Wie entsteht Bewusstsein? Nicht zum ersten (und sicher auch nicht letzten) Mal stellten wir beim Zoomposium diese Frage einem Experten. Der Psychiater und Philosoph Prof. Dr. Thomas Fuchs versucht sich der Antwort ganzheitlich zu nähern. Er kritisiert den herrschenden Neurokonstruktivismus und Vertritt die Ansicht, dass Bewusstsein nur zu verstehen ist, wenn man den Körper und seine Funktionen viel stärker berücksichtigt, als das gemeinhin der Fall ist (Theorien der Verkörperung (Embodiment) und des Enaktivismus).

Außerdem sprachen Dirk Boucsein von philosophies.de und ich mit ihm über die Ansichten des israelischen Historikers Yuval Harari („Homo Deus“), die Veränderung der Gesellschaft durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz in Medizin und Justiz und die Frage, wie die KI von Google-Lambda einen Anwalt verlangen konnte, um gegen ihr Abschalten vorzugehen.

Hier geht es zum vollständigen Zoomposium-Interview. Wer sich zuerst einen Eindruck verschaffen möchte, kann sich wie immer zuerst hier unseren circa fünfminütigen Teaser anschauen.

Prof. Dr. Thomas Fuchs ist Leiter der Sektion „Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie“ der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, Forschungsstellenleiter der Karl Jaspers-Gesamtausgabe der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Phänomenologische Anthropologie, Psychiatrie und Psychotherapie (DGAP).

Posted by:Axel Stöcker

Axel Stöcker bloggt seit 2016 über die "großen Fragen". Seine Gedanken zum Problemkreis „Bewusstsein und freier Wille“ – einem Schwerpunktthema des Blogs – hat der „Skeptiker mit Hang zur Romantik“ im Roman "Emilia und andere Welträtsel" verarbeitet, der sich zur Zeit in der Veröffentlichungsphase befindet.

3 Antworten auf „Google-Lambda hat keinen Leib – Prof. Thomas Fuchs im Gespräch (Video)

  1. Der ganzheitlichen Sicht des Menschen, des Organismus, des Lebens ist unumwunden zuzustimmen. Ebenso der Kritik des Reduktionismus, der Erklärungen in immer kleineren Elementen sucht.
    Ebenso der Sichtweise, dass unser Erleben in der phylogenetischen Folge von – ich nenne es – Sensibilität gegenüber Umwelt steht, das eben bei uns nerval basiert ist (insofern löst sich das hard problem of consciousness für mich weitgehend auf). Und natürlich der Aussage, dass unsere höheren kognitiven Fähigkeiten uns vorspielen, es handele sich dabei um eine eigene Entität.
    Wenn Herr Fuchs sagt, der Körper wäre am Bewusstsein mittels Rückkopplungsschleifen beteiligt, klingt das nicht mehr unmittelbar so, als würde Bewusstsein im ganzen Körper generiert, sondern eben im Gehirn. Was ja auch plausibel ist, denn dort laufen alle Sensoren zusammen, bündeln Körper- und Umwelteindrücke und komprimieren dort jene zuvor genannte Sensibilität. Jedenfalls scheint er nicht der naiven Vorstellung anzuhängen, Bewusstsein entstehe auch in der Leber. Am Ende scheint es aber eher eine sophistische Spielerei zu sein, wie weit Bewusstsein über das Gehirn hinausreicht.
    Wichtig scheint mir die Betonung der Subjekthaftigkeit von Leben im Sinne von Subjekt seiner Selbsterhaltung, die es von der ‚toten‘ Materie grundlegend unterscheidet und nur als Subjekt, als Emergenz, als Struktur verstanden werden kann.
    Und genau von dieser Subjekthaftigkeit hängt es ab, inwieweit es gelingt, Maschinen Bewusstsein, also Subjekthaftigkeit, zu verschaffen. Die gängige KI hat damit jedenfalls nichts zu tun.
    Was mir fehlt, ist der Bezug zur therapeutischen Praxis. Wie setzt sich Verkörperung dort um. Und wie funktioniert mentale Beeinflussung nach den Vorgaben fernöstlicher Heilmethoden, die ja den ‚Geist‘ einsetzen, um den Körper zu heilen.
    Ein erfrischender Vortrag.

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    1. “Was mir fehlt, ist der Bezug zur therapeutischen Praxis. Wie setzt sich Verkörperung dort um.”

      Fuchs hat sich dazu wohl nicht geäußert da er schlicht nicht danach gefragt wurde.

      Die phänomenologische Psychopathologie hat historische Wurzeln (siehe u.a. die Schriften von Psychiatern wie Blankenberg, Minkowksi, oder Jaspers) und findet auch heute ihre Anwendung (siehe u.a. die Schriften von Fuchs, Louis Sass, Josef Parnas, oder auch die ganze Truppe aus Kopenhagen – center for subjectivity research).

      Für die Praxis wurden u.a. semi-quantitative Checklisten wie EASE (https://www.karger.com/Article/Abstract/88441) oder EAWE (https://www.karger.com/Article/Abstract/454928) entwickelt.

      Diese Checklisten versuchen das subjektive Erleben des Menschen/Patienten besser zu berücksichtigen als die üblichen kognitiv-behavioralen Checklisten die Erleben und Verhalten wiederum in objektive Konstrukte überführen und somit vom eigentlichen Erleben weit wegabstrahieren.

      Dabei werden Erkrankungen auch als relationales Phänomen zwischen dem verkörperten Selbst der Person und der Umwelt betrachtet. Ein Beispiel wäre die Schizophrenie bei der ein natürlicher Bezug zum eigenen Körper und der Umwelt verloren gehen kann, während die Betroffenen in hyperreflektive kognitive Zustände verfallen in denen sie alles hinterfragen und ihren “common sense” verlieren.

      Es findet also schon der Versurch statt mehr als nur eine philosophisch-deskriptive Beschreibung des Erlebens oder Embodiments darzubieten. Wobei diese Beschreibung auch notwendig ist um überhaupt ansatzweise das Phänomen selbst, also die veränderte Lebenswelt des Betroffenen, zu verstehen.

      Phänomenologische Psychopathologie steht normalerweise nicht auf der Agenda von psychologischen Psychotherapeuten und Psychiatern. Es bleibt im Vergleich zum Mainstream ein Nischenbereich.

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  2. »“Was mir fehlt, ist der Bezug zur therapeutischen Praxis. Wie setzt sich Verkörperung dort um.”

    Fuchs hat sich dazu wohl nicht geäußert da er schlicht nicht danach gefragt wurde.«

    Genau darauf wollte ich hinweisen.

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