun die psychisch-mentalen Zustände durchaus als gegeben erachtet werden, sie müssen allerdings durch das Physisch-Materielle realisiert werden. Diese taktische Festlegung führt zum Physikalismus, der von den logischen EmpiristenCarnap und Neurath aus dem Naturwissenschaft-Team begründet wurde, um sich vom „metaphysischen Begriff“ der Geisteswissenschaft, dem Materialismus zu distanzieren, der auf die Cambridger PlatonistenMore und Cudworth zurückgeht. Die Identitätstheorie verwendet interessanterweise beide Begriffe – ungeachtet der unterschiedlichen Lager – synonym.
Die Identitätstheorie erscheint allerdings in zwei unterschiedlichen Spielarten der Identität. Bei der Token-Identität handelt es sich um zwei konkrete Exemplare eines Typs, die identisch sind. Also der Spieler Place wird sowohl von dem Zuschauer A als auch von dem Zuschauer B als Exemplar gesehen, aber von beiden als Token-Identität betrachtet. Demgegenüber können bei der Typ-Identität bestimmte Mengen von Exemplaren zusammengefasst werden, die bestimmte Eigenschaften erfüllen. So kann man den Spieler Place mit der Eigenschaft, dass er im Spielfeld der Naturwissenschaft steht und das Trikot der Identitätstheorie trägt, als Typ-Identität sehen. Wenn nach Smart alle mentalen Zustände durch die Typ-Identität reduktiv auf bestimmte neuronale Zustände zurückführbar seien, so wäre es nur eine Frage der Zeit und der Forschung, bis die NeuroW alle offenen Fragen der Psychologie geklärt hätten. Man kann aber nun auch beobachten, dass er sich mit dem stark reduktiven Charakter der Typ-Identität „vertrippelt“ und den „Ball ins Aus“ geschlagen hat.
Putnams/Fodors Funktionalismus
Hier erfolgt nun erneut ein Einwurf durch den Funktionalismus, ausgeführt von den Spielern Putnam und Fodor, die versuchen das Problem der Identitätstheorie – die „multiple Realisierung“ – zu lösen. Wenn man annehmen kann, dass alle Wirbeltiere so etwas wie „Qualia„, z. B. „Schmerz“ als mentalen Zustand empfinden, wird man aber auch davon ausgehen können, dass der Spieler Place bei einem Beinbruch einen anderen neuronale Zustand besitzt, als der gemeine Lurch auf dem Platz. Der Funktionalismus versucht dieses Problem der multiplen Realisierung dadurch zu lösen, dass es den verschiedenen neuronalen Zuständen des Gehirns den gleichen funktionalen Zuständen zuordnet. Die mentalen Zustände werden dann einfach mit den funktionalen Zuständen gleichgesetzt. Die funktionalen Zustände werden gerne mit Hilfe der Automatentheorieerklärt, die davon ausgeht, dass ein funktionaler Zustand durch einen Input, einen entsprechenden Output liefert und hierbei in einen anderen funktionalen Zustand wechselt (s. „Colaautomat“ https://de.wikipedia.org/wiki/Funktionalismus_(Philosophie). Dieses Bild hat natürlich der Analogie von Gehirnfunktion und Computermodulation erheblichen Vorschub geleistet und eine Brücke zur Informatik und Kybernetik geschlagen.
bewusstes Erleben von mentalen Zuständen
Dem Funktionalismus kommt nun allerdings das „Bewusstsein“ in die Quere, was als Problem an dem „China-Gehirn„-Gedankenexperiment verdeutlicht wurde (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#Funktionalismus). Die Erklärung, wie der Geist in die Flasche oder hier in die Materie kommt, bleibt auch der Funktionalismus schuldig. Auch die funktionalen Zustände der neuronalen Gehirnaktivitäten liefern keine schlüssigen Theorien für das bewusste Erleben von mentalen Zuständen, die man als „Ich„, „Selbst“ oder auch die Wahrnehmung des „Anderen“ bezeichnen könnte.
Das Team wollte den Ball aber noch nicht als verloren geben, sodass es beim Bieri-Trilemma-Schieri einen Einspruch geltend machte, dass der Schieri befangen sei und zu oft falsch gepfiffen hätte. Man solte sich die Szenen noch einmal unter folgenden Voraussetzungen erneut anschauen und neu bewerten:
1. Der Materialismus ist wahr, mentale Zustände müssen materielle Zustände sein. 2. Die einzelnen reduktiven Vorschläge sind alle unbefriedigend: Mentale Zustände lassen sich nicht auf Verhalten, Gehirnzustände oder funktionale Zustände zurückführen.
Davidsons nicht-reduktiver Materialismus
Also mussten wieder ein paar Ersatzspieler von der Bank einspringen, die das Spiel noch zu retten versuchten. Die Rede ist vom nicht-reduktiven Materialismus, der von Davidson als „anomalen Monismus“ in Form des „Supervenienzprinzip“ eingeführt wurde. Das Supervenienzprinzip geht davon aus, dass die psychisch-mentalen Zustände des Gehirns von den physisch-materiellen Zuständen der Neuronen abhängig sind und nicht umgekehrt. Dieses Abhängigkeitsverhältnis der psychisch-mentalen Zustände von der physisch-materiellen Zuständen führte zu einem weiteren taktischen Spielzug; der „Emergenz„. Die Emergenz postuliert, das bestimmte Phänomene nur auf der Makroebene eines Systems erscheinen, aber nicht auf der Mikroebene der Systemkomponenten beobachtet werden können. Insofern spielt die Emergenz eine herausragende Rolle für den nicht-reduktiven Materialismus, da sie das Problem mit dem Bewusstsein dadurch versucht zu erklären, dass diese mentalen Zustände auf der Makroebene der menschlichen Kognition erscheint, er aber nicht in den neuronalen Zuständen der Gehirnaktivitäten nachzuweisen ist. Dies hat natürlich auch zu Buhrufen im Stadion geführt, da die Erklärung für eine materialistische Theorie als nicht sehr befriedigend erscheint und einige Fans der Naturwissenschaft hierin sogar wieder ein Foul durch einen Eigenschaftsdualismus der Geisteswissenschaft gesehen haben.
P./P. Churchlands eliminativer Materialismus
Zum Schluss gibt es noch einen letzten verzweifelten Angriffsversuch vor dem Abpfiff des Bieri-Trilemma-Schieris, der sich das Spiel auch nicht mehr länger anschauen konnte. Patricia und Paul Churchland schossen den Ball als eliminativen Materialismusauf das gegnerische Tor, indem sie einfach behaupteten:„Es gibt keine mentalen Zustände.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_Geistes#cite_note-32). Die Vorstellung von den mentalen Zuständen würden lediglich auf einer Annahme der Alltagspsychologie beruhen, die aufgrund der fortschreitenden Ergebnisse der Neurowissenschaft irgendwann einmal zum Paradigmenwechsel der zur Zeit noch bestehenden Theorien des Philosophie des Geistes führen würde.
Paradigmenwechsel durch die nichtreduktive, bidirektionale Neurophilosophie
Dass dieser Paradigmenwechsel zwingend notwendig erscheint, ist hoffentlich durch das Hin und Her im UEPhA-Cup der Ismen mehr als deutlich geworden. Allerdings sehe ich ihn eher darin, die beiden Teams GW und NW endlich wieder zu vereinen, da zur Lösung des Problems der Philosophie des Geistes wie der Geist in die Materie kommt, beide Methoden vonnöten sind. Dieses Zuschütten des Grabens oder das Kitten des Risses könnte die nichtreduktive, bidirektionale Neurophilosophie aus meiner Sicht leisten. Aber hierzu mehr in meinem nächsten Essay „Die Neurophilosophie„.
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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Dirk Boucsein philosophies. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und Blogbetreibers. Überschrift und Einleitung von Axel Stöcker.
Für die jungen Leute ist es selbstverständlich andere „im Netz“ kennenzulernen, zu treffen oder zu „daten“. Da wird dann vorher erst mal per App abgecheckt, ob der oder die andere auch zur eigenen Peergroup gehört. Jedenfalls stelle ich mir das in meiner Ahnungslosigkeit ungefähr so vor. Meine Generation ist da noch anders gepolt. Bei uns musste das Leben noch ohne Netz funktionieren (manchmal tut es das auch heute noch) und Begegnungen waren nicht planbar und hatten daher immer auch etwas schicksalhaftes.
Manchmal kommt aber auch beides zusammen. Ich stieß vor kurzem bei Facebook auf die Seite eines Philosophieblogs und da fiel es mir gleich ins Auge: Bieri-Trilemma, Qualia, Geist-Gehirn-Problem… Das sind doch auch Schwepunktthemen bei mir. Dann – ganz modern per Skype – mit dem Blogger Kontakt aufgenommen und es stellte sich heraus: Es gibt noch mehr Parallelen. Alter, Beruf, früherer Berufswunschn, Interessen… Gleiche Peergroup, ganz ohne App.
Natürlich nicht wirklich ein Doppelgänger. Die Themen behandelt Dirk Boucsein auf seinem Blog „philosophies“ aus einer ähnlichen Perspektive, aber nicht derselben. Grund genug jedenfalls, ihm die „großen Fragen“ zu stellen.
Wofür lassen Sie alles stehen und liegen?
Wenn es etwas Leckeres zu essen oder zu trinken gibt. Draußen die Sonne scheint. Oder am besten, wenn alle drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind. Also draußen picknicken im Sonnenschein.
Welche Themen interessieren Sie am meisten?
Die Grenzbereiche zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, weil ich selber aus so einem Grenzbereich komme und nie verstanden habe, warum man eine solche Grenze gezogen hat. Zum Beispiel im Bereich der Philosophie des Geistes und seiner Schnittstelle zur Neuro- und Kognitionswissenschaft wird ganz klar deutlich, dass die eine Wissenschaft ohne die andere gar nicht kann und im höchsten Maße Interdisziplinarität gefragt ist.
Welcher Wissenschaftler fasziniert Sie besonders?
Eigentlich keiner, höchstens Stephen W. Hawking, aber eigentlich eher wegen seiner Lebensgeschichte. Dass es ihm trotz – oder gerade wegen – seiner ALS-Erkrankung gelungen ist, sich über sein Schicksal hinweg zu setzen und solch große Leistungen im Bereich der Theoretischen Physik erbracht hat. Hawking hat mal gesagt, dass er aufgrund seiner motorischen Erkrankung gezwungen war bildlich statt sprach-schriftlich zu denken. Das fand ich sehr interessant und inspirierend auch hinsichtlich der Funktionsweise unseres Gehirns.
Und welcher Philosoph?
Wenn überhaupt dann Michel Foucault und seine anderen Kumpels vom französischen Poststrukturalismus (Derrida, Deleuze, Lacan), weil ich hier in der Diskursanalyse während meines Studiums zum ersten Mal ein passendes Werkzeug gefunden habe, um zum Beispiel Macht- und Wissensfrage (gehört ja zusammen: Wissen ist Macht 😉 besser untersuchen zu können. Das hat mich seitdem nicht mehr losgelassen und jetzt vermute ich hinter allem eine Struktur (just kidding).
Welche drei Bücher würden Sie den Lesern des Blogs der großen Fragen empfehlen?
Puh, schwierig sich auf 3 Bücher zu reduzieren. Aber dann würde ich tatsächlich mal die drei nehmen, die ich zur Zeit auch immer mal wieder in die Hand nehme und die auch nicht Gefahr laufen langweilig zu werden: 1. Michel Fouault, Archäologie des Wissens 2. Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode und 3. Stephen W. Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit.
Welche Musik mögen Sie?
Eigentlich fast alles, aber hauptsächlich Depeche Mode.
Auf welchem Gebiet herrscht heutzutage die größte Unwissenheit?
Die größten Entdeckungen sind meines Erachtens noch im Bereich der Hirn- und Kognitionsforschung zu erwarten, da wir von der adäquaten Beschreibung der Funktionsweise unseres Oberstübchen noch Lichtjahre entfernt sind. Wir wissen noch viel zu wenig, wie der Geist in die Flasche oder besser gesagt in die Materie kommt. Sehr spannendes Thema, das aber auch leider mit sehr viel Unwissenheit verknüpft ist. Besonders die Hybris des Materialismus/Physikalismus des naturwissenschaftlichen Lagers macht die Sache nicht einfacher, sondern führt zu populärwissenschaftlichen Fehldeutungen.
Was macht eine Frage bedeutend?
Dass sie etwas Existenzielles besitzen muss. Reine Scholastik ist langweilig und ermüdend. Sie muss der Impuls für neue Fragen sein und am besten noch eine Auswirkung auf das reale Leben haben.
Eine Fee verspricht Ihnen die Antwort auf eine beliebige Frage. Was fragen Sie?
Bist du echt? Ne, verdammt, dann ist sie wahrscheinlich schon weg. Dann vielleicht: „Was passiert mit mir, wenn ich tot bin?“
Wo sehen Sie Grenzen menschlicher Erkenntnis?
Die sind aus meiner Sicht sehr schnell erreicht. Ich würde mich sogar dazu hinreißen lassen zu behaupten, alles, was wir erkennen können, sind wir selbst. Also im Sinne Hans Blumenbergs als postulierter Anthropozentrismus finden wir bei all unseren Forschungen zu der Wirklichkeit und den letztendlich absoluten Wahrheiten nur uns selber immer wieder. Ich will nicht soweit gehen und von Solipismus sprechen, aber wenn einer mit absoluten Wahrheiten gerade in der Ontologie und Epistemologie daherkommt, werde ich immer sehr skeptisch.
Jemand erklärt Ihnen, die Frage nach Gott sei belanglos. Was antworten Sie?
Okay, kein Problem oder besser gesagt, Dein Problem. Wir sprechen uns wieder, wenn der Sensenmann an der Tür klopft. Ich halte Glauben für etwas sehr Persönliches um nicht zusagen Privates. Ich gebe offen zu, auch wenn es momentan moderner ist Atheist zu sein, dass ich zum Glauben an Gott gefunden habe. Ich habe nur weiterhin meine Probleme mit der Kirche.
Welche Bedeutung hat der Tod für Sie?
Oh, ich glaube, das ist aus meinen vorherigen Antworten ablesbar. Ich will mich nicht wiederholen, sondern nur ergänzen, dass der Tod etwas Elementares im Leben darstellt. Er hat zunächst einmal etwas Finales und macht aus diesem Grunde, das Leben und Erleben aber umso kostbarer. Ich habe nicht das Ziel sehr alt zu werden, eher nach der Devise: kurz und heftig als lang und langweilig. Also, wenn es soweit ist, will ich sagen: „Ich habe gerne gelebt, jetzt reicht es aber auch.“ PS: „Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder ;-)“
Der Nimbus der Weisen und Gelehrten speiste sich früher zum großen Teil aus deren Fähigkeit Antworten zu geben. Im Zeitalter von Google und Co. hat sich das relativiert. Man bekommt heute in Sekundenbruchteilen Antworten auf fast jede Frage, wenn auch nicht immer wirklich zufriedenstellende.
Etwas können Suchmaschinen aber nicht: selbst Fragen stellen. Neugierig sein und fragen – das bleiben menschliche Eigenschaften und sie sind es auch, die die Wissenschaft voranbringen.
Da ist es sicher kein Fehler, wenn ein Buch das Fragen in den Vordergrund rückt, so wie das neuste Werk des Physikers Ilja Bohnet: Die 42 größten Rätsel der Physik. In zwölf Kapiteln geht es um offene Probleme von der klassischen Physik bis zur Kosmologie. Von fachspezifischen Fragen nach der dunklen Materie oder dem Higgs-Feld über Fragen nach der Natur der künstlichen Intelligenz bis hin zu philosophischen Problemen wie „Ist die Natur überhaupt durch Physik beschreibbar?“ ist alles vorhanden. Und: Vieles hängt überraschenderweise miteinander zusammen.
Ilja Bohnet hat dazu 2 mal 42 Gespräche mit insgesamt 69 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geführt. Ich hatte die Gelegenheit mit ihm über sein Buch zu sprechen.
Blog der großen Fragen:Herr Bohnet, von Max Planck, einem der Begründer der Quantentheorie, wird folgende Anekdote erzählt: Ihm wurde im Alter 16 Jahren von dem Münchner Professor Philipp von Jolly geraten, seine Begabung nicht an ein Physikstudium zu verschwenden, da in dieser Wissenschaft keine wesentlichen Entdeckungen mehr zu erwarten seien. Von Jolly war selbst Physiker. Im Nachhinein muss man sagen: Eine grandiose Fehleinschätzung.
Ilja Bohnet:Eine wunderbare Anekdote, die verdeutlicht, wie vorsichtig man mit Prognosen und Aussagen über die Zukunft sein muss. Dem Physiker Niels Bohr wird folgender Satz zugeschrieben: „Prediction is very difficult, especially if it’s about the future.“ Es ist nicht ganz klar, ob er das wirklich gesagt hat, aber der Satz drückt eine herrlich-selbstironische Vorsicht gegenüber Zukunftsaussagen aus. Der Historiker Joachim Radkau beschäftigt sich in seinem Buch „Geschichte der Zukunft“, wie sich technisch-wissenschaftlich-gesellschaftliche Zukunftsvisionen in den vergangenen hundert immer wieder aufgelöst und verändert haben. Er formuliert drei Prämissen, wie man auf und in die Zukunft schauen sollte: 1. Erwarte das Unerwartete. 2. Prüfe stets die Prämissen von Prognosen aufs Neue, statt Endzeitszenarien oder fantastischen Utopien anzuhängen. 3. Beachte, bei Kurzzeitprognosen das Trägheitsgesetz des Bestehenden nicht außer Acht zu lassen, während bei Langzeitprognosen stets mit überraschenden Wendungen zu rechnen ist.
Das hätte vielleicht auch von Jolly bedenken sollen, als er seine Fehleinschätzung kundtat, dass es im Grunde unmöglich sei, in der Physik Neues zu finden. Als Autor auch von belletristischer Literatur sei mir erlaubt, in diesem Zusammenhang noch einen Altmeister der Science-Fiction zu zitieren, nämlich Arthur C. Clarke, der gesagt hat: „Stellt ein erfahrener distinguierter Wissenschaftler fest, dass etwas möglich ist, dann hat er fast mit Sicherheit recht, behauptet er etwas sei unmöglich, dann hat er sich sehr wahrscheinlich geirrt.“
BdgF:Die Geschichte ist rund 150 Jahre alt. Wie schätzen die heutigen Physiker die Situation ein?
IB: Einerseits ist die Situation eine ganz andere als damals, andererseits gibt es durchaus Parallelen, die einen nachdenklich stimmen.
Zuerst zu den Unterschieden: Der heutige Wissenschaftsbetrieb ist in einer Weise ausdifferenziert, wie das in der Zeit von Philipp von Jolly und Max Planck bestimmt nicht vorstellbar war. Mit der Relativitätstheorie und der Quantenphysik erschließt sich im 20. Jahrhundert erstmals ein umfassendes physikalisches Weltbild, das sich vom Mikrokosmos bis zum Makrokosmos erstreckt – vom unendlich Kleinen bis zum unendlich Großen. Es lässt sich durchaus beobachten, dass Teildisziplinen stagnieren und andere Bereiche für die Wissenschaftler wie ein Eldorado erscheinen. Ein Beispiel für eine mir sehr lebendig und prosperierend erscheinende Wissenschaftsdisziplin ist die Biophysik und die Physik der Aktiven Materie, worin Strukturen, Funktionsweisen und Dynamiken von Makro- und Biomolekülen untersucht werden. Die Teilchenphysik als Vertreterin der „Big Science“, also der Forschung, die auf großen Teilchenbeschleuniger beruht und nur mit beträchtlichen Aufwand betrieben werden kann, hat zurzeit tatsächlich ein gewisses Problem, weil einfach die instrumentellen Möglichkeiten, neue Entdeckungen zu machen, in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden sind. Möglicherweise reichen die Energien auch zukünftiger Teilchenbeschleuniger nicht aus, um die fundamentalen Fragen jenseits des Standardmodells zu untersuchen. Andererseits kann der Schlüssel zum Öffnen der verborgenen Türen auch in der Steigerung der Präzision bestehen, was schon Hermann von Helmholtz wusste, der als Vollender der klassischen Physik und Begründer des modernen Wissenschaftsbetriebs gilt. In der Wissenschaft werfen Präzisionsmessungen stets neue Fragen auf und liefern auch Antwort darauf. Überdies öffnen sich immer wieder und unerwartet auch ganz neue Fenster: Mit den neuen Gravitationswellendetektoren zum Beispiel ergeben sich für die Astroteilchenphysik völlig neue Möglichkeiten, unser Universum zu untersuchen, und vielleicht erstmals auch die Gravitation wirklich verstehen zu lernen.
Wie auch immer: Ich habe für mich noch keine völlig befriedigende Antwort auf diese wirklich spannende Frage gefunden, und auch in dem Buch „Die 42 größten Rätsel der Physik“ behandle ich sie nur am Rande und indirekt. Ich will mich ihr aber noch einmal dezidiert widmen, wie überhaupt der Frage nach der „Zukunft der Physik“, und zwar zusammen mit meinem Physikerkollegen Thomas Naumann, der bereits bei den „42 Rätseln“ ein sehr wichtiger Gesprächspartner für mich gewesen ist.
Physiker, Sachbuch- und Krimiautor: Ilja Bohnet
BdgF: Kommen wir also zu Ihrem Buch über die 42 größten Rätsel der Physik. Warum ein Buch über Rätsel? Gibt es nicht genug spannende Antworten in der Physik?
IB: Ich finde, Sie geben in Ihrer Einführung zu diesem Gespräch bereits einen ganz wunderbaren Hinweis darauf, dass man sich einem Thema durch das Fragenstellen sehr schön nähern kann – was uns Menschen nämlich möglich ist, im Gegensatz zu technisch zwar ausgefeilten, aber ansonsten stupiden Suchmaschinen (ein tolles Bild, das muss ich mir merken).
Und auch schon Hermann von Helmholtz sagte, dass man die richtigen Fragen stellen muss, um den Dingen wirklich auf den Grund gehen zu können. Tatsächlich aber stammt die Idee zu den „42 größten Rätseln der Physik“ von meinem Verleger Sven Melchert vom Kosmos-Verlag. Mir schwebte zunächst einmal ein Physikbuch vor, dass sich mit interessanten Phänomenen aus unserem Alltag beschäftigt, etwa ein Buch, das nach „99 spannenden Phänomenen in der Küche“ fragt (abseits verrückter Kochrezepte).
Aber ein Buch, das sich mit den fundamentalen Rätseln beschäftigt? Die Idee erschien mir verwegen, fast unlösbar. Wie kann ich denn ein Buch über fundamentale Rätsel schreiben, die ich selber gar nicht begreife? Tatsächlich hat sich aber das Konzept des Buches, das auf Gesprächen mit entsprechenden Fachexperten beruht (Männer wie Frauen) sehr bewährt, finde ich. Die Wissenschaftler haben überhaupt nicht verwundert reagiert auf meine Anfragen. Im Gegenteil, allen war klar, da stellt jemand völlig berechtigte Fragen, Fragen, die an den Rand unseres Wissens führen (auch an den Rand des Wissens der Fachexperten). Bereitwillig haben sie über die Rätsel gesprochen, über das was man weiß, über das, was man nicht weiß, und über das, worüber sich nur spekulieren lässt. Und mir hat es einen Riesenspaß bereitet, diese Fragen zu stellen. Mir selbst war wichtig, den Lesern (Erwachsene, Mädchen und Jungs, jedem, der das Buch in die Hände bekommt) im Rahmen kleiner Einführungen in die jeweiligen Teildisziplinen ein „Geländer“ zu handreichen, an dem sie sicher entlanggeführt werden. Deshalb sind den zwölf kanonischen Teilgebieten der Physik, auf die sich die 42 Rätselragen verteilen, ganz kurze prägnante Einführungen vorangestellt.
BdgF:42 Rätsel – und das sind nur die „größten“. Eine stattliche Zahl. Wenn man populärwissenschaftliche Bücher liest, könnte man manchmal den Eindruck gewinnen, es gebe nur noch ein großes Rätsel: Wie schafft man die Vereinigung von Quanten- und Relativitätstheorie? (In Ihrem Buch ist es Frage Nummer 6.) Wenn das gelänge, hätte man die sogenannte „Weltformel“ und könnte alle wichtigen Fragen beantworten. Eine zu grobe Darstellung?
IB: Selbstverständlich sind „die 42 größten Rätsel der Physik“ auch bloß eine Auswahl, wenngleich eine, die auf die „großen“ Fragen in der Physik fokussiert.
Ein Schwerpunkt auf Quantengravitation und Weltformel wäre tatsächlich eine zu grobe Vereinfachung unseres Problems. Aus mehreren Gründen. Erstens suggeriert eine solche Zusammenfassung, dass alles Rätselhafte, Fundamentale lediglich in teilchenphysikalisch-kosmologischen Zusammenhängen zu suchen ist. Das schließt gewissermaßen andere Bereiche der Physik aus, wie die Festkörperphysik oder die Materialforschung. Sicher, über den Begriff „fundamental“ lässt sich streiten, und ich setze mich damit in meinem Buch, wenn auch nur kurz, auseinander. Aber irgendwie stört mich die Hierarchie, die mit dieser Zusammenfassung und dem Begriff „Weltformel“ verbunden ist. Als seien alle anderen Fragestellungen in anderen Teildisziplinen zweitrangig.
Zudem habe ich auch ein Problem mit dem Begriff „Weltformel“. Jedenfalls glaube ich, dass man mit diesem Begriff vorsichtig umgehen muss. Der Begriff ist sehr populär, richtig, aber was sich tatsächlich dahinter verbergen soll, ist eigentlich nicht klar, geschweige denn, ob sich ein erkenntnistheoretisch erreichbares Ziel damit verbindet. Eine Quantengravitation wäre zweifellos ein unglaublicher Fortschritt im Zusammenhang mit einer Grand Unified Theory (GUT), sozusagen das Zusammenführen aller Kräfte auf eine Ur-Kraft, unvorstellbar! Aber das wäre meines Erachtens noch lange nicht das, was man gemeinhin unter einer Weltformel versteht. Mal abseits der Frage, ob es nicht tatsächlich prinzipielle Gründe gibt, weshalb sich Allgemeine Relativitätstheorie und Quantenphysik nicht vereinigen lassen.
BdgF:Das heißt: Wenn „Weltformel“ bedeuten soll, dass diese Formel die gesamte Welt erklärt und keine Fragen mehr offenlässt, dann wäre die Quantengravitation definitiv keine Weltformel, selbst wenn sie gelänge?
IB: Richtig, mit der Quantengravitation wären wir der Möglichkeit einen sagenhaften Schritt nähergekommen, die vier fundamentalen Wechselwirkungen (elektromagnetische Kraft, schwache Kraft, starke Kraft, Gravitation) zu einer Ur-Kraft zu vereinen. Aber damit hätten wir, soweit ich das überblicken kann, mitnichten eine Weltformel. Viele Fragen wären nach wie vor ungeklärt. Die Materie-Antimaterie-Asymmetrie. Der Ursprung der fundamentalen Naturkonstanten. Die Bedeutung des Higgs-Felds. Oder Erklärungen für Dunkle Materie oder Dunkle Energie. Um nur ein paar prominente Beispiele zu nennen.
BdgF:Gibt es für Sie unter den 42 Rätseln ein Lieblingsrätsel, eines das Sie besonders fasziniert?
IB: Ich weiß nicht, ob ich wirklich die eine Lieblingsfrage habe. Aber doch, es gibt ein paar, die mich ganz besonders faszinieren.
Zum Beispiel die Frage „Was ist Leben“, verbunden mit der Frage „Was ist der Ursprung des Lebens?“ Diese Fragestellung, von Emil Du Bois-Reymond vor mehr als 150 Jahren aufgeworfen, finde ich schon sehr spannend und erstaunlich (auch, weil man sie der Biophysikerin Petra Schwille zufolge im Grunde auch heute noch nicht zufriedenstellend beantworten kann). Offenbar steckt hinter dem Leben ein Selbstorganisationsprinzip, das viel mit der Physik von Turbulenzen zu tun hat, aber das heutige Wissen weist möglicherweise noch nicht ausreichend über die Thermodynamik des 19. Jahrhunderts hinaus, um diese Fragestellung wirklich universell beantworten zu können.
Besonders faszinierend und spannend finde ich tatsächlich auch die Frage, weshalb es noch keine Physik der Quantengravitation gibt, obwohl doch Allgemeine Relativitätstheorie und Quantenphysik für sich genommen so wunderbar funktionieren. Sie ist auch verknüpft mit den Fragen nach Raum und Zeit. Mir erscheint es sehr plausibel, dass Raum, Zeit und Materie aus einer zugrundeliegenden Quantenrealität heraus entstehen.
Ebenso wichtig die Frage nach der Materie-Antimaterie-Asymmetrie (der wir alle unser Leben verdanken). Auch die Frage nach dem Higgs-Feld mag ich besonders gerne, weil dieses skalare (richtungslose) omnipräsente Feld, das merkwürdig an die Quintessenz der alten Griechen und den Äther der Klassischen Physik erinnert, wirklich merkwürdig anmutet. Irgendwie drängt sich einem doch das Gefühl auf, dass da noch etwas fundamental unverstanden ist. Die Frage nach dem Anfang und dem Ende des Universums finde ich ebenfalls sehr gelungen, weil es für mich eine sehr knappe, kondensierte Zusammenfassung der Entwicklung des Universums auf wenigen Seiten darstellt. Nicht zu vergessen die Frage nach…
Nein, ich höre jetzt auf, ertappe ich mich doch dabei, wie ich mir sämtliche Fragen in Erinnerung rufe und mich daran erfreue. Vielleicht nur noch so viel: ich bin mit der Auswahl der Fragen, die ich nach eingehender Auswertung von einschlägiger Literatur zu Beginn des Buchprojekts vorgenommen habe, sehr zufrieden. Zuweilen stoße ich heute auf Artikel, in denen Rätsel und große Fragen der Physik thematisiert werden, und bisher habe ich dabei noch keine Fragestellung angetroffen, die sich nicht in irgendeiner Form in meinem Fragenkatalog wiederfindet – was allerdings auch daran liegt, dass meine Frage teilweise sehr generisch gestellt sind und eine Vielzahl von Teilfragen miteinbeziehen.
BdgF:Eine der Fragen in ihrem Buch lautet: „Wie sieht es hinter dem kosmischen Horizont aus?“ Kurz zusammengefasst lautet die Antwort: Wir können es nicht wissen. Liest man jedoch Hawking und andere, scheint es ausgemachte Sache zu sein, dass dort draußen ein Multiversum existiert. Wer hat nun recht?
IB: Nun, eine salomonische Antwort auf Ihre Frage könnte lauten: Wir können nicht wissen, ob Stephen Hawking recht hat. Da ist tatsächlich was dran. Fragen nach der kosmischen Zensur (rund um Singularitäten in schwarzen Löchern) oder nach dem kosmischen Horizont (Sichtbarkeit des Universums vor dem Hintergrund der limitierten Ausbreitungsgeschwindigkeit von Signalen, nämlich der Lichtgeschwindigkeit) oder nach dem Kopernikanischen Prinzip (hat die Erde eine ausgewählte Position im Universum oder nicht) sind irgendwie auch akademischer Natur. Es sind theoretische Fragen, von denen wir wissen, dass sie sich teilweise einer konkreten Beantwortung auf immer entziehen werden.
Aber ich gebe unumwunden zu, dass ich hier fremdes Terrain betrete. Zudem bin ich mir bewusst, dass letztlich alle Fragen gestellt werden dürfen, und man immer wieder überrascht ist, dass auch abwegig erscheinende zuweilen zu überraschenden Antworten führen. Mein Buch schneidet solche Fragen an, aber sie stellen keinen Schwerpunkt dar, es sind bloß einige der Fragen im Katalog der 42 größten Rätsel entlang der zwölf Teildisziplinen.
BdgF: Sie sagen: „Es sind theoretische Fragen, von denen wir wissen, dass sie sich teilweise einer konkreten Beantwortung auf immer entziehen werden“. Wird damit nicht die Grenze zwischen Physik und Metaphysik überschritten? Oder provokativ gefragt: Wenn man das Wort „theoretisch“ streicht, dann könnte man diese Formulierung doch ebenso auf die Frage nach Gott beziehen?
IB: Das ist eine sehr schwere Frage. Ja, eine grundsätzlich unerklärliche Frage, die physikalisch aus fundamentalen Gründen nicht erklärbar ist, führt notgedrungen in das interessante Spannungsfeld von Wissenschaft und Glaube. Prinzipiell vertrete ich die sogenannte ›Zwei-Reiche-Theorie‹, genau wie mein Gesprächspartner Thomas Nauman, mit dem ich bei der Frage 41 nach Sinn und Zweck der Evolution über diesen Kontext gesprochen habe. Thomas führt Jesus Christus und die Evangelien an: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“. Im Sinne von: „Gebt dem Wissen, was des Wissens ist, und dem Glauben, was des Glaubens ist.“ Nun ist vielleicht ein Streitpunkt, was als grundsätzlich unerklärliche Frage gelten darf. Bestimmt die Frage, was war vor dem Urknall? Bei der Frage nach dem Kosmischen Horizont bin ich mir schon nicht mehr so sicher.
Der Religionswissenschaftler Michael Blume, den ich ebenfalls zu der Frage nach Sinn und Zweck der Evolution befragt habe, gibt noch eine andere interessante Antwort: Er erinnert an den Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewirkt hat. Ein Kirchenmann, der Evolutionsforschung betrieb und bedeutsame Fossilien entdeckte. Laut Blume war für Chardin die Evolution des Lebens ein großer Prozess, der mit Gott begonnen hat und am Ende auch wieder mit Gott enden wird – der große Pilgerweg Gottes, bei dem das Universum von ihm ausgeht und sich am Ende der Zeit wieder in ihm sammelt und zu ihm zurückkehrt. Gott quasi am Anfang und am Ende des Universums. Die Zeit dazwischen lässt sich physikalisch begreifen, aber die Vorstellung des göttlichen Geistes, der Raum und Zeit geschaffen hat, ist physikalisch nicht überprüfbar. Damit ist aber für Blume im Sinne Pierre Teilhard de Chardins ein göttlicher Geist außerhalb von Raum und Zeit durchaus denkbar.
BdgF:Man merkt Ihrem Buch die Liebe zum Detail an, auch bei der Einteilung: 42 Fragen in 12 Kapiteln. Wobei die 42 nicht nur eine Anspielung auf Douglas Adams ist, sondern mit der Summe seiner Primfaktoren 2, 3 und 7 auch die Anzahl der Kapitel in sich trägt. Das klingt ein bisschen nach Numerologie. Außerdem gibt es im Einband einen Ouroboros, eine mythische Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Und dass an der Stelle, wo der Mikrokosmos in den Makrokosmos übergeht. Wie oben, so unten? Steckt in Ihnen auch ein Mystiker?
IB:Tatsächlich hat mir die Zahl 42 und die Primfaktorzerlegung in 2, 3 und 7 bei der Erstellung der Gliederung des Buches extrem geholfen. Mein Anspruch war ja von Beginn an, fundamentale Fragen über sämtliche physikalischen Teilgebiete hinweg zu stellen. Und ich muss zugeben, dass ich auf meine Auflösung des Douglas Adams’schen Rätsels hinsichtlich der Bedeutung der Zahl 42 sehr stolz bin. Aber ich werde, wie so oft, von meinen Fachkollegen eines Besseren belehrt, in diesem Fall von Thomas Lohse, der mir erklärt, dass die Zahl 42 keine besondere natürliche Zahl ist, sondern dass jede natürliche Zahl besonders ist. Er führt einen kleinen mathematischen Beweis durch, den ich jetzt hier nicht wiederholen möchte, mich aber sehr erstaunt und auch Eingang ins Buch gefunden hat (wobei ich nicht sicher bin, ob nicht die von Leonardo Fibonacci im Mittelalter eingeführte Null nicht doch eine ganz besondere Zahl ist, jedoch ist sie formal betrachtet keine natürliche).
Und auch der von Ihnen angesprochene Ouroboros, die mystische Schlange, die sich in den Schwanz beißt und den Kreislauf des Universums symbolisiert, ist ein wunderbares Bild, finde ich. Meines Wissens wurde diese in verschiedenen Mythologien verwendete Schlange in der modernen Kosmologie als erstes von dem britischen Astrophysiker Martin Rees benutzt, um das Zusammenspiel des Allerkleinsten (Mikrokosmos) mit dem Allergrößten (Makrokosmos) zum Ausdruck zu bringen. Aber richtig ist auch, dass man bei dem Spiel mit Mystik aufpassen muss, denn auch Esoteriker greife immer wieder gerne auf Bilder dieser Art zurück, und es gibt zuweilen sogar noch unangenehmere Griffe nach Zahlenmystik und Symbolen, insofern auf dem Teppich bleiben.
Letztlich gefällt mir das ironische Spiel mit solchen Zahlen, dass sich auch bei Douglas Adams findet: die Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ wird mit „42“ beantwortet, eine bessere Antwort gibt es einfach nicht.
BdgF:Ihr Buch bietet einen kompakten Überblick über die aktuelle Physik und ihre Grenzen. Aber Sie haben bereits neue Pläne. Sie wollen an einigen Stellen in die Tiefe gehen.
IB: Richtig, bei meinem aktuellen Buchprojekt, das ich zusammen mit Thomas Naumann verfolge, wollen wir gemeinsam insbesondere die oben angesprochenen kosmologischen Fragestellungen vertieft weiterverfolgen, und auch das Stichwort Multiversum wird darin fallen (mir raucht schon der Kopf). Wir werden aus dem Potpourri der 42 Fragen gewissermaßen die 7 kosmologischen Welträtsel herausdestillieren und vertieft diskutieren. Ich kann und darf noch nicht sehr viel verraten, bloß so viel: Ich wage zu behaupten, dass wir ein paar Thesen formulieren, die sich gemeinhin in populärwissenschaftlicher Literatur über die Kosmologie in der Weise nicht vorfinden. Auch, weil wir uns dabei einer Metaphysik im positiven Sinne stellen wollen. Also kurz und unbescheiden: Es wird ein Knüller!
BdgF: Herr Bohnet, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!
Zum Autor:Ilja Bohnet hat in Physik promoviert und arbeitet als Forschungsbeauftragter bei Deutschlands größter Wissenschaftsorganisation, der Helmholtz-Gemeinschaft. Er schreibt Sachbücher, aber auch Kriminalromane und Kurzgeschichten. Außerdem betreibt er einen persönlichen Blog.
Trotz der etwas reduzierten Aktivität 2020 aufgrund meines Romansprojekts hat es Der Blog der großen Fragen wieder auf die Shortlist für den Wissenschaftsblog des Jahres geschafft. Danke – auch im Namen meiner Gastautoren – an Reiner Korbmann, den ehemaligen Chefredakteur von Bild der Wissenschaft und die Macher von Wissenschaft kommuniziert für die Nominierung!
Nun liegt es wieder in der Hand unserer Leserinnen und Leser, wie Der Blog der großen Fragen beim Wettbewerb abschneidet. Man kann noch bis zum 10. Januar 2021, 24.00 Uhr abstimmen. Am besten also gleich erledigen und zwar hier. Wir bedanken uns für Euer Interesse und – hoffentlich – Eure Stimme und wünschen ein gutes und vor allem gesundes Jahr 2021!
Der Mensch – Wie kam er auf die Erde? (Foto: Screeshot youtube)
Ein Gastbeitrag von Helmut Pfeifer
Wie kam der Mensch auf die Erde und welchen Platz nimmt er in der Evolution ein? Im 8. und letzten Teil seiner Serie zur Evolution begibt sich Helmut Pfeifer auf die Spuren des Homo Sapiens.
Ein besonders wichtiges Ereignis in der Evolution war die Entstehung der Wirbeltiere. Eine ihrer Entwicklungslinien mündete nämlich in die Evolution des Menschen. Mit den Wirbeltieren entstand ein neuer Bauplan, der mit der Entfaltung vieler „Unterbaupläne“ den Reichtum des Lebens auf der Erde entscheidend vergrößerte.
Der Wirbeltierkörper ist typischerweise in Kopf, Rumpf und Schwanz gegliedert. Diese Gliederung hat allerdings aufgrund spezieller Lebenserfordernisse und Anpassungen im Detail mannigfache Abwandlungen erfahren. Wirbeltiere haben alle geographischen beziehungsweise klimatischen Regionen besiedelt. Sie finden sich im Wasser ebenso wie auf dem Festland. Viele ihrer Gruppen leben in wärmeren und heißen Regionen, andere haben die sehr kalten Regionen „erobert“ (z.B. Pinguine und Robben), viele Arten sind Wald-, Steppen- oder Wüstenbewohner. Über die näheren Umstände der Entstehung der Wirbeltiere lassen sich aber keine zuverlässigen Angaben machen. Einiges spricht dafür, dass ihnen freischwimmende, wurmförmige Tiere vorangegangen sind.
Sicher erscheint, dass die Wirbeltiere erstens ursprünglich fischähnliche Wasserbewohner waren und zweitens etwa vor 450 Millionen Jahren in Erscheinung traten. Dies belegen Fossilfunde von so genannten Knochen- bzw. Schalenhäutern, Fische mit einem knöchernen Außenskelett auf einer Kopfregion ohne Kiefer. Kieferlose Wirbeltiere, wie z.B. die Neunaugen haben sich übrigens in abgewandelter Form bis heute gehalten. Die nächsten Evolutionsschritte vor etwa 400 Millionen Jahren müssen allerdings in der Entstehung eines knöchernen Innenskeletts und der Bildung von Kieferbögen bestanden haben. Dies belegt das Erscheinen von kiefertragenden Fischen vor über 300 Millionen Jahren. Es wird vermutet, dass sich unter ihnen die Vorfahren der heutigen Knorpelfische (Haie und Rochen) befunden haben.
Aber auch die Knochenfische könnten aus der vielgestaltigen Formengruppe der Panzerfische hervorgegangen sein. Sie sind eine Klasse, die mit über 20.000 Arten heute die überwiegende Mehrzahl der Fische darstellt. Mit dem Auftreten der Panzerfische dürfte die Entwicklungsgeschichte der Wirbeltiere ihren Lauf genommen haben. Im Weiteren sollten sich ihre Vertreter aber nicht nur im Wasser aufgehalten, sondern auch das Festland erobert und dort eine bemerkenswerte Artenvielfalt entwickelt haben.
Vorreiter hierfür waren, wie bereits beschrieben, Pflanzen, die sich aufs Festland gewagt hatten. Vor etwa 350 Millionen Jahren bildeten sie die berühmten karbonischen Steinkohlewälder. Da die Evolution der Pflanzen eng mit der der Insekten in engem Zusammenhang stand, brachten es diese in den Steinkohlewälder zu einer ersten Blütezeit.
Wie haben aber die Tiere den Übergang vom Wasser auf das Land geschafft? Die Frage ist natürlich sehr komplex, aber es wird angenommen, dass die ersten landlebenden Tiere Lurche oder Amphibien gewesen waren. Es waren dies Molche, Salamander, Frösche und Kröten. Sie sind seit etwa 350 Millionen Jahren fossil nachgewiesen. Die Gattung Ichthyostega repräsentiert das älteste bekannte Landwirbeltier, ein Vierfüßler, der im Hinblick auf seinen Habitus zwischen Fischen und echten Landwirbeltieren steht. An Fische erinnert sein Schädel und sein Schwanz, die fünfstrahligen Gliedmaßen hingegen sind ein Merkmal von Landwirbeltieren. Er kam aus dem Süßwasser und stammte von Fischen ab, die für das Landleben sozusagen prädisponiert waren. Solche Fische gehören zur Gruppe der Quastenflosser und sind fossil gut repräsentiert.
Eine Art dieser Gruppe schwimmt noch heute als lebendes Fossil umher und zwar in den Gewässern um die Komoren, einer Inselgruppe vor der Küste Ostafrikas. Er ist der einzige lebende Vertreter jener wasserbewohnenden Wirbeltiere, von denen die Landwirbeltiere ihren Ausgang genommen haben dürften. Die Quastenflosser bilden mit drei Eigenschaften optimale Voraussetzungen für Tiere, die den ersten Schritt ans Festland geschafft haben konnten: Ihre Flossen hatten ein starkes Stützskelett, das ihnen erlaubte, ihren Körper in Trockenzeiten auf dem Lande fortzuschieben. Vorhandene innere Nasengänge machten die Aufnahme von Luft bei geschlossenem Mund möglich. Darauf lässt der Besitz von Lungenblasen schließen, der das zumindest kurzfristige Überleben auf dem Festland ermöglichte. Das Zusammentreffen dieser Merkmale war jedenfalls, im Nachhinein betrachtet, die grundlegende Voraussetzung für die Entstehung landbewohnender, vierfüßiger Wirbeltiere.
Waren es zunächst nur Amphibien, kam es in der Folge zur Entwicklung von Kriechtieren bzw. Reptilien, die wiederum eine evolutionäre Neuheit darstellten. Ihre mit Hornschuppen bedeckte und nahezu drüsenlose Haut machte sie widerstandsfähig gegen die Gefahr des Austrocknens. Im Gegensatz zu den Amphibien konnten sie in allen ihren Entwicklungsstadien auf dem Land leben und waren somit völlig unabhängig vom Wasser. Die Reptilien erreichten im Mesozoikum ihre höchste Blüte und beherrschten die Bühne der Wirbeltierevolution über 100 Jahrmillionen. Ihre Artenvielfalt ist durch die Funde vieler Fossilien belegt, die Paläontologen ununterbrochen zutage fördern.
Die Saurier besetzten im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte praktisch alle ökologischen Nischen. Sie waren also nicht nur am Festland vertreten, sondern fanden sich ebenso in den Meeren und bewegten sich mit verschiedenen Spezies durch die Lüfte. Die Amphibien erreichten nie eine derartige Artenfülle und ihre Körpergröße hielt sich im Vergleich zu den Sauriern in bescheidenem Maße. Aber Amphibien bildeten die Wurzeln der Evolution der Reptilien, die sich von ihnen vor etwa 330 Millionen Jahren abgespalten haben. Nach dem massiven Aussterben der Saurier am Ende der Kreidezeit entwickelten sich weitere Klassen an Wirbeltieren und daneben Vögel und Säugetiere.
Die ersten Säugetiere traten bereits in der Trias-Zeit, vor etwa 200 Millionen Jahren auf. Sie erreichten ihre Blütezeit im Verlaufe des Känozoikums indem sie eine große Menge an Ordnungen und Klassen bildeten. Auffällig sind die Unterschiede in der Körpergröße, wobei der Blauwal mit einer Körperlänge von bis zu 30 Metern und einem Gewicht von ca. 40 Tonnen die größte Art darstellt, während die Zwergspitzmaus knapp 6 Zentimeter lang ist und nur etwa sechs Gramm wiegt. Interessant ist, dass etwa 1000 Rezenten über 2000 fossilen Gattungen gegenüberstehen. Dies weiß man deshalb, weil Säugetiere fossil besonders gut bezeugt sind. Eine Spezies davon ist jedenfalls erst vor sehr kurzer Zeit entstanden und aufgeblüht: Der Homo sapiens.
Die Entstehung des Menschen
Homo Sapiens in seiner rezenten Form ist nur etwa 40.000 Jahren alt, geht aber auf viel ältere Formen zurück und ist stammesgeschichtlich in die Evolution der Primaten einzuordnen, die vor etwa 60 Millionen Jahren begonnen hat. Primaten oder Herrentiere sind heute mit etwa 200 Arten vertreten.
Mit dem rezenten Menschen am engsten verwandt sind der Zwergschimpanse, der Gorilla und der Orang-Utan. Diese Verwandtschaft zeigt sich nicht nur anatomisch, sondern auch genetisch, weil der Mensch z.B. mit dem Schimpansen 98% seiner Gene teilt. Die erwähnten Arten bilden die Familie der Menschenaffen oder Pongiden, denen die Menschenartigen oder Hominiden gegenüberstehen. Hominiden und Pongiden haben gemeinsame Vorfahren und der Stammesbasenast der Hominiden dürfte sich vor über fünf Millionen Jahren von den Pongiden abgespalten haben.
Innerhalb dieses Zeitraums traten die Hominiden in unterschiedlichen Arten auf wie dies fossile Funde belegen. Heute werden zwei Gattungen der Hominiden voneinander unterschieden, Australopithecus und Homo. Ersterer trat mit mehreren Arten auf, starb aber vor etwa einer Million Jahren aus. Homo ist fossil vor allem durch die Spezies homo erectus dokumentiert und mit einer einzigen Art, eben homo Sapiens, rezent vertreten.
Homo sapiens sapiens, wie er genau genommen heißt, hatte einen „Vetter“, den homo sapiens neanderthalensis (bekannt als Neandertaler), der vor rund 35 Tausend Jahren ausgestorben sein dürfte. Die Details des stammesgeschichtlichen Zusammenhangs zwischen den einzelnen Hominiden Arten werfen immernoch Fragen auf, die jedoch in den letzten Jahrzehnten besser aufgeklärt werden konnten als je zuvor. Dabei fällt auf, dass die Anfänge der Menschwerdung immer weiter nach hinten verlegt werden mussten. Allerdings sind die vier oder fünf Millionen Jahre für die Evolution der Hominiden ein eher kurzer Zeitraum in der Evolutionsgeschichte. Es ist eine Evolution nach dem Modell des Punktualismus.
Die herausragenden Merkmale der Hominiden Evolution können in drei Punkten zusammengefasst werden:
Erwerb des aufrechten Ganges, also der Fortbewegung auf nur zwei – der hinteren -Extremitäten.
Entwicklung der Vorderextremitäten zu „Instrumenten“, die universell eingesetzt werden können, nämlich der Greifhand und somit ein Instrument zur Manipulation von Gegenständen darstellt.
Vergrößerung und Differenzierung des Gehirns, verbunden mit der Ausbildung spezifischer Gehirnareale und -zentren. (z.B. Sprachzentrum, Sehrinde usw.)
Ganz entscheidend hat die Gehirnentwicklung die Evolution des Menschen geprägt. Der rezente Mensch hat mit 1500 Kubikzentimeter das dreifache Hirnvolumen der Schimpansen und der ältesten Hominiden. Alles, was der Mensch heute darstellt, seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Kulturentwicklung verdankt er seinem Gehirn. Ihm verdankt er auch die Fähigkeit früh Werkzeuge herzustellen, womit der Mensch alle analogen Fähigkeiten anderer Lebewesen bald maßgeblich übertreffen sollte.
Ohne Zweifel war der Evolutionsweg des Menschen einmalig, aber das gilt für alle Spezies, Gattungen oder Familien. Nach allem, was wir heute über die Schemen der Evolution wissen, verdankt der Mensch seine Existenz einer langen Kette von Zufällen, verbunden mit anatomischen, funktionellen und ökologischen Entwicklungszwängen. Zu jedem Zeitpunkt während der letzten fünf Millionen Jahren hätte ein einziger ungünstiger Zufall die Evolution der Hominiden stoppen können. Da dies aber nicht geschehen ist, entwickelte sich homo sapiens aus den genannten Gründen zu einer überaus erfolgreichen Säugetierfamilie.
Ihr evolutionärer Erfolg zeigt sich allein schon in ihrer weltweiten Verbreitung. Von Afrika aus hat sie zahlreich alle Kontinente besiedelt. Jüngst hat der Mensch die Anzahl von sieben Milliarden Individuen überschritten. Das ist für einen Säuger unserer Körpergröße und Gewichtsklasse ein absoluter Rekord. Es ist aber auch hinlänglich bekannt, dass dieser Umstand Gefahren und Risken bildet, wenn man bedenkt, dass die Ressourcen an Nahrungsmittel nicht unerschöpflich sind. Das gleiche gilt auch für das Vorkommen von trinkbarem Wasser.
Die derzeitige Populationsdichte ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Zum einen kann der Mensch durch die wirkungsvolle Bekämpfung vieler Krankheiten der natürlichen Auslese entgegenwirken. Zum zweiten betreibt der Mensch Pflanzen- und Tierzucht, die seine Nahrungsressourcen stark vergrößern. Aber, wie gesagt, scheint man damit bald an seine Grenzen zu stoßen. In klimatisch benachteiligten Gegenden – insbesondere in Afrika – gibt es bereits dramatische Hungersnöte, welche nur durch Spenden aus Industriestaaten der westlichen Welt etwas gemildert werden können. (Anmerkung A.S.: Allerdings ist es in den letzten Dekaden auch gelungen, die Menge der Hungernden sowohl in relativen, als auch in absoluten Zahlen zu verringern. Und dies trotz steigender Weltbevölkerung.)
In jüngster Zeit hat der Mensch auch begonnen, in das Erbgefüge von Organismen einzugreifen und hat Methoden der genetischen Manipulation entwickelt, die möglicherweise den Gang des Lebens auf der Erde beeinflussen könnten. Die Tatsache, dass der Mensch begonnen hat, der Evolution ins „Handwerk zu pfuschen“, fordert nicht nur ethische Überlegungen heraus, sondern zwingt uns auch, über die zukünftige Evolution selbst nachzudenken.
Eines steht fest: der evolutionäre Erfolg einer Art geht mit der Benachteiligung anderer Arten einher. Homo sapiens ist in dieser Hinsicht das bisher extremste Beispiel. Doch nach allem, was wir heute über die Evolution wissen, kann keine Art für alle Zeiten evolutionären Erfolg haben. Unsere Spezies wird dabei keine Ausnahme bilden.
Prinzip der Evolution: Aus einer Variation von Individuen wird durch Umwelteinflüsse (Pfeile) dasjenige ausgewählt, das am besten angepasst ist (Mitte). (Bild: youtube screenshot)
Nachdem Helmut Pfeifer bisher beschrieben hat, wie sich die biologische Evolution abgespielt hat bzw. abgespielt haben könnte, geht es in dieser Folge darum, was Wissenschaftler, wie etwa Paläontologen, Geologen, Zoologen usw. an Wissen zusammengetragen haben und welche evolutionären Gesetzmäßigkeiten sie daraus ableiten.